„The Horror! The Horror!“: Zur Debatte um „War Porn“

Mit Christoph Bangerts Buch „War Porn“ ist eine neue Debatte über die Frage, was man an schrecklichen Fotografien aus Krisengebieten zeigen darf, angestoßen worden. Der Mehrwert von schrecklichen Bildern ist dabei zweifelhaft und die Würde der Opfer wird oft vergessen. 

Von Felix M. Steiner

"War Porn" von Christoph Bangert
„War Porn“ von Christoph Bangert

Christoph Bangerts kleines Büchlein „War Porn“ ist vieles: Es ist ein Debattenbeitrag, es ist eine Anklage gegen Desinteresse am Leiden von Menschen in Kriegen und es ist in weiten Teilen der Versuch eines Fotografen, zu verarbeiten. Bangert selbst nennt das kleine Buch ein „Experiment“: Was passiert, wenn man seine Selbstzensur, die einen vor schrecklichen Anblicken schützen soll, abschaltet?

Er wählte für die Publikation nicht seine besten Bilder sondern dezidiert Aufnahmen, die gemeinhin als schrecklich gelten: Verbrannte, schwer Verwundete oder verstümmelte Leichen. Alles Bilder, die von den Bildredakteuren zumeist nicht zur Veröffentlichung vorgesehen sind. Bangert ist in seinen Forderungen radikal. Man muss die Bilder anschauen. Anschauen und erinnern. Sein Erinnerungsimperativ spiegelt aber zugleich die Sicht vieler Fotografen wider, die Kriege und menschliches Leiden dokumentieren: Wie kann die Öffentlichkeit an dem, was in Kriegen passiert, was durch Bilder dokumentiert ist, so desinteressiert sein? Und weiter noch: Wie können Menschen verweigern, sich das anzusehen?

In Deutschland hat es Bangert geschafft, erneut eine Diskussion anzustoßen, was eigentlich zeigbar ist. Diese Diskussion ist gewiss nicht neu, sie ist aber dennoch wichtig. Auch deshalb, weil sich durch die Digitalisierung und technische Globalisierung der Kontext des Fotojournalismus verändert hat. Nach wie vor hat die bildliche Dokumentation eine herausragende Rolle bei der journalistischen Arbeit. Fotografen sind – im positiven Sinne – keine neutralen Beobachter. Sie wählen das Objekt, die Perspektive und zahlreiche andere Faktoren aus, bevor sie Bilder anfertigen. „Wir wollen die Geschichte erzählen. Wir wollen dafür sorgen, dass die Welt versteht, was vor sich geht. Wir wollen Zeugnis ablegen, der ganze Scheiß eben“, brachte der Fotograf Joo Silva die oft artikulierte Absicht auf den Punkt.

Was gezeigt werden darf

Auch für Bangert ist die Vorstellung, dass mit Bildern schlicht Kriege verhindert werden können, eine romantisierte Sicht auf die Dinge, wie er im Zapp-Interview sagt. Dennoch: auch Bilder von Konflikten und Kriegen vermochten es immer wieder, politische Reaktionen hervorzurufen. Sie können – vielleicht eindringlicher als Texte – auf Situationen aufmerksam machen. Auch der Fotograf James Nachtwey sieht die Bedeutung von Fotografien darin begründet:

They not only recorded history; they helped change the course of history. Their pictures became part of our collective consciousness and, as consciousness evolved into a shared sense of conscience, change became not only possible, but inevitable. […] It gives a voice to those who otherwise would not have a voice. And as a reaction, it stimulates public opinion and gives impetus to public debate, thereby preventing the interested parties from totally controlling the agenda, much as they would like to.

Doch auch die Fotografien benötigen einen gesellschaftlichen Kontext, in dem diese ihre Bedeutung erlangen. Manche Fotografien werden so zu Ikonen. Eines der berühmtesten Beispiele ist wohl das Bild des nackten vietnamesischen Mädchens nach einem Napalm-Angriff. Nicht zuletzt durch den gesellschafts-politischen Kontext dürfte dieses Bild eine derartige Wirkung und Präsenz erlangt haben. Diese Bildikonen sind oft verankert im kollektiven Gedächtnis und bleiben so fester Bestandteil der Erinnerung.

Auch für Bangert ist die Erinnerung eines der stärksten Argumente für die Betrachtung der Bilder: erinnern wir uns nicht, ist es nicht passiert. Dahinter steckt ohne Zweifel auch die Annahme – oder Hoffnung -, Menschen würden aus „Geschichte lernen“. Doch ob es dazu der Art von Bildern bedarf, die Bangert in „War Porn“ veröffentlicht, bleibt offen. Auch die vor kurzem getötete deutsche Fotojournalistin Anja Niedringhaus widersprach dieser Annahme in einem Interview:

Ich kann die Schrecken des Krieges mit einem weichen Foto viel besser zeigen. Wenn ich einen Korpus zeige, an dem keine Arme und keine Beine mehr dran sind, wendet sich jeder ab. Ich finde es auch verachtend gegenüber dem Menschen, der da gerade gestorben ist. Und gegenüber seiner Familie, die zurückbleibt.

Bilderkrieger_CoverjDie Frage nach der Würde des Opfers, welches auf dem Bild dargestellt ist, thematisiert Bangert nur am Rande. Wie er im Zapp-Interview sagt, sei die Würde der Menschen ja bereits mit der Handlung zerstört, die sie zum Opfer mache. Das Bild und die Aufmerksamkeit für die Leiden der Menschen, gebe ihnen ein Stück weit Würde zurück, so die Idee Bangerts.

Dieses Dilemma zwischen Würde und Beweis wird sich für Fotografen wohl nie gänzlich auflösen lassen. Immer wieder berichten Foto-Journalisten, dass sie von Menschen gebeten werden, Fotografien ihres Leidens zu machen, damit die Welt sieht, was vor sich geht. Hier liegt Bangert in der Argumentation sehr nah bei James Nachtwey. Ein allgemeines Prinzip lässt sich in dieser Frage wohl kaum entwickeln. Vielmehr bedarf es wohl bei jedem Foto einer Abwägung, wo die Würde der Opfer in Konflikt mit der Beweiskraft des Dokumentierten steht.

Bilder als Propaganda in einer digitalisierten Welt

Bereits seit dem Ersten Weltkrieg spielen Bilder eine entscheidende Rolle für die Propaganda. Immer wieder wurden Bilder für politische Zwecke genutzt und werden es bis heute. Besonders die aktuellen Konflikte in Syrien und der Ukraine zeigen deutlich, wie aus Konflikten immer mehr auch ein „Informationskrieg“ geworden sind. Dazu gehören gewiss vor allem auch die Fotografien und Videos, welche mittlerweile zahlreich aus den Kriegsgebieten über das Internet global verteilt werden.

Sogar Terrororganisationen wie der „Islamische Staat“ betreiben eine professionelle Presseabteilung, um so ihre Informationen zu verteilen und mit diesen Krieg zu führen. Doch diese Änderung des Kontextes macht Fotojournalismus keineswegs überflüssig sondern nötiger als je zuvor. Es bedarf nicht nur einer großen Vorsicht im Umgang mit Bilddokumenten sondern eben auch einen unabhängigen (Foto)-Journalismus, der zuverlässige Informationen aus den Krisengebieten liefert. Auch die Chefredakteurin des WDR-Programmbereich Politik und Zeitgeschehen, Sonia Mikich verwies im Tagesspiegel bereits auf diesen Umstand:

Gute Reporter, Fotografen, Kameraleute zeichnet aus, dass sie über den Tellerrand schauen, Kontext herstellen können. Dass sie über Widersprüche, verschiedene Perspektiven berichten. Dass sie Schwarz-weiß-Denken vermeiden. Dass sie das eigene Tun reflektieren. Ihre Arbeit ist ein Gegengift gegen Manipulation und Propaganda.

Doch besonders in Zeiten, in denen sich die Presse in einem erheblichen Umbruch, ja vielleicht in einer Krise befindet, ist dies schwierig. Berichterstatter und Fotografen kosten Geld, vor allem, wenn diese eine kontinuierliche Berichterstattung aus den Krisengebieten gewährleisten sollen.

Siehe auch: Zum Tod von Anja Niedringhaus

2 thoughts on “„The Horror! The Horror!“: Zur Debatte um „War Porn“

  1. Die Debatte um „schreckliche Bilder“ berührt einen der interessantesten und am schwersten zu greifenden Punkte der medialen Gegenwart. Zum einen kommen die Bilder ja gar nicht mehr nur aus journalistischen und redaktionell reflektierten Kontexten zum Publikum, sondern von jedem beliebigen Smartphone aus. Zum anderen schnurrt die Kommunikation im social web immer mehr auf Bildkommunikation zusammen (vergl „Snapchat“, das Wort sagt ja etwas).
    Wenn man aber nur einmal die Arbeit des klassischen Fotoreporters betrachtet, so sind die Veröffentlichungen nur sehr grob mit einer generellen Regelung zu entscheiden. Man muss eben jedes Bild selbst und für sich anschauen und sich überlegen, wozu es gemacht wurde und wie es wirken könnte, wenn es veröffentlicht wird. Eine Maßschnur, man solle doch „obszöne Bilder“ vermeiden, hilft nicht weiter. Die Gründe nennt der Beitrag ja schon – manchmal ist das Schrecklichste Bild dasjenige, das den stärksten Kontra-Impuls auslösen kann.
    Der wirklich unheimliche Aspekt bei der Geschichte ist sowieso, dass wir gar nicht wissen, wie eben das, was sich nicht mit Begriffen abpanzern lässt („framing“ sagt man dazu interessanterweise auch), eigentlich psychisch weiter wirkt. Es ist ja das Eigentümliche von Bildern, an der begrifflichen Verarbeitung vorbei „schockartig“ das Bewusstsein zu durchschlagen. Sie treffen uns über das hinaus, was wir als emotionale Wirkung für benennbar halten. Es geht „tiefer“, es ist verwirrender und verstörender, vielleicht auch motivierender, als man versteht, wenn man nur einfache Bildbetrachutng betreibt.
    Deshalb ist die Wirkung der heutigen Bilderflut mE noch überhaupt nicht abschätzbar. Was man allerdings jetzt schon feststellen kann, dass frühere Genozide und Tötungsexstasen sich offenbar auch deshalb so exzessiv abspielen konnten, weil niemand darüber berichtete und weil es so gut wie keine Bilder davon gab. Erst heute in der Twitter-Timeline zu 1914 gelesen: „Über tatsächliche Kriegslage mit inzwischen hundertausenden Toten ist Weltöffentlichkeit völlig im Unklaren.“ Ob völlig unklar oder nur einfach unklar – die größten Schrecken des 20. Jahrhunderts konnten offenbar auch deshalb so ausufern, weil darüber so gut wie keine Fotografien nach außen drangen oder nach außen dringen durften.
    Interessant ist z.B. ein Vergleich mit dem weltweiten Entsetzen über die einzelnen Enthauptungen heute durch die IS und den bis zu 1 Million Toten, darunter zigtausende Enthauptungen, 1965/66 in Indonesien. Die damalige Fachpresse für kritische Empörung – der „Spiegel“ und die „Zeit“ – haben seinerzeit praktisch nichts über einen der größten Genozide des 20. Jahrhunderts berichtet, sondern nur ein paar Artikel gebracht, die die politische Lage in Indonesien erörterten (kann man in den Archiven nachschauen, die Katastrophe war journalistisch praktisch so gut wie gar Thema). Man vergleiche damit die heutige Situation, wo von beinahe jeder einzelnen Greueltat am nächsten Tag Bilder im Netz zu finden sind, die die Öffentlichkeit „aufbringen“, die Politiker zum Handeln veranlassen, das Thema in die offiziellen Nachrichten bringen etc. Von daher – meine These – scheint es so zu sein, als würde von der neuartigen Überflutung mit den unfassbarsten Schreckensbildern zwar auf der einen Seite ein Gefühl geschürt, die Welt würde schlechter und brutaler als je zuvor (das Gegenteil ist eher wahr), auf der anderen Seite wächst aber ein „humanitärer Druck“ auf die Politik durch die aufklärerische Wirkung der “ Beweisfotos“. Sie haben nämlich gegenüber allem, was geschrieben wird, immer den kommunikationstaktischen Vorteil, unabweisbar sichtbar zu sein. Ein Foto stimmt immer (scheinbar natürlich, aber psychisch ist es unabweisbar „wahr“genommen).
    Eben deshalb ist diese Debatte kein Nebenthema, sondern ganz zentral, wenn man begreifen will, was die heutige global vernetzte Massenkommunikation mit uns Betrachtern macht. Sozusagen auf dem Boden unserer Herzen scheint sich eine tiefe Verstörung und Beänstigung einzunisten, und das muss nicht schlecht sein. Ich könnte mir vorstellen, dass die Bilder zu einer Bedrohung der internationalen Waffenschieberindustrie werden (braucht aber ein bisschen Zeit, 5 bis 10 Jahre etwa, um mal auf eine positive Wirkung zu spekulieren).

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