„Frankreichs Werte stehen auf dem Spiel“

Während in ganz Europa anti-israelische Demonstrationen, antisemitische Übergriffe und andere Unzumutbarkeiten zunehmen, ist die Situation für Jüdinnen und Juden in Frankreich besonders kritisch. Publikative.org sprach über dieses Thema mit der Leiterin des Pariser Büros des American Jewish Committes (AJC), Simone Rodan-Benzaquen.

Von Jan-Niklas Kniewel

Es waren beängstigende Bilder, welche da in den letzten Wochen aus Paris um die Welt gingen. Demonstranten lieferten sich, unter dem Vorwand gegen die erneute Eskalation in Nahost zu protestieren, Straßenschlachten mit der Polizei, viele davon vermummt mit der Kufiya, dem Palästinensertuch – inmitten des Trubels brennende Barrikaden. Am 13. Juli attackierten pro-palästinensische Kräfte die Synagogue de la Roquette und setzen etwa 100 Jüdinnen und Juden fest. Der französische Großrabbiner Haim Korsia sprach in der Zeitung Libération davon, dass man Zielscheibe eines tiefen Hasses sei und berichtete von einem Neunzigjährigen, der ihm weinend sagte, dass der Angriff Erinnerung an die Reichskristallnacht in ihm hervorgerufen hätte. Andere Synagogen wurden mit Brandsätzen beworfen. Immer wieder sangen Demonstranten „Tod den Juden“, weitere riefen dazu auf „Juden zu schlachten“. Im auch La Petite Jérusalem genannten Vorort Sarcelles wurden jüdische Geschäfte gezielt Opfer von Vandalismus und Brandanschlägen. Einrichtungen, darunter Jüdische Kindergärten, mussten evakuiert werden, nachdem es Mord- und Bombendrohungen gegeben hatte.

Anti-Israelische Demonstration in Paris. (Foto: Alain Bachellier / https://www.flickr.com/photos/alainbachellier/ CC BY-NC-SA 2.0)
Anti-Israelische Demonstration in Paris. (Foto: Alain Bachellier / https://www.flickr.com/photos/alainbachellier/ CC BY-NC-SA 2.0)

Es wäre jedoch ein Fehler, die gegenwärtigen antisemitischen Übergriffe und Demonstrationen, die auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern eine neue Intensität erreichen, einzig als eine Reaktion auf die Eskalation im israelisch-palästinensischen Konflikt zu verstehen. Der Hass, der sich entlädt, greift tiefer, dessen werden sich Journalisten wie Politiker in Frankreich langsam bewusst. 2013 wanderten etwa 3.300 französische Juden nach Israel aus – das ist eine Steigerung von gut 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das israelische Immigrationsministerium geht davon aus, dass dieses Jahr ein weiterer Anstieg von etwa 60 Prozent folgen wird. Dies spricht, wie auch die Tatsache, dass die Zahl antisemitischer Vorfälle – unabhängig von Ereignissen im Nahen Osten – um 58 Prozent gestiegen ist für ein strukturelles Problem. In den letzten 14 Jahren hat sich die Situation für die jüdische Gemeinde stetig verschlechtert und immer mehr fragen sich, ob es für sie und ihre Kinder noch eine lebenswerte Zukunft in Frankreich geben kann – laut einer EU-Studie aus dem Jahr 2013 sehen 52 Prozent von ihnen den Antisemitismus als ein „sehr großes Problem“, 74 Prozent sagen, dass er „stark gestiegen“ ist. Das ist nicht nur mehr als in Großbritannien, Schweden, Italien oder Deutschland, sondern sogar mehr als in Ungarn. Mitverantwortlich dafür ist jener Antisemitismus, den der französische Premierminister Manuel Valls als „neuen Antisemitismus aus den Vororten“, bezeichnete.

„Eine neue Art von Antisemitismus“

Simone Rodan-Benzaquen, AJC Frankreich. (Foto: AJC France, alle Rechte vorbehalten)
Simone Rodan-Benzaquen, AJC Frankreich. (Foto: AJC France, alle Rechte vorbehalten)

Das bekräftigt auch die Leiterin des Pariser Büros des American Jewish Committes (AJC), Simone Rodan-Benzaquen im Gespräch: „Mit diesem Satz spielt Herr Valls auf Frankreichs Einwandererviertel an. Wir haben tatsächlich das Problem, dass eine Minorität von Muslimen, französischer oder ausländischer Herkunft antisemitische Akte begehen. Viele leiden selber an Rassismus und Integrationsproblemen und haben große sozioökonomische Probleme. Mit dem Phänomen des Humoristen Dieudonné haben sie es geschafft ein wahres Netzwerk mit traditionellen rechtsextremen Antisemiten zu kreieren. Jetzt hört man sie zusammen in den Straßen von Paris „Tod den Juden“ schreien.“ Letzteres zeigt sich auch an der unübersehbaren Präsenz des faschistischen Quenelle-Grußes auf den anti-israelischen Demonstrationen. Der rechtsextreme Dieudonné, der nicht nur gegen Juden hetzt, sondern auch im Rahmen der Großproteste gegen die gleichgeschlechtliche Ehe eine nennenswerte Rolle spielte, war es, der diesem Gruß zu großer Popularität verholfen hat.

Es wäre allerdings auch verkürzt, das Problem auf die muslimischen Einwanderer und rechtsextremen Kräfte zu reduzieren: Wie in Deutschland spielen auch in Frankreich viele Linke und linksradikale Parteien eine große und unrühmliche Rolle bei den anti-israelischen Demonstrationen. Die Antikapitalistische Partei (NPA), so Rodan-Benzaquen, habe den Antizionismus als ein Hauptthema auserkoren. Nachdem sich die Behörden nicht anders zu helfen wussten, als die Demonstrationen zu verbieten, rief sie dazu auf, das Verbot nicht zu respektieren und war anschließend wieder auf den Demonstrationen präsent – ohne sich am Quenelle-Gruß zu stören. „Sie verstecken sich hinter einem so genannten Antizionismus, der in Realität eine neue Art von Antisemitismus ist“, erklärt Roden und stellt auch der gemäßigten Mainstream-Linken kein gutes Zeugnis aus: „Sie haben immer noch nicht verstanden, dass es heute eine neue Art von Antisemitismus gibt. Während es ihnen leicht fällt, Antisemitismus von Neonazis und Rechtsextremen zu bekämpfen, haben sie es nicht verstanden, dass auch eine andere Minorität rassistisch und judenfeindlich sein kann.“

Ferner, so Rodan-Benzaquen, sei es auch die Eigenart des israelisch-palästinensischen Konflikts, dass dieser, von einer bestimmten – vor allem linken – Elite als Therapie genützt würde, um sich wegen der komplizierten französischen Geschichte sowohl hinsichtlich der Shoa, als auch der Kolonisation weniger schuldig zu fühlen. Auch darin ähnelt die französische Problematik der deutschen – der Antisemitismus ist eben freilich kein Import, sondern hat hier wie dort eine Jahrhunderte alte Tradition und ist auch in der Mehrheitsgesellschaft verankert. Die politische Debatte habe das Thema zu lange ignoriert, glaubt Rodan,-Benzaquen beziehungsweise habe die politische Korrektheit es verhindert es zu thematisieren, dass Antisemitismus nicht nur von der xenophoben Rechten und der radikalen antiisraelischen Linken kommt.

Obwohl die Mainstream-Politik in Frankreich von den Konservativen bis zu den Sozialdemokraten sich einig ist, dass der Antisemitismus bekämpft werden muss, und auch das Verbot der Demonstrationen breite Unterstützung fand, instrumentalisieren die Populisten die Geschehnisse. „In dem Moment, in dem die Bevölkerung Ausschreitungen in den Straßen sieht und die Autorität von Staat und Polizei herausgefordert wird“, so Rodan-Benzaquen, „während die Republik durch eine extreme sozioökonomische sowie eine Identitätskrise geht, ist es die extreme Rechte, die Front National, die ihren Nutzen daraus zieht, indem sie sich auf den Mangel an Integration von Immigranten und anderen Problemen durch Immigration beziehen. Das muss uns allen Sorgen bereiten.“

Im Hass vereint

Eine Minderheit der zweiten und dritten Einwanderer-Generation verneint französische und europäische Werte. Dies geht mit steigender Radikalisierung einher, für die Individuen wie Mehdi Nemmouche ein erschreckendes Beispiel sind. Der französische Dschihadist hatte im Mai diesen Jahres mutmaßlich im Zuge eines antisemitischen Attentats auf das Jüdische Museum in Brüssel vier Menschen erschossen. Nachdem der Täter verhaftet werden konnte, versicherte François Hollande entschieden gegen Dschihadisten vorgehen zu wollen. „Wir werden sie bekämpfen“, versprach er, doch dies kann keine Lösung sein, ohne auch dem Judenhass entgegenzutreten, denn es war bei weitem nicht der erste Anschlag eines Franzosen dieser Art. Unvergesslich das Attentat auf das jüdisch-orthodoxe Collège Ozar Hatorah in Toulouse vom März 2012, dem der Rabbiner Jonathan Sandler, dessen zwei Kinder und die achtjährige Tochter des Schuldirektors zum Opfer fielen.

Die belgischen Anwälte des Attentäters von Brüssel, Mehdi Nemmouche, beim Zeigen der "Quenelle"-Grußes mit Dieudonné (Foto: Screenshot Europe1 France).
Die belgischen Anwälte des Attentäters von Brüssel, Mehdi Nemmouche, beim Zeigen der „Quenelle“-Grußes mit Dieudonné (Foto: Screenshot Europe1 France).

Auch die Anwälte Henri Laquay und Sebastien Courtoy, die Nemmouche verteidigen, scheinen Überzeugungstäter zu sein: So verteidigte Courtoy beispielsweise das Belgische Islamische Zentrum (IBC), nachdem dieses ein Video verbreitet hatte, das Benjamin Netanjahu mit Adolf Hitler verglich. Ebenso gehören zu seinen Mandaten mehrere ehemalige Politiker des belgischen Ablegers der Front National, darunter deren ehemaliger Generalsekretär, der einen jüdischen Studenten antisemitisch beleidigt hatte. Vor kurzem tauchte ein Foto auf, das die beiden Anwälte zeigt, wie sie Seite an Seite mit Dieudonné den Quenelle-Gruß performen, was Rodan-Benzaquens These vom antisemitischen Netzwerk untermauert.

Rodan-Benzaquen glaubt, dass „Frankreich sein einigendes Ethos zurückerobern muss, das Vielfalt erlaubt und feiert“. „Mehr Gleichheit und sozialer Zusammenhalt wird den Impuls Juden zu attackieren reduzieren. Es muss mehr und bessere Bildung gegen gruppenbezogene Vorverurteilung geben, die den Fokus auf Ähnlichkeiten und gemeinsame Werte zwischen Religionen und Kulturen legt. Interkultureller Dialog ist ein wesentlicher Aspekt“, glaubt Rodan-Benzaquen und warnt: „Nicht nur die jüdische Community, die gesamte Zivilgesellschaft muss das alles extrem ernst nehmen: Es sind Frankreichs Werte, die auf dem Spiel stehen.“

3 thoughts on “„Frankreichs Werte stehen auf dem Spiel“

  1. …und kommt ihr jetzt nicht für eine wache Sekunde auf den Gedanken…das die sog. Vorurteile der sog. islamophoben vielleicht doch nicht soooo weit her geholt sind.

  2. Wer Frankreichs Werte mal wieder hautnah erleben wollte, der war gestern bei ARTE um 20:15h gut bedient. Es gab: Le Jouet, mit Pierre Richard. Die Inkarnation der französischen Werte zeigte ein brillanter Michel Bouquet. Das galt 1976 ebenso wie 2014. Und genau an diesen ach so französischen Werten krankt das Land, unheilbar. Noblesse oblige

  3. Hallo,

    der Artikel ist sehr interessant und hat mir sehr gut gefallen.

    Vielleicht schreiben Sie weitere Artikel zu dem Thema? Ich würde Sie gerne wieder lesen.

    Vielen Dank und weiter so!

    Schöne Grüße

    Raph

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