Bad Nenndorf 2014: Was sagt das über die Szene?

Keine 200 Neonazis zogen am Samstag durch Bad Nenndorf. Ihnen standen rund 1.000 Gegendemonstranten gegenüber. Eine Blockade sollte nicht gelingen. Der extrem rechte Aufmarsch in Bad Nenndorf zeigt den Zustand der deutschen Neonazi-Szene gut.

Von Felix M. Steiner

Viel ist schon geschrieben worden zum gestrigen Neonazi-Aufmarsch in Bad Nenndorf. Der „Nazispuk im Zwergenformat“, welchem ein klares „Verpisst euch“ entgegenschallte. Beim NDR sind es dann gleich „1.000 Bad Nenndorfer gegen 190 Neonazis“. Zumindest als ein wenig irreführend kann man den Titel der Zusammenfassung wohl schon empfinden, war doch ein großer Teil der Gegendemonstranten von außerhalb. Die Zahlen sind bereits alle genannt. Zum neunten extrem rechten „Trauermarsch“ in der niedersächsischen Kurstadt kamen gerade einmal 190 Neonazis. Dies ist nur rund ein Fünftel im Vergleich zum Spitzenwert von fast 1.000 im Jahr 2010. Die Proteste sind mit Sicherheit ein entscheidender Faktor, warum dieser Abstieg der Teilnehmerzahlen zu verzeichnen ist. Besonders die gemeinsame Blockade des Kundgebungsortes vor dem Wincklerbad im vergangenen Jahr dürfte für einige Neonazis ein weiterer Grund gewesen sein, in diesem Jahr nicht mehr nach Niedersachsen zu kommen. Die in diesem Jahr angereisten Neonazis kamen aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hamburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern. Es scheint sich vor allem der Kern der Szene weiter zu den Aufmärschen einzufinden, denn die stark einbrechenden Zahlen sind keine Erscheinung, die nur in Bad Nenndorf anzutreffen ist. Blickt man insgesamt auf die Teilnehmerzahlen extrem rechter Großveranstaltungen – egal ob Rechtsrock-Open Airs oder Demonstrationen – sind die Teilnehmerzahlen bundesweit bei den meisten eingebrochen. Ähnlich wie auch in Bad Nenndorf lagen die Hochzeiten anderer Großveranstaltungen in den Jahren 2009/2010: Egal ob das „Rock für Deutschland“ mit 4.000 Besuchern in Gera oder der „Trauermarsch“ in Dresden mit 6.500 extrem Rechten aus ganz Europa. Die Erklärung dafür ist sicher komplexer und eine Mischung aus eher regional bedeutsamen Gründen als auch bundesweiten Entwicklungen der Szene.

Versuch einer Erklärung

Mit diesem Plakat rufen die Organisationen zu Blockaden gegen den Neonazi-Aufmarsch auf
Der breite Widerstand gegen Naziaufmärsche wie in Dresden entwicklete sich erst in den vergangenen Jahren

Es ist noch nicht so lange her, dass die deutsche Neonazi-Szene auf Großevents wie Demonstrationen und Rechtsrock-Open Airs regelmäßig zurückgreift. Besonders die „Trauermärsche“ und Konzerte begannen in der heute bekannten Intensität erst Ende der 1990er/ Anfang der 2000er Jahre. Schaut man sich den Zeitpunkt des Rückgangs der Teilnehmerzahlen an, wird klar, dass die Aufdeckung des NSU und die daraus auch hervorgehende staatliche Verbotspolitik weder der Beginn noch die einzigen Faktoren sein können – auch wenn sie natürlich einen Einfluss haben. Besonders in den Anfangsjahren der neonazistischen Veranstaltungen war kaum ein breiter Protest – jenseits antifaschistischer Gruppen – anzutreffen. Es waren nur wenige, die bereits gegen die erste oder zweite Auflage der braunen Events protestierten. Auch die Zivilgesellschaft benötigte einige Jahre, um auf die veränderten Aktionsformen der Szene zu reagieren. Die Initiativen in Dresden, die heute bundesweit als Vorbilder gelten, entstanden fast ein Jahrzehnt nach dem Beginn der extrem rechten Aufmärsche. Der Rückgang der Teilnehmerzahlen ist also zumindest zeitlich in einem Zusammenhang mit den stärker werdenden Protesten zu sehen. Und auch die Diskussionen in internen Foren der Szene zeigen, dass wachsender Protest den Besuch einer solchen Demonstration oder eines Konzertes für Neonazis deutlich weniger attraktiv erscheinen lässt. Besonders nach den gelungenen Blockaden in Dresden war die Frustration über stundenlanges Warten im Schnee und die direkte Konfrontation mit massiven Gegenprotesten für viele Neonazis ein Grund, ihre erneute Teilnahme zu verweigern. Auch die wissenschaftliche Betrachtung zur Bedeutung von Demonstrationen für die Szene zeigt, dass ein Ignorieren der Aufmärsche die Funktionen solcher Veranstaltungen eher unterstützen würde. So besitzt nicht zuletzt die sozial-räumliche Dominanz und die damit einhergehende Machtdemonstration eine sehr große Bedeutung für die Szene. Nach einem Jahrzehnt des immer gleichen Marschierens und der beginnenden Blockaden war auch in der Neonazi-Szene eine beginnende Diskussion über Aktionsformen und im Speziellen über Demonstrationen zu beobachten. Das medial wohl bekannteste rechte Projekt, welches aus diesen Diskussionen hervorging, waren die „Unsterblichen“. Durch das spontane Auftauchen wollten die Ideengeber Gegenproteste und staatliche Repression verhindern, scheiterten aber – auch wegen eines Verbotes – an dem Vorhaben. Besonders für den aktionsorientierten Teil der Szene dürften die „Trauermärsche“ nach dem dritten oder vierten Besuch und den immer gleichen Abläufen ihren Reiz verlieren.

NSU und staatliche Verbote

Uweocaust und Alte Freunde - Solisampler für inhaftierte Neonazis wie Wohlleben - unter anderem mit Regener.
Uweocaust und Alte Freunde – Solisampler für inhaftierte Neonazis wie Wohlleben – unter anderem mit Regener.

Auch wenn die Aufdeckung des NSU und dessen Folgen für die Szene nicht die Ursache oder der Beginn der zurückgehenden öffentlichen Beteiligung waren, hatten sie dennoch erheblichen Einfluss. Obwohl die Taten des NSU das Innere der Szene kaum erschütterten  – hier waren vielmehr Solidaritätsbekundungen zu vernehmen  –  sorgte die mediale Berichterstattung doch für eine starke (wenngleich oft oberflächliche) Ablehnung der extremen Rechten in der Öffentlichkeit. Ein grundsätzliches Umdenken und eine breite gesamtgesellschaftliche Empörung sind allerdings nicht festzustellen. Durch die Verstrickungen der Verfassungsschutzämter bzw. das Öffentlichwerden der teils katastrophalen Ermittlungspannen, stieg aber zumindest auch der Druck auf staatliche Stellen. Die Folge waren mehr Verbote extrem rechter Vereinigungen und ein nun auf dem Weg befindliches NPD-Verbotsverfahren. Ein Blick zurück zeigt, dass staatliche Verbote sehr wohl einen Einfluss auf die bundesweite Szene haben. Vor allem das Umfeld der Szene, also jenseits des fest integrierten Kerns, dürfte durch zunehmende mediale Aufmerksamkeit und staatliche Verbote abgeschreckt werden. Eine Radikalisierung und ein verstärktes Abtauchen in den Untergrund lassen sich hingegen nicht belegen.

Nicht zuletzt waren es in den vergangenen Jahren zunehmend Streitigkeiten innerhalb der Szene, die zu Abspaltungen bzw. einem Rückgang von Teilnehmerzahlen geführt haben. Dies war letztes Jahr in Bad Nenndorf zu sehen, als es innerhalb der NPD-Niedersachsen zu Auseinandersetzungen kam, welche einen negativen Einfluss auf die Teilnehmerzahlen des Aufmarsches geführt haben dürften.

Zurück nach Bad Nenndorf

190 Neonazis bei der Kundgebung am Wincklerbad, Foto: Felix M. Steiner
190 Neonazis bei der Kundgebung am Wincklerbad, Foto: Felix M. Steiner

Blickte man gestern in die Gesichter einiger Neonazis, waren diese doch alles andere als erfreut über den lauten Protest, der ihre Kundgebung am Wincklerbad einrahmte. Wer mehr als zehn Meter vom Lautsprecherwagen weg stand, konnte von den Reden kaum etwas verstehen. Der Soundtrack zur Veranstaltung, welcher von den Gegendemonstranten gestellt wurde, war – wie in den letzten Jahren auch – das Lied der Schlümpfe. Obwohl die Neonazis ihre Kundgebung wieder direkt vor dem Wincklerbad abhalten konnten, dürfte bei realistischer Betrachtung eine Demonstration mit 190 Teilnehmern wohl kaum als Erfolg zu werten sein. Dennoch ist natürlich ein kontinuierlicher Protest gegen den „Nazispuk im Zwergenformat“ wichtig. All die Tendenzen, die derzeit zum Einbrechen der Teilnehmerzahlen führen, werden sicher nicht ewig anhalten. Auch wenn dieser kaum vorherzusagen ist, ist auch immer wieder mit einem Anstieg der Teilnehmerzahlen zu rechnen. Zumal der Einsatz gegen menschenverachtende Ideologien Kontinuität besitzen sollte und nicht nur als Reaktion auf extrem Rechte Aktionen stattfinden darf.

7 thoughts on “Bad Nenndorf 2014: Was sagt das über die Szene?

  1. Danke für den Artikel.

    Mein Kommentar bezieht sich auf den folgenden Satz: „Die in diesem Jahr angereisten Neonazis kamen aus Niedersachsen, Hamburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.“

    Meine geographischen Kenntnisse mögen eingerostet sein, jedoch habe ich viele Teilnehmer aus NRW und Brandenburg gesehen, aber nur wenige aus Hamburg (eigentlich nur den unvermeidlichen Thomas Wulff und diese merkwürdige Yvonne W.) und kein mir bekanntes Gesicht aus MV.

    Was ist da los?

    Anmerkung Felix M. Steiner:

    Guter Hinweis. Die Antwort ist einfach: vergessen. Hinzu kommen noch drei Bundesländer: Brandenburg, NRW und Hessen. Meck-Pomm ist allerdings richtig. Ich ergänze das mal. Danke.

  2. Schöner Artikel. Anmerkung: Den doppelten Auftritt in 2013 eingerechnet, war dies, nicht nur nach Eigenangaben des Veranstalters, bereits die zehnte – und nicht neunte – Demonstration der Neonazi-Szene.

  3. Es waren auch Nazis aus Baden-Württemberg, genauer gesagt aus Esslingen und Offenburg anwesend, wie zum Beispiel Sascha T. aus Deizisau, ehemals Umfeld AN Göppingen, jetzt führender Kopf der „Freien Nationalisten Esslingen (FNES)“.

  4. „Was sagt das über die Szene?“
    Nichts! Es zeigt mir nur, dass es einen immer kleiner werdenden Haufen gibt (bei dieser Veranstaltung ca 1200), der sich in rechts und links spalten lassen möchte und der Rest möglicherweise verstanden hat…

      1. Offensichtlich. Die „Querdenker“ werden auch immer lauter werden und beweisen, das dieses Links-Rechts-Denken Quatsch ist :).

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