al-Quds-Tag in Berlin: „Israel muss raus, muss raus“

Beim al-Quds-Tag demonstrierten rund 1.200 Israelfeinde in Berlin. Viel wurde schon geschrieben und viele zeigten sich zufrieden mit dem wohl ausgebliebenen Antisemitismus. Das ist kaum nachvollziehbar: Ein nachträglicher und ganz subjektiver Bericht vom al-Quds-Tag in Berlin.

von Felix M. Steiner

Zwei Tage liegt der Al-Quds-Tag in Berlin nun schon zurück. Zwei Tage, in denen ich am Schreibtisch sitze und überlege, was noch geschrieben werden kann, was nicht bereits zahlreiche Medien berichtet haben. Dabei sind die Zusammenfassungen, die verschiedene Medien und die Polizei geben, recht unterschiedlich. Die Polizei zeige sich insgesamt zufrieden, da trotz angespannter Lage das Konzept aufgegangen sei, berichtet der Tagesspiegel. Bei der Jüdischen Allgemeinen findet man ein anderes Bild, welches klar die antisemitischen Zwischentöne der Demonstration aufzeigt:

Körperverletzung, Aufruf zum Mord und Jagdszenen zwischen Polzei und Demonstranten: Bei der antiisraelischen Al-Quds-Demonstration ist es am Freitagnachmittag auf dem Berliner Kurfürstendamm zu massiven antisemitischen Ausschreitungen gekommen.

Der RBB fasst unter der Überschrift „Über 1000 Menschen demonstrieren gegen Israel“ zusammen: „Die befürchteten klar antisemitischen Parolen blieben aus“. Welchen Maßstab der RBB anlegt, ist mir nicht klar. Welche Parolen sind erwartet worden? Ist es tatsächlich schon beruhigend, wenn nicht ohne Pause „Jude, Jude, feiges Schwein…“ skandiert wird?

Orthodoxe Juden der Neturei Karta in Berlin, Foro: Felix M. Steiner
Orthodoxe Juden der Neturei Karta in Berlin, Foro: Felix M. Steiner

Insgesamt entsteht der Eindruck, die Kollegen der verschiedenen Publikationen waren auf unterschiedlichen Veranstaltungen zugegen. Schon die Presserevue zeigt die Komplexität der Situation. Als ich am Tag der Al-Quds-Demonstration ein Bild auf Twitter veröffentliche, auf dem orthodoxe Juden als Teilnehmer der Demonstration zu sehen sind, kommentiert ein Kollege: „ja, da werden einige in ihrem Weltbild wohl erschüttert“. Ganz genau verstehe ich diese Anmerkung nicht, weiß aber, was gemeint ist. Die Suche nach Eindeutigkeiten scheint jenseits der vereinfachten Presseberichterstattung ein großes Verlangen zu sein. Eine kurze Recherche zu den beiden Orthodoxen zeigt, dass sie eigentlich nicht überraschen sollten. Sie gehören zur Neturei Karta, einer ultraorthodoxen jüdischen Sekte, deren Vertreter sogar an der iranischen „Holocaust-Konferenz“ 2006 teilnahmen. Ihre Anwesenheit scheint also passend. Bei den unterschiedlichen Facetten der Diskussion lande ich immer wieder bei Charles Lewinsky´s Stück „Ein ganz gewöhnlicher Jude“. Auch Lewinsky lässt seinen Protagonisten, den deutschen Juden Emanuel Goldfarb, zur ewig wiederholten Frage nach der Stellung zu Israel sprechen: „Ich bin für die israelische Politik nicht verantwortlich. Nicht mehr als Herr Müller aus München oder Herr Schulze aus Berlin“. Israel und „Jude“ scheinen nur allzu oft als Synonyme verwendet zu werden.

Die Argumente zum Konflikt selbst scheinen auf allen Seiten ausgetauscht. Im Fokus stehen das Selbstverteidigungsrecht Israels gegen die terroristische Hamas und die behauptete militärische Überreaktion des kleinen Staates. Doch um den Konflikt soll es hier nicht gehen. Dies hätte ohnehin wenig Sinn, denn Argumente spielen meiner Wahrnehmung nach auf dem al-Quds-Tag eine untergeordnete Rolle. An vorderster Front der Argumentation werden Bilder toter Kinder und eine blutige Kinderpuppe in die Luft gehalten. Und auch die oft gerufenen Parole „Kindermörder Israel“ ist wohl kaum für eine differenzierte Auseinandersetzung angelegt: Tote Kinder, Emotionen, Hass.

Jede Israel-Flagge eine Provokation

Welches Redeverbot? Holocaust? Antisemitismus?, Foto: Felix M. Steiner
Welches Redeverbot? Holocaust? Antisemitismus?, Foto: Felix M. Steiner

Als ich am Sammlungspunkt der Al-Quds-Demonstration ankomme, empfangen mich zahlreiche Bilder, Schilder und Plakate: „Zionismus ist Rassismus“, „Islam ist Frieden“ oder „Israelische Produkte – Nein Danke!“ ist auf ihnen zu lesen. Schon zu Beginn der Demonstration fordern die Veranstalter die Demonstranten auf, Parolen nur auf Deutsch zu rufen. Eine komische Forderung. Auf Arabisch zu rufen, käme bei den Deutschen nicht gut an, so die Erklärung. Die Forderung wird keine Minute eingehalten und auch im Laufe der Demonstration nicht weiter beachtet. Als die Reden zum Auftakt der Veranstaltung auf dem kleinen Transporter gehalten werden, sind es wieder zahlreiche Schilder, die zwischen mir und der Bühne in die Höhe gehalten werden. Direkt vor mir ragt eines heraus: „Israels Antisemitismuskeule brechen. Gemeinsam gegen Meinungs- und Redeverbot!“. Was ist damit gemeint? Mal alle Argumente zum Holocaust „offen“ diskutieren zu dürfen? Die Leugnung der Existenz von Antisemitismus? So richtig erschließt sich mir der Inhalt nicht, doch eine unproblematische Einordnung will mir nicht gelingen. Wenige Meter weiter gibt eine Frau einem Kamerateam des SWR ein Interview: Warum die deutschen Medien keine palästinensischen Opfer zeigen und warum Deutschland den Krieg mitfinanziert, schreit sie das Kamerateam mehr an, als dass sie deren Fragen beantwortet. Als sie Merkel als Schlampe bezeichnet geht das SWR-Team. Für die zurückbleibenden Demonstranten scheint der Rückzug der Journalisten eine Art Eingeständnis zu sein, dass sie mit ihrer „Medienkritik“ richtig liegen.

Immer wieder versuchen Demonstranten zu israelfreundlichen Gegendemonstranten zu gelangen, Foto: Felix M. Steiner
Immer wieder versuchen Demonstranten zu israelfreundlichen Gegendemonstranten zu gelangen, Foto: Felix M. Steiner

Dann beginnt die Demonstration. Rund 1.200 Menschen zählt die Polizei auf der Al-Quds-Demonstration, 700 bei den Gegenkundgebungen. Nach kaum 100 Metern stoppt der Demonstrationszug bereits. Es kommt zu Tumulten und Gerangel. Warum, wird mir nicht ganz klar, es wird aber auch nicht das letzte Mal sein. Und schon geht es los: „Kindermörder Israel“ wird skandiert. Immer wieder stehen Gegendemonstranten mit Israel- oder USA-Flaggen am Rande der Aufmarschstrecke. Und jedes Mal wird das gleiche passieren. Aus der Spitze des Demonstrationszuges löst sich eine Gruppe – zumeist junger Männer -, und versucht auf die Gegendemonstranten loszustürmen. Noch entschiedener als die Polizei sind es häufig die Ordner, die die Aufgebrachten zurückhalten. Und diese wollen oft mit aller Macht zu den Menschen mit Israelflaggen und Transparenten vorstoßen. Ich kann nicht verstehen, wie die Polizei nachträglich von einem gelungenen Konzept sprechen kann. Vor Ort habe ich den Eindruck, dass viel Glück dabei ist, dass einige der al-Quds-Unterstützer nicht häufiger auf Gegendemonstranten stoßen. Die mehr als aufgebrachte Stimmung hätte wohl auch andere Folgen haben können. Das nun von einer erfolgreichen Demonstration ohne große antisemitische Vorfälle die Rede ist, kann ich kaum nachvollziehen. Zwar sind weniger explizit antisemitische Sprüche gerufen worden als auf anderen Demonstrationen, aber auch hier kamen sie vor: „Israel, Israel feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“ hallte es auch am Freitag in Berlin. Das „Jude“ hier durch Israel ersetzt wurde, kann man doch kaum als Erfolg werten. Die harten Auflagen – so richtig sie sein mögen – haben es eben nicht geschafft, Antisemitismus zu bekämpfen, sie halten ihn nur mehr unter der Decke. Der aufflammende Konflikt ist wohl ohnehin nicht der Auslöser eines „neuen Antisemitismus“, vielmehr trägt er diesen erneut auf die Straße und in die Öffentlichkeit. Da ist er wieder, der politische Kontext, der den Antisemitismus sichtbarer macht.

...,Foto: Felix M. Steiner
…,Foto: Felix M. Steiner

Bei Spiegel TV bringt es eine junge Demonstrationsteilnehmer später auf den Punkt: „Israel muss raus, muss raus. Es ist unser Land“. Das letzte Bild an diesem Tag mache ich von der Frau mit dem Günther Grass Plakat. Neben dem Bild des Literaturnobelpreisträgers steht: „Günther Grass hat gesagt, was gesagt werden musste“.

8 thoughts on “al-Quds-Tag in Berlin: „Israel muss raus, muss raus“

  1. Och, die deutschen Faschings-Verkleidungs-pseudo-Juden von Naturei Karta verdienen wirklich nicht der Erwähnung. Sie stehen bei jeder vergleichbaren Demo herum, mit ihren Karnevals-Klamotten und ihren „professionellen“ Plakaten, und genießen die Fernsehkameras. Ich hab kürzlich schon mal darauf verwiesen.
    Diese Demonstration ähnelt den vorhergehenden in anderen Städten. In Köln sah es so aus – obwohl es noch nicht mal „Juden“, noch nicht mal Gegendemonstranten gab:

    https://www.youtube.com/watch?v=GNqOzi5DxpE

    The same procedure as every year…

  2. Wie sich die Bilder gleichen. Während in deutschen Großstädten innerhalb weniger Tage weitestgehend unbeanstandet tausende von „Kindermörder Israel“ Plakate und Hamas-Fahnen gezeigt werden wird jede Fahne des demokratischen Staates Israel als „Beleidigung“, als „Provokation“ empfunden.

    Wer Interesse und Zeit hat: Hier mehrere journalistische Übersichtsbeiträge über die weiteren diesbezüglichen Demonstrationen der letzten Tage. Wie sich doch alles gleicht…:

    Intifada mit Hitlergruß: http://jungle-world.com/artikel/2014/30/50266.html

    Außer Kontrolle. Antisemitische Übergriffe in vielen deutschen Städten. http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19786

    An Israels Seite: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19792

    Nürnberg: Demonstranten stürmen „jüdische“ Fastfood-Restaurants: http://www.hagalil.com/archiv/2014/07/22/nuernberg-6/

    Köln: Eine Demonstration der Besorgnis und der Solidarität mit Israel:
    http://www.hagalil.com/archiv/2014/07/18/solidaeritaet-koeln/

  3. „Israels Antisemitismuskeule brechen. Gemeinsam gegen Meinungs- und Redeverbot!“. Was ist damit gemeint?“

    Stell dich doch nicht so naiv! Du weißt genau was damit gemeint ist. Selbstverständlich ist es nicht „Verboten“ seine Meinung zu äußern. Dennoch wird man von sofort als rassist und Antisemit beschimpft sobald man es wagt Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung zu üben. Möllemann oder Günter Grass lassen grüßen.

    Das ist die sogenannte Antisemitismuskeule mit der jede Kritik gerechtfertigt oder nicht, sofort totgeschlagen werden soll.

    Auch:
    „Israel, Israel feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“
    ist absolut offensichtlich!

    Selbstverständlich ist damit der intensive militärische Support an Israel von Seiten der USA, Großbritannien und anderer europäischer Staaten gemeint.

    Im übrigen ist es sehr wohl ein Erfolg, wenn nicht von Juden sondern von Israel oder dem Zionismus gesprochen wird.

    Genau da liegt das macht den Unterschied!
    Gegen Israel zu demonstrieren weil dort Menschen jüdischen Glaubens regieren = Antisemitismus.

    Gegen Israel zu demonstrieren weil die IDF Kriegsverbrechen am laufenden Band begeht und Kinder ermordet = kein Antisemitismus!

    Die Al-Quds-Tag Teilnehmer haben anscheinend gelernt zu differenzieren.

    Ein klarer Erfolg für den Kampf gegen Rassismus!

  4. mit dem „meinungs- und redeverbot“ beschäftigte sich auch der kommentator stefan reinecke auf der titelseite der taz vom donnerstag den 24.juli.
    „Es muss in einem freien Land möglich sein, straflos das Existenzrecht Israels infrage zu stellen. Im Zweifel für die Meinungsfreiheit.“
    wahrscheinlich meint er die artikel seiner kollegin frau knaul, aber das ist reine spekulation.

  5. Nur merkwürdig, dass es kein anderes Land der Welt gibt, dessen „Existenzrecht“ abgesprochen wird. Was soll das? Und die Konsequenz, die sich aus so einer Forderung ergibt, hat vor allem mehr mit genozidalen Prozessen zu tun, als mit „legitimer Kritik“.

    @Sa: Das ist nicht wirklich dein ernst, oder? Bist du nur naiv oder ignorierst du die Realität? Die Polizei hat es vor der Demo untersagt „Jude, Jude feiges Schwein…“ zu rufen, weil es zum Hass und zur Gewalt auf Jüdinnen und Juden aufruft und schlichtweg Antisemitismus in seiner simpelsten Form ist. Dass nun „Israel, Israel feiges Schwein…“ eine „Einsicht“ wäre, ist doch blanker Hohn. Vielmehr zeigt sich an der Stelle wie austauschbar Antisemitismus und Antizionismus bei vielen ist. Israel=Jude. An dieser Stelle wird das sehr deutlich.

    Und wer so pauschal gegen Israel agitiert, sollte sich nicht wundern, dass es viele gibt, die das als antisemitisch ansehen. Kritik an einem bestimmten Vorgehen israelischer PolitikerInnen ist völlig normal, aber genau darum geht es auf dieser Demo ja nicht. Und dort ist auch die Grenze. Mal abgesehen davon, dass gar nicht erst der Versuch unternommen wird, die Komplexität des Konfliktes auch nur annähernd zu erfassen. Hamas- und Hisbollah-Fahnen? Was daran ist bitte schön emanzipatorisch?

  6. Das Existenzrecht Israels in Frage stellen? Sind wir schon wieder so weit? Es war einmal ein Joseph Goebbels, der das für das jüdische Volk getan hat. Heute ist das Land von feindlichen Nationen und Unterstützern wie dem Iran, Saudi-Arabien oder Katar eingekreist, die, nachdem sie mit militärischen Mitteln Israel nicht „ins Meer treiben konnten“,einen Terrorkrieg mit Anschlägen und Raketen durch die Hamas führt.Stelle mir vor, Deutschland wäre in der Situation und würde von Frankreich, Dänemark und Polen mit Raketen beschossen.Da möchte ich mal die Reaktionen sehen.

    Mutti Merkel hat einen guten Satz gesagt: Solidarität mit Israel ist nicht verhandelbar. Dem schließe ich mich gern an: Shalom Israel!

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