Mit Carl Schmitt gegen die Westbindung

Jakob Augstein wandelt immer wieder auf den Spuren seines Vaters. Nicht nur die Texte zu Israel lesen sich wie etwas diplomatischer formulierte Artikel von Rudolf Augstein aus früheren Dekaden, auch seine Bezugnahme auf den „weitsichtigen“ Carl Schmitt gegen die USA steht in unguter deutscher Tradition.

Von Patrick Gensing

In seiner jüngsten Kolumne auf Spiegel Online beschäftigt sich Jakob Augstein mal wieder mit der deutschen Rolle in der Welt. Offenbar liegt hier aus seiner Sicht etwas im Argen. „Zwischen den Amerikanern und uns besteht ein Herr-Hund-Verhältnis“, meint Augstein, der sich offenkundig persönlich als Hündchen des amerikanischen Herren sieht, warum sonst sollte er statt Deutschland, Berlin oder Bundesrepublik lieber „uns“ schreiben – also wir alle – auch Du und ich?

Und wir alle sind ungeliebte Trottel, denn „leider liebt Herrchen aus Amerika den deutschen Dackel nicht. Herrchen braucht ihn nur hin und wieder zum Apportieren.“ Die Deutschen als dümmlicher, naiver und nützlicher Handlanger des Amerikaners also. Daraus ergibt sich laut Augstein eine Notwendigkeit zur Entscheidung:

„Der Dackel hat jetzt zwei Möglichkeiten: er akzeptiert seine Existenz als Hund. Immerhin ist da – nachrichtendienstlich gesehen – immer der Napf voll. Oder wir nehmen unser Glück – und unsere Sicherheit – selbst in die Hand. Frei nach den Gebrüdern Grimm: Etwas Besseres als die CIA finden wir überall.“

Was das Bessere ist, lässt Augstein lieber unausgesprochen. Aber eigentlich bleiben nur die deutschen Geheimdienste, die unser Glück, das Augstein hier als Sicherheit definiert, in die Hand nehmen soll. Dafür müsste der Verleger und Kolumnist also in die deutschen Dienste investieren, die sich beispielsweise in Sachen 9/11 oder beim NSU-Komplex nicht gerade für größere Aufgaben empfohlen hatten. Warum ein deutscher Geheimdienst besser sein sollte als ein amerikanischer, erläutert Augstein ebenfalls nicht. Man kann nur zu dem Schluss kommen: weil es ein Deutscher ist.

Kein Text ohne Israel

Denn die amerikanische Gesellschaft folge dem Prinzip der Rache, behauptet Augstein, der es bei diesem Begriff und dieser günstigen Gelegenheit es nicht lassen kann, diese Eigenschaft auch Israel anzudichten. Damit zeigt er dankesnwerterweise und höchst anschaulich zweierlei: 1.: Antiamerikanismus und Antisemitismus sind mitnichten gleichzusetzen, funktionieren aber bisweilen sehr ähnlich. Und 2: Die sogenannte Israelkritik bezieht sich eben nicht nur auf die jeweilige Regierung, sondern grundsätzlich auf den Staat Israel als Gesamtheit, was Augstein hier in vermeintlich progressivem Duktus als Gesellschaft umschreibt – letztendlich aber erstaunlich genau dem uralten Ressentiments des rachesüchtigen Juden entspricht.

In dieser schicksalshaften Lage hofft Augstein nun auf „harte“ Entscheidungen in Deutschland, doch der Kanzlerin traut er diese nicht zu. Denn ohnehin seien „Stolz und Ehre keine Kategorien mehr“ in der hiesigen Politik. Augstein schränkt ein, er definiere dieses „Stolz und Ehre“-Gewäsch progressiv – und füttert diese Behauptung ausgerechnet mit einem Zitat aus der Feder des „weitsichtigen“ Staatsrechtlers Carl Schmitt an: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“

Ein gewagtes Konstrukt, das aber in der Familie Augstein seit Jahrzehnten erfolgreich die Mär der linken Verlegerfamilie trägt. Nicht nur Jakob schreibt heute, sondern auch Rudolf Augstein schrieb vehement gegen die Westbindung der Bundesrepublik an – und wurde von Schmitt, dem „Kronjuristen des Dritten Reiches“, ausdrücklich dafür gelobt.

Die FAZ berichtete im Jahr 2007:

Ein anderes Mal, am 3. Januar 1954, hatte Schmitt als kritischer, aber treuer „Spiegel“-Leser die „großen Momente“ des Magazins gelobt und dabei speziell auf Augsteins Kolumne über den „Abschied von den Brüdern im Osten“ verwiesen. Darin hatte der Herausgeber unter dem Pseudonym Jens Daniel vehement gegen Adenauers Politik der Westbindung angeschrieben. […]

„Wir haben Augstein damals“ – gemeint war die Zeit der „Spiegel“-Affäre 1962 – „linker gesehen, als er wirklich war“, stellt heute der Frankfurter Politologe Iring Fetscher fest. Mit seinem Interesse für Schmitt war Augstein der konventionellen Linken mehr als einen Schritt voraus, die Schmitts Staats- und Politikdefinitionen, vor allem aber seine Partisanentheorie erst seit den siebziger Jahren wieder intensiver diskutierte.

Hier schließt sich auch schon der Kreis zu Jakob Augstein, der eine neue Art des deutschen Partisanentums gegen die USA entwirft und sich dabei auf die romantischen und urdeutschen Brüder Grimm bezieht, die er in seiner Kolumne gegen Britney Spears setzt. Kulturell armselig, unmoralisch, übergriffig und arrogant – so sieht das Amerika-Bild aus, das Augstein zeichnet – und das sich in Bestsellern wie „Ami go home!“, eine Art Bibel des deutschen Antiamerikanismus, ausführlich nachlesen lässt.

Gekränkte deutsche Seele

Diese Sehnsucht nach der Abwertung der Amerikaner speist sich aus einer gekränkten deutschen Seele, sogar bei einem Text über die Geheimdienst-Affäre kommt Augstein nicht ohne das Bild der „Care-Pakete“ aus, also jene Nahrungsmittelpakete, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Rahmen von amerikanischen Hilfsprogrammen nach Europa, insbesondere Deutschland und Österreich, geschickt wurden. Wenn man Augsteins Texte liest, kann man nur zu dem Schluss kommen. Es handelte sich um  vergiftete Geschenke.

Gegen die Politik der Amerikaner und ausufernde Geheimdienste setzt Augstein keine besseren Konzepte, nicht mehr demokratische Kontrolle, sondern Werte wie Ehre und Selbstachtung: „Ganz ohne Selbstachtung geht es in der Politik eben doch nicht. Und es wäre ein Irrtum zu glauben, dass man sich für Ehre gar nichts kaufen kann“, so Augstein. Ehre und Selbstachtung, um „von Russen und Chinesen“ ernst genommen zu werden. Weltpolitisch sieht Augstein Deutschland also auf Augenhöhe mit Russland und China – und das bitte komplett unabhängig von den USA. Damit liegt der im Zweifel links stehende Augstein außenpolitisch exakt auf der Linie von deutschen Nationalisten, ob sie sich nun AfD oder NPD nennen.

Die NPD beklatscht Augsteins Kolumne.
Die NPD beklatscht Augsteins Kolumne.

Nun mögen LeserInnen fragen, was Augstein denn dafür könne, wenn er Beifall von der NPD bekomme? Dem möchte ist entgegnen, dass dies eben kein Zufall ist, sondern die außenpolitischen Positionen der NPD in Sachen USA und Israel kaum von denen vieler Linker zu unterscheiden sind. Dieser linke Irrationalismus lebt sich derzeit einmal mehr in Bündnissen mit reaktionären Organisationen gegen Israel und die USA aus.

Der „weitsichtige“ Carl Schmitt starb übrigens 1985 fast 97-jährig. Wikipedia weiß dazu:

„Schmitt, der auch schon früher durchaus paranoide Anwandlungen gezeigt hatte, fühlte sich nun von Schallwellen und Stimmen regelrecht verfolgt. Wellen wurden seine letzte Obsession. Einem Bekannten soll er gesagt haben: „Nach dem Ersten Weltkrieg habe ich gesagt: ‚Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet‘. Nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts meines Todes, sage ich jetzt: ‚Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.‘ “

Damit erwies sich dieses mal nicht Rudolf Augstein sondern Carl Schmitt „der konventionellen Linken mehr als einen Schritt voraus“.

One thought on “Mit Carl Schmitt gegen die Westbindung

  1. Von Grass über Jakob Augstein zu Arnolf Baring, Elsässer und Pastör. Der populistische, „deutschnationale“ Weg ist näher, als man für möglich halten sollte…
    Und irgendwie sind diese wahnhaften Wirkkräfte immer wieder mit dem Fantasma von Israel bzw. „des Juden“ durchwoben, immer wieder schießt „das aggressive Israel“ in den Diskurs, gleichgültig worum es geht …
    Was Sigmund Freud wohl hierzu gesagt hätte (bzw. gesagt hat?)

    Ein Teil des „Geheimnisses“ sei gelüftet: 1927 schrieb er in einem Brief an Arnold Zweig:
    “In der Frage des Antisemitismus habe ich wenig Lust, Erklärungen zu suchen, verspüre eine starke Neigung, mich meinen Affekten zu überlassen, und fühle mich in der ganzen unwissenschaftlichen Einstellung bestärkt, daß die Menschen so durchschnittlich und im großen ganzen doch elendes Gesindel sind.”
    Sigmund Freud: Brief an Arnold Zweig 1927, in: Ernst L. Freud (Hg.): Sigmund Freud – Arnold Zweig Briefwechsel, Frankfurt am Main 1969, S. 11

    Wir sehen, allzu große Fortschritt hat das „Gesindel“ (Sigmund Freud) nicht gemacht.
    Am 22.6.1936, seine Lebenssituation im nationalsozialistischen Wien, hatte sich verschärft, schrieb Freud an Zweig – der sich seinerzeit rechtzeitig in das damalige Palästina geflüchtet hatte: „Österreichs Weg zum National-Sozialismus scheint unaufhaltsam. Alle Schicksale haben sich mit dem Gesindel verschworen. Mit immer weniger Bedauern warte ich darauf, daß für mich der Vorhang fällt.“

    Und gegen Ende des Jahres 1937 scheint Freuds Resignation obsiegt zu haben: „In Ihrem Interesse kann ich es kaum bedauern, daß Sie nicht Wien zur neuen Heimat gewählt haben. Die Regierung hier ist eine andere, aber das Volk ist dasselbe, in der Anbetung des Antisemitismus durchaus einig mit den Brüdern im Reich. Die Kehle wird uns immer enger zugeschnürt, wenn wir auch nicht erwürgt werden. Palästina ist wenigstens noch British Empire, das ist nicht zu unterschätzen.“

    Und da sind wir wieder bei den Augsteins und bei Jakob Augstein – der, so beteuert er gerne, niemals israelischen (er drückt sich diesbezüglich vornehm aus: wenn er aus seinem Herzen keine Mördergrube machen würde würde es aus ihm sprechen: „zionistischen Boden“ betreten wird…

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