„Sprech ich Spanisch?“

Argentinien gewinnt die WM vielleicht nicht auf dem Platz, aber ganz sicher auf der Straße und den Rängen. Denn mit „Brasil, decime qué se siente“ haben die Argentinier zweifelsohne die beste Hymne – und die TIfo-WM im Alleingang für sich entschieden. Das ist offenbar auch dem „Sportinformationsdienst“ (SID) aufgefallen. Doch die im Titel aufgeworfene Frage, die Matthias Sammer einst aufgebracht einem deutschen Sportreporter stellte, weil dieser ihn Sammers Auffassung nach einfach nicht verstehen wollte, sollte man sich bei der „größten deutschen Sport-Nachrichtenagentur“ (Eigenbeschreibung) vielleicht mal ernsthaft stellen.

Von Andrej Reisin

Warum eine Suchmaschine noch keine Übersetzung macht, zeigen SID und MoPo hier eindrucksvoll. (Foto: Publikative.org)
Warum Worte in Satzstrukturen noch keine Übersetzung sind, zeigen SID und MoPo hier eindrucksvoll. (Foto: Publikative.org)

Denn die „Übersetzung“ die der SID kürzlich an seine Kunden verschickte – und die auch eifrige Abnehmer fand, wie das Beispiel der „Hamburger Morgenpost“ zeigt, offenbart doch erhebliche Schwächen – und zwar sowohl in sprachlicher Hinsicht als auch im Hinblick auf die fußballhistorische Kompetenz. Ob da ein Praktikant mit dem Google Übersetzer am Werk war? Wir wissen es nicht. Aber kein Thema, lieber SID: Publikative.org hilft gerne aus. Hier zunächst der spanische Originaltext:

Brasil, decime qué se siente,
tener en casa a tu papá.
Te juro que aunque pasen los años,
nunca nos vamos a olvidar.
Que el Diego te gambeteó
que Cani te vacunó
que estás llorando desde Italia hasta hoy.
A Messi lo vas a ver
la Copa nos va a traer
Maradona es más grande que Pelé!

Und hier die freie Übersetzung nebst einigen Erklärungen, die von Jan-Henrik Gruszecki stammen, der 2013 an einer großen Reportage über den argentinischen Fußball mitwirkte:

Brasilien, sag mir, wie es sich anfühlt,
Deinen Papa im Haus zu haben.
Ich schwöre, selbst nach all den Jahren
werden wir niemals vergessen,
wie Diego dich umdribbelte
und Cani(ggia) zustach.
Seit Italien bis heute seid Ihr am Weinen
Ihr werdet Messi sehen,
wie er uns den Pokal zurückbringt
Maradona ist größer als Pelé!

Die Argentinier, die sich und ihre Mannschaft  in dem Song als „Vater“ von Brasilien bezeichnen, beziehen sich auf eine in Südamerika geläufige fußballerische Unterscheidung zwischen Vater und Sohn. Der „Papa“ ist dabei immer das größere Team, das mehr Siege in der Bilanz hat, mehr Titel gewonnen hat, usw. Zwar mag man einwenden, dass diese Auffassung gerade im Hinblick auf die Verteilung der WM-Titel zwischen beiden Nationen (Brasilien: 5 / Argentinien: 2) nicht „ganz“ zutrifft, aber in Argentinien zweifelt niemand daran, die bedeutendere Fußballnation zu sein, was sich nach argentinischer Auffassung auch an deutlich mehr Copa-América-Titeln und deutlich mehr argentinischen Siegern in der Copa Libertadores zeigt. Weiterhin enthält diese Zeile eine Anspielung darauf, dass der Papa beim Sohn eingezogen ist, was ein in Argentinien kein ganz unübliches Familienmodell ist: Wenn die Eltern ein hohes Alter haben, wohnen sie häufig bei den Kindern, die das Geld verdienen.

Die „vergangenen Jahre“ und die Erwähnung von Maradona und Caniggia beziehen sich auf die WM 1990 in Italien und den dortigen 1:0-Sieg der Argentinier gegen den Favoriten Brasilien – nach einem tollen Solo von Maradona und dem anschließenden Treffer durch Caniggia. Argentinien erreichte das Finale, verlor dort aber gegen Deutschland nach einem von Andi Brehme verwandelten Elfmeter im Anschluss an ein „Foul“ an Rudi Völler, das man (nicht nur) in Argentinien für eine klare Schwalbe hielt – allerdings nach zwei Szenen, in denen man zuvor durchaus Elfmeter hätte geben können. Im deutschen Fernsehen sprach man damals von einer „Konzessionsentscheidung„.

Der Rest ergibt sich von selbst. Und hier ist der Song mit „etwas“ mehr Pop-Appeal als „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid!“ noch einmal zum Genießen:

9 thoughts on “„Sprech ich Spanisch?“

  1. In der weiteren Übersetzungsperspektive ja auch noch interessant, dass die Argentinier ihren erhofften Weltmeisterschaftssieg mit einem Song abfeiern, in dem es eigentlich um die Angst vor dem Weltuntergang geht. Das ist dann aber nicht mangelnde übersetzerische Kompetenz, sondern gelungene Reinterpretation.

  2. Ja, genau deswegen sind die Argentinier in Lateinamerika so beliebt. Denn sonderlich ironisch sind ihre Songs, ihr Überlegenheitsdenken nicht gemeint. Und gegenüber Brasilien (und anderen mestizischeren Nationen) geht das dann auch noch oft mit einer rassistischen Komponente einher, Argentinien als weiße, auf europäischem Fundament errichtete Nation. Vieles erinnert bei Argentiniern im Ausland immer an Deutsche, Nase ganz hoch und sich selber für die absolute Krone der Menschheit halten.

    Wie macht man sehr schnell und einfach Gewinn? Man kauft einen Argentinier für seinen wahren Preis ein und verkauft ihn für den Preis, den er selber für angemessen hält. Die Gewinnspanne ist groß.

    1. Genau. Kritik am Rassismus „der“ Argentinier mit einem kleinen blöden Zuschreibungswitz beenden, dessen „Humor“ auf Menschenhandels-Fantasien beruht. Großes Kino, Zzz.

      1. Es bezieht sich auf Fußballspieler, gängiger Witz über argentinische Fußballer… aber klar, ich spreche von Menschen- oder gar Sklavenhandel!

        Und natürlich ist der Rassismus „der“ Argentinier pauschalisiert, aber nun gut, sie haben scheinbar ihr idealisiertes Bild, manche meinen ja auch, man könne nicht vom Rassismus „der“ Deutschen sprechen.

        1. Ich habe überhaupt kein Bild. Der Artikel geht auch überhaupt nicht darum, ob der Song nun inhaltlich 1A ist – oder wie es um den Rassismus in Argentinien steht. Es steht lediglich eines fest: Der Humor des Liedes ist besser als Ihrer.

          1. Maue Antwort. Abgesehen davon, dass man dir einen Witz od. was auch immer, nachtraeglich erklaeren muss…

  3. Zweifel an den Spanischkenntnissen im deutschen Sportjournalismus kamen mir schon wegen der penetranten Angewohnheit, den Vornamen Sergio Romeros italienisch auszusprechen. Bei Feinheiten wie der Unterscheidung zwischen el papá (der Papa) und el papa (der Papst) hört’s dann wohl endgültig auf.

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