Rechtsrockdesaster in Gera

Seit mehr als einem Jahrzehnt zählt das „Rock für Deutschland“ in Gera zu den Rechtsrock-Großveranstaltungen der extremen Rechten in Deutschland. Eingebrochene Besucherzahlen und nicht erscheinende Musiker sorgten diesmal für wenig braune Freude und einen Szenestreit.

Von Felix M. Steiner

Es ist ein beklemmendes Gefühl, wenn eine Band mit dem Namen „Heiliges Reich“ Textzeilen singt wie „…die Züge sind voll, die Stimmung ist toll, die Fahrt geht Richtung Osten…der Guido steigt gleich von hinten ein…“. Volksverhetzung sei das wohl nicht, sagt ein Polizeibeamter am Rande. All das mitten auf dem Bahnhofsvorplatz in Gera, nicht versteckt in irgendeinem Hinterzimmer. Doch das gespielte Lied zählte am letzten Samstag nicht mal zu den verbotenen Songtexten. Ohnehin hatte das Rechtsrock-Openair nur wenig für das einschlägige Publikum zu bieten. Schon im Vorfeld war in der Szene das kaum interessante Programm diskutiert wurden. Und die Vorzeichen sollten sich auch in den Besucherzahlen niederschlagen. Kaum 300 Neonazis konnte die NPD mit ihrer Veranstaltung noch ins thüringische Gera ziehen. Dies ist ein Einbruch der Besucherzahlen um mehr als die Hälfte. Im Jahr 2009 waren es sogar noch 3.000 – 4.000 Neonazis, die damals für das extrem rechte Spektakel anreisten. Dieser Rückgang dürfte auch für die NPD ein herber Rückschlag gewesen sein: Nicht nur, dass damit auch ein erheblicher Rückgang der Einnahmen zu verzeichnen sein dürfte, auch die Mobilisierung für die anstehenden Landtagswahlen sollte damit deutlich weniger gut gelungen sein. Die in der extrem rechten Szene wenig bedeutenden Redner waren vor allem Thüringer NPD-Funktionäre, die zu Teilen auch über den Wahlkampf und die Mobilisierung sprachen. Wirklich deutlich wurde bei seiner Rede vor allem der Inhaber des Germania-Versandes und NPD-Funktionär Patrick Weber aus dem Kyffhäuserkreis. Er zeichnete deutlich seine Vision nach einem „Wegbruch des gesamten Sozialsystems“:

Für die einen, liebe Freunde, geht es dann nach Hause. Für die anderen wiederum wegen Hochverrats auf die Anklagebank. Und für das eigene Volk in eine Volksgemeinschaft, in der Wohlstand und Arbeit nicht länger Mangelware sein soll. Ein anderen Verlauf wird in der Zukunft kaum denkbar sein…

Somit scheint die Vision der Thüringer NPD gut beschrieben. Immerhin kandidiert Weber auf Listenplatz 6 für den Thüringer Landtag im September 2014. Aber weder Weber noch die anderen Redner konnten das Publikum begeistern: große Zustimmung oder tosender Applaus war von den wenigen Anwesenden kaum wahrzunehmen.

Minimiertes Musikprogramm und Szenestreit

 Das von Teilen der Szene ohnehin schon als langweilig eingestufte Musikprogramm konnte am Tag selbst nur noch in minimierter Form stattfinden. Der obligatorische Frank Rennicke hatte wohl aus Krankheitsgründen abgesagt. Für die Absage der Band „Strafmass“ fehlten dem Veranstalter und NPD-Funktionär Gordon Richter allerdings die verständnisvollen Worte. Richter behauptete, die Band habe erst eine Stunde vor der Veranstaltung abgesagt und bezeichnete dies als „asozial“ und „unkameradschaftlich“. Dass Richter wohl so gar nicht erheitert war über die Absage, führte auch dazu, dass er den anwesenden Neonazis, die eine derartige Veranstaltung organisieren wollen, empfahl, „Strafmass“ nicht einzuladen. Merkwürdig an Richters Darstellung ist nur, dass bereits am Vortag auf der offiziellen Facebookseite des „Rock für Deutschland“ ein User behauptete, „Strafmass“ würde nicht kommen, da ein Bandmitglied nicht frei bekommen habe. Wie dies zusammenpasst, ist unklar. Mittlerweise kursiert offenbar auch ein Statement der Band in rechten Foren, die Richters Darstellung ebenfalls widersprechen und eine Absage bereits Wochen zuvor gegeben haben wollen. Auf Veranstaltungen der Organisatoren des „Rock für Deutschland“ werde man nicht mehr spielen, heißt es weiter.

Die noch verbliebenen Bands wiesen überdies zum Teil erhebliche personelle Überschneidungen in der Besetzung auf, so dass weite Teile der Zeit mit Rechtsrock vom Band bestritten werden musste. Kurzfristig sprang ein als Gast anwesender Liedermacher ein. Mit dem Auftritt von „Liedermacher Tobias“ versuchte man nun den Tag zu retten. Doch dies konnte kaum gelingen. Nachdem eine Band ein indiziertes Lied gespielte hatte, beendeten die Veranstalter das Konzert gegen 19.30 Uhr von allein.

Siehe auch: NPD-Event in Gera: Rock für die Wahlkampfkasse

4 thoughts on “Rechtsrockdesaster in Gera

  1. Etwas zu dem spielen des indizierten Liedes. Was ich erschreckend finde, ist die Tatsache, dass die Lieder vorher vom Ordnungsamt genehmigt wurden, somit auch das Indizierte. Sitzen in dem dafür zuständigen Amt vielleicht selbst Neonazis?

    1. Diw Frage was für Leute da in dem Ämtern sitzen, müssen wa uns doch nich wirklich stellen, oder…?

  2. Naja, was als Volksverhetzung gilt und was nicht, wird auf Grundlage des relevanten Gesetzes ermittelt. Kann gut sein, dass der zitierte Text haarscharf an den entsprechenden rechtlichen Grenzen entlangschrammt. Ich bin sicher, dass man auch revisionistische oder menschenverachtende und einem Willen zur Volksverhetzung entspringende Inhalte verbreiten kann, ohne den Tatbestand der Volksverhetzung formal zu erfüllen.

Comments are closed.