Mahler & Rabehl: Gescheiterte Alu-Hüte?

Das Buch von Manuel Seitenbecher mit dem Titel „Mahler, Maschke und Co. – Rechtes Denken in der 68er- Bewegung“1 kommt angesichts der Montagsdemos zur richtigen Zeit. In seiner Analyse aber bleibt es ungenau. 

Von Martin Jander

Seitenbecher untersucht den jetzt schon etwas zurückliegenden Anlauf von politischen Aktivisten aus der APO, am Ende der 90er Jahre, ein Bündnis aus Linken und Rechten, eine „Querfront“ wie Bernd Rabehl das nannte, zu formieren.2 Horst Mahler, Reinhold Oberlercher, Günter Maschke u. a. suchten damals ihre früheren Freunde aus der APO in ein Bündnis mit der sich umprofilierenden Neuen Rechten zu führen. Diese Neue Rechte witterte auf der Welle der rassistischen Anschläge, den Morden an Migrantinnen, Verwüstungen jüdischer Friedhöfe u. a. m. in den 90er Jahren eine neue politische Chance.

Rechtsextreme Randalierer im Gespräch mit der Polizei in Rostock-Lichtenhagen.
Rechtsextreme Randalierer im Gespräch mit der Polizei in Rostock-Lichtenhagen.

Bislang ist ein solcher Erfolg, der sich in Mandaten und Parlamentssitzen rechnen ließe, weitgehend ausgeblieben. Die Aktivisten von damals sind gescheitert. Horst Mahler sitzt wegen fortlaufender Holocaustleugnung und anderer Dinge in Haft, er schreibt und verbreitet weiter antisemitische Schriften. Die werden ihm möglicherweise noch weitere Jahre Haft einbringen. Bernd Rabehl hat kurz vor einem voraussehbaren Scheitern als Bundespräsidentenkandidat für NPD und DVU im Jahr 2009 einen Rückzieher gemacht. Nach einer voluminösen Rede zum Neujahrsempfang 2009 der NPD-Landtagsfraktion in Sachsen ist es ziemlich still um ihn geworden.

Als die heute gescheiterten APO-„Aluhüte“ Mahler, Rabehl, Oberlercher u. a. am Ende der 90er Jahre ihr Projekt einer „Renationalisierung“ der Bundesrepublik vortrugen, besser ihre Abschaffung forderten und die Formierung einer rechtspopulistischen Querfrontbewegung anvisierten, haben viele ihrer ehemaligen Mitstreiter aus der APO heftig protestiert und behauptet, dass solcher gegen die Demokratie, die USA, Israel, Juden und Einwanderer gerichtete Hass, sich nicht auf linke Traditionen berufen könne. „Nationalisten waren wir nie“3 war eine der Erklärungen vom Januar 1999 überschrieben. Horst Mahler wurde aus dem Freundeskreis des früheren SDS in Berlin exkommuniziert und Bernd Rabehl, wenn auch zögerlich, ebenfalls.

maschkeManuel Seitenbecher zeigt in seinem Buch, dass die Behauptung, nationalistisch sei man nie gewesen, nur halb richtig ist. In der Feindschaft gegen die USA, gegen Israel und in der Bejahung nationaler Befreiungsbewegungen konnten sich Horst Mahler, Reinhold Oberlercher, Bernd Rabehl, Günter Maschke sehr wohl auf Theoreme der 68er Revolte berufen. Rabehl und Dutschke wollten der internationalistisch ausgerichteten Bewegung schon damals einen deutsch-nationalrevolutionären Drall geben und ihre Stoßrichtung gegen die alliierten Truppen in Deutschland richten. Antiamerikanismus, Antizionismus und die Unterstützung nationaler Befreiungsbewegungen in Lateinamerika waren genuine Gehalte vieler 68er.

Seitenbecher zeigt auch, dass bereits in der Hochzeit der APO und in der Zeit ihrer Zersplitterung in kommunistische Sekten in den 70er Jahren, die sich neu formierende Neue Rechte, der die NPD zu brav und muffig war und die auch terroristische Anschläge auf Einwanderer lancierte, viele Anliegen der APO kopierte und auf ihre Mühlen zu lenken suchte. Besonders anschlussfähig schien ihr der antiimperialistische und nationalrevolutionäre Duktus, das gegen die USA, Israel und das westliche System gerichtete Denken und Handeln. Einen der wesentlichen Wortführer dieser Neuen Rechten, der das Konzept des „Ethnopluralismus“ in der Bundesrepublik popularisierte, den damaligen Neonazi Hennig Eichberg, stellt Seitenbecher in seiner Studie vor. Er wanderte im Unterschied zu Rabehl u. a., die sich aus der Neuen Linken kommend der Rechten zuwendeten, von ganz weit rechts auf den linken Flügel der dänischen Sozialdemokratie.

Die Aktivisten des Querfrontprojekts vom Ende der 90er Jahre sind gescheitert. Aber die Potentiale für einen politischen Durchbruch eines rechtspopulistischen Aufbruchs sind in der Bundesrepublik wie in anderen europäischen Staaten, im Osten wie im Westen, vorhanden. Überall in Europa zeigt sich, dass die Aktivisten solcher Aufbrüche nicht nur aus den Reihen der üblichen Verdächtigen, faschistischen Gruppierungen, rechten Kameradschaften, neo-nazistischen Netzwerken etc. kommen, sondern dass sie sich deutlich auch aus linken Zusammenhängen, Organisationen und Bewegung speisen.

Ein Demonstrant wirbt auf seinem Shirt für Ken Jebsen, früher beim RBB. (Foto: Oliver Feldhaus)
Ein Demonstrant wirbt auf seinem Shirt für Ken Jebsen, früher beim RBB. (Foto: Oliver Feldhaus)

Gegenwärtig versuchen es die Organisatoren der sogenannten „Montagsdemonstrationen“ vor dem Brandenburger Tor mit einem neuen Anlauf. Sie wollen ein jugendliches Publikum begeistern. In der Mitte der Gesellschaft sucht die „Alternative für Deutschland“ die in die Jahre gekommenen Lehrer, Ärzte, Professoren und Rechtsanwälte gegen den Westen zu mobilisieren. Die Verachtung der USA, die Delegitimierung Israels, die Abwendung von Europa, die Enttäuschung an der Parteiendemokratie und Rassismus sind in der Gesellschaft weit verbreitet. Bislang hat, so scheint es, die Bundesrepublik lediglich Glück gehabt, dass es keinen deutschen Jörg Haider, Geert Wilders oder eine Marine Le Pen gibt. Dem offenen Antisemiten und RAF-Gründer Horst Mahler, dem irrlichternden Ex-Soziologen Bernd Rabehl und dem Verfechter eines „Vierten Reichs“ Reinhold Oberlercher fehlten für eine solche Rolle die bürgerliche Fassade.

Bei allen starken Seiten die an diesem Buch hervorzuheben sind, lassen sich auch wesentliche Schwachpunkte erkennen. Die Studie ist angelegt, diejenigen Autoren genauer unter die Lupe zu nehmen, die am Ende der 90er Jahre im Verdacht standen oder explizit artikulierten, eine Querfrontbewegung anstoßen zu wollen. Der Autor fragt, ob es denn tatsächlich stimmt, wie damals in vielen linken aber auch liberalen Zeitungen zu lesen war, dass Rabehl, Mahler u. a. schon am Ende der 60er Jahre deutsch-nationalrevolutionäre Propaganda betrieben hätten, die sich nur in Nuancen von neonationalsozialistischer Propaganda unterscheidet. Manuel Seitenbecher bringt an diesem Bild, das bei einigen der untersuchten Aktivisten auch ein Selbstbild war, die notwendigen Differenzierungen an.

Nicht zu übersehen ist dabei jedoch, dass er einige der vorgestellten Autoren sehr weich zeichnet. Vom Ex-Neue-Rechte-Wortführer und Ehtnopluralisten Hennig Eichberg hat er sich gar so sehr beeindrucken lassen, dass er dessen Rolle für die Herausbildung der Neuen Rechten in der Bundesrepublik nur sehr ungenau aufblättert. Die Behauptung des heute als Sportwissenschaftler in Dänemark arbeitenden Eichbergs, er habe mit seinen früheren Positionen vollkommen gebrochen, untersucht Manuel Seitenbecher nicht. Die Untersuchung von Clemens Heni über Eichberg4, in der dargelegt wird, dass Eichberg seine Positionen aus den 70er Jahren lediglich umprofiliert hat, heute die soziale Seite eines völkischen Projektes stärker hervorhebe wie viele der Rechtspopulisten in Europa, tut Seitenbecher einfach als Denunziation ab. Seitenbecher hat Henning Eichberg sogar zum Berater bei der Abfassung seiner Doktorarbeit gemacht und dankt ihm für seine Hilfe ausdrücklich.

Horst Mahler vertrat die NPD in dem Verbotsverfahren (Foto: M. Reisinger)
Horst Mahler vertrat die NPD in dem Verbotsverfahren (Foto: M. Reisinger)

Darüber hinaus zeigt sich auch bei Manuel Seitenbechers Darstellung von Horst Mahler, dass biographische Details der dargestellten Personen nicht wirklich akribisch nachgegangen wurde. Horst Mahler selbst hat mehrfach öffentlich herausgestellt, dass er aus einer deutlich nationalsozialistischen Familie stammt. Sein Vater hat sich aus Gram über den Sieg der Alliierten nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft selbst getötet. Es lässt sich also mit einiger Berechtigung sagen, dass der Holocaustleugner Horst Mahl heute dort angekommen ist, von wo er einmal aufbrach, dass er lediglich einen Umweg über den linken Radikalismus genommen hat. Seitenbecher, der vorwiegend schriftlich fixierte Äußerungen seiner untersuchten APO-Aktivisten zusammenträgt, behauptet, dass Mahler in seiner Jugend keineswegs die Haltungen seiner Eltern vertreten habe.

Lesetipp: Biografie von Horst Mahler – eine mindestens doppelte Wandlung

 

Auch in Sachen Bernd Rabehl bleibt Seitenbecher am Ende ungenau. Rabehl hat sich im Kontext einer Rede vor der rechtsradikalen Burschenschaft „Danubia“ im Dezember 1998 und der danach aufbrandenden Kritik an ihrem völkischen und sekundärantisemitischen Duktus auch immer antisemitisch artikuliert. Insbesondere sei es Israel, aber auch von Rabehl nicht genauer benannte Geheimdienste, die mit der „Auschwitzkeule“ jede Kritik am Kurs Europas, der USA und Israel unterdrückten, formulierte Rabehl mehrfach. Er sieht sich selbst als Opfer einer solchen Verschwörung mit dem „Antisemitismustabu“.5 Manuel Seitenbächer behauptet, Rabehl habe sich nie offen antisemitisch und auch nicht gegen Israel artikuliert.

Solche bei einer ersten Lektüre des Buches zunächst nebensächlich scheinenden Ungenauigkeiten des Autors stehen, ist man bis zum Ende des gut lesbaren dicken Wälzers vorgedrungen, durchaus in einem Zusammenhang. Manuel Seitenbecher ist zwar in einem eigenen nur kurzen Kapitel der Frage nachgegangen, wie sich die von ihm untersuchten APO-Aktivisten mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzten und welche Bedeutung dieser Auseinandersetzung für ihre Haltung zu Israel und jüdischem Leben hat. Das Kapitel fällt allerdings sehr kurz aus und scheint der Arbeit mehr oder minder lediglich angefügt.

Der nur zu gut begründeten Behauptung, die seit Jahren von Autoren wie Dan Diner, Ralph Giordano, Micha Brumlik, Henryk Broder, Andrei Markovits, Martin Kloke, Wolfgang Kraushaar und vielen anderen vertreten wird, dass der radikale Antiamerikanismus und die unumwunden artikulierte Israelfeindschaft vieler 68er, die Gleichsetzung amerikanischer und israelischer Politik mit den deutschen Verbrechen eine projektive Entlastung darstelle, geht Manuel Seitenbecher nicht wirklich nach.

Er hängt offenbar der Auffassung an, dass „rechts“ und „links“ in den beiden deutschen Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus nach der Schoah in klassischer Weise fortexistierten. Ihre Unterfütterung mit antiamerikanischen, antisemitischen und antirussischen Stereotypen, die den Versuch der Schuldabwehr zum Ausdruck bringen, nimmt Seitenbecher nicht wahr. Das ist bei aller sonst zu lobenden Akribie, die Seitenbecher in der Recherche nach bislang nur selten analysierten Dokumenten zuzusprechen ist, ein erheblicher Mangel dieses Buches.

Dieser analytische Mangel könnte dazu verleiten, die Nachfolger der APO-Aluhüte vor dem Brandenburger Tor und im Europaparlament nicht als die Gefahr wahrzunehmen, die sie darstellen. Der am Ende der 90er Jahre zunächst gescheiterte Versuch der Bildung einer rechtspopulistischen Partei und Bewegung vom Typ „Querfront“, transportiert erneut den Wunsch nach Entlastung von den deutschen Verbrechen. Wer die Politik der USA und Israels dämonisiert, der wird am Ende auch rechts- wie linksradikalen sowie religiösen Terrorismus gut heißen. Rabehl-, Mahler und Oberlercher mögen gescheitert sein. Ihre Nachfolger warten wie Surfer nur auf die nächste Welle.

Manuel Seitenbecher, Mahler, Maschke & Co. – Rechtes Denken in der 68er Bewegung, Paderborn 2013, Verlag Ferdinand Schöningh, 557 S., 39.- €uro, ISBN 978-3-506-7704-1

1 Siehe: Manuel Seitenbecher, Mahler, Maschke & Co. – Rechtes Denken in der 68er Bewegung, Paderborn 2013, Verlag Ferdinand Schöningh, 557 S., 39.- €uro, ISBN 978-3-506-7704-1

2 Die Forderung eine „Querfront“ aus rechten und linken Amerikagegnern in Europa aufzubauen, hat Bernd Rabehl am 8. Februar 2009 in einem Vortrag bei der nationalistisch-völkischen „Partei National Orientierter Schweizer“ (PNOS) vorgestellt.

3 Vgl. hierzu: Nationalisten waren wir nie – Ehemalige 68er SDS-Mitglieder distanzieren sich von Mahler und Rabehl – Januar 1999 (http://www.isioma.net/sds00199.html)

4 Vgl. hierzu: Clemens Heni, Salonfähigkeit der Neuen Rechten, Marburg 2007.

5 Siehe hierzu: Interview von Moritz Schwarz mit Bernd Rabehl in der Jungen Freiheit: „Nicht herumschubsen lassen“, in: Junge Freiheit vom 28. Mai 2004.

2 thoughts on “Mahler & Rabehl: Gescheiterte Alu-Hüte?

  1. Ein vorzüglicher Text! Danke. (Eine winzige Mäkelei sei jedoch gestattet: Ob man sich nun gerade, argumentierend,auf Dr. Clemens Heni beziehen muss – na, das ist vielleicht eine „Geschmackssache“…).
    Ergänzend verwiesen sei auf den Dokumentarfilm „Die Anwälte“, in dem wir Horst Mahler und seine nostalgische Verehrungen der – im Beitrag erwähnten – Hitler-Bewunderungen seines Vaters mehrfach erleben:

    1. Sehr geehrter urideg. Danke für Ihr Lob. Ich weiß was Sie sagen wollen über Clemens Heni. Sein Buch über Henning Eichberg ist aber wirklich gut. Es soll so was geben, dass Menschen gute Analysen schreiben aber als politische Publizisten Unsinn verzapfen. Also schauen Sie doch mal in das Buch von Heni rein oder lesen Sie seinen hier verlinkten Artikel zu Eichberg.

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