Antonio Speziale: TV-Bericht zum Fall des “Polizistenmörders” im italienischen TV

Erstmals hat sich in Italien eine überregionale TV-Anstalt ausführlich mit dem „Fall Speziale“ beschäftigt. Nach all den Gemeinplätzen, Oberflächlichkeiten, Polizeiberichten und Vorverurteilungen zeigte La7 Mitschnitte der Überwachungskameras, spricht mit Augenzeugen, Polizisten und Ultràs, zitiert Gutachten und Gerichtsverfahren. Der Sender macht also Journalismus im eigentlichen Sinne.

Von Kai Tippmann, Altravita

Es gibt ihn noch, den Journalismus. Am Freitag, den 27. Juni 2014, wurde auf La7 eine Sondersendung von „Servizio Pubblico“ ausgestrahlt, der erste Teil hieß bedeutungsschwanger „Der Fußball ist tot“ und war dem kürzlich verstorbenen Napoli-Fan Ciro Esposito gewidmet. Esposito wurde vor dem italienischen Pokalendspiel in Rom durch Pistolenschüsse verletzt und ist nach 53 Tagen Agonie kürzlich leider verstorben.

Ich möchte mich aber auf den zweiten Teil beziehen, wo sich nach mehr als 7 Jahren tatsächlich erstmals eine überregionale Fernsehanstalt ernsthaft und detailliert mit dem „Fall Speziale“ beschäftigt. Oder überhaupt die offizielle Presselandschaft, abgesehen vom 7 Jahre alten Artikel von Lo Bianco und Messina im Espresso gab es zu dem Fall praktisch nur mediale Hetzjagd und unhinterfragte polizeiliche Presseberichte.

Kollage aus Solidaritätsbannern für Speziale (Foto: Kai TIppmann, altravita.com)
Kollage aus Solidaritätsbannern für Speziale (Foto: Kai TIppmann, altravita.com)

Nach all den Gemeinplätzen, Oberflächlichkeiten, Polizeiberichten und Vorverurteilungen zeigt La7 Ausschnitte aus den Mitschnitten der Überwachungskameras, spricht mit Augenzeugen, Polizisten und Ultràs, zitiert Gutachten und Gerichtsverfahren und lässt Antonios Eltern und die Familie des mitverurteilten Daniele Micale sowie den Anwalt von Speziale zu Wort kommen. Der Sender, der vermutlich nicht zufällig der einzige überregionale ist, der weder Berlusconi gehört noch als öffentlich-rechtliche Anstalt dem Staat, macht also Journalismus im eigentlichen Sinne. Heraus kommt, dass ich nicht ganz allein dastehe mit meinen Zweifeln am Prozess, dass die tausenden Fans, die ihre Solidarität auf Shirts und Spruchbändern viellleicht doch nicht Polizistenmord abfeiern oder von der Camorra bezahlt sind, wie es eine Kolumnistin der Süddeutschen Zeitung formulierte (Publikative kommentierte).

Und wie das so ist, wenn sich Journalisten auf ihre Aufgabe konzentrieren, statt vorgefertigte Stimmungen zu publizieren, findet sich in dem Film all das, was u.a. ich selbst in vielen Artikeln und unserem Dokumentarfilm über Fankultur in Italien unterstrichen habe. Es gibt massive Zweifel am Prozess. Ich habe mich also wohl doch nicht in blinder Solidarität verrannt. Im Folgenden der sehr bewegende Bericht. Wer italienisch spricht, sollte ihn sich ganz ansehen, allen anderen seien zumindest folgende Szenen ans Herz gelegt:

  • 3’39“ – Der Videomitschnitt der Überwachungskamera, der das angebliche „Tatgeschehen“ zeigt. Diese Aufnahme stellt letztlich den einzigen „Beweis“ für die Anklage und Verurteilung Antonio Speziales dar. Zu sehen ist eine Gruppe Ultràs, die mit dem berüchtigten Blech aus einem Waschbeckenunterbau auf ein Einlasstor bzw. die dahinterstehenden Polizisten anrennt. In der nächsten Einstellung fliegt das Blech auf den Boden. Nicht erkennbar ist, ob dabei irgendjemand getroffen wurde, Speziale und Micale bestreiten dies.
  • 5’45“ – Speziales Anwalt Giuseppe Lipera mit einem baugleichen Blech, das ich selbst schon in den Händen hielt. Hier erkennt man gut die Dimensionen und das Gewicht des Teils.
  • 6’28“ – Ein Videomitschnitt der Versuche des berühmtesten Kriminaltechnischen Instituts Italiens, der RIS Parma, die auf 14 verschiedene Arten und Weisen eine Schaufensterpuppe mit einem solchen Blech angreifen um herauszufinden, ob die Risse an Racitis Uniform mit einem solchen Angriff vereinbar sind. Bei 9 Versuchen war das auszuschließen, so dass die Beamten zu dem Schluss kamen, es spräche „mehr dagegen als dafür“, dass das Blech bzw. die Verletzungen auf einen solchen Angriff zurückzuführen sein könnten.
  • 12’57“ – Ein Mitschnitt einer Anderen Überwachungskamera, die den Polizisten Filippo Raciti 15 Minuten vor dem vermeintlichen Unfall zeigt, bei dem er laut Verteidigung beim Zurücksetzen von seinem eigenen Defender-Jeep angefahren wurde. Er war zu diesem Zeitpunkt laut Urteil bereits seit einer Stunde und fünfzehn Minuten verletzt im Dienst, mit einem Riss der Lebervene und vier gebrochenen Rippen (!). Macht euch selbst ein Bild.
  • 28’44“ – Szenen vom Begräbnis Ciro Espositos. Sie haben zwar mit dem Fall nichts zu tun, sind aber höchst emotional.

http://www.serviziopubblico.it/2014/06/servizio-pubblico-piu-chi-ha-ucciso-lispettore-raciti/

Das Urteil gegen Antonio Speziale ud Daniele Micale sieht es also als „über jeden sinnvollen Zweifel erhaben“ erwiesen an, dass am Tatabend um 19.05 Uhr der Inspektor Filippo Raciti durch einen Angriff mit einem Blech aus einem Waschbeckenunterbau 4 gebrochene Rippen davontrug und einen Riss der Lebervene. Wie auch Anwalt Lipera im Film nochmals erklärt, setzte also der Polizist seinen Dienst noch bis 20.30 Uhr fort, ohne jemals über Schmerzen zu klagen oder seinen Kollegen Anlass zu geben, eine solch schwerwiegende Verletzung anzunehmen.

Vor diesem Hintergrund sind die Aussagen seines Fahrers Lazzari interessant, der bei einer Befragung kurz nach den Ereignissen seinen ermittelnden Kollegen – es ermittelte Racitis Einheit selbst – gegenüber sogar zweimal angab, er hätte beim Zurücksetzen des in dichten Rauch gehüllten Fahrzeugs mit abgerissenen Seitenspiegeln einen „Aufprall“ gehört und hätte danach Raciti gesehen, der sich die Hände an den Kopf führte und zusammensackte. Gemeinsam mit einem Kollegen hätte er seinen Chef in den Jeep verbracht und aus der Gefahrenzone entfernt. Dem gegenüber gestellt wird auch die Aussage zwei Jahre später vor Gericht, wo aus dem Aufprall, „botta“, plötzlich ein Knall, „botto“, geworden war (ein Böller also) und Raciti sich nun 10 Meter vom Jeep entfernt befand. Wegen dieser widersprechenden Aussagen hat Antonio Speziales Mutter diesen Beamten im letzten Jahr wegen Falschaussage angezeigt. Die im Film auftretenden Ultràs geben – als Augenzeugen – an, dass Raciti zwischen Jeep und Geländer eingequetscht wurde. Ich persönlich kann mir dabei Rippenbrüche durchaus vorstellen. Danach wurde der Polizist ins Krankenhaus gebracht, wo er später leider verstarb.

Nicht erwähnt im Film sind die beiden sich widersprechenden Autopsieergebnisse, die sich mit dem großflächigen Hämatom beschäftigen und der Frage, ob so eine massive Blutung in kurzer Zeit (Unfall bis Notaufnahme) oder über mehrere Stunden (Angriff von Speziale und Micale bis Notaufnahme) zu den Leberverletzungen passt. Raciti wurde zyanotisch, blau angelaufen, und mit massiven Atemwegsbehinderungen in die Notaufnahme eingeliefert. Laut Anwalt Giuseppa Lipera passt das besser zu einem Unfallgeschehen als zu einer plötzlichen Zustandsverschlechetrung nach anderthalb Stunden Dienst mit vier gebrochenen Rippen. Ebenso erzählt der Anwalt von der medialen Vorverurteilung, als italienische Zeitungen bereits anch der Festnahme des Verdächtigen unisono titelten „Wir haben den Mörder“. Die befragten Ultràs greifen diesen Gedanken auf und antworten, befragt nach ihrer Meinung, wieso Speziale und Micale verurteilt wurden, sinngemäß: „Man brauchte einen Schuldigen. Man hatte sich so auf Speziale und Micale versteift, dass man nicht mehr zurück konnte, ohne sein Gesicht zu verlieren.“ Ebenso wird eine versteckte Aufnahme von Speziale aus der Untersuchungshaft gezeigt, in der er gegenüber einem Mithäftling die Tat bestreitet. Dankenswerterweise wird auch ein versteckter Mitschnitt gezeigt, in dem die Eltern von Micale gegenüber ihrem inhaftierten Sohn von einem Autoelektriker sprechen, der ein Handyvideo vom Unfall hätte. Dieser Spur wurde nie ernsthaft nachgegangen, durch die Journalisten befragt äußert dieser lediglich, am Tattag gar nicht im Stadion gewesen zu sein und überhaupt „nichts zu wissen“.

Insgesamt hat diese Dokumentation also, wenn nichts anderes, zumindest unterstrichen, dass es jede Menge berechtigter Zweifel an der Urteilsfindung (Speziale wurde zu 8 Jahren Haft verurteilt) zum Tod von Filippo Raciti gibt. Zweifel, die tausende Fußballfans in der ganzen Welt als „Speziale Libero“ oder „Speziale innocente“ in die Stadien tragen; nicht nur der Napoli-Capo „Genny ‚a Carogna“, der mit seinem T-Shirt beim Pokalfinale den Anlass gab, sich in dieser Sendung als Reaktion auf den Tod Ciro Espositos endlich einmal ernsthaft und objektiv mit dem „Fall Speziale“ zu beschäftigen.

Anstatt absurde Strafen für diese Art der freien Meinungsäußerung zu fordern (ein Fußballer wurde u.a. mit Stadionverbot belegt, weil er ein T-Shirt mit der Aufschrift „Speziale ist unschuldig“ in die Fernsehkameras hielt). Die bewegendsten Minuten aber schenkte uns Antonella Leardi, die Mutter von Ciro Esposito (ab 10’30“), die mit sanfter, warmherziger Stimme, vom schweren Leben im neapolitanischen Staddteil Scampia spricht und von der Welle der Solidarität und Unterstützung, die ihr von Ultràs aus der ganzen Welt entgegengebracht wurde. Sie, sicherlich unverdächtig, ein „krimineller Straftäter“ aus der Kurve zu sein, erzählt von der großen Liebe ihres Sohns zu seiner Stadt, seinem Kiez und seinem Verein, sie spricht von der Solidarität der „einfachen Leute“. Und vor allem spricht sie vom totalen Versagen des Staates und seiner Institutionen, die sich über bestimmte Teile ihrer Bevölkerung immer nur dann äußert, wenn es sie zu verdammen gilt, eine Schuld abzuschieben oder eigenes Versagen zu kaschieren ist. In den ruhigen, warmen Worten einer Mutter führt sie die ganze Kaltherzigkeit eines Staates vor, der bestimmte Teile seiner Wähler praktisch sich selbst überlässt und einer Presse, die zehntausende dieser Menschen per Tastatur außerhalb der Gesellschaft stellt.

Ich schließe mit den Worten von Matteo Falcone auf Sportspeople:

Am Ende ist es in Ordnung so. Am Ende ist es gut so. Das Wichtige, die eigentliche Nachricht ist, dass man die Scheinwerfer wenigstens wieder einmal auf den Fall Raciti-Speziale gerichtet und dabei diesmal wenigstens versucht hat, dies ausgewogener und analytischer zu machen als die, die geglaubt haben, ihr Job als Journalisten wäre es, die Hosen herunterzulassen und als angenommene Wahrheit all das Willkommen zu heißen, was die Polizeibehörden verteilt haben. Polizeibehörden, die selbst in den Fall einbezogen sind und als solche selbstverständlich nicht unvoreingenommen sind und sich in einem eindeutigen Interessenskonflikt befinden.

Siehe auch: “Speziale Libero”: Die Meinungsfreiheit der anderen