Serbien: Rechte Ultras, Kirche, Schwulenhass

Ultranationalismus und Ressentiments gegen ethnische und sexuelle Minderheiten haben in Serbien jahrelang zum Mainstream gehört. Dank der EU-Integration geben sich ehemalige Radikale nun rhetorisch und politisch gemäßigt. Rechtsextreme Bewegungen – auch im Umfeld von Fußball und Kirche – bleiben aber weiterhin ein Problem.

Von Krsto Lazarević, Belgrad

Die Belgrader Gay Pride ist die Veranstaltung mit dem höchsten Mobilisierungspotential für Rechtsextreme in Serbien. Dabei wurde der CSD dieses Jahr zum vierten mal hintereinander nicht genehmigt. Auch Teile der serbisch-orthodoxen Kirche und Fußball-Ultras stellen sich offensiv gegen das Demonstrationsrecht von LGBTIQ-Personen und rufen offen zur Gewalt auf. Es gibt personelle Überschneidungen zwischen Fußball, Kirche und rechtsextremen Organisationen.

Neben der Homophobie sind Antiziganismus, Islamophobie und die Hetze gegen Kroaten und Albaner die wichtigsten Pfeiler rechtsextremer Ideologien in Serbien. Diese fordern ein Großserbisches Reich, zudem soll sich Serbien an Russland annähern und dafür vom EU-Kurs abkehren.

Im Parlament ist derzeit keine rechtsextreme Partei vertreten, was auf eine serbische Besonderheit zurückzuführen ist. Die Regierungspartei SNS (Serbische Fortschrittspartei) hat sich im Zuge der EU-Integration Serbiens von der SRS (Serbische Radikale Partei) abgespalten, um eine proeuropäische Agenda zu verfolgen. In Folge dieser Spaltung hat sich die SNS sowohl rhetorisch als auch politisch gemäßigt. Allerdings besteht die serbische Regierung vorwiegend aus Personen die in den ultranationalistischen und rechtsextremen Diskursen der SRS sozialisiert wurden, darunter der amtierende Ministerpräsident Aleksandar Vučić.

Keine Ausnahme

Völkisch-nationalistische und rechtsextreme Ideologien sind keine Ausnahmeerscheinung in der serbischen Gesellschaft, sondern finden sich auch bei namhaften Intellektuellen, politischen Eliten, sowie bei der einflussreichen serbisch-orthodoxen Kirche. Kritiker die sich gegen die nationalen Mythen aussprechen, die inzwischen zum staatlich verordneten Geschichtsbild aufgewertet wurden, werden weiterhin heftig angegriffen.

Folgende Organisationen und Parteien sind unter anderem rechts des hegemonialen Diskurses in Serbien zu verorten:

Rechte Ultras: Alle bekannten Mannschaften, insbesondere Roter Stern, Partizan und OFK Belgrad, sowie Vojvodina Novi Sad, werden von organisierten rechtsextremen Gruppen unterstützt, die durch Gewaltexzesse auf sich aufmerksam machen. Der Fußball in Serbien wird seit den 1980er Jahren massiv von rechts unterwandert. Anfang der 1990er Jahre organisierte Željko Ražnatović paramilitärische Freiwilligenbrigaden aus dem Umkreis von Ultras des Roten Stern Belgrads, welche in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo für Massenmorde, systematische Vergewaltigungen und Vertreibungen verantwortlich sind.

Serbischer Ultra-Nationalist in Genua mit Sturmhaube und Blood & Honour-Tätowierung auf dem Arm. (Quelle: Altravita.com)
Serbischer Ultra-Nationalist in Genua mit Sturmhaube und Blood & Honour-Tätowierung auf dem Arm. (Quelle: Altravita.com)

Die Ultragruppen haben heute das größte Mobilisierungspotenzial, wenn es darum geht Rechtsextreme auf die Straße zu bringen. Den Geschichtsrevisionismus tragen viele der Anhänger durch Tätowierungen offen zur Schau. Die Verherrlichung von Adolf Hitler ist keine Seltenheit in serbischen Stadien. Es gibt personelle Überschneidungen zwischen Ultras und rechtsextremen Organisationen, sowie zur organisierten Kriminalität. Antifaschistische Ultragruppen sind eine Randerscheinung.

1389: Viele Ultras sind in der rechtsextremistischen Organisation „SNP 1389″ (serbische Volksbewegung 1389) aktiv. Diese werben mit dem Motto: “ Sport, Gesundheit, Nationalismus“ und eröffnen Fitnessparcours. SNP 1389 setzt sich für einen gesunden „Volkskörper“ und gegen Drogenkonsum und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ein. Die Gruppe beschreibt sich auf ihrer Internetseite kurioserweise als antifaschistisch. Die Hauptforderung ist die Einigung des serbischen Volkes. Die territoriale Integrität von Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Albanien und Mazedonien wird dabei in Frage gestellt. Die Gruppe leugnet den Völkermord in Srebrenica und feiert die Massaker des 11. Juli als „Tag der Befreiung Srebrenicas“. Die Gruppe erfreut sich einer gewissen Akzeptanz in der serbischen Öffentlichkeit. Teilweise wird mit riesigen Plakaten in der Belgrader Innenstadt geworben und es gibt Kontakte zu demokratischen Parteien aus dem Mitte-Rechts Spektrum.

amselfeld

Die Jahreszahl 1389 steht für die Schlacht auf dem Amselfeld, in deren Folge die serbischen Fürstentümer unter die Herrschaft des osmanischen Reichs fielen.

Serbische Radikale Partei: Bei den Parlamentswahlen 2008 konnten diese noch 30,1 % der Stimmen auf sich vereinigen und wurden somit die zweitstärkste Kraft im serbischen Parlament. Die SRS ist als politische Kraft hauptverantwortlich für die Durchsetzung und Akzeptanz geschichtsrevisionistischer Positionen in Serbien. Eine der Hauptforderungen der Partei ist die Schaffung eines Großserbiens. Der Parteigründer und Vorsitzende Vojislav Šešelj verantwortet sich derzeit vor dem internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag.

Vojislav Šešelj auf einem Wahlplakat der Serbischen Radikalen Partei (2012) (Foto nach CC-Lizenz: "Micki")
Vojislav Šešelj auf einem Wahlplakat der Serbischen Radikalen Partei (2012) (Foto nach CC-Lizenz: „Micki“)

Die SRS organisierte während der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre paramilitärische Verbände die für Kriegsverbrechen verantwortlich sind. Zudem erfreut sich die SRS der Unterstützung Rechtsextremer in ganz Europa. Jean Marie Le Pen knüpfte bereits in den 1990er Jahren enge Kontakte zur SRS und Aleksandr Dugin und seine eurasische nationalistische Bewegung veröffentlichten einem offenen Brief bei den vergangenen Wahlen indem sie die serbischen Wähler dazu aufriefen auf ihr Kreuz bei der SRS zu setzen.

Proeuropäische Abgeordnete spalteten sich 2008 von der Partei ab und gründeten die Serbische Fortschrittspartei, die bei den letzten Wahlen im März die absolute Mehrheit gewann. Die SRS hat danach stark an Bedeutung verloren und bekam bei den letzten Wahlen nur 2 % , womit sie nicht mehr im Parlament vertreten ist.

Dveri: Die derzeit wichtigste rechtsextreme Partei in Serbien rekrutiert sich vornehmlich aus reaktionären Anhängern der serbisch-orthodoxen Kirche. Die Partei gründete sich im Jahr 1999 zunächst als christlicher und rechter Zusammenschluss von Studenten der Universität Belgrad.

Bei den vergangenen Wahlen im März erhielten diese 3,6% der Stimmen und scheiterten somit wiederholt am Einzug ins Parlament. In ihren Kreisen bewegen sich auch Geistliche der serbisch-orthodoxen Kirche die gegen Schwule und den Westen hetzen. Die Partei organisiert Schlägertrupps und warnte mehrfach öffentlich, dass eine Gay Pride „Soziale Unruhen“ zur Folge haben und Belgrad brennen würde.

Obraz: Obraz wird meist als klerikal-faschistisch und neonazistisch eingestuft. Der ehemalige Führer Mladen Obradovič wurde mehrfach zu Haftstrafen verurteilt weil er öffentlich dazu aufrief Schwule zu lynchen. Auch Geistliche sind Mitglieder der Organisation. Unter anderem werden die Kriegsverbrecher Ratko Mladić und Radovan Karadžić als „letzte Helden des serbischen Volkes“ verehrt. Als am 11. Juli 2009, dem Jahrestag des Völkermords von Srebrenica, 543 Opfer des Massakers beigesetzt wurden, störten Mitglieder von Obraz die Veranstaltung und brüllten, dass der Islam ausradiert gehöre. Seit dem Verbot im Jahre 2012 wurde es ruhig um die Gruppe, allerdings sind viele Mitglieder weiterhin in rechtsextremen Zusammenhängen aktiv. Auf der Internetseite von Obraz wird zur Solidarität mit den russischen Separatisten in der Ostukraine aufgerufen und gegen „die entartete Demokratie“ in Serbien gehetzt.

Revisionistische und rechtsextreme Ansichten sind in Serbien weit verbreitet und werden in weiten Teilen der Bevölkerung als „normal“ hingenommen. Dank der Hinwendung ehemaliger Ultranationalisten zu proeuropäischen Positionen sitzt derzeit allerdings keine rechtsextreme Partei im Parlament. Diese sind zersplittert und treten nicht gemeinsam zur Wahl an, weswegen sie an der 5-Prozent-Hürde scheitern. In naher Zukunft werden werden aber wohl soziale Härten auf Serbien zukommen, welche den Nationalismus anfachen und rechtsextremen Kräften in die Hand spielen könnten.

Siehe auch: Italien vs Serbien: Arm hoch, Hose runterBewundert und gehasst – die extreme Rechte in der Ukraine,

6 thoughts on “Serbien: Rechte Ultras, Kirche, Schwulenhass

  1. „Die Verherrlichung von Adolf Hitler ist keine Seltenheit in serbischen Stadien.“
    Habe ich persönlich noch nicht gesehen in serbischen Stadien. Dass es nicht gibt will ich nicht ausschließen jedoch die Häufigkeit stark in Frage stellen.
    Bzgl. Geschichtsrevisionismus ist es doch eher so, dass die Tschetniks zu mutigen Partizanen umgedeutet werden. Das widersspricht ja dem genannten Szenario

  2. Schon der erste Satz klingt verdächtig:

    „Ultranationalismus und Ressentiments gegen ethnische und sexuelle Minderheiten haben in Serbien jahrelang zum Mainstream gehört.“

    Kann der Autor das belegen? Will er es überhaupt belegen? Offensichtlich nicht.

    Was genau soll dieser „Mainstream“ sein?

    Der Artikel ist voller Unterstellungen. Kaum eine Behauptung wird belegt. Stattdessen gibt es die üblichen anti-serbischen Klischees „Großserbien“, „Völkermord in Srebrenica“, etc.

    So trägt der Artikel bei zur Verbreitung von Vorurteilen und Klischees.

    Und das ausgerechnet in einem Land, das im 20. Jahrhundert dreimal an militärischen Überfällen auf Serbien bzw. Jugoslawien mitgewirkt hat. Die Verantwortlichen des NATO-Angriffs von 1999 laufen immer noch frei herum.

    Geradezu absurd wird es, wenn von „russischen Separatisten in der Ostukraine“ die Rede ist. Diese Menschen sind also keine „echten“ Ukrainer?! Die Faschisten in Kiev würden es nicht anders sagen.

    Nur noch zynisch, weil beschönigend, ist die Rede von „sozialen Härten“, die in Zukunft „wohl auf Serbien zukommen“ werden. Sind das irgendwie magische Kräfte, oder hat das mit bestimmten politischen Entscheidungen zu tun? Solche „Härten“ gibt es schon seit 20 Jahren, und die EU hat sie von Anfang an gefördert (u.a. durch Sanktionen).

    1. Völkermord in Srebrenica, Angriff auf Slovenien, Angriff auf Kroatien, Angriff auf Bosnien, Angriff auf Kosovo, das sind keine Behauptungen, sondern geschichtliche Tatsachen. Informieren Sie sich doch bezüglich der zivilen Opferzahlen, der bosnischen Muslime, der Albaner in Kosovo und setzten Sie das mal in Relation zu den Opferzahlen der NATO-Luftangriffe. Einfach sich mal Informieren bevor man hier versucht, die Serben zu verteidigen!!

  3. Eines hat der Autor vergessen: das ewige Opferbild der Serben. Aber zum Glück machen das die Kommentatoren aus der serbischen community ruck zuck. Einfach nur peinlich das ewige Opferbild.

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