Das deutsche Du – für Gemeinschaft und Umwelt

„Kontrolle und Kontrollverlust seien „Schlüsselbegriffe für die Selbstverständigung unserer Gesellschaft“ geworden. Das stellte unter anderem der Soziologe und Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer fest. Die Angst vor Kontrollverlust sei „leicht übertragbar auf Institutionen und das politische System insgesamt“. Doch wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Kontrolle und Kontrollverlust zu politischen Leitmotiven werden konnten? 

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin, aus dem Buch „Der Präventivstaat“

Einen interessanten Einblick in gegenwärtige Vorstellungen von Gemeinschaft und Gesellschaft bietet dafür die Kampagne „Du bist Deutschland“. Die Initiatoren aus Wirtschaft und Medien wollten nicht weniger als eine „Initialzündung einer Bewegung für mehr Zuversicht und Eigeninitiative in Deutschland“ sein. Durch die Kampagne sollten die Bürger „Selbstvertrauen und Motivation“ tanken. Und statt zu jammern, sollten „alle“ anpacken:

„Egal, wo du arbeitest. Egal, welche Position du hast. Du hältst den Laden zusammen. Du bist der Laden.“ (Aus dem „Manifest“ der Kampagne)

Diese Eigenverantwortung korrespondiert bemerkenswert stark mit der Eigenverantwortung, die der einzelne Konsument zu tragen hat, wenn es um das weltweite Klima bzw. die Rettung der Erde geht. Man soll Geld verdienen, schlank sein und gut aussehen, den Müll trennen, cool und lustig wirken, sich gesund ernähren, nicht rauchen und sich verantwortlich für sämtliche Probleme fühlen, selbst wenn man an strukturellen Mängeln eigentlich gar nichts ändern kann. Damit wird nicht nur die Verantwortung für den Einzelnen und für die gesamte Gesellschaft auf das Individuum abgeschoben, sondern auch die Ursachen für gesellschaftliche Probleme werden bei den Einzelnen entsorgt, die öffentlichen Angelegenheiten sozusagen privatisiert.

Logo der Kampagne "Du bist Deutschland"
Logo der Kampagne „Du bist Deutschland“

Der Bezug auf das Vaterland verschleiert in der „Du bist Deutschland”-Kampagne sämtliche Gegensätze zwischen den Menschen. Arm und reich, dick und dünn, Hipster und Bauer – alle sitzen im schwarz-rot-goldenen Boot, das sich auf dem Ozean des Weltmarkts behaupten muss. Die Macher der Kampagne „Du bist Deutschland“ scheuten dabei nicht einmal den historischen Vergleich zum Ende der DDR, wenn sie texten:

Unsere Zeit schmeckt nicht nach Zuckerwatte. Das will auch niemand behaupten. Mag sein, du stehst mit dem Rücken zur Wand oder dem Gesicht vor einer Mauer. Doch einmal haben wir schon gemeinsam eine Mauer niedergerissen. Deutschland hat genug Hände, um sie einander zu reichen und anzupacken.

Wir sind 82 Millionen. Machen wir uns die Hände schmutzig. Du bist die Hand. Du bist 82 Millionen. Du bist Deutschland.[…] Frage dich nicht, was die anderen für dich tun. Du bist die anderen. Du bist Deutschland. Behandle dein Land doch einfach wie einen guten Freund. Meckere nicht über ihn, sondern biete ihm deine Hilfe an. Bring die beste Leistung, zu der du fähig bist. Und wenn du damit fertig bist, übertriff dich selbst.

Weniger Staat, mehr Eigenverantwortung – so lautet auch eine beliebte Forderung aus marktradikalen Kreisen. Jeder Einzelne soll dabei nicht nur für das eigene Glück komplett verantwortlich sein, sondern auch noch für das Wohlergehen der Gemeinschaft.

Die Konsequenz: Das Individuum muss sich maximal vernünftig benehmen, ernähren und verhalten, um keine Kosten für die Sozialkassen zu produzieren. „Meckern” soll dagegen niemand mehr, auch wenn zahlreiche Untersuchungen belegen, dass in Deutschland das Einkommen der Eltern, die Hautfarbe, der Nachname Schmidt oder das Geschlecht entscheidende Faktoren dafür sind, ob man es weit nach vorne schafft – oder eben nicht. […]

Der Feuilleton-Chef der Zeit, Jens Jessen, merkte dazu im Oktober 2005 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ an:

Das Nette am Kapitalismus früher war sein großmütiger Verzicht auf Propaganda. Bestechung, nicht Agitation hieß das Prinzip. […] Damit ist es jetzt vorbei. Die Medienkampagne „Du bist Deutschland”, die derzeit mit unerhörtem Materialeinsatz durch Zeitungen und Fernsehen dampft, versucht das Publikum mit einem Optimismus einzuräuchern, als sei der Sozialismus wiederauferstanden, der den Menschen den real existierenden Mangel als Weg des Fortschritts zu verkaufen trachtete.

Und die taz merkte an:

„Der Deutschland-Spot hingegen hat die Botschaft: „Du musst hier rein!“, nämlich in die Volksgemeinschaft, und Du musst dich ändern, damit es Deutschland besser geht. Du musst positiv sein. Dann schaffst Du es. Und dabei ist es egal, ob Du eine Klofrau oder ein Millionenverdiener wie Kahn oder Jauch bist! […] Diese dialektische Umkehr-Variante der ansonsten von Konservativen gern polemisch kritisierten „Gleichmacherei“ der Linken funktioniert folgendermaßen: Die Gesellschaft muss nicht etwa so gestaltet werden, dass jeder die gleichen Chancen bekommt, sondern es wird einfach behauptet, dass jeder das Gleiche erreichen kann, wenn er nur will. Und schon sind alle Menschen schamlos „gleich“ gelogen.

Überraschend ähnlich verhält es sich allerdings, wenn es darum geht, dass jeder seinen Beitrag leisten solle, um die Umwelt zu retten. Zwar verursachen Glühbirnen in Privathaushalten nur einen Bruchteil des gesamten Energieverbrauchs, dennoch wird kein Aufwand gescheut, in jeden Haushalt teure Energiesparlampen zu bringen.

Jedes Kind soll lernen: Du bist verantwortlich für das Klima. Ist es das? (Kampagne Klimahelden)
Jedes Kind soll lernen: Du bist verantwortlich für das Klima. Ist es das? (Kampagne Klimahelden)

„Du bist Deutschland“, aber Du bist auch Umweltretter. Und alle müssen mitmachen, jeder soll gleich viel Verantwortung tragen, egal welche Probleme er sonst zu schultern hat. Wer kennt sie nicht, die freundlichen jungen Leute, die auf der Straße Passanten fragen: „Sind Sie bereit, bedrohte Tiere zu schützen?“ Bei Bedarf kann man das schlechte Gewissen postwendend durch ein paar Euro beruhigen – wenn man es sich erlauben kann.

Woher diese Ideologie der totalen Eigenverantwortung kommt, wird in dem Kapitel „Neoliberal – die Geschichte eines politischen Schlagworts“ beleuchtet – mit einem kleinen historischen Rückblick auf das „Colloque Walter Lippmann“.

Im September erscheint das Buch "Der Präventivstaat" von Patrick Gensing und Andrej Reisin.

*Dieser Text stammt aus dem Buch “Der Präventivstaat – Warum Gesundheits-, Kontroll- und Verbotswahn Freiheit und Demokratie gefährden”. Klapppentext: „Unser Leben wird immer sicherer, doch die Angst zu leben immer größer: Der medizinische Fortschritt ist unaufhaltsam, schwere Kriminalität seit Jahren auf dem Rückzug. Doch die gefühlte Bedrohungslage ist eine ganz andere. Wie kommt es zu der neuen Sicherheitsideologie, die quer durch alle Parteien geht? Eine Streitschrift gegen das Primat der Prävention als Weg in einen Überwachungs- und Sicherheitsstaat, in eine fanatische Sicherheitsgesellschaft.“

Siehe auch: Untergangsszenarien und Demokratie von obenWas fehlt: Eine liberale ParteiFreiheit – der vergessene Diamant der LinkenWird die Jugend immer schlimmer?Hossa statt Helau!

3 thoughts on “Das deutsche Du – für Gemeinschaft und Umwelt

  1. Ha bestes Zitat:
    “ [..]. Behandle dein Land doch einfach wie einen guten Freund. Meckere nicht über ihn, sondern biete ihm deine Hilfe an. [..]“

  2. Egal, wo du arbeitest. Egal, welche Position du hast. Du hältst den Laden zusammen. Du bist der Laden.</blockquote

    Verdammt ist das eklig. :O

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