„Speziale Libero“: Die Meinungsfreiheit der anderen

Die Parole „Speziale Libero“ („Freiheit für Speziale“) ist zurzeit in vielen Fußballstadien zu lesen. Antonio Speziale ist ein sizilianischer Ultra, der 2007 bei Krawallen einen Polizisten getötet haben soll. 2012 wurde der zum Tatzeitpunkt 17-Jährige dafür letztinstanzlich zu acht Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Das Urteil ist wegen zahlreicher Ungereimtheiten umstritten. Doch statt sich mit dem Fall auseinanderzusetzen, streitet man in Italien und neuerdings auch hierzulande lieber darüber, ob man die Forderung nach Freiheit für Speziale in Fußballstadien äußern darf. Einige Medienvertreter glänzen dabei durch ein erstaunliches Verständnis von Meinungsfreiheit.

Von Andrej Reisin

Kollage aus Solidaritätsbannern für Speziale (Foto: Kai TIppmann, altravita.com)
Kollage aus Solidaritätsbannern für Speziale (Foto: Kai TIppmann, altravita.com)

Doch der Reihe nach: Bei Krawallen rund um das sizilianische Fußball-Derby zwischen Catania und Palermo am 2. Februar 2007 soll Antonio Speziale gemeinsam mit einem Mittäter die Blechverkleidung eines Waschbeckens nach dem Polizisten Filippo Raciti geworfen haben, und diesen damit angeblich tödlich verletzt haben. Zeugen dafür gibt es nicht. Niemand hat etwas gesehen: Keiner der Kollegen Racitis, kein Krawallmacher, kein Unbeteiligter.

Alles, was es gibt, sind die Aufnahmen zweier Überwachungskameras, die das Geschehen zwischen 19:04 und 19:09 Uhr zeigen: Man sieht, wie Speziale und sein Komplize den Gegenstand werfen, der übrigens laut Akten 1,16 Meter lang und 5,820 Kilogramm schwer ist. Eine zweite Kamera zeigt die Polizisten, in deren Richtung geworfen wird. Zu sehen sind Teile des Waschbeckens, die zur Erde fallen und und in Stücke zerspringen. Den getöteten Polizisten Raciti sieht man nicht. Auch sonst ist niemand zu sehen, der getroffen wird. Antonino Speziale hat genau diesen Tatbestand zugegeben: „Ich habe das Ding geworfen, aber niemanden getroffen„, so der Angeklagte.

Doch erst knapp 1,5 Stunden nach dem Speziale zur Last gelegten Angriff, bricht Raciti plötzlich zusammen. Die Ausschreitungen sind zu diesem Zeitpunkt weiter eskaliert. Ultras von Catania und Palermo bekriegen einander und die Polizei mit brutaler Gewalt: Es fliegen Steine, Feuerlöscher, Feuerwerkskörper und Rauchbomben. Um 20.34 Uhr bittet Raciti um Hilfe, weil es ihm schlecht gehe – und wird ohnmächtig. Im Krankenhaus wird ein Herzstillstand festgestellt, zudem großflächige Hämatome und innere Blutungen. Um 22:10 können die Ärzte nur noch den Tod feststellen. Die Obduktion ergibt später eine Verletzung der Lebervene durch äußere Gewalteinwirkung als Ursache der inneren Blutungen und damit des Todes.

Berechtigte Zweifel an der offiziellen Version

Doch wie plausibel ist es, dass jemand mit einer solchen Verletzung noch 90 Minuten lang mitten in schweren Krawallen Dienst tut und sogar andere Polizisten als deren Vorgesetzter kommandiert und anführt? Die Zweifel mehren sich, als ein anderer Polizist zunächst zu Protokoll gibt, er habe beim Zurücksetzen seines Jeeps inmitten von Panik, Rauch und Chaos (das Fahrzeug war bereits von den Ultras attackiert worden und besaß unter anderem keine Außenspiegel mehr) einen Aufprall verspürt und Raciti am Boden liegen sehen. Zudem wurden an Racitis Kleidung Farbspuren gefunden, die zur blauen Lackierung des Jeeps passen. Doch vor Gericht erinnert sich der Zeuge plötzlich anders als in der Vernehmung und gibt an, Raciti sei in Wirklichkeit viel weiter entfernt gewesen und er habe ihn auch nicht am Boden liegen sehen. Speziales Anwalt Giuseppe Lipera fasst die Beweisaufnahme so zusammen: „Der Moment, in dem Filippo Raciti die tödliche Verletzung beigebracht bekommen haben soll, wird von niemandem wahrgenommen – nicht einmal von ihm selbst.“

Selbst, wenn man nicht davon ausgeht, dass kaum eine westeuropäische Justiz derart zu Schlamperei, Verschleppung von Verfahren und Fehlurteilen neigt, wie die italienische (und all dies beklagen Menschenrechtsgruppen, Anwaltsvereine und sogar die europäische Kommission immerhin seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten), handelt es sich also um ein Urteil, an dem man berechtigte Zweifel haben kann. Zweifel, die zum Beispiel auch Italiens oberste Spurensicherer hatten: Der wissenschaftliche Dienst der Carabinieri (RIS – „Reparto investigazioni scientifiche“) kam in seinem Gutachten zu dem Ergebnis, dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass der in hohem Bogen geworfene Waschbecken-Blechmantel für Racitis schwere und tödliche Verletzungen (vier Rippenbrüche und der Riss der Leber) verantwortlich gewesen sein könne. Auch das höchste italienische Gericht, die Corte Suprema di Cassazione (der oberster Kassationsgerichtshof, vergleichbar mit dem BGH) in Rom scheint nicht restlos überzeugt: Denn es folgte am 7. Februar 2014 einem Antrag von Speziales Anwalt Lipera, der die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt hatte – und verwies das Verfahren zurück an das zuständige Revisionsgericht in Messina.

Hysterische Medien – illusionäre Berichte

Napoli-Ultra Gennaro De Tommaso (Foto: Screenshot Rai)
Napoli-Ultra Gennaro De Tommaso (Foto: Screenshot Rai)

So weit der Hintergrund zur Kurven-Solidarität mit einem möglicherweise unschuldig Inhaftierten, der vor einem deutschen Gericht aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wegen Totschlags verurteilt worden wäre, auch wenn man natürlich niemals nie sagen sollte. Doch diese Hintergründe sind vielen Medien offenbar weitgehend egal: Seit es beim italienischen Pokalfinale vor wenigen Wochen zu erneuten Ausschreitungen kam, in deren Folge ein Napoli-Fan eine schwere Schussverletzung davontrug, herrscht wie immer Hysterie. Zwar entpuppte sich der vermutliche Schütze binnen kürzester Zeit als stadtbekannter Römer Faschist und Gewaltverbrecher mit zahlreichen Vorstrafen, aber der Hauptskandal wird in Italien darin gesehen, dass der Vorsänger der Napoli-Kurve (die nach dem Vorfall mit dem Spielabbruch drohte) ein T-Shirt anhatte, auf dem „Speziale Libero“ zu lesen war. Nämlichem „Ultra-Chef Gennaro De Tommaso, alias „Genny der Schreckliche„, wie Hans-Jürgen Schlamp auf Spiegel Online meint, werden aufgrund seiner familiären Herkunft gute Beziehungen zur Mafia nachgesagt. Kai Tippmann ist auf altravita.com dagegen gut begründet anderer Meinung:

Erstaunlicherweise [gilt] “Genny” als Symbolmonster dieses blutigen Abends. Den Spitznamen hat er von seinem Vater, einem Camorra-Boss, geerbt. Entgegen der im Spiegel vorherrschenden Meinung, steht er für einen “Unglücksraben”. Unabhängig davon wüsste ich nicht, dass Schuld vom Vater auf den Sohn übertragen wird, jedenfalls nach 1945. Dem Publicity-Experten Roberto Saviano reicht das jedenfalls, um ihn zum Emblem dafür zu stilisieren, dass die Napoli-Kurve von der Mafia regiert wird. Deutlich besser belegt sind zwar entsprechende Infiltrationen in Parlament und Unternehmen, aber ältere Herren in Nadelstreifen eignen sich weniger, um das Böse zu illustrieren, als ein tätowierter Kerl mit “bösem Gesicht” auf einem Stadionzaun.

Birgit Schönau beklagt in der „Süddeutschen Zeitung“ (nicht online) wortreich, dass „von Berlin bis Lissabon, vom rumänischen Cluj-Napoca bis München“ der Spruch „Speziale Libero“ gezeigt werde. Ohne auf die näheren Umstände einzugehen, befindet sie anschließend:

Wer jetzt „Speziale libero“ skandiert, solidarisiert sich also erstens mit einem verurteilten Polizistenmörder und zweitens mit einem Handlanger der Camorra. Wissen das die Fans des FC Bayern, von Dortmund und von Hertha BSC, in deren Kurven dieses Spruchband erschien?

Die perfide Unverfrorenheit dieser Art von sogenanntem „Journalismus“ muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Erst werden die Leserinnen und Leser hinters Licht geführt, indem man ihnen entscheidende Informationen vorenthält (hier: Es gibt durchaus berechtigte Zweifel an der Verurteilung). Dann wird die angeblich sakrosante Trennung von Nachricht und Meinung (an die ich allerdings zugegebenermaßen auch nicht glaube – aber die SZ offenbar – oder wozu leistet man sich sonst extra Meinungsseiten?) flugs über Bord geworfen. Und mit juristischen Feinheiten, wie der sauberen Trennung zwischen Mord und Totschlag, die mir im 1. Semester Medienrecht eingebläut wurde, braucht man sich auf der Kanzel der Moralpredigt schon mal gar nicht aufhalten. Dazu erneut Kai Tippmann auf altravita.com:

Es geht nicht darum zu sagen, dass ein “Polizistenmörder” freigelassen werden soll, die Aussage lautet: “Antonio Speziale hat Philippo Raciti nicht getötet”. Eine Ansicht, eine nicht völlig unbegründete Meinung, die von jeder Menge Prozessbeobachtern geteilt wird und die im Übrigen von Artikel 21 selbst der italienischen Verfassung gedeckt ist, die das Recht auf freie Meinungsäußerung festschreibt. Selbst wenn man den Eindruck haben kann, dieser Passus sei in Fußballstadien lokal außer Kraft gesetzt.

Meinungsfreiheit? Aber nicht im Stadion!

Auch in deutschen Stadien herrscht im Grunde Meinungsfreiheit, die jedoch zuweilen vom Hausrecht und der Polizei außer Kraft gesetzt zu werden scheint. So zum Beispiel in Essen, wo der Sicherheitsbeauftragte von Rot-Weiß Essen den Ultras beim letzten Heimspiel der Saison mitteilte, „dass der Verein das sofortige Abhängen des Transparents wünscht“. Gemeint war „Speziale Libero“. Die Polizei bestätigte, sie habe ebenfalls darauf gedrängt, dass das Banner abgehängt wird. Warum scheint uninteressant. Strafrechtlich relevant ist das Banner keinesfalls, noch nicht mal nach Einschätzung der Beamten, die sich nach eigenen Angaben stattdessen auf die (strafrechtlich ebenfalls umstrittene) Verfolgung der gerufenen Parole „All cops are bastards – ACAB“ konzentrieren wollen.

Die Ultras Essen erklärten nach der Partie, man habe aus „Rücksicht auf die anderen Stadionbesucher kein zweites Szenario wie in Gelsenkirchen oder Hamburg mit unbeteiligten Verletzten“ herbeiführen wollen. Aus der Luft gegriffen ist diese Vorahnung keinesfalls: Beim letzten Rückrunden-Heimspiel des HSV kam es zu schweren Auseinandersetzungen, als die Polizei einen Block stürmte, um ein „ACAB“-Banner zu entfernen. Und in Gelsenkirchen wurden Dutzende Menschen verletzt, als die Polizei der Auffassung war, die mazedonische Fahne eines mit den Schalker Ultras befreundeten Klubs habe zu verschwinden.

Ein Plädoyer gegen die Meinungsfreiheit in der SZ

Doch Birgit Schönau geht flugs noch drei Schritte weiter:

Rom will jetzt ermitteln,ob es sich um italienische Einzeltäter handelt, die die Spruchbänder in die Kurven geschmuggelt haben – möglicherweise im Auftrag der Camorra. Oder doch um ein internationales Netz so genannter „Ultràs“, deren gemeinsamer Feind die Polizei ist. Beim DFB-Pokalfinale am Samstag in Berlin sollte der DFB genau in die Kurven schauen. Erst Montagabend waren die Funktionäre beim Training der Nationalmannschaft im Hamburger Millerntorstadion eingeschritten, um vom alten St. Pauli-Motto „Kein Fußball den Faschisten“ die beiden letzten Wörter zu verdecken. Die DFB-Veranstaltungsorte würden regelmäßig „neutralisiert“, rechtfertigte sich der Verband. In Hamburg stand nur noch: „Kein Fußball“ – die Aktion war unfreiwillig komisch. Hoffentlich wird es in Berlin nicht ernst.

Hier wird der DFB mehr oder minder aufgefordert beim Pokalfinale eventuelle Solidaritätsbekundungen zugunsten von Speziale zu unterbinden. Mithin: In der „Süddeutschen Zeitung“ fordert eine Journalistin die Einschränkung der Meinungsfreiheit anderer. Garniert wird das Ganze mit vollkommen unbelegten (und unhaltbaren) Spekulationen und Geraune über Mafia und Camorra und ein „internationales Netz so genannter Ultràs„. Die These von den in deutsche Kurven geschmuggelte Spruchbänder der Camorra ist derartig aus der Luft gegriffen, dass einem kaum Gegen-„Argumente“ einfallen mögen – schließlich wird ja nicht mal versucht jenseits wilder Assoziationsketten auch nur den geringsten handfesteren Hinweis vorzutragen. Nach exakt demselben Muster funktioniert übrigens der „Nachweis“ von „Chemtrails„. Da hilft nur noch ein Aluhut.

Solidarität mit einem Sündenbock

Die Nationalmannschaft am Millerntor. Teilweise verdeckt durch eine Plane: "Kein Fussball den Faschisten". Foto: Jan Weckwerth
Die Nationalmannschaft am Millerntor. Teilweise verdeckt durch eine Plane: „Kein Fussball den Faschisten“. Foto: Jan Weckwerth

Demgegenüber sieht das, was ich geneigt wäre, Realität zu nennen, in etwa so aus: Die Geschichte von Antonio Speziale ist in der Lesart vieler Kurvengänger die Geschichte eines bettelarmen 17-Jährigen aus einem Ghetto in Catania, eines Bauernopfers und Sündenbocks, der für alles herhalten muss, was in Italiens Fußball und Gesellschaft schiefläuft. Speziale ist für sie* kein Engel, kein unbescholtener Bürger, aber eben auch kein Totschläger oder gar Mörder. Das Gefühl, mit etwas Pech zur falschen Zeit am falschen Ort könnte man selbst dieser Speziale sein – das ist es, was diejenigen umtreibt, die ihre Solidarität zeigen. Ob man dieser Interpretation folgt oder nicht, ist irrelevant: Sie allein reicht aus, um für die entsprechenden Solidaritätsbekundungen zu sorgen.

Um das zu begreifen, muss man sich keine unbelegten Camorra- und Netzwerk-Geschichten ausdenken, es würde völlig ausreichen, wenn man wenigstens googeln könnte – und in kürzester Zeit auf das, das, das und das hier stoßen würde. Doch lieber folgt am Ende auch noch die hanebüchene Vermengung des Überklebens eines antifaschistischen Slogans (die italienische Nachkriegsrepublik bekannte sich einst zum Antifaschismus als Staatsziel, lang, lang ist’s her …) durch den DFB mit der Forderung nach einer Zensur der Solidaritätsbekenntnisse. In diesem Sinne: Alle Spruchbänder sind Polizistenmörder.

*siehe Kommentare

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