Ultras auf dem Maidan

Die Zusammensetzung der Protestbewegung auf dem Maidan ist komplexer, als es viele der medialen und politischen Beobachter*innen im Westen wahrhaben wollten. Das gilt ebenso für die ukrainischen Fußballfans, die Teil der Proteste waren und ihre ganz eigenen Interessen, Stärken und Schwächen mit auf den Maidan gebracht haben.

Von Paula Scholz

Wenn Ultras protestieren, tun sie dies im Stadion. Mit dem Megaphon und den Transparenten hat die Kurve Teile der Straßenproteste in die Stadien gebracht. Dass sie ihre Protesterfahrungen zurück auf die Straße bringen, ist bis jetzt eher unüblich. Die Proteste beginnen sich rund um den Globus nicht erst seit dem Arabischen Frühling zu häufen. Aber erst seitdem sind Ultras organisiert an ihnen beteiligt gewesen. Beispielsweise in der Türkei, wo die ursprünglichen Proteste um den Gezi-Park in landesweite Demonstrationen für freiheitliche und demokratische Werte umschlugen. Mittendrin die Ultras. Und so auch in Ägypten, wo die Ultras vor allem bei den Protesten in Kairo auf dem Unabhängigkeitsplatz Tahrir eine wichtige Rolle einnahmen.

Creative Commons License, Michael Kötter (www.flickr.com/photos/cmdrcord)
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Nationalismus statt Multikulturalismus

Und schließlich in der Ukraine, wo im Februar Ultragruppen aus den ersten drei Ligen einen offiziellen Waffenstillstand untereinander verkündet haben, um gemeinsam, organisiert und ohne Ablenkung an den Protesten teilnehmen können. „In unserer Fanszene gab es keine Diskussionen darüber, ob wir an den Protesten teilnehmen oder nicht“, sagt Dmytro (Name geändert, Interviewzitate aus dem Englischen übersetzt), ein Ultra von Metalist Kharkiv. „Es war für jeden von uns klar, dass wir es tun.“ So fuhren Ultras aus der ganzen Ukraine auf den Maidan, den Unabhängigkeitsplatz in Kiew, um gegen ihr autokratisches Regime zu protestieren. Taksim, Tahrir und Maidan wurden zu Symbolen für die jeweiligen Proteste, an denen auch die Ultras maßgeblich beteiligt waren. Und doch unterscheidet sich die Beteiligung in der Ukraine massiv von der in der Türkei und Ägypten.

„Unsere politische Einstellung ist nationalistisch“, sagt Dmytro. Er ist seit 15 Jahren Teil der Ultrabewegung seines Vereins und dort im Sektor 82 aktiv, in dem sich alle relevanten Ultra- und Hooligangruppen der Szene positionieren. „Wir akzeptieren europäische Werte, aber nicht alle“, erklärt er weiter, „wir schätzen den sozialen Standard in Europa, teilen aber nicht die Idee des Multikulturalismus.“ Sich zu Europa zugehörig zu fühlen, wird allerdings auch eher dem ukrainischen Westen zugeschrieben, wo die Mehrheit ukrainischsprachig lebt und antisowjetisch aufgewachsen ist. Dmytro kommt aus Kharkiv, einer industriell geprägten Stadt aus der Ostukraine, die traditionell stark sowjetisiert und russischsprachig ist. Aber auch für Russland hat Dmytro wenige Sympathien übrig. „Ethnisch und historisch sind wir sehr nah an der russischen Bevölkerung. Momentan sollte allerdings die russische Bevölkerung von ihrer Regierung getrennt beurteilt werden. Nachdem unsere Freunde von Spartak Moskau uns Nachrichten geschickt haben, um uns im Protest zu unterstützen, wurden sie vom Inlandsgeheimdienst eingeladen. Die russische Regierung tut nicht einmal so, als würde freie Meinungsäußerung in ihrem Land gelten.“

Ultras zwischen Ost und West

Die politischen Zusammensetzungen auf dem Maidan sind wohl etwas komplizierter, als die russischen und europäischen Einstellungen jeweils nach der west- oder ostukrainischen Herkunft einzuteilen. Es geht hier auch um generationelle Konflikte, weil die jüngere Bevölkerung der Ukraine immer weniger sowjetisiert denkt. Neben den alteingesessenen Stereotypen vom russischen Osten und dem europäischen Westen bilden die Ultras in ihrem Protest und Dasein eine Alternative. Als vor zwei Jahren wegen der anstehenden Europameisterschaft über die Ultras der Ukraine und Polen berichtet wurde, war die Öffentlichkeit geschockt. Eine BBC-Reportage zeigte Kurven, die geschlossen den Arm zum Hitlergruß hoben, und Stadtbilder, die von rechten Graffitis geprägt waren. Plötzlich interessierten sich internationale Medien für die Fans von Arsenal Kiew, die als einzige linke Ultras in der Ukraine gelten. Heute ist der mediale Aufschrei abgeklungen. Die Gefahr allerdings nicht weniger groß und die Ultras der Ukraine auch nicht weniger rechts. Expertenberichten zufolge haben sogar einige der sogenannten Linken von Arsenal die Seite gewechselt und verorten sich mittlerweile rechts.

„Ultras in der Ukraine – das ist der Teil der Jugend, der bei Schlägereien und Gruppenaktionen aktiv ist und deswegen haben wir diese ganze Kraft und Erfahrung im richtigen Moment für unser Land eingesetzt“, berichtet Dmytro von der Rolle der Ultras während der Proteste. Er sagt, dass keiner die Demonstrant*innen besser hätte schützen können als die Ultras. Auf dem Maidan fungierten die Ultras als eine Art Leibgarde, ähnlich wie die paramilitärischen Kräfte des Rechten Sektors. Dessen Mitglieder bezeichnet Dmytro wiederum als „super Jungs. Wir haben zusammen mit ihnen in Kiew gekämpft und sie in allem unterstützt.“ Allerdings bezweifelt auch er, dass sie neben ihrer Rolle als Revolutionär auch als Politiker etwas taugen würden. Von der rechten Svoboda-Partei ist Dmytro enttäuscht. Sie vertrete zwar nationale Interessen, sei mittlerweile allerdings im Kampf um politische Posten in die Fußstapfen vorheriger Politiker*innen getreten.

Jennifer J. Carroll (www.flickr.com/photos/veruka2)
Jennifer J. Carroll (www.flickr.com/photos/veruka2)


Für eine geeinte Ukraine

Was die Ultras sich allerdings für die Zeit nach der Revolution vorstellen, bleibt sowieso etwas unklar. Sie sind wie die anderen Protestierenden des Landes gegen Korruption, die Oligarchie und „die da oben“ auf die Straße gegangen. Da waren sich alle im Land einig. Etwas zu definieren, wofür alle sind, bleibt hingegen schwierig. Die Ultras Kiew verkündeten in ihrer ersten Stellungnahme über die Proteste Ende Januar, dass sie weder für Russland, Europa, Tymoschenko, Klitschko, Yatsenyuk oder Tyahnybok auf die Straße gegangen seien, sondern für ihre Ehre und für Kiew. Gegen die Abspaltung der Krim oder andere ostukrainische Teile seien die Ultras auch. So veranstalteten sie Spiele zwischen verfeindeten Szenen, wo die Ultras von Dynamo Kiew beispielsweise gegen die von Shakhtar Donetsk spielten oder die Ultras von Metalist Kharkiv in Dnipro Dnipropetrovsk. Die Öffentlichkeit soll die Ukraine so als Einheit wahrnehmen. „Wir werden keinen Separatismus zulassen“, stellt Dmytro fest. Und wenn es doch dazu kommen sollte, „gehen viele unserer Jungs freiwillig in den Krieg gegen Russland.“

Dmytro ist ein Ultra, der überzeugt ist von seiner nationalistischen Einstellung. Er wird damit zur Mehrheit der Ultrabewegung in der Ukraine gehören. Als die Ultras ihre nationalistische Einstellung „nur“ in den Stadien geäußert haben, hat es noch keinen interessiert oder wurde von den Verantwortlichen heruntergespielt. Heruntergespielt werden kann jetzt nichts mehr. Die Bilder des Maidan gingen um die Welt. Auch die Bilder von Protestcamps, vor deren Zelten Haken- und Keltenkreuze hängen. Bilder von jungen Männern, die mit selbst zusammengestellten Uniformen und voller Überzeugung auf die Straße gehen. Und Bilder von Ultras, die mittendrin sind.

Ambivalente Ultraszenen

Für die Ultras ist auch der Hass auf die Polizei ein Grund, warum sie sich an den Protesten so stark beteiligt haben. Das Regime setzte auf dem Maidan die Spezialeinheit Berkut ein, um die Protestierenden zurückzudrängen. Die gleiche Einheit also, die auch bei ihren Einsätzen rund um die Fußballspiele für ihr brutales Vorgehen bekannt ist. „Wenn wir die Möglichkeit haben, die Bastarde der Berkut mit Molotows anzugreifen, wird niemand von uns zögern, es auch zu tun“, erklärt Dmytro und weiter: „Unsere Feinde sind die Berkut und das kriminelle Regime.“ Zum kriminellen Regime gehören größtenteils auch die Fußballvereine. Denn nicht nur die großen Clubs wie Dynamo Kiew und Shakhtar Donetsk werden von reichen Geschäftsmännern unterstützt. Die Ukraine hat ein Problem mit Korruption und Oligarchie. Sie hat aber auch eins mit den immer stärker werdenden nationalen Kräften im Land. Die Ultras sind ein Teil davon. Sie bringen Kreativität und Lebendigkeit in die Kurven, aber oft auch Rassismus und Antisemitismus. Wohin der Maidan gehen wird, ist noch offen. Er hat allen ukrainischen Strömungen eine Stimme gegeben. Auch denen der Ultras, die damit ihre nationalistische und diskriminierende Haltung auf die Straße bringen konnten.

Dieser Text ist die leicht bearbeitete und erweiterte Fassung eines Beitrags, der zuerst in der Maiausgabe der supporters news, HSV Supporters Club erschien.

Siehe auch:  Bewundert und gehasst – die extreme Rechte in der UkraineMaidan: Die Revolution ist vorbei,

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