Ernst Toller und der Erste Weltkrieg

Für den Schriftsteller Ernst Toller (1893-1939) wurde der Erste Weltkrieg zum Wendepunkt seines Lebens. Als begeisterter Nationalist hatte sich Toller freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet. Doch an der Front wandelte er sich zum Kriegsgegner. In der Revolution von 1918/1919 kämpfte er als libertärer Sozialist gegen die Kräfte der Reaktion. Seine Wandlung hat Toller in seiner Autobiographie “Eine Jugend in Deutschland“ auf packende Weise beschrieben.

Von Stefan Kubon

Toller wächst in der Kleinstadt Samotschin in Posen auf. Die Familie Toller gehört zum Bürgertum und ist jüdischen Glaubens. Als Jugendlicher ist Toller nationalistisch gestimmt. Für ihn ist es selbstverständlich, dass das Deutsche Kaiserreich seine imperialistischen Interessen notfalls auch mit kriegerischen Mitteln vertritt. Über seine Kriegsbegeisterung während der zweiten Marokkokrise im Jahr 1911 schreibt Toller: “Wir Jungen wünschen den Krieg herbei, der Friede ist eine faule und der Krieg eine große Zeit, sagen die Professoren, wir sehnen uns nach Abenteuern, vielleicht werden uns die letzten Schuljahre erlassen, und wir sind morgen in Uniform, das wird ein Leben.

Ernst Toller (3. von rechts) in einer Gruppendiskussion mit Max Weber (4. von rechts), Fotografie Mai 1917 bei der Lauensteiner Tagung
Ernst Toller (3. von rechts) in einer Gruppendiskussion mit Max Weber (4. von rechts), Fotografie Mai 1917 bei der Lauensteiner Tagung

Tollers Wunsch nach einem vorzeitigen Ende der Schulzeit erfüllt sich nicht. Er geht noch zwei weitere Jahre zur Schule und macht das Abitur. Danach verlässt er Deutschland, um in Grenoble Jura zu studieren. In Frankreich führt er ein recht angenehmes Leben. Während eines Urlaubs in der Provence denkt Toller erstmals wirklich kritisch über Fragen der sozialen Gerechtigkeit nach. Bereits als Kind hatte er eine gewisse Sensibilität für solche Fragestellungen bewiesen. Nun, im Alter von 20 Jahren, reflektiert er Folgendes: “Daß ich in Frankreich lebe, daß ich studiere, daß ich reise, daß ich versorgt werde, scheint mir ‘selbstverständlich‘. Über den Begriff der Freiheit habe ich nie nachgedacht, es sei denn bei philosophischer Lektüre. Daß mein Freund Stanislaus seit seinem vierzehnten Jahr als Taglöhner arbeitet und von seinem schmalen Lohn die Eltern miternähren muß, war recht und billig, ebenso wie mein Recht, das Leben zu ‘genießen‘. Jetzt erscheint mir plötzlich dieses Recht problematisch. Ich erkenne, was meine äußere Freiheit bedingt und begrenzt: Geld.“

Nationalistische Kriegsbegeisterung

Während Tollers Aufenthalt in Frankreich spitzt sich die politische Großwetterlage zu: Nach dem Attentat von Sarajevo kommt es zur Julikrise. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs verlässt Toller Frankreich und kehrt nach Deutschland zurück. Dort wird er sofort von der vorherrschenden nationalen Begeisterung erfasst. Er meldet sich als Kriegsfreiwilliger. Über die Stimmung während seiner militärischen Grundausbildung schreibt er: “Ja, wir leben in einem Rausch des Gefühls. Die Worte Deutschland, Vaterland, Krieg haben magische Kraft, wenn wir sie aussprechen, verflüchtigen sie sich nicht, sie schweben in der Luft, kreisen um sich selbst, entzünden sich und uns.

Es vergehen noch einige Monate, bis Toller zum Kampfeinsatz an die Front befohlen wird. Zunächst leistet er Dienst in der Etappe, unter anderem in einem Ersatzbataillon in Elsass-Lothringen. Diesen Dienst empfindet Toller als langweilig und sinnlos. Außerdem keimt Unzufriedenheit in ihm auf, weil er mehrfach erlebt, wie Offiziere ihre Macht missbrauchen, um Untergebene zu schikanieren. Doch im Frühjahr 1915 ist es soweit: Tollers sehnlichster Wunsch geht in Erfüllung – er wird zum Kampfeinsatz an die Westfront befehligt.

Irrsinn des Krieges

An der Front erlebt Toller den Krieg in seiner ganzen Brutalität – und langsam beginnt er an der Sinnhaftigkeit des Kriegsgeschehens zu zweifeln. Er empfindet Mitgefühl für die Zivilbevölkerung, die wegen des Krieges ihre Heimat verliert. Und er leidet mit, wenn schwer verletzte Soldaten grässlichste Schmerzen erdulden – ganz unabhängig davon, welcher Nationalität sie angehören. Ein besonders grauenvolles Erlebnis hat Toller sehr eindringlich beschrieben: “Eines Nachts hören wir Schreie, so, als wenn ein Mensch furchtbare Schmerzen leidet, dann ist es still. Wird einer zu Tode getroffen sein, denken wir. Nach einer Stunde kommen die Schreie wieder. Nun hört es nicht mehr auf. Diese Nacht nicht. Die nächste Nacht nicht. Nackt und wortlos wimmert der Schrei, wir wissen nicht, dringt er aus der Kehle eines Deutschen oder eines Franzosen. Der Schrei lebt für sich, er klagt die Erde an und den Himmel. Wir pressen die Fäuste an unsere Ohren, um das Gewimmer nicht zu hören, es hilft nichts, der Schrei dreht sich wie ein Kreisel in unsern Köpfen, er zerdehnt die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Jahren. Wir vertrocknen und vergreisen zwischen Ton und Ton.

Nach diesem Erlebnis dauert es nicht mehr lange, bis Toller sein nationalistisches Denken vollends überwindet. Als er bei der Schürfarbeit im Schützengraben versehentlich einen Toten ausgräbt, beginnt er über die Wesensgleichheit aller Menschen nachzudenken. Schlagartig fühlt er sich mit allen Menschen verbunden, denn er erkennt, dass deren Bedürfnisse auch seine eigenen sind: “Und plötzlich, als teile sich die Finsternis vom Licht, das Wort vom Sinn, erfasse ich die einfache Wahrheit Mensch, die ich vergessen hatte, die vergraben und verschüttet lag, die Gemeinsamkeit, das Eine und Einende. Ein toter Mensch. Nicht: ein toter Franzose. Nicht: ein toter Deutscher. Ein toter Mensch. Alle diese Toten sind Menschen, alle diese Toten haben geatmet wie ich, alle diese Toten hatten einen Vater, eine Mutter, Frauen, die sie liebten, ein Stück Land, in dem sie wurzelten, Gesichter, die von ihren Freuden und ihren Leiden sagten, Augen, die das Licht sahen und den Himmel. In dieser Stunde weiß ich, daß ich blind war, weil ich mich geblendet hatte, in dieser Stunde weiß ich endlich, daß alle diese Toten, Franzosen und Deutsche, Brüder waren, und daß ich ihr Bruder bin.“

Der vermeintliche Sinn des Krieges hat sich für Toller verflüchtigt. Nach seinem Sinneswandel kann er dem Krieg nur noch mit Abscheu begegnen. Über seine Zeit an der Front schreibt er: “Dreizehn Monate bleibe ich an der Front, die großen Empfindungen werden stumpf, die großen Worte klein, Krieg wird zum Alltag, Frontdienst zum Tagwerk, Helden werden Opfer, Freiwillige Gekettete, das Leben ist eine Hölle, der Tod eine Bagatelle, wir alle sind Schrauben einer Maschine, die vorwärts sich wälzt, keiner weiß, wohin, die zurück sich wälzt, keiner weiß, warum, wir werden gelockert, gefeilt, angezogen, ausgewechselt, verworfen – der Sinn ist abhandengekommen, was brannte, ist verschlackt, der Schmerz ausgelaugt, der Boden, aus dem Tat und Einsatz wuchsen, eine öde Wüste.

Entlassung aus der Armee

Weil Toller nicht länger im Schützengraben kämpfen will, meldet er sich zur Luftwaffe. Seinen Dienst bei dieser neuen Waffengattung tritt Toller jedoch nicht mehr an, denn er erkrankt: “Bevor ich zur neuen Truppe versetzt werde, erkranke ich. Magen und Herz versagen. Ich komme ins Lazarett nach Straßburg. In ein stilles Franziskanerkloster. Schweigsame, freundliche Mönche pflegen mich. Nach vielen Wochen werde ich entlassen. Ich bin kriegsuntauglich.

Im Rang eines Unteroffiziers verlässt Toller die Armee. Zunächst hat er nur eines im Sinn: Er will den Krieg vergessen. In München nimmt Toller sein Jurastudium wieder auf. Zudem schreibt er Gedichte und besucht literaturwissenschaftliche Seminare. Bald hat Toller persönliche Kontakte zu wichtigen Dichtern und Denkern seiner Zeit. Unter anderem zu Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Max Weber.

Toller gelingt es nicht, den Krieg zu vergessen. Immer mehr ist er davon überzeugt, dass es notwendig ist, sich für das Ende des Krieges zu engagieren. Weil keiner der Professoren wirklich ernsthaft für den Frieden eintritt, ist Toller vom Universitätsbetrieb zunehmend enttäuscht. Schließlich gründet er mit anderen ehemaligen Frontkämpfern einen Kampfbund für den Frieden, den “Kulturpolitischen Bund der Jugend in Deutschland“. In Zeitungen wird das Programm des Bundes veröffentlicht. Es dauert nicht lange, und der Bund ist verboten.

Toller wird revolutionärer Sozialist

Als im Januar 1918 in München Streiks gegen den Krieg stattfinden, schließt sich Toller den Protesten der Arbeiterbewegung an. Er hält Reden, entwirft Flugblätter und wird zum Delegierten gewählt. Mit Hilfe der SPD-Führung gelingt es der Regierung, den Streik abzuwürgen. Toller wird verhaftet. Er kommt ins Gefängnis. Dort liest er erstmals sozialistische Literatur. Im Mai 1918 wird Toller aus der Haft entlassen. Als revolutionärer Sozialist und Mitglied der USPD setzt er sich weiterhin für den Frieden ein.

Anfang November 1918 bricht in Deutschland die Revolution aus. Arbeiter- und Soldatenräte übernehmen die Macht. Die Monarchie bricht zusammen, Deutschland wird eine Republik. Am 11. November ist der Weltkrieg zu Ende. Toller unterstützt Kurt Eisner (USPD), den neuen Ministerpräsidenten Bayerns. Die bayerischen Arbeiter- Bauern- und Soldatenräte wählen Toller zum zweiten Vorsitzenden des Zentralrats.

Um die Kräfte der Gegenrevolution niederhalten zu können, bemüht sich Eisner darum, die Macht der bayerischen Räte dauerhaft zu etablieren. Mit dieser Politik steht Eisner im Widerspruch zur Reichsregierung. Diese versucht unter der Führung von Friedrich Ebert (SPD) mithilfe reaktionärer Militärs die Rätemacht zu brechen.

Einsatz für die bayerische Räterepublik

Am 21. Februar 1919 wird Eisner durch den rechtsextremen Anton Graf Arco-Valley ermordet. Es kommt zu Auflösungserscheinungen in der bayerischen Regierung. In München übernehmen erneut die Räte die Macht. Am 7. April wird in München die bayerische Räterepublik ausgerufen. Toller steigt zum ersten Vorsitzenden des Zentralrats auf.

In Bamberg konstituiert sich eine Gegenregierung unter der Führung von Johannes Hoffmann (SPD). Hoffmann will die Münchner Räteherrschaft mit militärischen Mitteln beenden. Toller wird Heerführer der Räterepublik. Bei Dachau gelingt es ihm, die vorrückenden Truppen der Regierung Hoffmann abzuwehren. Tollers Heer macht Gefangene. Den Befehl, gefangene Offiziere zu erschießen, ignoriert Toller. Alle Gefangenen bleiben unversehrt. Trotz Tollers militärischem Erfolg ist der Konflikt zwischen Bamberg und München nicht aus der Welt geschafft. Alle Versuche, ihn friedlich zu beenden, wofür sich insbesondere Toller immer wieder einsetzt, schlagen fehl.

Die Reaktion zerschlägt die Räterepublik

Schließlich erhält die Gegenregierung von der Reichsregierung militärische Unterstützung. Auch weil die politische Führung in München zerstritten ist, wird die Lage der Räterepublik immer hoffnungsloser. Zeitweise übernehmen Kommunisten unter der Führung Eugen Levinés die Macht. Toller, der Levinés Radikalität ablehnt, tritt vom Amt des Truppenkommandanten zurück. Er befreit Gefangene, die von Anhängern Levinés willkürlich verhaftet wurden. Am Verteidigungskampf der Räterepublik beteiligt sich Toller nicht mehr. Am 30. April rücken die Truppen der Reichsregierung in München ein. Bereits am 2. Mai bricht der letzte militärische Widerstand zusammen.

Die reaktionären Truppen richten in der eroberten Stadt ein Blutbad an: Durch den Terror der Gegenrevolution werden mehrere hundert Menschen ermordet. Zudem kommt es zu Massenverhaftungen mutmaßlicher politischer Gegner. Gefangene werden in großer Zahl misshandelt. Bis Anfang Juni 1919 herrscht das reaktionäre Militär in München. Erst danach, als die Regierung Hoffmann wieder mehr Einfluss gewinnt, werden rechtsstaatliche Prinzipien wieder stärker beachtet.

In Haft schreibt Toller seine wichtigsten Dramen

Weil es Toller gelingt, sich in München einige Wochen zu verstecken, überlebt er das Wüten der reaktionären Truppen. Schließlich wird Toller aufgespürt und verhaftet. Wegen Hochverrats wird er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Haftbedingungen sind sehr hart, mehrfach ist er willkürlichen Strafverschärfungen ausgesetzt. Im Vergleich zu Toller werden dem Mörder Eisners, Arco-Valley, sehr leichte Haftbedingungen gewährt. Dies veranschaulicht, dass es der Revolution auch im Bereich der Justiz nicht gelungen war, die konservativen Kräfte des Kaiserreichs zu entmachten.

Trotz seiner harten Haftbedingungen ist Toller im Gefängnis schriftstellerisch sehr aktiv. Unter anderem schreibt er das Drama “Masse Mensch“. Darin reflektiert Toller seine Erfahrungen während der Münchner Räterepublik. Insbesondere stellt er die Frage nach der Legitimität von Gewalt bei revolutionären Umbrüchen. Dabei sieht er sich mit einem unauflösbaren Gegensatz konfrontiert: Auf der einen Seite steht Tollers ethisches Prinzip der Gewaltlosigkeit. Auf der anderen Seite steht der Zwang, notfalls Gewalt anwenden zu müssen, um sich gegen Gewalttäter behaupten zu können. Das Drama “Masse Mensch“ verdeutlicht Tollers tragische Weltsicht: Um in der Welt bestehen zu können, muss man bereit sein, Schuld auf sich zu laden.

Nach fünf Jahren wird Toller aus der Haft entlassen. Vor allem wegen seiner Dramen ist er in der Weimarer Republik ein sehr erfolgreicher Schriftsteller. Toller warnt bereits früh vor den Gefahren des Nationalsozialismus. Während der Machtübernahme der Nazis hält er sich im Ausland auf.

Tod im Exil

Nach der Machtübernahme fallen Tollers Schriften den Bücherverbrennungen zum Opfer. Nach Aufenthalten in der Schweiz und England siedelt er in die USA über. Auch während seiner Zeit im Exil engagiert er sich mit großer Leidenschaft gegen den Faschismus. Doch angesichts dessen Machtzunahme wird Toller immer depressiver. Am 22. Mai 1939 begeht er Suizid. Als Toller stirbt, ist er bereits seit über 20 Jahren konfessionslos: Um seine deutschnationale Haltung zu bekräftigen, hatte sich Toller am Anfang des Krieges aus der Liste der jüdischen Gemeinschaft streichen lassen.

Ernst Toller hat der Nachwelt mit seiner Autobiographie “Eine Jugend in Deutschland“ ein höchst glaubwürdiges Manifest für eine Welt ohne Krieg, Hass und Gewalt hinterlassen. Tollers politische Botschaften haben auch 75 Jahre nach seinem Tod nichts von ihrer Brisanz verloren. Dies zeigt sich auch im letzten Kapitel seiner Autobiographie. Dort schreibt er zu den politisch bedingten Missständen in der Welt: “Würden Täter und Tatlose sinnlich begreifen, was sie tun und was sie unterlassen, der Mensch wäre nicht des Menschen ärgster Feind. Die wichtigste Aufgabe künftiger Schulen ist, die menschliche Phantasie des Kindes, sein Einfühlungsvermögen zu entwickeln, die Trägheit seines Herzens zu bekämpfen und zu überwinden.

Literatur:

Richard Dove: Ernst Toller. Ein Leben in Deutschland, Steidl Verlag, Göttingen 1993.

Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, Querido Verlag, Amsterdam 1933.

(Gemeinfreier Text beim Projekt Gutenberg-DE.)

Ders., Masse Mensch. Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts, Nachwort von Rosemarie Altenhofer, Reclam Verlag, Ditzingen 1991, (Erstauflage: 1921). (Die Zweitauflage aus dem Jahr 1922 kann man hier gratis lesen.)