DFB neutralisiert „Kein Fußball den Faschisten“

Foto: Stefan Groenveld / weitere Bilder: http://www.stefangroenveld.de/
Foto: Stefan Groenveld / weitere Bilder: http://www.stefangroenveld.de/

 

„Kein Fußball den Faschisten“ – dieser Spruch schmückt die Gegengerade am Millerntor in Hamburg. Außer, wenn die DFB-Nationalmannschaft gastiert, um im Stadion des FC St. Pauli zu trainieren.

Von Patrick Gensing

Heute ist nur noch „Kein Fußball“ zu lesen, der Rest wurde versteckt. Grund: „Laut dem Pressesprecher der Nationalmannschaft gilt für alle DFB-Veranstaltungen, dass keine politischen Statements zu sehen sein dürfen. Daher wurde der Teil von „Kein Fußball den Faschisten“ neutralisiert.“ Das teilte mir der Pressesprecher des FCSP auf Anfrage mit.

Das Millerntor sei „neutralisiert“ worden, ließ der DFB via Twitter verbreiten.

 

Eine merkwürdige Erklärung: Sind Kampagnen gegen Rassismus somit für die „Nati“ künftig auch tabu, weil politisch? Spielt dieses „Keine Politik beim Fußball“-Gehabe nicht exakt den Leuten in die Hände, die in den 1980ern und 1990ern in den Kurven das Sagen hatten? Nämlich die Leute, die rassistische Sprüche als normal empfinden und Widerstand dagegen unzulässigen „Tugendterror“?

Die Nationalmannschaft am Millerntor. Teilweise verdeckt durch eine Plane: "Kein Fussball den Faschisten". Foto: Jan Weckwerth
Die Nationalmannschaft am Millerntor. Teilweise verdeckt durch eine Plane: „Kein Fussball den Faschisten“. Foto: Jan Weckwerth

 

Und was für ein Zeichen ist es an die Fans des ‪#‎FCSP‬, dass sie ihr Stadion toll anmalen dürfen, aber antifaschistische Sprüche bei der erstbesten Gelegenheit einfach versteckt werden? Das wird die braun-weiße Fanszene wohl kaum hinnehmen – und so sagte mir Christoph Pieper, Mediendirektor am Millerntor, der Verein werde sich sicherlich der Diskussion stellen müssen, ob es künftig eben keine DFB-Veranstaltungen mehr in der Heimstätte des FC St. Pauli geben darf. Dann heißt es: Kein Millerntor dem DFB.

 

Reaktion des DFB: „für Faschisten“?

Mittlerweile hat sich auch der DFB zu Wort gemeldet – nachdem Spiegel Online, Zeit, BILD, kicker und weitere Medien berichteten. Pressesprecher Jens Grittner erklärte, man habe Verständnis für die Wut der Fans, doch müsse man differenzieren. Denn „Bilder (TV + Foto) von deutschen Nationalspielern vor der herausgelösten Aussage ‚für Faschisten‘ will auch keiner.“ Sicherlich – nur heißt es „Kein Fußball DEN Faschisten“, nicht „FÜR Faschisten“. Genau wie es heißt „Kein Millerntor DEM DFB“…

Der FC St. Pauli kritisierte den DFB deutlich. Das Präsidium teilte mit:

Mit großem Unverständnis haben wir das Vorgehen des DFB zur Kenntnis genommen. Diesen Schriftzug zum Teil abzukleben, steht für uns im deutlichen Widerspruch zu all den Aktionen, die der DFB in der Vergangenheit gegen Fremdenhass, Diskriminierung und Rassismus durchgeführt hat. Der DFB hat nicht zuletzt mit der Stiftung des Julius Hirsch Preises ein öffentliches Zeichen für die Unverletzbarkeit der Würde des Menschen in den Stadien und in der Gesellschaft setzen wollen. Gerade mit Blick auf die deutsch-polnische Geschichte wäre der komplette Schriftzug „Kein Fußball den Faschisten“ eine klare Botschaft gewesen, die auch bei unseren polnischen Gästen auf positive Resonanz gestoßen wäre.

Zeichen gegen Faschismus zu setzen, gehört beim FC St. Pauli seit Jahrzehnten zum Selbstverständnis des Vereins und seiner Fanszene. „Kein Fußball den Faschisten“ stellt für uns in diesem Zusammenhang keine politische Botschaft dar. Vielmehr verkörpern diese Worte eine Haltung und Werte, die gesellschaftlicher Konsens sein sollten und nicht nur am Millerntor gelebt werden sollten.

Zudem waren wir über die Abklebung des Schriftzuges überrascht, da zwar die mündlich getroffene Vereinbarung eine „Neutralisierung des Stadions“ vorsah, diese aber bei vorherigen DFB-Veranstaltungen am Millerntor ausschließlich die Werbeflächen beinhaltete.

Wir werden auch weiterhin klare Zeichen setzen. Kein Fußball den Faschisten.

23 thoughts on “DFB neutralisiert „Kein Fußball den Faschisten“

  1. DFB: „Das #Millerntor wurde neutralisiert. Das heisst, dass es frei von Werbung gemacht wird, aber auch von politischen Äußerungen.“

    Zumindest auf meinem Bildschirm ist noch deutlich die Bandenwerbung von der Post, Mercedes Benz, Bitburger, Coca Cola, Telekom und SAP zu erkennen. Waren nach der Abdeckung des Spruchs nicht mehr genug Planen für die kommerzielle Werbung vorhanden? Der DFB hat offenbar Prioritäten gesetzt.

  2. Der DFB (sowie FIFA und allgemein Sportverbände) sollte sich allgemein aus Politik raushalten. Wenn z.B. Rassismus ein Problem darstellt und einige Fangruppen eine bestimmte politische Grundeinstellung haben, dann hat das erstmal nix mit Fussball an sich zu tun. Ob ich im Stadion aggressive Tendenzen gegen z.B. Ausländer zeige oder einfach ganz normal auf offener Straße -> ist in beiden Fällen durch die gleichen Gesetze zu behandeln.

    Ich weiss, dass viele meine Meinung als naiv sehen und man solche Themen nicht einfach trennen kann, also auch der DFB sich quasi zu einer politischen Grundeinstellung bekennen muss und diese auch öffentlich kommunizieren sollte. Aber genau so seh ich das nicht. Schliesslich hat die DFB ihren Sitz in Deutschland und ist an deren Gesetze/Verfassung gebunden. Das reicht doch völlig aus. Internationales Recht gibt da auch mehr als genug her, so das auch die FIFA eigentlich nicht dediziert politische Statements abgeben muss (wobei besonders die nächste WM, Verlosung, wie die Organisation allgemein arbeitet, … alles andere als rechtlich einwandfrei ist. Aber das ist ne andere Story).

    1. Der Meinung kann man sein – Nur wenn man dann bewusst politische Aussagen abdeckt ist das nunmal auch ein dezidiert politisches Statement. Auch die Aussage, dass Politik im Fussball nichts zu suchen hat ist nunmal auch eine politische Aussage. Unpolitisch – falls es so etwas überhaupt gibt – wäre es gewesen, den Spruch zu ignorieren und nicht zu behängen imho.

      1. Ergänzung: Zu sagen, dass die WM-Austragungen, die damit verbundenen staatlichen Sportfördergelder, Infrastrukturprogramme, Wirtschaftsaufträge und Verkaufsmonopole nichts mit Politik zu tun haben ist tatsächlich naiv. Mit bösem Willen und mit Blick auf Brasilien und Katar könnte man sogar sagen: zynisch. Was uns der DFB im Industriestaat Deutschland als Sport um des Sports willen verkaufen will, bedeutet für einige wenige Sportfunktionäre, Politiker und Wirtschaftsbosse fette Gewinne für die eigene Tasche und gleichzeitig für tausende von Menschen in den Austragungsländern Zwangsarbeit, Zwangsumsiedelung, Unterfinanzierung öffentlicher Sektoren und massive staatliche Repression. Es ist ja nicht alles schlecht – aber es hat alles definitiv mit Politik zu tun. Ja, man kann 90 Minuten ganz unpolitisch feiern und mal die großen Zusammenhänge für die Zeit außen vor lassen, man kann auch die dritte Halbzeit ganz ohne politische Diskussionen und ohne erhobenen Zeigefinger freudentaumelnd begehen. Aber das sportliche Alltagsgeschäft jenseits der Spieltage ist harte Politik um öffentliche Mittel, private Investitionen, politische Klüngel und Macht, von der uns die Fussballfunktionäre mit ihrem Sport-ist-Sport-Scheinargumenten allzugerne ablenken wollen.

  3. „Kein Fussball“, eine Aussage vom DFB der einer gewissen Komik nicht abzusprechen ist… :-)

  4. Die Neutralisierungregel gilt offensichtlich nicht überall.

    Ich habe bereits bei zwei DFB-Trainings zugesehen. Die Konstellation war auch so, dass in einem Stadion trainiert wurde, und in einem anderen das Spiel stattfand. Bei beiden Trainings war keinerlei Werbung o.Ä. abgedeckt!

  5. Ich verstehe euren Aufschrei nicht. Wie oft wurden Fotos aus den Zusammenhang gerissen.
    Irgendwann hätte man in der Presse ein Foto gesehen mit dem Wort „Faschisten“ und darunter die halbe Nationalmannschaft.

    Das hätte erst recht ein mieses Bild auf den deutschen Fussball geworfen. Und da fragt keiner mehr nach wie es zu dem Bild kam.

    1. Es ist schon so oft geschehen, dass dir schon gar kein Beispiel mehr einfallen mag, nicht wahr?

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