Das Akademische Karussell: Come as you are

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um Paradoxien medialer Verfügbarkeit.

Von Samuel Salzborn*

Lebten wir nicht im Zeitalter von Internet-Suchmaschinen, denen es in ihren Algorithmen gelingt, subjektiver Faszination noch den letzten Funken Kreativität mit vorgegaukelter Rationalität zu rauben, die nur eine halbierte, weil rein ökonomische ist, ja vielleicht wäre Adel Tawil mit seinem Song „Lieder“ einer, dem es hätte gelingen können, eine Flaschenpost auf die Reise zu bringen. Eine Flaschenpost, von der Adorno geschrieben hat, dass sie vielleicht überhaupt nur noch wirklich in der Musik gelingen könne. Eine Flaschenpost der Hoffnung, die keinen Adressaten haben kann, die in der Verzweiflung trotzdem versandt wird, weil sie eines Tages jemand finden mag, damit nicht alles vergebens wäre.


Tawils Song skizziert eine Lebensgeschichte, sehr persönlich, aber doch nur wenig privat, weil die Etappen, die das lyrische Ich durchlebt, zwar besonders sind in ihrer konkreten Verbindung, aber doch einen allgemeinen Charakter haben, weil die Lieder, von den Tawil erzählt, Lieder sind, die alle kennen, kennen können, die ihre Lebensjahre mit ihm teilen. Es ist egal, ob man diese Lieder mag oder nicht, sie skizzieren einen Weg der Auseinandersetzung und Reflexion mit deutscher und internationaler Geschichte, der nicht zufällig bei Rage Against the Machine (dem Cover mit dem brennenden Mönch von der ersten Single „Killing in the Name“) und Nirvana (Kurt Cobains Aufforderung, so zu kommen, wie man sei) kulminiert: an einem Punkt, an dem eine politische und impulsive Jugend, die auf dem Weg war, eine Bewegung werden zu können, nicht, weil sie die Analysen, sondern weil sie ihre Lieder, Lieder der Verweigerung, teilte, zusammenbrach. Die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung, die Rage Against the Machine Anfang der 1990er Jahre den damals Mittzwanzigern einbrannte, zerbrach mit Kurt Cobain, die – trotz aller romantisch-melancholischen Nirvana-Verklärung – freiheitsversprechende Option, zu kommen, wie man ist, hat Cobain bekanntlich aus Verzweiflung selbst exekutiert.

Hoffnung und Verzweiflung sind ganz nah beieinander bei Tawil, beim Verzicht auf Suchmaschinen und ihre Dechiffrierung einer beeindruckenden Idee durch die Aufdeckung plumper Wahrheiten, nämlich der, welche Lieder Tawil denn nun collagiert hat, bietet diese Ambivalenz tatsächlich etwas von der Hoffnung einer Flaschenpost, die zwar im gesellschaftlichen Kontext trivial eingekorkt wurde, aber je eigene Spielräume, Erinnerung und Hoffnungen zulässt – und damit dem Subjekt nicht Gewalt zumutet, sondern etwas von der Last nimmt. Woran die Lieder, die Tawil besingt, verstummt sind, sagt er nicht, es bleibt beim Rezipienten, diese Frage selbst zu stellen – Tawil gibt, nach dem Niedergang, der schon mit Cypress Hills „Insane in the Brain“ klar auch zur individuellen Verzweiflung und Flucht ins Vernebelnde wurde, aber doch einen Weg von der individuellen Flucht in die gesellschaftliche Kritik fand, in einer musikalischen Wegrichtung den Ausweg, der aber nur sein persönlicher war, kein gesellschaftlicher (und an dem das Lied auch zugleich kippt von einer metaphorischen Offenheit in eine sehr personalisierte und zu aufdringliche, weil privatisierte Wegweisung).

Dass Tawil in der Passage, in der er sich auf dem Weg in die 1990er Jahre befindet, auch bei Advanced Chemistry Station macht, die mit ihrem rassismuskritischen Stück deshalb so markant gewesen sind, weil es die gesamte Paradoxie und letztlich Widerwärtigkeit rechtsextremer Bevölkerungssegregationsphantasien zeigte und es dabei trotzdem geschafft hat, erzählend zu bleiben und nicht erklärend zu werden, muss eine Referenz aus der Vergangenheit für die Gegenwart sein – und so gelesen werden. Ob diese Flaschenpost als allegorische Erzählung dereinst noch gefunden werden wird, wird die Zukunft zeigen – nicht in dem Sinne, dass man sie einfach nur verstehen müsste, sondern in dem, dass Musik immer Gesellschaft ist und das Stück von Tawil, ganz gleich, wie man es subjektiv musikalisch bewerten mag, ein Versprechen auf eine bessere enthält. Zunächst aber frisst die googlende Kulturindustrie erst einmal auch diese Flaschenpost und erstickt sie in der Banalität der nach hortender Vollständigkeit in der Antwort lechzenden Frage: Welche Lieder werden denn zitiert?

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist soeben erschienen: 

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze 
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

Weitere Informationen finden Sie hier.

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne “Das Akademische Karussell

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