Reisefreiheit für Fußballfans: In Zukunft nur per Voucher?

Anfang April sorgte eine umstrittene Voucher-Regelung für Gästefans beim Niedersachsen-Derby zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 für Aufsehen. Nun stellt sich heraus, dass solche Einschränkungen der Reisefreiheit in Zukunft offenbar regelmäßig gegenüber Fußballfans zum Einsatz kommen könnten: Wenn heute Nachmittag der 1. FC Kaiserslautern gegen Dynamo Dresden spielt, wird in Sachen Voucher ein weiteres Kapitel geschrieben.

Von Edgar Lopez

Nach den Ereignissen der letzten Partie beider Vereine auf dem Betzenberg sehen sich die Verantwortlichen in Kaiserslautern offensichtlich zu nachdrücklichen Maßnahmen gezwungen, die nicht zum Alltag eines normalen Spielbesuches gehören. Konkret handelt es sich dabei um zwei weitreichende Einschnitte: Einerseits wird das Kartenkontingent für den Dresdner Anhang auf rund 2.300 Tickets begrenzt. Das entspricht etwa 4,7 Prozent der Gesamtkapazität des Stadions und unterschreitet damit eindeutig die regulär vorgeschriebenen 10 Prozent der Karten, die dem Anhang des Gastvereins offiziell zustehen. Dies ist laut den Bestimmungen des umstrittenen DFL-Papiers „Sicheres Stadionerlebnis“ möglich und wird ohne großes Aufsehen umgesetzt, genau wie Kritiker zuvor befürchtet hatten.

Andererseits wurden auf Drängen des 1. FC Kaiserslautern und der Polizei in Dresden nur sogenannte Voucher verkauft. Dabei handelt es sich im Prinzip um Optionsscheine für Karten, die erst vor Ort in Kaiserslautern in richtige Eintrittskarten für das Stadion umgetauscht werden können. Diese Maßnahme ist in der Bundesliga relativ unbekannt, wurde aber bei internationalen Fußballturnieren wie der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine 2012 schon mehrfach angewandt.

Abdruck der Allgemeinverfügung der Polizei Kaiserslautern in der "Sächsischen Zeitung" (Foto: Blickfang Ultra, Facebook-Screenshot).
Abdruck der Allgemeinverfügung der Polizei Kaiserslautern in der „Sächsischen Zeitung“ (Foto: Blickfang Ultra, Facebook-Screenshot).

Flankiert wurde dieses Vorgehen wiederum von einer allgemeinen Verfügung der Polizei Kaiserslautern, wonach Personen mit einem Stadionverbot das gesamte Stadtgebiet Kaiserslauterns in einem Zeitraum von 8 bis 20 Uhr am Spieltag nicht betreten dürfen. Die Kaiserslauterer Polizei schaltete dafür sogar extra Inserate in der in Dresden erscheinenden „Sächsischen Zeitung“ und in der Kaiserslauterer „Rheinpfalz“. Nach Veröffentlichung von Fahndungsfotos mutmaßlicher Verdächtiger der Geschehnisse des Spiels Bielefeld gegen Dynamo lässt sich die „Sächsische Zeitung“ damit innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal für polizeiliche Maßnahmen einspannen. Nach derzeitigem Stand wurde die Allgemeinverfügung allerdings am Freitag von einem Gericht gekippt.

Hintergrund der Maßnahmen sind die Bemühungen der Behörden, das Spiel am Sonntag möglichst reibungsfrei durchzuführen. Dazu gehört auch die Überlegung, den gesamten Gästeanhang auf dem Messeparkplatz in Kaiserslautern zu versammeln und dann mit einem Bustransfer direkt vor das Stadion zu befördern. Damit soll verhindert werden, dass es zwischen Heim- und Gästefans zu irgendwelchen Berührungspunkten kommt. So viel zur Theorie.

Dynamo Dresden lehnt geplantes Vorgehen ab

Dynamo Dresden hat diese Praxis abgelehnt, weil sie mehrere Risiken birgt: Zunächst handelt es sich bei der Voucher-Regelung um eine organisatorische Praxis, mit der weder der FCK noch die SGD irgendeine Erfahrung haben. Außerdem findet das Spiel am Sonntag unter Vorzeichen statt, die weitaus zugespitzter sind als beim letzten Aufeinandertreffen. Kaiserslautern spielt um den Aufstieg in die erste, Dynamo gegen den Abstieg aus der zweiten Bundesliga. In diesem Rahmen ein vollkommen unbekanntes Prozedere zu testen, erscheint gewagt oder mindestens naiv.

Polizei wartet auf einem Bahnhof auf Fußballfans (Foto: http://www.flickr.com/photos/begangenes/ CC BY-NC-SA 2.0)
(Foto: http://www.flickr.com/photos/begangenes/ CC BY-NC-SA 2.0)

Kartenumtausch könnte Situation noch verschärfen

Auf dem Kaiserslauterer Messeparkplatz gibt es darüber hinaus nur eine kleine Halle, in der die Dynamo-Fans den bürokratischen Aufwand des Kartentausches durchführen können. Es wird darauf ankommen, wie schnell die Fans „abgefertigt“ werden, um danach per vorgesehenem Busshuttle zum Stadion gelangen. Sollte es beim Umtausch und dem Transfer zum Stadion zu Verzögerungen kommen, kann die Angst, den Anpfiff nicht rechtzeitig zu erleben, unter den Dresdner Fans sehr leicht noch mehr Unruhe entstehen lassen.

Hinzu kommen Indizien, dass sich etliche Dresdner Anhänger bereits mit Karten für die Heimbereiche versorgt haben. Das beste Beispiel dafür ist das Dynamo-Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt vor zwei Jahren, das nach einer Verbandsstrafe ohne Gäste abgehalten werden sollte. Trotz Verbotes besorgten sich mehrere Hundert Dresdner Karten für den Heimbereich des ehemaligen Frankfurter Waldstadions. Im aktuellen Fall wird dies sogar noch durch die Onlineticketplattform Viagogo erleichtert. Dort können Fans, egal, welcher Couleur, Karten von anderen Fans kaufen – zu Schwarzmarktpreisen.

Ticketverkauf über Viagogo als zusätzliches Problem

Die Interessengemeinschaft „Perspektive FCK“, die die Zusammenarbeit des FCK mit Viagogo schon länger kritisiert, fasst zusammen: „Ob das Konzept wirklich für mehr Sicherheit sorgen kann, bezweifelt Sebastian Scheffler: ‚Durch das reduzierte Gästekontingent verschenkt der FCK nicht nur viel Geld, sondern zieht auch den Unmut vieler Fans auf sich. Dazu kommt noch eine schlechte bzw. gar keine Kommunikation des Vereins bezüglich der Vergabepraxis der Eintrittskarten. Gerade der Verkauf der Tickets über Viagogo könnte uns noch Probleme bereiten.‘“

Anstatt den Gästen aus Dresden beispielsweise die Osttribüne des Fritz-Walter-Stadions zu überlassen und so eine striktere Fantrennung zu unterstützen, sorgen die Verantwortlichen somit dafür, dass es im Heimbereich wohl zu einer Vermischung der Fanlager kommen wird. Damit wird der ganze Aufwand, der mit der Voucher-Regelung betrieben wird, möglicherweise schon im Vorfeld konterkariert. Fanvertreter beider Seiten befürchten jedenfalls bereits jetzt eine aufgeheizte und chaotische Situation.

Die Anreise war beim letzten Spiel nicht das Problem

Abgesehen davon beruht das Konzept generell auf einer fragwürdigen und verzerrten Analyse der Vorfälle beim letzten Aufeinandertreffen beider Mannschaften. Denn die Anreise der Dresdner machte dabei keine Probleme. Zu den Ausschreitungen kam es erst auf dem Rückweg, als Shuttle-Busse mit Lauterer Fans durch den Abreisestrom frustrierter Dynamo-Fans geleitet wurden. Bei den anschließenden Auseinandersetzungen gab es zwei Verletzte – was zwar nicht den oftmals herbeigeredeten bürgerkriegsähnlichen Zuständen entspricht, aus polizeilicher Sicht aber dennoch verhindert werden muss.

Die Maßnahmen der verantwortlichen Behörden zielen daher darauf ab, durch eine schrittweise Beschneidung des Grundrechtes der Reisefreiheit solche Szenen zu verhindern. Die Testballons, die heute noch keinen großen gesellschaftlichen Aufschrei provozieren, weil sie gegen teilweise geächtete Fußballgruppen ohne Lobby angewandt werden, könnten schon morgen zu allgemeinen durchgesetzten Repressionsmaßnahmen werden.

Letzten Endes bewirken sie aber aufgrund der aufgelisteten Punkte das genaue Gegenteil: Sie schaffen keine Sicherheit, sondern verschärfen die Situation rund um ein ohnehin schon emotional aufgeladenes Spiel nur noch mehr. Sollte es heute in Kaiserslautern zum befürchteten Chaos kommen, können sich die Verantwortlichen gratulieren. Sie hätten dann die Reisefreiheit eingeschränkt – und wären dennoch gescheitert.

Anmerkung der Redaktion: Unser Autor ist vor Ort und wird in den kommenden Tagen seine Eindrücke schildern.

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