SS-Division „Galizien“: Heldengedenken in der Ukraine

Heute vor 71 Jahren wurde in der Ukraine die 14. Waffen-Grenadier-Division der SS „Galizien“ („Halychyna“) gegründet. In Lwiw wird der Jahrestag regelmäßig gefeiert – mit einer „Parade der Stickerei“. Denn: Stickerei ist nicht nur Handarbeit, sondern auch Ideologie.

von Lara Schultz

Die ukrainische folkloristische Tracht ist reich mit Stickereien verziert und soll den Kampf gegen die „Russifizierung der Jugend“ symbolisieren. Frauen tragen bestickte Blusen zum Rock, Männer bestickte Hemden zur Hose. Die Motive sind nicht immer nur traditionell. Vereinzelt findet sich auch gestickte SS-Symbolik bei Aufmärschen. Die Parade hat noch einen weiteren ideologischen Hintergrund: Die Wehrmacht wurde bei ihrem Einmarsch nach Lemberg / Lwiw im Sommer 1941 begeistert empfangen – unter anderem mit einer Parade, zu der die Frauen die traditionellen reich bestickten Blusen trugen.

Lemberg/Lwiw 1941: Zum Einzug der Wehrmacht wird eine Stickerei-Parade abgehalten. (Foto: Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0)
Lemberg/Lwiw 1941: Zum Einzug der Wehrmacht wird eine Stickerei-Parade abgehalten. (Foto: Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0)

Heute ist die Stickkunst, so scheint es, aktueller denn je. „Fünf Gründe, Stickerei zu tragen“ titelte Anfang des Monats das ukrainische Lifestyle-Magazin „Gigamir“ und führte aus: 1) Stickerei sei vor allem auf qualitativ hochwertigen Leinenhemden gut, weil Leinenhemden über einen hohen Tragekomfort verfügen. 2) Stickerei sei vielseitig, weil zu Anzug, Rock und Jeans kombinierbar. 3) Stickerei bedeute Tradition und versinnbildliche Patriotismus. 4) Stickerei diene als Talisman, denn ein von der fürsorglichen Mutter liebevoll besticktes Hemd helfe gegen den bösen Blick und bewahre vor Unheil. 5) Modisch sei Stickerei sowieso.

Bereits seit 2010 wird auch in Lwiw jährlich am 28. April mit einer „Parade der Stickerei“ beziehungsweise einem „Marsch der Geistesgröße“ der Gründung der SS-Division gedacht. Vorher gab es unter verschiedenen Namen, beispielsweise „Tag der Helden“, bereits in anderen westukrainischen Städten ähnliche Paraden, teils organisiert von lokalen Initiativen, teils von bekennenden Nazis.


Aktuelle Aufnahmen von der Parade 2014.

2011 beteiligte sich an der Stickerei-Parade auch der Lwiwer Stadtrat der ultranationalistischen Partei Swoboda, Jurij Michaltschischin. „Nicht durch Worte, sondern durch Taten beweisen wir, dass Lwiw eigentlich Banderstadt [gemeint ist Stepan Bandera, LS] ist“, zitierte ihn das Luzker Anzeigenblättchen „Im Fadenkreuz“. „ Es ist die Hauptstadt des ukrainischen Nationalismus. Dafür kämpfte auch die Division ‚Galizien‘. Aber am neunten Mai [Tag des Sieges der Roten Armee über Nazi-Deutschland, LS] kommen die Besatzer. Wir müssen Lwiw vor diesem Abschaum schützen.“

Einheitliche T-Shirts trug eine Gruppe Nazis beim Aufmarsch 2012: Sie waren bedruckt mit einem SS-Totenkopf, der Doppelsigrune und der (deutschen) Aufschrift „Totenkopf – Meine Ehre heißt Treue“. Zum 70. Jahrestag der Divisionsgründung 2013 nahmen auch Nazis aus St. Petersburg an der Parade teil, die offen ihre Hakenkreuz-Tattoos zeigten.

2012: Lemberger Parade der Stickerei im modischen Totenkopf-SS-Motto-Shirt. (Foto: YouTube Screenshot)
2012: Lemberger Parade der Stickerei im modischen Totenkopf-SS-Motto-Shirt. (Foto: YouTube Screenshot)

Organisatoren der Lwiwer Parade waren in den letzten Jahren Nazis des „Autonomen Widerstands“. Auch die Partei Swoboda hatte sich beteiligt. Bis zu 2 000 Teilnehmende marschierten teilweise im Autonomen-Outfit, teilweise in aufwändig bestickter ukrainischer Tracht. Gezeigt wurden Transpis des „Autonomen Widerstands“ und Hochplakate mit dem gelben Löwen auf blauem Grund – dem Logo der Division. „Nicht-ordensfähige“ Einheiten der Waffen-SS wie die Division Galizien durften nicht die Doppelsigrune tragen, sondern hatten eigene Embleme. An den Denkmälern für Stepan Bandera und für den ukrainischen Lyriker Taras Schewtschenko legten die Aufmarschteilnehmenden Blumen nieder. Dazu skandierten sie Parolen wie „Galizien – Division der Helden“, „Ruhm der Ukraine – den Helden Ruhm“, „Tod den Feinden“ und „Wer sind wir? – Ukrainer! Was brauchen wir? – Macht!“

Absicht der Aktion sei es, die „Helden, die für die Ukraine kämpften“ zu ehren und „der Regierung zu zeigen, dass es in der Ukraine Menschen gibt, die bereit sind, die Interessen der Nation bis zum Letzten zu verteidigen“, erklärten die Organisatoren. Das allerdings muss der aktuellen Übergangsregierung wohl nicht bewiesen werden. Auch Viktor Juschtschenko, Präsident von 2005 bis 2010 führte, würdigte die „Freiheitskämpfer“ der Ukraine als Helden. Der im Februar abgesetzte Präsident Viktor Janukowitsch, der eher Russland nahesteht, lehnte diese Heldenverehrung dagegen ab. Janukowitsch hat seine Anhänger eher im Osten der Ukraine, wo der „Tag des Sieges“ am 9. Mai eine größere Rolle spielt.

Auf Facebook kursiert nun ein Aufruf für eine Stickerei-Parade am 28. April in Kryvyj Rih im Bezirk Dnipropetrowsk. In der derzeitigen politischen Situation droht der Aufmarsch zu einer Zerreißprobe zu werden.

Mobilisierungsflyer für die Parade 2014 in Krywyj Rih.
Mobilisierungsflyer für die Parade 2014 in Krywyj Rih.

In Lwiw wird dagegen womöglich keine „Parade der Stickerei“ stattfinden. Sowohl der „Autonome Widerstand“ als auch die ultranationalistische Partei „Swoboda“ haben angekündigt, in Lwiw dieses Jahr keine Parade durchzuführen. Nun meldete sich eine Organisation namens „Heimatland“ zu Wort, die mehreren Zeitungen gegenüber sagte, dass weder der „Autonome Widerstand“ noch die „Swoboda“ eine Parade organisieren, heiße noch nicht, dass keine Parade stattfinden werde. Den in dem Bericht nicht näher benannten „Organisatoren“ zufolge seien Parteiabzeichen sowie die schwarz-rote Fahne der Ukrainischen Aufständischen Armee verboten, ebenso Hasskappen. Lediglich ukrainische Flaggen seien erlaubt. Bandera-Symbolik sowie die traditionellen Parolen seien ebenfalls zulässig.

Die 14. Waffen-Grenadier-Division der SS wurde 1943 mit ukrainischen (im SS-Sprachgebrauch als galizisch bezeichneten) Freiwilligen und sogenannten Volksdeutschen aufgestellt. Eine Beteiligung der Division an Massakern gegen die polnische und jüdische Zivilbevölkerung, unter anderem in Huta-Pieniacka, Podkamień und Palikrowy, gilt als gesichert. Die Angehörigen der Division stammten überwiegend aus dem Raum Lemberg/Lwiw.

5 thoughts on “SS-Division „Galizien“: Heldengedenken in der Ukraine

  1. This is very disturbing. There is NOTHING in the news about this here in the USA. More evidence which shows how biased the American news media is.

  2. Well, the bias of the US media is nothing new! But I agree it’s getting tougher. That’s due to the fact that we live in a shareholder value society: Forget the old times! Now it’s only about ECONOMY!

  3. Oh, ein Ukraine-Artikel beim auf den Neofaschismus im eigenen Land spezialisierten Watchblog. Die Ukro-Faschisten hatten also 2011 zum Gründungstag der dortigen SS-Division sogar Hemdchen an, auf denen „Meine Ehre heißt Treue“ stand. Tja, dann lässt sich das wohl nicht mehr leugnen. „very disturbing“. (… dass nichts davon in der Presse zu lesen war)

    Und dann geht die Desinformation los:
    „Die 14. Waffen-Grenadier-Division der SS wurde 1943 mit ukrainischen (im SS-Sprachgebrauch als galizisch bezeichneten) Freiwilligen und sogenannten Volksdeutschen aufgestellt.“

    Nein, die SS-Division hieß sogar „Galizien“, und nicht „Ukraine“, weil deren Freiwillige praktisch ausschließlich aus dem westukrainischen Galizien stammten, den heutigen drei Oblasten Lwiw, Iwano-Frankiwsk und Ternopil. Den Regionen, in denen die „ultranationalistische“ Partei Svoboda vor zwei Jahren bei den Parlamentswahlen im Durchschnitt 34% der abgegebenen Stimmen erzielte.
    > http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ukr_elections_2012_multimandate_oblasts_svo.png?uselang=ru

    Im Stadtparlament von Lwiw (750.000 Einwohner), also „Banderstadt“, verfügt Svoboda übrigens über die Mehrheit der Sitze.

    „… auch Nazis aus St. Petersburg [nahmen] an der Parade teil.“
    Na, dann kommt ja alles wieder ins Lot. Über wieviele Sitze verfügen die Nazis im Stadtparlament von St-Petersburg?

    Ein verdruckster, offenbar pflichtschuldiger Artikel, der so tut, als würde aktuell gerade dieser vormalige, immerhin friedliche Nazi-Gedenkaufmarsch in der gegenwärtigen Ukraine ein Problem darstellen. (Very disturbing)
    Nein, die konnten es sich sogar erlauben, den diesjährigen Marsch abzusagen, also Kreide zu fressen, weil sie mittlerweile bewaffnet die Straßen kontrollieren und ungestraft, wie am 2. Mai in Odessa, Hunderte von Gegnern abschlachten können.

    1. @Holzkopf: Sie machen Ihrem Namen alle Ehre, oder?
      1. Desinformation? Welche Desinformation? Die Einheit trug unterschiedliche Namen, wenn Sie es schon genau wissen wollen:
      SS-Schützendivision „Galizien“ (Mai 1943)
      14. SS-Freiwilligen-Division „Galizien“ (30. Juni bis 22. Oktober 1943)
      14. Galizische SS-Freiwilligen-Division (22. Oktober 1943 bis 27. Juni 1944)
      14. Waffen-Grenadier-Division der SS (galizische Nr.1) (27. Juni bis 12. November 1944 –
      14. Waffen-Grenadier-Division der SS (ukrainische Nr. 1) (12. November 1944 bis 25. April 1945)
      1. Ukrainische Division der Ukrainischen National-Armee (25. April bis 8. Mai 1945).
      (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/14._Waffen-Grenadier-Division_der_SS_(galizische_Nr._1))

      2. Natürlich haben „die Medien“ darüber berichtet, eine kleine Auswahl hier, den Rest können Sie hoffentlich selbst googeln:
      http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2014/Abgeordneter-von-ukrainischer-Regierungspartei-ehrt-Waffen-SS,ukraine365.html
      http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article119276549/Wenn-ukrainische-SS-Veteranen-ihre-Division-feiern.html

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