NSU-Terror: Angeklagter Andre E. war wohl in Tatortnähe

Der Mitangeklagte im NSU-Prozess André E. befand sich zum Zeitpunkt des  Nagelbombenanschlags in Köln 2004 in unmittelbarer Nähe – das belegen neue Unterlagen.

Von Maik Baumgärtner/Andrea Röpke, zuerst veröffentlicht beim blick nach rechts

Screenshot aus dem NSU-Bekennervideo (Publikative.org)
Screenshot aus dem NSU-Bekennervideo (Publikative.org)

Einen Tag vor dem verheerenden Nagelbombenanschlag mit vielen Verletzten in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 wurden von der Geldkarte des NSU-Mitangeklagten André E. 20 Euro abgebucht. Der Vorgang spielte sich am 8. Juni 2004 um 17.35 Uhr, nur rund 50 Kilometer von Köln entfernt, an einem Schalter im Einkaufszentrum im Narzissenweg von Euskirchen ab. Bisher soll den ermittelnden Behörden nur bekannt gewesen, dass sich der Neonazi mit dem LKW einer Zwickauer Spedition in Tatortnähe befunden haben könnte.

Aus seinen eigenen Steuerunterlagen war hervorgegangen, dass E. etwa zeitgleich wie die mutmaßlichen Täter den Weg von Sachsen in den Westen nahm. Das Ziel seiner Spedition war am 7. Juni zunächst Mainz. Am nächsten Tag fuhr E.  Richtung Euskirchen weiter. Aus den beschlagnahmten Dateien erfuhren die Ermittler, dass die Schicht am Tag des Bombenanschlags, am 9. Juni, für den Zwickauer in Euskirchen morgens begann und abends im rund 500 Kilometer entfernten Irxleben endete. Das war bisher alles.

Der Buchungsvorgang der Sparkasse aus dem Erzgebirge könnte den Angeklagten jetzt zunehmend belasten. Denn nicht nur die beiden mutmaßlichen Attentäter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hatten sich am Sonntag, dem 6. Juni 2004 mit einem in Zwickau gemieteten VW Touran auf den Weg nach Nordrhein-Westfalen gemacht, sondern anscheinend befand sich auch E. in der Nacht vor dem Anschlag in der Region. „Die Tatörtlichkeit“ in Köln, die Keupstraße, befindet sich in unmittelbarer Nähe zu einem großen Industriegebiet mit einer Vielzahl von Firmen, hieß es intern, die „Verkehrsinfrastruktur“ sei folglich „für schwere LKW ausgelegt“, auch geeigneter „Parkraum für den Schwerverkehr“ sei vorhanden.

Mundlos und Böhnhardt auf den Aufnahmen der Überwachungskamera

Doch Fahrtenschreiber oder Übernachtungsquittungen existierten nach  Firmenangaben nicht mehr, auch Angaben über mögliche in Euskirchen aufgesuchte Firmen zwecks Be- oder Entladung von Ware lagen nicht vor. Da der Beschuldige E. im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch macht, bestanden bislang „keine erfolgversprechenden Ermittlungsansätze, die den Verdacht einer unmittelbaren Tatbeteiligung des E. am Nagelbombenanschlag (..) in Form der Verbringung von Tatmitteln von Zwickau nach Köln untermauern“ würden, lautete die interne Einschätzung.

Der Anschlag in der Keupstraße jährt sich am 9. Juni dieses Jahres zum zehnten Mal. Gegen 14.30 Uhr am 9. Juni 2004 zeichneten die Überwachungskameras des Musiksenders Viva im Kölner Stadtteil Mühlheim Bilder auf, die als Fahndungsphotos verwendet wurden. Ein etwa 25 bis 30 Jahre alter Mann mit Baseballkappe schob zunächst zwei Mountainbikes durch die Schanzenstraße. Kurz darauf kam er, laut Bericht des WDR, ohne die Räder zurück. Um 15.10 Uhr tauchte er wieder auf – gefolgt von einem weiteren gleichaltrigen Mann, der ein Damenfahrrad mit aufmontiertem Hartschalenkoffer schob. Darin war die Bombe versteckt, die – wie die Polizei später feststellte – aus einer Gasflasche, 5,5 Kilogramm Schwarzpulver und rund 800 Nägeln bestand. Abgestellt wurde das Damenrad schließlich vor einem Friseursalon an der Keupstraße. Dort haben sich etliche türkische Kleinunternehmer niedergelassen, die Geschäfte und Restaurants betreiben. Insgesamt fünf Mal sollen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf den Aufnahmen zu sehen sein.

„Metallnägel drangen in die Körper ein“

Um 15.56 Uhr wurde die Bombe mit einer Funkfernsteuerung gezündet, es gibt 22 zum Teil schwer verletzte Menschen. „Bei den Personen, die sich unmittelbar am Explosionsort aufhielten, drangen zahlreiche Metallnägel in die Körper ein“, heißt es in einem Polizeibericht. Die Wucht der Detonation habe die Nägel in einem Umkreis von bis zu 100 Metern verteilt.

Keine Stunde später veranlassten zuständige Beamte im Lagezentrum der Polizei in Nordrhein-Westfalen die Streichung des Begriffs „’terroristischer Anschlag‘ aus dem momentanen Schriftverkehr“. Wer aus welchem Grund diese Anweisung erlassen hat, ist bisher ungeklärt. Eilig wurde kolportiert, dass keine Hinweise auf terroristische Gewaltkriminalität vorlägen. Nur einen Tag nach dem Anschlag, der seit 2011 dem Neonazi-Terrornetzwerk „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) zugeordnet wird, verkündete der damalige SPD-Bundesinnenminister Otto Schily: „Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbehörden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu.“

Einige Bewohner der Keupstraße sowie weitere Zeugen machten gegenüber der Polizei Angaben, dass der Anschlag möglicherweise in einem Zusammenhang zu den Serienmorden an türkischen Geschäftsleuten in Deutschland stehen oder ein fremdenfeindliches Motiv gehabt haben könnte, doch es folgten keine Konsequenzen. Die Maschinerie institutionellen Rassismus war längst angelaufen. Die Ermittlungen wurden 2008 erfolglos eingestellt.

Beihilfe zu Sprengstoffanschlag in Köln vorgeworfen

Die Generalbundesanwaltschaft wirft dem Zwickauer Helfer André E. im Münchner NSU-Verfahren unter anderem Beihilfe zu einem anderen Sprengstoffanschlag in der Kölner Altstadt im Dezember 2000 vor. E. soll ein Wohnmobil in Chemnitz angemietet und den beiden Haupttätern Böhnhardt und Mundlos zur Verfügung gestellt haben, die fuhren damit nach Köln und platzierten den Sprengsatz versteckt in einem Lebensmittelgeschäft. Etwa einen Monat später detonierte die Bombe und verletzte die junge Tochter der iranischen Besitzers schwer im Gesicht.

André E., Mitbegründer der  „Weißen Bruderschaft Erzgebirge“, der über gute Kontakte zu „Blood&Honour“ in Chemnitz verfügte, gilt als einer der langjährigsten und engsten Unterstützer im Untergrund. Eine Zeugin sagte aus, er habe die Drei bereits in einer der ersten Unterschlüpfe in Chemnitz versorgt. Am 4. November 2011, dem Todestag von Mundlos und Böhnhardt, war der 33-Jährige Neonazi der erste,  den die Hauptangeklagte Beate Zschäpe nach dem Auffliegen der Gruppe kontaktierte.

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