Vor 25 Jahren: Schulfrei an „Führers Geburtstag“

Hunderte Neonazis, die Schulen stürmen – faschistische Schlägertrupps, die Flüchtlingsheime niederbrennen und neonazistische Rollkommandos in „Ausländervierteln“: Vor dem 100. Geburtstag Adolf Hitlers am 20. April 1989 hatten sich Medien mit gespenstischen Szenarien überboten. Aus Sorge gab es an vielen Schulen für Migranten-Kinder schulfrei.

Von Patrick Gensing

Die Bundesrepublik Deutschland Ende der 1980er Jahre, kurz vor der Wende in der DDR: In Bremen holte die DVU 1987 einen Achtungserfolg mit 3,0 Prozent; 1989 triumphierten in West-Berlin die Republikaner, zogen mit 7,5 % der Stimmen ins Abgeordnetenhaus ein. In Fernsehspots hatte die Partei Bilder türkischer Migranten gezeigt und sie mit der Filmmusik aus dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ unterlegt und so für heftige Debatten gesorgt. Im Juni 1989 holen die Reps bei der Europawahl bundesweit mehr als zwei Millionen Stimmen – vor allem mit nationalistischen Parolen gegen die EU.

Viele Schüler blieben Zuhause

Rechtsextremismus und Neonazi-Gewalt waren in Westdeutschland ein akutes Problem, in den Kurven der Fußball-Bundesliga beispielsweise waren rassistische Gesänge eher der Normalfall denn die Ausnahme. Und so erschienen auch die wildesten Szenarien zum 100. Geburtstag von Adolf Hitler am 20. April 1989 zumindest vorstellbar. In West-Berlin boten Polizei und Antifa-Gruppen Telefonnummern an, um Neonazi-Aktionen dort melden zu können.

Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1989 über den "Führergeburtstag". (Screenshot)
Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1989 über den „Führergeburtstag“. (Screenshot)

In den Tagen zuvor war es nach Antifa-Angaben bereits zu Neonazi-Aktionen gekommen. Die taz berichtete damals, rund 20 uniformierte Männer seien gegen 1.30 Uhr am Schloss Charlottenburg beobachtet worden, wie sie mit einer Reichskriegsflagge marschierten. Zudem seien ausländische Schulkinder im Alter von acht und neun Jahren von Nazi-Skinheads bedroht worden: „Am 20. April solltet ihr lieber zu Hause bleiben. Sonst werdet ihr umgebracht!“ Lehrer reagierten auf die Bedrohung mit dem Angebot, schulfrei zu geben. Ähnlich war es in Hamburg und Bremen, selbst in Hamburger Stadtteilen wie Eimsbüttel waren die Neonazi-Drohungen Thema an den Schulen, wie Gespräche mit Zeitzeugen zeigen: Türkische Jungs sollten nur in Gruppen zur Schule gehen, Mädchen wurden von Lehrern begleitet.

In Hamburg hatten Lokalmedien in den Tagen vor dem 20. April 1989 über ein Flugblatt von Neonazis berichtet, das sich später als Bluff erweisen sollte. In einigen Stadtteilen blieben so gut wie alle Schüler mit ausländischen Eltern zu Hause. In einigen Schulen und auch Kindergärten herrschte gespentische Ruhe. In Wilhelmsburg ließen Geschäfteinhaber ihre Läden geschlossen. Zuvor hatten Gerüchte die Runde gemacht, wonach Hunderte Neonazis mit der England-Fähre in die Stadt einfallen würden, um Ausländer zu jagen. Angesichts der Zustände bei der Europameisterschaft 1988, als in Hamburg Hunderte Neonazis über die Reeperbahn gezogen waren und die damals besetzten Häuser in der Hafenstraße über Stunden angreifen konnten, erschienen die Warnung offenbar nicht komplett abwegig. Angriffe von Neonazis waren vor allem in den Randbezirken fast alltäglich.




Tatsächlich kam es rund um den 20. April 1989 dann aber nur vereinzelt zu Aktionen von Neonazis: Aus Berlin wurden Schlägereien zwischen antifaschistischen Jugendcliquen und Nazi-Skinheads vermeldet. In Neukölln wurde laut taz ein türkischer Friedhof verwüstet. Erheblicher Sachschaden entstand demnach durch Feuer in einer Neuköllner Grundschule: Rechtsextremisten hatten zwei Fenster eingeworfen und brennbare Flüssigkeit in zwei Klassenräume gegossen.

In Essen besetzten fünf Neonazis das Büro der Nachrichtenagentur dpa. In Eutin feierten Polizisten den 100. Geburtstag des „Führers“.  Die vier Beamten wurden später vom Dienst suspendiert und zu Bewährungs- bzw. Geldstrafen verurteilt. Die Polizisten hatten in einer Privatwohnung gefeiert, die mit Nazi-Symbolen dekoriert war. Die Polizisten selbst hatten Hakenkreuz-Armbinden angelegt.

Jahrelange Vorbereitung

Die Neonazi-Szene hatte sich jahrelang auf den 100. Geburtstags Hitlers vorbereitet. In Spanien soll bereits im Jahr 1984 ein Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten gegründet worden sein. Mehrere bekannte Neonazis aus Deutschland sollen dabei gewesen sein, unter anderem führende Kader aus Hamburg wie Michael Kühnen.

Michael Kühnen war der bekannteste Neonazis Deutschland, war aber in der Szene auch umstritten. (Screenshot YouTube)
Michael Kühnen war der bekannteste Neonazi in Deutschland, aber in der eigenen Szene auch umstritten. (Screenshot YouTube)

Auch mehrere Nazi-Parteien aus Europa waren involviert – aus Deutschland die später verbotene FAP – die erste Neonazi-Partei, die den Anschluss an jugendliche Subkulturen vollzog und somit Vorbildcharakter für den späteren Kurs der NPD hatte.

Das Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers (KAH) wird auf Betreiben Michael Kühnens als Nachfolgestruktur der 1983 verbotenen Aktionsfront Nationaler Sozialisten/ Nationale Aktivisten (ANS/NA) gegründet. Dieses bildet den inneren Kreis der Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF). (Quelle: apabiz)

Der 100. Geburtstag Adolf Hitlers war somit ein Vorgeschmack auf das, was in den 1990er Jahren folgen sollte, als Neonazis im wiedervereinigten Deutschland tatsächlich Ausländer durch die Städte jagten oder gemeinsam mit Anwohnern Flüchtlingsunterkünfte belagerten und abfackelten. Dies war auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik noch nicht im größeren Stil möglich, da die Staatsmacht nicht komplett abwesend war – und weil es nennenswerten Widerstand aus anderen Subkulturen oder Gangs gab. Der Personenschützer Michel Ruge berichtet beispielsweise in seinem Buch „Bordsteinkönig – meine wilde Jugend auf St. Pauli“, wie sich deutsch-türkische Gangs aus der Innenstadt mit Nazi-Skinheads aus den Randbezirken regelmäßig Schlägereien lieferten – und so Viertel wie St. Pauli weitestgehend nazifrei hielten.

„Weil schon soviel passiert ist“

Doch die Neonazi-Gewalt war in vielen Regionen eine akute Gefahr. Ein Polizist aus Bremen erklärte 1989 gegenüber der taz, er kenne die Randale der Skins, seit er in dem Stadtteil Huching arbeite: „Wenn ich von den Drahtziehern ausgehe, ist das eine Handvoll. Mit Unterstützung aus Stuhr, Delmenhorst und Oldenburg kommen die auf 30 – 40 Leute. Mehr nicht.“ Die Skins gingen öfter auf „Türkenjagd“, Delikte wie Landfriedensbruch, Körperverletzung, unerlaubter Waffenbesitz bis hin zu einem Molotow-Cocktail seien an der Tagesordnung. Die Polizei habe Schlachten zwischen Skins und türkischen Jugendlichen verhindert. Der Revierleiter: „Das ist eine gezielte Angstmache. In anderen Stadtteilen wurde das auch versucht, aber nur in Huchting haben die Leute die Gerüchte geglaubt – weil hier schon früher soviel passiert ist.“

Tatsächlich finden sich sogar in Verfassungsschutzberichten der 1980er Jahren umfangreiche Hinweise auf rechtsterroristische Bestrebungen: Terrordrohungen in Briefen, die Libanon-Gruppe der Wehrsportgruppe Hoffmann sowie die „Deutschen Aktionsgruppen“.

Propaganda der neonazistischen Hamburger Liste Ausländerstopp.
Propaganda der neonazistischen Hamburger Liste Ausländerstopp. Quelle: Verfassungsschutzbericht 1982

Nach dem 20. April 1989 wurde dann die Frage gestellt, ob die Öffentlichkeit hysterisch auf die Nazi-Drohungen reagiert habe. Auch in der Antifa-Bewegung wurde dies diskutiert. Im Antifaschistischen Infoblatt hieß es dazu:

Die von den Neonazis angekündigten Aktivitäten, Feiern und Aufmärsche zum 20. April 1989 blieben aus. War die von der Antifa-Bewegung durchgeführte Mobilisierung reine Panikmache, wie ihr von verschiedenen Seiten vorgeworfen wurde? […] Zwei Tatsachen hatten uns dazu bewogen, uns besonders breit und gründlich auf dieses Datum vorzubereiten: 1. die Zunahme rassistischer und neonazistischer Übergriffe seit dem Erfolg der Republikaner bei den Abgeordnetenhauswahlen, 2. die lange Vorbereitung der Neonazis auf den „Führergeburtstag“ sowie Informationen über eventuell geplante Aktivitäten zu diesem Anlaß. In den letzten Wochen mußten viele AntifaschistInnen, SchülerInnen, Emigranten die Erfahrung machen, daß bei Überfällen von Neonaziskins anwesende Polizisten den Opfern nicht zur Hilfe kamen, wegguckten, vorbeifuhren und sich erst wieder blicken ließen, wenn die Täter das Weite gesucht hatten. Stießen die rechtsextremen Schlägertrupps auf Gegenwehr, wurden die Antifaschisten von Polizisten verprügelt, festgenommen oder erhielten Anzeigen.

Insbesondere wird die Situation von Jugendlichen thematisiert, die unter alltäglichen Ressentiments zu leiden hatten:

Am frühen Abend des 20. April demonstrieren spontan türkische und deutsche Schüler auf dem Ku-Damm. In den späteren Abendstunden fanden sich in SO-363 mehrere hundert, meist türkische Jugendliche, zusammen um durch Kreuzberg und Neukölln zu ziehen. Sie wollten zeigen, daß sie nicht aus Angst zu Hause bleiben, daß sie bereit sind, sich gegen die deutschen Rassisten zur Wehr zu setzen. Die Ereignisse der letzten Wochen an vielen Schulen, vor allem aber die Zerstörungen auf dem türkischen Friedhof durch Rechtsextremisten in der Nacht vorher, hatten den letzten Anstoß gegeben. In den Demonstrationszügen kam die Wut und der Hass derjenigen zum Ausdruck, die tagtäglich den Rassismus bei der Lehrstellensuche, auf den Ämtern der westberliner Bürokratie, im Verhalten der Polizei am eigenen Leibe erfahren müssen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann diese tagtäglichen Erniedrigungen und Benachteiligungen, die Stimmungsmache der reaktionären Medien, sich in einer sozialen „Explosion“ entladen müssen. Es sind vor allem Kinder und Jugendlichen in der zweiten Generation der Emigranten, die gegen ihre gesellschaftliche Benachteiligung rebellieren.

Es ist exakt diese Generation, die bereits Ende der 1980er Jahre rassistische Gewalt erleben musste – beispielsweise in Schwandorf, wo ein Neonazi vier Menschen tötete – und die zehn Jahre später zur Zielscheibe des NSU wurde. Für diese Generation war eine latente Bedrohung durch Neonazis nichts neues, genausowenig wie Benachteiligung und Diskriminierung durch staatliche Stellen im Alltag. Hamburgs damaliger Innensenator Werner Hackmann sprach 1989 deutlich aus, warum die Verunsicherung bei vielen Migranten so enorm war: Ursache sei die latente Ausländerfeindlichkeit der Deutschen, zudem hätten Migranten nur geringes Vertrauen in die Sicherheitsbehörden. Und so nahmen mitunter Kiez-Milizen den Schutz der „eigenen“ Viertel in die Hand.

Feindbild Stadt

Die Neonazi-Bewegung entwickelte aber selbst in dem braunen Jahrzehnt, den 1990er Jahren, nicht die Schlagkraft, um die multikulturellen Städte vom Land aus nachhaltig anzugreifen, so wie es rechtsextreme Strategen geplant hatten. Stattdessen zog das mobile Mordkommando des NSU durch Deutschland, um durch Terror Unsicherheit und Schrecken zu verbreiten. Die Nachricht kam in der türkischen Community an.

Der „Führergeburtstag“ 1989 sollte – so hatten es die Neonazis geplant – zur Geburtsstunde einer einheitlichen europäischen nationalsozialistischen Bewegung werden. Dieses Ziel wurde verfehlt. Aber der 20. April 1989 wurde zum Testballon für neue Strategien – durch gezielte Provokationen sowie mediale Bluffs. Dazu gaben die Drohungen gegen ausländisch-stämmige Menschen einen Vorgeschmack auf den braunen Terror und die rassistischen Gewaltorgien der 1990er und 2000er Jahre.

Literatur zum Thema:

Andrea Röpke/Andreas Speit (Hrsg.): Braune Kameradschaften. Ch. Links Verlag, Berlin 2005

Thomas Grumke und Bernd Wagner (Hrsg.): Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers. In: Handbuch Rechtsradikalismus. Leske + Budrich, Opladen 2002

Michel Ruge: Bordsteinkönig – Meine wilde Jugend auf St. Pauli

Klaus Farin: Krieg in den Städten

Links:

apabiz: Profil: Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers (KAH)

Die Zeit: Wie konnte diese Angst entstehen?, Analyse nach dem 20. April 1989

Der Spiegel über den 20. April 1989, pdf

Publikative.org: Rechtsextremismus als soziale Bewegung: Feindbild Stadt, Patrick Gensing

Publikative.org: Terror-Trio? Rechtsextremismus als soziale Bewegung, Patrick Gensing

Neuköllner.net: Rechter Terror Ende der 1980er Jahre

blick nach rechts: Aktivitäten zum 125. Geburtstag Hitlers, Johannes Hartl

 Kontakt zum Autor: gensing(at)publikative(punkt)org

2 thoughts on “Vor 25 Jahren: Schulfrei an „Führers Geburtstag“

  1. In Köln gab es etwa 1985 eine ähnliche Geschichte. Vor Karneval tauchten plötzlich überall Flugblätter auf: „Skinheads Oi! Karneval gibt es auf die Fresse!“ oder so stand da drauf, das ganze mit Hakenkreuzen verziert.
    Daraufhin trafen sich die Leute aus den verschiedenen Vierteln und beschlossen, eine gute Truppe auf die Beine zu stellen, die dann in der Innenstadt präsent war. Etwa 1000 – 1500 Leute kamen zusammen. Es war unglaublich. Mit so vielen hatte keiner gerechnet. Die gingen dann die Hohe Straße und Schildergasse auf und ab, aber kein Skinhead ließ sich blicken. Nichtmal untereinander gab es Ärger. Es blieb alles friedlich. Der WDR berichtete anschließend darüber.

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