Familiäre Terrorzelle

Eine Kernfrage des NSU-Prozesses ist, ob und in welcher Form die Angeklagte Beate Zschäpe von der Mordserie wusste und daran beteiligt war. Mehrere Zeugenaussagen haben noch einmal belegt, wie eng und familiär das Beziehungsgeflecht zwischen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe war.  

Von Patrick Gensing

Leben im "Untergrund": Urlaubsfotos von Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im Jahr 2004
Leben im „Untergrund“: Urlaubsfotos von Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im Jahr 2004

Nach den bisherigen Zeugenvernehmungen hat sich der Eindruck verstärkt, dass das Trio, bestehend aus Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem auf Dauer angelegten sozialen Zusammenschluss lebte und mutmaßlich die Taten des NSU in arbeitsteiligem Zusammenspiel plante und ausführte.

Dass im Trio eine extrem gefestigte soziale Bindung untereinander und zueinander bestand, ergibt sich aus mehreren Umständen: Sowohl Zschäpe als auch Mundlos und Böhnhardt waren vor ihrem Untertauchen in der Neonazi-Szene Jenas aktiv – und dies nicht nur als Mitläufer. Sie hatten an Demonstrationen und Versammlungen teilgenommen und letztlich war das von ihnen gefertigte Spiel „Progromly“ deutlicher Ausdruck ihrer radikalen antisemitischen und nationalsozialistischen Gesinnung. Die Szene in Thüringen, in der sie sich bewegten und mit deren maßgeblichen Kadern sie verkehrten, war bereits in den 1990er Jahren gut organisiert sowie vernetzt und ideologisch gefestigt. Das Beschaffen von Sprengstoff vor dem Untertauchen zeigt bereits, dass sich die Neonazis radikalisierten und einen bewaffneten Kampf vorbereiteten.

Das enge soziale Beziehungsgeflecht zwischen den in den 1970er Jahre geborenen Neonazis Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begann in den 1990er Jahren – also vor rund 20 Jahren. Zu dieser Zeit entwickelten sie eine zunehmende Identifikation mit der politischen Einstellung der damals sehr dynamischen Szene. Der Vater von Uwe Mundlos schilderte am 18. Dezember 2013 in seiner Vernehmung vor Gericht eindringlich, wie sein Sohn Uwe in die rechte Szene abrutschte bzw. einstieg.

Untergrund

Besonders deutlich wird die enge Bindung der drei untereinander, wenn man weiteren Zeugenaussagen folgt. Nach Angaben eines Vernehmungsbeamten hatte der ehemalige V-Mann Thomas S. berichtet, 1996/1997 habe er eine kurze Liebesbeziehung zu Zschäpe gehabt. Er hätte diese gerne vertieft, wollte mit Zschäpe zusammenziehen. Diese jedoch habe nur die beiden Uwes und Politik im Kopf gehabt und keine Zeit für die Beziehung gehabt. Zschäpe habe gerne mit ihm diskutiert, Werbung für die NPD gemacht und die „Blood and Honour“-Szene dafür kritisiert, dass sie sich zu wenig an Demonstrationen und politischen Aktionen beteilige, so der Beamte nach Angaben des Blogs NSU-Nebenklage.

Interessant auch die Aussagen der Eltern von Uwe Böhnhardt. Demnach habe für Zschäpe und Mundlos prinzipiell gar keine unbedingte Veranlassung bestanden, in den Untergrund zu gehen. Zwar hätte zumindest Zschäpe nach dem Fund von Sprengstoff in einer von ihr angemieteten Garage mit Ermittlungen oder einer Anklage rechnen müssen, doch angesichts des nicht gerade überzogenen Eifers bei der Strafverfolgung von Neonazis im Thüringen der 1990er Jahre wäre eine Verurteilung alles andere als sicher gewesen.

Screenshot aus dem NSU-Vdeo
Screenshot aus dem NSU-Vdeo

Nur Uwe Böhnhardt war damals bereits rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe verurteilt – allerdings zu einer Jugendstrafe. Alle drei gaben dennoch ihre bürgerliche Existenz auf. Die drei Neonazis waren von nun an voneinander abhängig. Jede/r hätten die jeweils anderen verraten können. Dieser Umstand spricht für ein tiefes Vertrauen untereinander – und dafür, eine klandestine Struktur schaffen zu wollen. Kontakte zu Neonazis in mehreren Bundesländern, unter anderem Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, waren eine Voraussetzung, um das Leben im Untergrund organisieren zu können – und wohl auch, die späteren Morde und Anschläge zu planen und durchzuführen. Denn wer sich die einzelnen Tatorte anschaut, wird schnell zu dem Schluss kommen, dass diese für Ortsfremde eher abwegig sein müssten.

Liebesbeziehungen

Am 03. April 2014 führte die Mutter von Uwe Mundlos vor Gericht aus, ihr Sohn Uwe habe nach dem Ende der Beziehung zu Beate Zschäpe nie wieder eine Freundin gehabt. Dieser Umstand spricht für eine besondere Qualität der Empfindungen von Uwe Mundlos gegenüber Zschäpe. Das Ende der Beziehung resultierte aus dem Umstand, dass Zschäpe sich Böhnhardt zugewandt hatte. Bemerkenswerterweise scheinen Böhnhardt und Mundlos dennoch weiterhin eng befreundet gewesen zu sein. Dass auch Zschäpe offenbar keine Schwierigkeiten mit dem Wechsel des Partners innerhalb der Freundschaftsbeziehung der drei Personen hatte, spricht wiederum ebenfalls für eine besondere Qualität dieser Freundschaften.

Aus mehreren Zeugenvernehmungen ergibt sich, dass sich das Trio bewusst von seiner Umwelt abgrenzte. Selbst bei den wenigen „Freundschaften“ die Zschäpe pflegte, hatten die weiblichen Bekannten weder eine Adresse oder Telefonnummer von ihr. Die Zeuginnen erklärten zudem übereinstimmend, dass Zschäpe zu ihnen gekommen sei, wenn es ihr gepasst habe. Insbesondere die Zeugin Kuhn hat am 10. Dezember 2013 sehr plastisch geschildert, dass sie keinerlei Kenntnisse über das Leben von Zschäpe hatte. Obgleich man sich häufig gesehen hatte, wusste sie weder, wer ihr Freund war, noch mit wem sie wohnte, noch was sie arbeitete oder sonst so in ihrem Privatleben machte. Zweck dieser Abschottung nach außen war offenkundig, die gemeinsame Lebensgestaltung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt zu schützen.

Der Weisse Wolf dankt im Jahr 2002 dem NSU. (Reporduktion: apabiz)
Der Weisse Wolf  aus MVP dankt im Jahr 2002 dem NSU. (Reporduktion: apabiz) Die Internet-Seite des Fanzines lag auf einem Server von Thomas R., der als V-Mann Corelli Geld verdiente – und nach Angaben des Spiegel nun plötzlich verstorben sein soll – im Alter von 39 Jahren.

Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe verbrachten immer wieder Urlaube gemeinsam und lebten in gemeinsamen Wohnungen. Auf ihren Reisen nach Krakow am See in Mecklenburg-Vorpommern verfestigten sie seit 1994 ihre Kontakte nach Rostock, wo der NSU 2004 einen Mord verübte. Auch im Alltag waren sich die Neonazis sehr nah: Die Zeugin Springthorpe beschrieb am 08. April 2014 die Wohnung des Trios als „winzig“, was darauf schließen lässt, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt es miteinander sogar auf engstem Raum aushalten konnten. Auch dieser Umstand spricht für eine besondere Qualität der Beziehung des Trios untereinander.

Exklusiv und familiär

Beim NSU-Prozess berichteten die Zeuginnen Johannson und Reiser über ihren Eindruck des persönlichen Umgangs des Trios untereinander. Obwohl zwischen den Beobachtungen der Zeuginnen mehr als zehn Jahre lagen, sind die inhaltlichen Aussagen frappierend übereinstimmend. Während die Zeugin Johannson in am 13. März 2014 die Beziehung zwischen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt als „sehr exklusiv“ bezeichnete, benutzte die Zeugin Reiser den Begriff „Familie“. Die drei Neonazis hatten sich von ihrem Elternhaus abgekoppelt und eine neue „Familie“ gegründet, so wie es junge Erwachsene eben tun. Das Besondere an dieser Familie war, dass sie nicht nur auf Freundschaft oder Liebe, sondern offenkundig auch ideologischer Verbundenheit basierte, wie unter anderem die oben erwähnte Aussage von Thomas S. belegt.

Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt im Camping-Urlaub an der Ostsee (Foto: BKA)
Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt im Camping-Urlaub an der Ostsee (Foto: BKA)

Doch was meinte die Zeugin mit „sehr exklusiv“? Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters hatte die Zeugin offensichtlich Wortfindungsschwierigkeiten und erklärte, es sei eine „sehr enge Freundschaft“ gewesen. „Exklusiv“ bedeutet zudem „ausschließlich einem bestimmten Personenkreis oder bestimmten Zwecken, Dingen vorbehalten, anderen [Dingen] nicht zukommend.“

Das ahnungslose Mädchen?

Vor diesem Hintergrund ist es unwahrscheinlich, dass die Angeklagte Zschäpe innerhalb der Gruppe eine so weitgehende Abschottung von den anderen Gruppenmitgliedern überhaupt hätte vornehmen können, so dass sie weder von deren Zielen („Taten statt Worte“) noch von deren konkreten Plänen gewusst, noch selbige gebilligt hatte. Es erscheint höchst unwahrscheinlich, dass Mundlos und Böhnhardt durch Deutschland fuhren, Banken überfielen und Anschläge verübten, ohne das Zschäpe etwas davon wusste. Dies gilt ebenso für die Planung und Vorbereitung von Anschlägen. Vielmehr deckte sie offenbar ihre mutmaßlichen Komplizen, indem sie eine bürgerliche Legende aufbaute und pflegte.

Zudem benutzte Zschäpe das Geld, das aus den Banküberfällen geraubt wurde. Die Einnahmen waren auch für Zschäpe von elementarer Bedeutung – das Gelingen der Banküberfälle dürfte also auch in ihrem Sinne gewesen sein. Auf zwei Zeitungsartikeln, die über NSU-Anschläge berichtet hatten und in der ausgebrannten Wohnung in Zwickau gefunden worden waren, wurden Zschäpes Fingerabdrücke gefunden. Ihre Verteidiger verweisen allerdings darauf, dass auf den vielen anderen Ausschnitten nicht ihre Spuren nachweisbar waren.

Es erscheint dennoch eher abwegig, dass sich eine in einer abgeschlossen Gruppe, die gemeinsame ideologische Ziele verfolgte, gleichberechtigte Person unter den geschilderten Lebensbedingungen weitestgehend von ihren Bezugspersonen abgrenzen und nichts von ihrem Denken und Handeln wissen könnte. Ebenfalls kann man praktisch ausschließen, dass Mundlos und Böhnhardt die langjährige Freundin, Vertraute und Weggefährtin sowie Mitbewohnerin und Ex-Geliebte von ganz wesentlichen Aktivitäten ausgeschlossen hätten. Und diese wesentlichen Aktivitäten der Zelle waren eben die Planung und Durchführung von Raubüberfällen, Anschlägen und Morden – kurzum: politischer Terrorismus. Die Bekenner-DVDs wurden ja mutmaßlich ebenfalls von Zschäpe verschickt.

Vollkommen unklar ist weiterhin, welche lokale Unterstützung die Terroristen bei ihren Taten hatten. Zwar liegen zahlreiche Spuren vor, doch handelt es sich insgesamt noch um einen blinden Fleck von beträchtlicher Größe.

Gedenken an die NSU-Opfer (Foto: BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt)
Gedenken an die NSU-Opfer (Foto: BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt)

Auch der ehemalige V-Mann Thomas R., der dem Bundesamt für Verfassungsschutz von 1997 bis 2007 Informationen verkauft hatte, wird nichts mehr zu dem NSU-Komplex sagen können. Nach Informationen des SPIEGEL unterrichtete das BfV in der vergangenen Woche das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags vom Tod des ehemaligen Spitzels. Demnach wurde der 39-Jährige Ende März leblos in einer Wohnung in Nordrhein-Westfalen aufgefunden. Der frühere Neonazi war nach seiner Enttarnung im Herbst 2012 in einem Zeugenschutzprogramm untergebracht worden. R. starb laut Sicherheitskreisen an den Folgen einer zuvor nicht erkannten Diabetes-Erkrankung.

Dass Zschäpe wohl zumindest Brandstiftung (der Wohnung in Zwickau) und Mitgliedschaft in einer terroristischen Gruppe nachgewiesen wird, kann nach derzeitigem Stand zumindest vermutet werden – ob die Indizien und Beweise dem Gericht aber ausreichen werden, um sie zu gemeinschaftlichem Mord zu verurteilen, wird sich noch zeigen müssen. Die Zeugenaussagen legen auf jeden Fall den Schluss nahe, dass sie mehr war als nur ein emotionales Bindeglied. Das Urteil im NSU-Prozess wird 2015 erwartet.

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6 thoughts on “Familiäre Terrorzelle

  1. „Kernfrage des NSU-Prozesses ist …“
    … ob die 10 Morde, 2 Bombenattentate und 15 Banküberfälle von Mundlos und Böhnhardt begangen wurden.
    Wenn diese Frage geklärt ist, kann man über alles andere nachdenken. Aber so weit sind wir noch lange nicht.

      1. Evt die, die die beiden Bankraeuber erschossen haben.

        Kein Rus in den Lungen, kein Doppelselbstmord.

        Strategie der Spannung…

        1. Ah so, wahrscheinlich gibt es überhaupt kein faschistischen Terror in der BRD und wir haben uns das alles nur eingebildet. Verschwörungstheorie ick hör dir tapsen….

  2. Bleiben Sie doch einfach beim Kernthema, Fred. Niemand hat behauptet, es gäbe keinen faschistischen Terror.
    Aber es kann auch keine Verschwörung sein, denn ein Obduktionsbericht schafft hier Fakten. Mehr nicht.

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