Der Abschied von der Erinnerung

Am 11. Und 13. April haben in den KZ-Gedenkstätten Mittelbau-Dora und Buchenwald die Jahrestage der Erinnerung stattgefunden. Noch nahmen rund 30 Überlebende an den Veranstaltungen teil. Doch die „Erinnerungskultur“ befindet sich im Umbruch – spätestens wenn die Stimme der Überlebenden versiegt.

Von Felix M. Steiner

Rund 30 Überlebende sind für den Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora nach Thüringen gereist. Aus Polen, Australien, den USA, Kanada und vielen weiteren Nationen sind die ehemaligen Häftlinge der beiden Konzentrationslager gekommen, um als freie Menschen an den ehemaligen Orten ihrer Gefangenschaft den Tag der Befreiung zu feiern. Die jüngsten der angereisten Überlebenden sind Mitte 80 – sie waren keine 15 Jahre alt, als sie von den Amerikanern aus den Lagern oder von den Todesmärschen befreit wurden.

Noah Klieger bei seiner Rede zum 69. Jahrestag, Foto: Felix M. Steiner
Noah Klieger bei seiner Rede zum 69. Jahrestag, Foto: Felix M. Steiner

In der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen stand der Jahrestag in diesem Jahr unter dem Motto „Jüdische Häftlinge im KZ Mittelbau-Dora“. Nicht zuletzt ist dies ein Weg, um der sich verändernden Situation im Kontext des näher rückenden Endes der Erinnerung Rechnung zu tragen.

Einer der jüdischen Häftlinge, die das KZ-Mittelbau-Dora überlebten, ist Noah Klieger. Der 1926 in Straßburg geborene Klieger lebt heute in Israel und ist der dienstälteste Journalist des Landes. Bereits 1942 wurde Klieger wegen seiner Widerstandstätigkeit und seiner jüdischen Abstammung von der Gestapo verhaftet. Er überlebte verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager. Darunter auch Auschwitz und Mittelbau-Dora. Als Klieger am 11. April für seine Rede an das Pult tritt, überragt er dieses kaum. Der Israeli liest für seine Rede nicht ab, er kommt nicht durcheinander, macht keine langen Pausen; mit fester Stimme, teils anklagend, teils fordernd legt er seinen Überlebensweg dar. Er weiß, dass die Geschichten der Überlebenden wie ausgedacht klingen, die menschliche Sprache für viele der Geschehnisse aus den Lagern keine Worte kennt.

Wie in vielen Momenten der Jahrestage wird auch in Kliegers Rede deutlich, dass die Zeitzeugen nicht für immer Teil der Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen zwischen 1933 und 1945 sein werden: „In einigen Jahren wird niemand mehr von uns hier sein und dann liegt es an ihnen, meine Damen und Herren, das, was die Deutschen uns angetan haben, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen“ endet Noah Klieger seine Rede.

Gegen Mittag füllt sich der ehemalige Appellplatz langsam, Foto: Felix M. Steiner
Gegen Mittag füllt sich der ehemalige Appellplatz langsam, Foto: Felix M. Steiner

Zwei Tage später füllt sich in Buchenwald der ehemalige Appellplatz gegen Mittag langsam. Rund um die Gedenkplatte kurz hinter dem berüchtigten Lagertor sind bereits zahlreiche Blumenkränze für die Veranstaltung abgelegt: Opferverbände, Parteien und Botschaften sind auf den Bändern zu finden. Einige hundert Menschen stehen am Ende rund um den abgesperrten Bereich, um an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Im kalten Wind flattern zahlreiche Fahnen auf dem Appellplatz: Antifa, Gewerkschaften, MLPD und ein Mann steht mit dem Staatsymbol der DDR in Mitten des Publikums. Als erster tritt Bertrand Herz an das Mikrofon. Der französische Überlebende ist Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos. Auch in seiner Rede wird deutlich, dass die Überlebenden mit der Zukunft des Gedenkens ringen. Herz appelliert direkt an den anwesenden Kultusminister Christoph Matschie:

„Wir bitten Sie, sehr geehrter Herr Minister, die Arbeit des Internationalen Komitees in seiner modernisierten und verjüngten Form tatkräftig zu unterstützen. Auf diese Weise kann das Internationale Komitee auch weiterhin das Andenken an die Gegner von Faschismus und Nazismus bewahren und seinen Beitrag zum Erhalt von Demokratie und Freiheit in Europa leisten.“

Auch Matschie wird die Möglichkeit einer kurzen Rede bekommen, doch die Mehrzahl der Reden stammt von den Überlebenden, die an diesem Tag den weiten weg nach Buchenwald auf sich genommen haben.

Im kommenden Jahr begehen die Gedenkstätten den 70. Jahrestag der Befreiung. Wohl das letzte runde Jubiläum, an dem die Überlebenden noch an den Veranstaltungen teilnehmen können. Die Zukunft des Gedenkens ist indes ungewiss, vor allem auch, wie die politischen Akteure mit den Orten der Erinnerung umgehen werden, wenn die Stimme der Häftlinge verstummt ist.

One thought on “Der Abschied von der Erinnerung

  1. Einer der Überlebenden von Buchenwald war der österreichisch-amerikanische Psychoanalytiker Ernst Federn (1914-2007). Er überlebte gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Bruno Bettelheim und wurde zu einem Pionier einer Psychologie des Terrors:
    http://www.hagalil.com/archiv/2007/08/federn.htm

    Sowie:
    http://www.hagalil.com/archiv/2010/04/10/federn-einfuehrung/

    Ernst Federns Stimme als Zeitzeuge ist vor sieben Jahren verstummt. Seine Terrorstudien jedoch erscheinen, anlässlich seines 100. Geburtstages, dieser Tage noch einmal in einer Neuauflage:
    http://www.psychosozial-verlag.de/catalog/product_info.php/cPath/1000/products_id/2346

    Ein besonders berührender Beitrag zum Thema der
    !Einsamkeit der Überlebenden“ stammt vom kanadischen Publizisten und Politiker Michael Ignatieff:
    http://www.hagalil.com/archiv/2010/03/09/bettelheim-ignatieff/

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