Antiamerikanismus als Wahnweltbild des modernen Unbehagens

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um neue Forschungen zum Antiamerikanismus.

Von Samuel Salzborn*

Gibt es Zufälle? Als Sozialwissenschaftler neigt man dazu, ebenso wenig an Zufälle zu glauben, wie an Schicksal, da alle Ereignisse, so zufällig sie auch jeweils scheinen mögen, doch immer eine (zugegeben: im Nachhinein) rekonstruierbare Vorgeschichte haben und insofern in ihren Kontexten verstanden werden können.

Kapitalismuskritik auf St. Pauli (Foto: Patrick Gensing)
Kapitalismuskritik auf St. Pauli (Foto: Patrick Gensing)

Dennoch überrascht es auf den ersten Blick, dass nahezu zeitgleich zwei Dissertationen erscheinen, die sich mit dem Antiamerikanismus in Deutschland befassen – nicht, dass es nicht dringend nötig gewesen wäre, den Antiamerikanismus angesichts der seit 9/11 massiver werdenden antiamerikanischen Töne in vielen Medien und an noch mehr Stammtischen einer sozialwissenschaftlichen Inventur und Kritik zu unterziehen; nein, gerade weil der Antiamerikanismus ein in der bundesdeutschen Geschichte recht stabiler, öffentlich wenig kritisierter und damit für zahlreiche politische Spektren sinnstiftender emotionaler Kitt war und ist, ist es im positiven Sinn überraschend, zwei Dissertationen – die von Heiko Beyer und die von Tobias Jaecker – zum Thema zu lesen, die unbedingt lesenswert sind und die man auch komplementär lesen sollte, weil sie sich in vielen Facetten ausgezeichnet ergänzen.

Resistent gegen Fakten

Dabei ist es gesellschaftlich müßig, aber intellektuell keineswegs redundant, darauf hinzuweisen, dass Antiamerikanismus nicht nur etwas anderes ist, als Amerikakritik, sondern ihr Gegenteil: Während Kritik an der amerikanischen Politik sich dadurch auszeichnet, dass sie auf Fakten basiert und grundsätzlich widerlegbar ist, basiert Antiamerikanismus gleichermaßen auf einer Resistenz gegenüber Fakten, wie – als hermetisches System – prinzipiellen Unwilligkeit, die eigene Weltsicht zu revidieren: „Damned if you do and damned if you don’t“, brachte Andrei S. Markovits diese Paradoxie der antiamerikanischen Haltung einmal treffend auf den Punkt – egal wie Amerika agiert, es wird so oder so verdammt.

beyer

Antiamerikanismus gilt Heiko Beyer insofern auch als „Soziologie der Intuition“, als eine „Erklärung des Bauches“, die in einem genuinen Zusammenhang mit modernen Vergesellschaftungsprozessen steht, die wiederum mit Amerika identifiziert werden und in projektiven Artikulationsstrukturen des Antiamerikanismus ausgedeutet werden. Antiamerikanismus ist für Beyer zugleich Einstellung, wie Verhalten, wobei beides affektive und kognitive Elemente integriert, die auf gesellschaftlichen Wandel psychisch reagieren und diesen gesellschaftlich, im Begriff der Psychoanalyse, rationalisieren.

Beyer sieht den Antiamerikanismus als eine Form der „Rationalisierung sozialen Wandels“, bei der die spezifischen Vergesellschaftungsprozesse der Moderne nicht emotional und affektiv verstanden, sondern lediglich auf einem Umweg zu kontrollieren versucht werden. Durch das „Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont“, also die Differenzierung zwischen dem, was für Individuen als persönliche und soziale Erfahrungen real erlebbar ist und dem, was in Konkurrenz zu dieser Realität erwartet und erhofft wird und einer – mit Hartmut Rosa argumentiert – als zunehmende Beschleunigung gesellschaftlicher Prozesse begriffenen Veränderung der zeitlichen wie damit dann auch räumlichen Anforderungsstrukturen an das Individuum stellt sich zunehmend eine Diffusionserfahrung ein, die die eigene Ohnmacht nicht mehr erklärbar und damit letztlich unerträglich macht. Statt dies zu reflektieren und zu bearbeiten werden beim Antiamerikanismus, so Beyer, die gesellschaftlichen Wandlungs- und Beschleunigungsprozesse ontologisiert, was ein doppelter Vorgang ist: Erstens heißt Ontologisierung, dass sie der subjektiven Bearbeit- und Veränderbarkeit entzogen werden, zugleich schreibt Ontologisierung denjenigen, die die für ontologisch gehaltenen Prozesse dann aber doch zu kontrollieren scheinen, eine ungeheure Macht zu, die mit der eigenen Ohnmacht korrespondiert.

Der Versuch der antiamerikanischen Rationalisierung ermöglicht nicht nur den Anspruch einer „(Neu-)Ordnung der äußeren Welt“, sondern stiftet auch das Surrogat einer neuen Beherrschbarkeit, die Hoffnung, die eigene – durch Globalisierung und Modernisierung begründete – Ohnmacht, die sich zugleich als Bewunderung wie als Hass gegen Amerika wendet, könnte durch den Antiamerikanismus psychisch suspendiert und gesellschaftlich revidiert werden. Damit sieht Beyer Antiamerikanismus auch völlig überzeugend als „Projektion verleugneter Selbstanteile“, worin – wie in vielem anderem auch – der Antiamerikanismus dem Antisemitismus ähnelt; Beyer spricht von einer „funktionalen Äquivalenz“ von Antiamerikanismus und Antisemitismus.

„Religionsgemeinschaft der Enthemmten“

Tobias Jaecker zeigt nun in einer minutiösen Medienanalyse, wie weitreichend der Antiamerikanismus in der bundesdeutschen Öffentlichkeit verbreitet ist und auch, welche konkreten Facetten er argumentativ annimmt. In seiner kritischen Diskursanalyse hat er „stereotype Gruppen- und Nationenbilder“ und damit „Elemente des antiamerikanischen Deutungsmusters“ in deutschen Medien im Zeitraum von 2001 bis 2010 untersucht. Jaecker untergliedert den antiamerikanischen Mediendiskurs der Bundesrepublik in unterschiedliche systematische Felder: Politik, Wirtschaft und Kultur.

Während die politische Sphäre dadurch gekennzeichnet ist, dass sachliche Kritik „in eine antiamerikanische-stereotype Deutungsweise“ umschlägt, ist der wirtschaftliche Antiamerikanismus von kollektivierenden Stereotypen geprägt, die in großer ideologischer Nähe zum Antisemitismus stehen (Profit- und Geldgier, verbunden mit Personalisierungen und Sakralisierungen), wenn etwa von der „Nation von Zockern“ oder einer „Religionsgemeinschaft der Enthemmten“, die Geld „vergötzen“ würde, die Rede ist. Der kulturelle Antiamerikanismus findet sich medial vor allem in Stereotypen, die eine Kommerzkritik verbinden mit einer Ablehnung von „Künstlichkeit“ und der Zuschreibung einer amerikanischen „Unkultur“, die auf „Verführung“ angelegt sei, was die Verbindung mit einem ebenfalls für den Antisemitismus charakteristischen Natürlichkeits- und Authentizitätswahn mit sexualisierten Stereotypien zeigt.

Insgesamt sieht Jaecker den Antiamerikanismus in den deutschen Medien durch vier zentrale Strukturprinzipien gekennzeichnet: den Dualismus, die Projektion, die Selbstaufwertung und das Verschwörungsdenken. Aufschlussreich ist in dem Kontext Jaeckers Überlegung, nach der diese Strukturprinzipien nicht nur überlappen und sich wechselseitig ergänzen, sondern auch in unterschiedlichen Erscheinungs- und damit letztlich auch Radikalisierungsformen auftreten – sie reichen von (noch relativ losen und damit tendenziell revidierbaren) Vorurteilen über (gefestigte und mit Überzeugung versehene) Ressentiments hin zu (das gesamte Denken und Handeln prägenden) Weltanschauungen und letztlich (als politisch-soziale Leitlinien fungierenden und mit missionarischem Eifer postulierten) Ideologien.

Welterklärungsmuster

Resümierend stellt Jaecker fest, dass der Antiamerikanismus in bundesdeutschen Medien zu einem Welterklärungsmuster geronnen ist, das in seiner wirtschaftlichen Dimension am stärksten ausgeprägt sei, wobei – hier schließt sich der argumentative Kreis zu Beyer – die soziale Funktion in einer Kompensation der „unübersichtlichen Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert“ liege. Die Verbindung zum Antisemitismus sieht Jaecker auch darin, dass sich durch die Amalgamierung beider Weltanschauungen der Antiamerikanismus weiter radikalisiere.

Die IG Metall erklärt den amerikanischen Kapitalismus...
Die IG Metall erklärt den amerikanischen Kapitalismus…

Das Attest sowohl von Beyer, wie auch von Jaecker, fällt negativ aus: Antiamerikanismus ist, was Beyer auch mit empirischen Einstellungsdaten fundiert, in Deutschland weit verbreitet, nimmt seit 9/11 weiter zu und radikalisiert sich. Die strukturellen Ähnlichkeiten von Antiamerikanismus und Antisemitismus sind in vielen Bereichen auffällig, insofern kann ein Ansatz aus der Antisemitismusforschung auch mit Blick auf den Antiamerikanismus gelten: So lange die Widersprüche und Ambivalenzen der modernen Vergesellschaftung nicht reflektiert und damit subjektiv ertragen, sondern die aus ihnen resultierenden Konflikte projiziert werden, wird sich an diesem Attest wenig ändern.

Heiko Beyer: Soziologie des Antiamerikanismus. Zur Theorie und Wirkmächtigkeit spätmodernen Unbehagens, Campus Verlag: Frankfurt/New York 2014, 222 Seiten.

Tobias Jaecker: Hass, Neid, Wahn. Antiamerikanismus in den deutschen Medien, Campus Verlag: Frankfurt/New York 2014, 409 Seiten.

Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)
Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist soeben erschienen: Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie. Nomos Verlag: Baden-Banden 2014. Weitere Informationen hier: http://www.nomos-shop.de/Salzborn-Antisemitismus/productview.aspx?product=22201

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell

Siehe auch: Cowboy im SchlachthausAugstein, Pirker und die “Cui bono?”-Frage,  Michael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”Im InfokriegDie deutsche Rechte: Mit Carl Schmitt für Allah und AhmadinedschadCui bono? Verschwörungstheorien und Pseudokritik

13 thoughts on “Antiamerikanismus als Wahnweltbild des modernen Unbehagens

  1. Herr Salzborn,
    „…gerade weil der Antiamerikanismus ein in der bundesdeutschen Geschichte recht stabiler, öffentlich wenig kritisierter und damit für zahlreiche politische Spektren sinnstiftender emotionaler Kitt war und ist,…“.
    Sie haben wohl die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte bis 1990 vergessen. Ich wurde Anfang der 1980er sozialisiert u. auch politisiert, im bipolaren Blocksystem des Westens z.B. war das „Wahnweltbild“ Antikommunismus. Eine kritische Bemerkung zur führenden Westmacht in dieser Zeit, hat sie gesellschaftl. in BRD nicht nur zum „Antiamerikaner“ abgestempelt, sondern auch gleich zum „Kommunistenfreund“ gemacht.

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