„Unpolitische“ Fußballprofis: Gesten ohne Bedeutung?

Die Diskussion, ob und inwieweit der Sport politisch sei, ist in letzter Zeit wieder intensiv geführt worden. Bundespräsident Joachim Gauck hatte seine Teilnahme an den Olympischen Winterspielen im russischen Sotschi abgesagt und dies – noch vor dem eskalierenden Ukraine-Konflikt – mit politischen Verfehlungen des Kremls begründet. Doch auch die aktiven Sportler sind eines Blickes würdig.

Von Michael Fischer

Nicolas Anelka, der etwas in die Jahre gekommene Ex-Nationalspieler Frankreichs, machte von sich Reden, als er beim Torjubel für seinen Club West Bromwich Albion seine linke Hand auf den durchgestreckten rechten Arm legte. Diese Geste stellt den so genannten „Quenelle“-Gruß dar, der nach einem traditionellen französischen Gericht benannt ist und sich im Nachbarland immer größerer Beliebtheit erfreut. Anelka löste große Empörung aus, denn von ihren Anhängern wird die Geste als allgemeine Systemkritik verkauft, als Zeichen des Auflehnens und der Ablehnung, ähnlich wie ein gestreckter Mittelfinger.

Doch maßgeblich bekannt gemacht – und darin liegt der politische Sprengstoff – hat die Quenelle der „Komiker“ Dieudoné M’bala M’bala, dem Anelka seinen Gruß denn auch widmete. Der mehrfach wegen Volksverhetzung verurteile „Humorist“ Dieudonné ist Gründer einer „antizionistischen Liga“ und eng mit dem Holocaustleugner „Robert Faurisson“ befreundet. Die Quenelle wird daher nicht nur von jüdischen Gruppen in Frankreich als umgekehrter Hitlergruß und Ausdruck des Antisemitismus interpretiert, als Gruß an Eingeweihte, der sich gleichzeitig über die vermeintliche „Zensur“ von Holocaustleugnung und Antisemitismus lustig macht.

Anelka ist kein Einzelfall

Anderes Land, ähnliches Geschehen: Der kroatische Nationalspieler Josip Simunic, der aktuell bei Dinamo Zagreb unter Vertrag steht und früher unter anderem für Hertha BSC verteidigte, fiel nach gelungener WM-Qualifikation negativ auf. Auf sein „Za dom“ antworteten viele Fans mit „spremini“. Übersetzt heißt das „Für die Heimat bereit“ und ist der Gruß der kroatischen Ustascha-Bewegung. Diese war eine von Hitlerdeutschland unterstützte Gruppierung, die von 1941-1945 die Macht in Kroatien übernahm und dort eine faschistische Diktatur errichtete.

In diese Zeit fällt die Ermordung zahlreicher Oppositioneller und der Genozid an verschiedenen ethnischen Gruppen. Obwohl Simunic mit seinem Ausruf sogar gegen geltendes Recht verstieß, ist die Empörung in der kroatischen Fußballwelt lediglich über das Strafmaß seitens der FIFA (zehn Spiele Sperre) hoch, nicht aber über die Tat an sich. Auch der Spieler selbst sieht sich selbst in der Opferrolle und befindet, nichts Falsches getan zu haben.

Während es der kroatische Fußballverband also nicht für nötig hielt, das Vorgehen zu ahnden, handelte deren griechisches Pendant erfreulicherweise gänzlich anders. Giorgios Katidis vom Erstligisten AEK Athen bejubelte seinen Siegtreffer im Spiel gegen Veria FC mit entblößtem Oberkörper und ausgestrecktem rechten Arm. Anschließend beteuerte dieser, er habe nur einen Kollegen auf der Tribüne grüßen und die Zuschauer zum Aufstehen appellieren wollen. Die Verantwortlichen des Fußballverbands nahmen ihm diese Ausrede jedoch nicht ab und schlossen Katidis nun lebenslänglich von allen Spielen der Nationalmannschaft aus. Wenig später wurde er auch von seinem bisherigen Arbeitgeber AEK gekündigt und heuerte nur wenig später beim italienischen Zweitligisten Novara Calcio an.

Es gibt keinen unpolitischen Fußball

Paolo di Canio auf einem Plakat an einem Zeitungsstand in Rom (Foto: http://www.flickr.com/photos/infollatus/ CC BY-SA 2.0)
Paolo di Canio auf einem Plakat an einem Zeitungsstand in Rom (Foto: http://www.flickr.com/photos/infollatus/ CC BY-SA 2.0)

Bekanntester Fall ist sicherlich Paolo Di Canio, der als aktiver Spieler von Lazio Rom mehrere Tore mit dem sogenannten „römischen Gruß“ bejubelte. Di Canio allerdings stand zumindest in der Vergangenheit zu seiner politischen Haltung: Die italienische Nachrichtenagentur ANSA ließ er 2005 wissen, er sei „Faschist, aber kein Rassist“. Mit dieser Haltung ist er in Italien leider keineswegs alleine, auch unter Fußballprofis nicht. Auch Milan-Keeper Christian Abbiati bekannte sich offen zum Faschismus und Romas Daniele De Rossi gilt seit langem als Sympathisant der extrem rechten Partei „Forza Nuova“. Als der englische Erstligist AFC Sunderland Di Canio im Frühjahr vergangenen Jahres als Trainer verpflichtete, erklärte dieser bei seiner ersten Pressekonferenz „er sein kein politischer Mensch“. Über Politik wolle er nicht reden, da er sich bei einem Fußballklub und nicht in einem Parlament befände.

Doch Di Canio distanzierte sich auch bei diesem Anlass nicht vom Faschismus, hält Benito Mussolini wahrscheinlich nach wie vor für „den größten Politiker aller Zeiten“ und trägt auch seine Tätowierung „Dux“ (Führer) nach wie vor mit Stolz auf dem Oberarm – und ist somit insgesamt alles andere als „unpolitisch“. Die gezeigten Beispiele haben eines gemein: Die betroffenen Spieler, die rechtsradikale Gesten im Stadion zur Aufführung bringen, fühlen sich angeblich missverstanden oder versuchen ihre Gesinnung zu vertuschen. Doch diejenigen, die gemeint sind, häufig rechtsradikale Anhänger oder organisierte Fangruppen wissen genau, wem der Gruß gilt.

Endgültig zum Problem werden solche Zurschaustellungen, wenn sie geduldet werden oder gar noch vom eigenen Verband hofiert, wie im Falle Simunic. Klar ist allerdings: Profisport und Fußball im Besonderen sind immer von Politik durchdrungen. Die Deklarierung als „unpolitisch“ spielt daher vor allem denen in die Karten, die ihn eben für ihre politischen Zwecke missbrauchen wollen – und dies auch noch als „unpolitische Geste“ bemänteln können – seien es Funktionäre, Spieler oder Fans.

3 thoughts on “„Unpolitische“ Fußballprofis: Gesten ohne Bedeutung?

  1. Wir haben genau diese Thematik im Dezember nach dem Urteil gegen Simunic aufgegriffen. Auch der Quenelle-Gruß von Anelka war über Weihnachten Thema, aber wegen des angesprochenen Sprengstoffs und der nicht wirklich durchsichtigen Lage zu diesem Zeitpunkt noch, auch im Bezug auf Dieudonné, ließen wir da lieber die Finger von. Dafür hatten wir aber Mandzukic drin, was hourglass anspricht.

    http://www.vompunkt.de/urteil/

  2. Zu dem Fall von Simunic kann man auch eine ambivalente Haltung einnehmen.
    Die oft zitierte Analogie mit dem deutschen „Sieg Heil“ sticht nicht, da das Za Dom – Spremni nicht einzig von Faschisten verwendet wurde, Die Ustasa’s haben „auch“ diesen Ausruf genutzt, was einen wechsel des Paradigmas zum Faschismus hin bedeutete. Der Ausruf selbst ist älter als das Ustasa-Regime.
    Im Gegensatz zu allen anderen europäischen Ländern hatte Kroatien seit dem 2. Weltkrieg einen weiteren Unabhängigkeitskrieg geführt.

    Das Militär wurde hierbei durchweg aus Freiwilligen rekrutiert.
    Die pathetisch patriotische Wahrnehmung in Kroatien läuft oft zu dem Gedanken hin: „Es wurde wieder der Ruf für die Heimat gerufen und das Volk war bereit.“
    Das Paradigma des Ausrufes „Za Dom! – Spremni!“ änderte sich meines Erachtens nach dem Krieg erneut.
    Aus größtenteils nationalistisch/ faschistisch wurde erneut national/patriotisch. Die Randgestalten, die weiterhin das große „U“, wie Ustasa, im Kopf haben sollen nicht ignoriert werden; sie bilden aber bei weitem nicht die Mehrheit in Kroatien.

    Ich bin unglücklich mit der Interpretation, dass Worte, sobald sie mit negativer Konnotation belegt sind nicht mehr in das positive gehen dürfen und deshalb unter Strafe stehen sollten. Nationales denken ist zwar in der heutigen Zeit verständlicher Weise unpopulär, sollte aber, solange niemand angegriffen wird oder zu Schaden kommt akzeptiert werden können.

    Inhaltlich lässt sich gegen den Ausruf auch wenig sagen, denn dieser steht nicht aggressiv gegen etwas gerichtet. Es geht nicht um einen Sieg, eine Vernichtung oder um Massenmord. Auch wenn der Ausruf zur Zeit eines Genozids genutzt wurde heißt es nicht, dass dieser Ausruf mit der Verherrlichung dieses Regimes eins zu eins zu setzen ist.

    Ich hoffe auf euer Verständnis und freue mich, wenn ich mit meiner Meinung nicht sogleich in die faschistische Ecke gedrängt werde.

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