Eine notwendige Kritik am herrschenden Leistungsbegriff

Undine Zimmer, Jahrgang 1979, erzählt in ihrem Buch “Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz-IV-Familie“ ihre Lebensgeschichte und die ihrer Eltern. Zimmer vermittelt einen intensiven Eindruck davon, wie es sich anfühlt, in einem reichen Land wie Deutschland am Existenzminimum leben zu müssen. Durch die drei Biographien wird wieder einmal deutlich: Der Leistungsbegriff ist ein wohlfeiles Instrument zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit.

Von Stefan Kubon

Wenige Monate nachdem Zimmer in West-Berlin geboren wird, erkennen ihre Eltern, dass sie nicht länger zusammenleben können. Es kommt zur Trennung. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr wächst Zimmer fast ausschließlich bei ihrer Mutter auf. Während dieser Zeit unternimmt die Mutter, geboren 1951, immer wieder den Versuch, in ihrem Beruf als Krankenschwester zu arbeiten – doch der Einstieg in den Arbeitsmarkt misslingt, denn es gibt keine Teilzeitstellen. Mutter und Kind bleiben auf Sozialhilfe angewiesen. Aus nachvollziehbaren Gründen empfindet die Mutter ihre Lage als bedrückend, phasenweise hat sie mit leichteren Depressionen zu kämpfen. Später kommen körperliche Beschwerden hinzu. Trotz dieser Schwierigkeiten schafft sie es, sich stets liebevoll um ihr Kind zu kümmern.

zimmerAb 1997 vermittelt das Sozialamt die Mutter in gemeinnützige Arbeit. Allerdings ist die Mutter aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme nicht in der Lage, Vollzeit zu arbeiten. Ihre Arbeitgeber sehen in ihr eine arbeitsscheue Simulantin. Sie muss darum kämpfen, als nur bedingt arbeitsfähig eingestuft zu werden. Obwohl ihr schließlich durch mehrere ärztliche Gutachten bescheinigt wird, dass sie nur wenige Stunden am Tag arbeiten kann, vermitteln die Arbeitgeber ihr weiterhin den Eindruck, sie sei eine Drückebergerin.

Ihren Vater, Jahrgang 1943, sieht Zimmer in ihrer Kindheit nur sporadisch. Oft kommt er zu spät oder gar nicht, wenn eine gemeinsame Aktion geplant ist. Sein geringes Einkommen verdient der Vater zumeist als Taxifahrer. Die Phasen seines Lebens, in denen er arbeitslos ist, sind relativ kurz. Sein Leben wird dadurch erschwert, dass er gelegentlich unter Angstzuständen leidet. Als junger Mann, als er noch in der DDR lebte, war er deswegen auch einmal in einer Nervenklinik. Nachdem sein Ausreiseantrag bewilligt wurde, siedelte er 1975 nach West-Berlin über. Er ist ein offiziell anerkanntes Stasi-Opfer. Wegen eines Fluchtversuchs war er von 1967 bis 1969 im Gefängnis.

Geldknappheit als Stressfaktor

Wenn Zimmer von ihrer Kindheit erzählt, bekommt man einen intensiven Eindruck davon, wie stressig es sein muss, sich ständig Gedanken darüber machen zu müssen, wie man das wenige zur Verfügung stehende Geld bestmöglich verwendet. Das Ringen um die richtige Kaufentscheidung wird zu einem angstbesetzten Vorgang. Findet ein Fehlkauf statt, wird er längerfristig als persönliches Versagen empfunden, denn er lässt sich nicht kurzfristig durch einen erneuten Einkauf kompensieren.

Trotz der schwierigen finanziellen Situation: Dank ihrer Mutter findet Zimmer einen Zugang zur Welt der Literatur und der klassischen Musik. Sie entwickelt sich zu einer regelrechten Leseratte. Ihre Liebe zur klassischen Musik vertieft sie auf zweierlei Arten: Sie nimmt Ballettstunden und lernt Klarinette spielen. Doch mit ihren Leistungen ist Zimmer nicht wirklich zufrieden: Angesichts der schwerwiegenden monetären Opfer hat sie das Gefühl, dass sich ihre Kunstfertigkeiten viel besser entwickeln müssten.

Zimmer geht nur ungern zur Schule. Dies ist ein Ort, an dem sie sich besonders unsicher und gehemmt fühlt. Verwunderlich ist dies nicht, denn insbesondere das deutsche Schulsystem ist ein Selektionsapparat, der mittels vermeintlich objektiver Leistungskontrollen die bestehende soziale Hackordnung im Sinne der Mächtigen sichert. Tatsächlich ist das Schulsystem in Deutschland wie geschaffen dafür, Minderwertigkeitskomplexe unterprivilegierter Menschen zu verstärken.

Beschämende Armutserfahrung

An Freizeitaktivitäten, die Geld kosten, kann sich Zimmer oftmals nur beteiligen, weil sie von ihren Freundinnen oder deren Eltern eingeladen wird. Für diese Freundschaftsbekundungen ist sie dankbar, gleichzeitig empfindet sie es aber als demütigend, auf die Hilfe und Großzügigkeit anderer Menschen angewiesen zu sein. Sie schämt sich dafür, nichts zurückgeben zu können.

Als Teenager hat Zimmer Kontakt zu einer Freikirche. Da diese auch in Skandinavien aktiv ist, tut sich für die Jugendliche die Möglichkeit auf, für einige Zeit in Schweden zu leben und zur Schule zu gehen. Zimmer zögert nicht: Sie nutzt die Chance, ihrem Leben in Berlin, das sie vor allem als Zumutung empfindet, zu entfliehen. Obgleich die Eltern die Freikirche eher kritisch sehen, akzeptieren sie Zimmers Entschluss, im Alter von 16 Jahren nach Schweden überzusiedeln.

Zunächst geht Zimmer in Schweden auf eine Privatschule der Freikirche. Dann entsteht ein Streit in der Gemeinde, liberale und konservative Kräfte ringen um die Vorherrschaft. Es kommt zur Spaltung. Zimmer muss die Schule und das Wohnheim verlassen. Von nun an wohnt sie bei der Familie ihrer Betreuerin, die zur liberalen Abspaltung gehört.

Die Vorzüge des schwedischen Schulsystems

Dank ihrer Betreuerin kann Zimmer eine staatliche Schule besuchen. Sie lernt die Vorzüge des schwedischen Schulsystems kennen. Zimmer macht die Erfahrung, dass es dort für jedes Problem Ansprechpartner gibt, die zu helfen wissen. Erstmals in ihrem Leben geht sie gerne zur Schule, das Lernen macht ihr Spaß. Nachdem sie das Abitur gemacht hat, kehrt sie nach Berlin zurück.

Zimmer studiert Skandinavistik, Neuere Deutsche Literatur und Publizistik. Obwohl sie den Bafög-Höchstsatz erhält, muss sie neben dem Studium viel arbeiten, um ihr Leben finanzieren zu können. Ihr Studium wird zum Kraftakt. Sie hat große Angst davor, ihren Abschluss womöglich nicht in kürzester Zeit und mit Bestnote zu schaffen. Bei einem Auslandssemester erhält sie Einblicke in das schwedische Hochschulsystem. Dort sind die Studenten in finanzieller Hinsicht deutlich besser abgesichert als in Deutschland.

Zerrissen zwischen der Erwerbsarbeit und dem Lernen für die Uni erlebt Zimmer insbesondere ihre Zeit der Abschlussprüfung als Qual. In dieser Zeit ist sie manchmal so erschöpft, dass sie den Tag im Bett verbringen muss. Trotz ihrer schwierigen finanziellen Lage gelingt ihr in relativ kurzer Zeit ein recht guter Magisterabschluss.

Keine guten Aussichten – trotz guter Leistung

Obwohl sie einen guten Abschluss, viele (unbezahlte) Praktika und etliche Zusatzqualifikationen (insbesondere Fremdsprachen) vorzuweisen hat, hat sie nach dem Studium keine Aussicht auf eine Arbeitsstelle, die ihrer Qualifikation entspricht. Um sich finanziell über Wasser zu halten, jobbt sie in einem Café. Dort hat sie schon während ihres Studiums gearbeitet. Das vorläufige Ergebnis ihres Studiums ist nicht zuletzt ein riesiger Schuldenberg.

Logo der Bundesagentur für Arbeit (BA)
Logo der Bundesagentur für Arbeit (BA)

Von der Bundesagentur für Arbeit erwartet Zimmer keine Hilfe. Allzu oft musste sie erleben, wie schlecht ihre Eltern oder Freunde von der Bundesagentur behandelt wurden. Zu Recht stellt Zimmer Folgendes fest: Die Jobcenter der Bundesagentur sind keine wirklich demokratischen Institutionen. In den Jobcentern werden benachteiligte Menschen zu Bittstellern degradiert. Sie sind der Willkür sogenannter “Fallmanager“ ausgeliefert. Es werden regelmäßig Grundrechte von Hartz-IV-Betroffenen verletzt.

Einladung zur Manipulation

Das Buch verdeutlicht, wie falsch die Diskussion zumeist verläuft, wenn in Deutschland über Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit geredet wird. Tatsächlich gibt es hierzulande weder das eine noch das andere. Die Crux dabei: Privilegien werden in unserer Gesellschaft vor allem mithilfe des Leistungsbegriffs legitimiert. Zudem ist es kritikwürdig, wie dieser Legitimitätsprozess eigentlich funktioniert: Wer über die Macht verfügt, verbindlich festzulegen, was “Leistung“ ist, bestimmt auch, wer Privilegien genießt – und wer nicht. Folglich werden in Deutschland insbesondere die Mächtigen, Reichen und Privilegierten als “Leistungsträger“ wahrgenommen.

Weil der Inhalt des Leistungsbegriffs im Grunde kaum objektiv bestimmbar ist, wird dieser Begriff besonders gerne dazu verwendet, Menschen zu entrechten. Der höchst diffuse Charakter des Leistungsbegriffs wird beispielsweise greifbar, wenn man sich folgende Sachverhalte vergegenwärtigt: Was für manche Menschen eine Herkulesaufgabe ist, ist für andere eine leichte Übung. Und womöglich hat Zimmers Mutter in ihrem Leben eine größere “Leistung“ vollbracht als jemand, der aus einem reichen Elternhaus stammt, eine Privatschule besucht, gesund ist – und dann Karriere macht.

Menschenrechte wichtiger als Leistungsdebatten

Wichtiger als Leistungsdebatten sind Initiativen, die sich dafür einsetzen, dass in Deutschland endlich die Menschenrechte wirklich konsequent beachtet werden. Zimmers lesenswertes Buch ruft in Erinnerung, dass diese Rechte in unserer Gesellschaft regelmäßig verletzt werden. Insbesondere verdeutlichen alle drei Biographien, dass in Deutschland kein gleichberechtigter Zugang zum Bildungssystem besteht.

Link: Mehr zu Undine Zimmer

Zimmer hat ein nachdenkliches und zugleich emotional sehr berührendes Buch geschrieben. Man kann nur vermuten, dass es sie einige Kraft gekostet hat, so offen über ihre Ängste und Verletzungen zu berichten. Welche “Leistung“ es wirklich war, dieses Buch zu schreiben, kann wohl am ehesten sie selbst beurteilen.

Undine Zimmer: Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz-IV-Familie, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 256 Seiten, 18,99 Euro.

Siehe auch: Hartz IV – eine Gefahr für die DemokratieHartz-IV-”Drückeberger” immer raffinierter?!Die konformistische RebellionDie Welt zu Gast bei Philipp, Hans-Peter und DirkAmazon und Fury in the Slaughterhouse: Alles Kapitalismus oder was? , Asoziale an die Macht!?

4 thoughts on “Eine notwendige Kritik am herrschenden Leistungsbegriff

  1. Wer das System kennt, weiß, dass sie mit jeder Zeile recht hat. Unabhängig von viel zu wenig Geld (Existenzminimum), Schikanen der Jobcenter oder Klassifizierung am untersten Ende der Menschen in Deutschland sollte sich jeder, wirklich jeder nur zwei Zahlen der Bundesagentur für Arbeit selbst, vor Augen halten, wobei diese, Gott möge uns helfen, mit Sicherheit nie mehr besser werden, weil immer mehr Menschen durch Maschinen ersetzt werden;
    Sozialversicherungspflichtige freie Stellen: 300.000
    Arbeitsuchende gesamt in Deutschland: 5.000.000
    Noch Fragen?

  2. Ja, ich bin gerade selbst Hartz-4-Empfänger … und das „frisch“ nach den Studium. Ich kann ein Lied davon singen mit Schulden da zu stehen und trotz Diplom keine Stelle zu finden. Es ist traurige Realität – nicht für jeden, aber für viele. Und jeder Einzelne ist einer zu viel.

    Man muss sich nur mal auf der Zunge zergehen lassen das man bei der Arge als „Kunde“ registriert und angesprochen wird. Als wenn ich was kaufen wollen würde. Und womit bezahlt man eigentlich … wohl mit seiner Würde.

    Und dann muss man sich die Debatten über Fachkräfte mangel anhören oder die Debatten von hohen AfD-Mitgliedern das man Menschen am unteren Rand der Gesellschaft das Wahlrecht entziehen sollte, weil sie fern ab der Realität leben.

    Armes Deutschland … und dabei hab ich noch Glück mit meiner Fallmanagerin, auch der Begriff ist abwertend – als wenn mein Leben von jemand fremdes gemanaged werden müsste – Sie lässt mich gewähren, schaut nicht so genau hin, genehmigt viel, agiert menschlich. Ich kenne da ganz andere Geschichten – von ehemaligen Kommulitonen.

  3. Es ist mit ein Rätsel, warum jemand mit BAFöG-Höchstsatz meint, neben dem Studium so viel jobben zu müssen, dass das Studium darunter leidet. Ich habe auch nie mehr Geld von meinen Eltern bekommen und trotzdem immer nur so viel gejobbt, dass in den Ferien ein Urlaub drin war.

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