Zum Tod von Anja Niedringhaus

Seit ihrem 17. Lebensjahr arbeitete Anja Niedringhaus als Journalistin. Am Freitag wurde die Fotojournalistin in Afghanistan getötet. Anlässlich des Todes der Pulitzerpreisträgerin veröffentlichen wir ein Gespräch mit ihr über ihren Weg zum Fotojournalismus und ihre Sicht auf Kriegsfotografie. Das Interview führte Michael Kamber.

»Es geht mir bei meiner Arbeit darum, die Geschichten der Menschen zu erzählen, die in Konfliktzonen wie in Afghanistan ihren Alltag meistern müssen. Ihre Stimmen werden oft vergessen oder ignoriert. Wenn man über sie berichtet, dann häufig nur in Beziehung zum Westen, ohne sie als diejenigen wahrzunehmen, die sie sind.«

Anja Niedringhaus† (Foto: Bilderkrieger / privat)
Anja Niedringhaus† (Foto: Bilderkrieger / privat)

Ich arbeitete als Fotografin für die European Pressphoto Agency (epa) und kam gerade von einem Termin in Baden-Baden zurück. Auf der Rückfahrt hörte ich im Autoradio vom Ausbruch des Jugoslawienkriegs. Ein Krieg mitten in Europa? Ich fragte mich: Was mache ich hier eigentlich? Und bin sofort zu meinem Chefredakteur: »Ich will da hin.« Der dachte, ich spinne. »Welche Erfahrungen hast du überhaupt? « Ich hatte keine, ich war erst 26 Jahre alt. Aber ich schrieb ihm sechs Wochen lang jeden Tag einen Brief auf der Schreibmaschine, bis er endlich sagte: »Na, dann fahr.« Er und meine Kollegen waren sicher, die Niedringhaus ruft nach zwei Tagen an und will wieder zurück. Ich blieb fünf Wochen am Stück. Insgesamt habe ich dann fünf Jahre in Sarajewo verbracht.

Du hast es erwähnt: Erfahrungen hattest du keine. Wie wird man Kriegsfotografin von null auf hundert?

Das war ein Sprung ins kalte Wasser. Die Übergabe am Flughafen von Sarajewo dauerte zehn Sekunden, weil mein Vorgänger unbedingt noch das Flugzeug erwischen wollte: »Hier sind die Autoschlüssel! Fahr immer geradeaus, nicht links und rechts, da ist vermint. Viel Glück!« Das war’s! Ich stand da, und dachte, das kann nicht wahr sein. Ein anderer Kollege hatte das gesehen und sagte: »Fahr hinter mir her.« Ich wäre wahrscheinlich gleich ins Minenfeld reingeraten, fürchte ich. In Sarajewo habe ich sehr viel mit Fehim, einem lokalen Fotografen, zusammengearbeitet. Ein ganz toller Mensch, der sich richtig gut auskannte, aber zunächst nur minimales Englisch sprach. Der war total verwundert, dass ich eine Frau bin und diesen Job mache, und wollte mich beschützen. »Not possible«, sagte der immer. Und: »You are crazy!« oder »Jesus Christ!« Wir sind Freunde geworden, ich bin die Patentante von seinem Sohn. Anfangs wohnte ich wie viele andere Journalisten auch im Holiday Inn, das später zerbombt wurde. Unser Büro richteten wir dann in einer ehemaligen Pizzeria ein. Die stand leer und lag genau an der Frontlinie zwischen den Muslims und den Serben, der »Sniper Avenue«. Auch wir wurden häufig beschossen. Wenn ich morgens aufwachte, hatte ich eigentlich immer einen Kloß im Hals. Der Keller der Pizzeria war für viele Jahre mein zweites Zuhause. Ich habe noch immer einen Koffer da stehen. In Sarajewo habe ich gelernt, welche Fähigkeiten der Mensch in extremen Situationen haben kann. Wie einige da ihre Familien durchgezogen haben, bewundernswert, oder die Frauen, die sich trotz des Krieges jeden Morgen schminkten. Sie sagten: »Wenn ich die Achtung vor mir selbst verliere, dann ist alles vorbei.« Wenn einer denkt, wir hätten da nur geheult – nein, ich habe viel Humor gesehen, viel schwarzen Humor, den ich liebe, viel Hoffnung und eine Ehrlichkeit, eine Direktheit, weil man ja weiß, am nächsten Tag kann alles zu Ende sein.

Wie kamst du zum Fotojournalismus?

Ich wollte Fotografin werden, seit ich zwölf bin. Ich habe Fotozeitschriften gekauft, Bücher von Barbara Klemm, Thomas Höpker, Horst Faas, mir an den Schaufenstern von Fotogeschäften die Nase plattgedrückt. Zur Konfirmation schenkten mir meine Eltern die erste richtige Kamera, eine alte von meinem Opa. Bald darauf kaufte ich mir beim Fotoladen am Ort die erste »professionelle«. Dafür musste ich monatlich 50 Mark abstottern. Natürlich habe ich damit auch für unsere Schülerzeitung fotografiert. Eine Nachbarin, die bei der Zeitung arbeitete, sah meinen Artikel über eine Skifreizeit und mochte die Fotos. Sie empfahl mich ihrer Redaktion. Ich war gerade 17 Jahre alt geworden. Eines Tages klingelte das Telefon. Die Sekretärin des Chefredakteurs war dran: »Können Sie Auto fahren?« Ich sagte »ja«, weil ich als Segelfliegerin schon seit meinem 13. Lebensjahr häufig über das Flugplatzgelände gefahren war. Einen Führerschein durfte man aber erst ab 18 machen. »Haben Sie einen Wagen?« »Nein.« »Dann holen Sie sich die Schlüssel für das Redaktionsauto bitte unten im Verlagsgebäude ab.« Der Termin war in Bad Driburg, 30 Kilometer von meiner Heimatstadt Höxter entfernt. Es ging um die Verabschiedung eines verdienten Rathausmitarbeiters. Ich hatte zwei Stunden Zeit und es war niemand da, der mich hätte fahren können. Also radelte ich zur Redaktion, holte mir den Wagen und fuhr hin. Mir war schlecht vor Aufregung. Ich dachte, wenn ich jetzt absage, rufen die nie wieder an. Aber alles klappte, das Foto erschien sogar auf der Seite 1 und von da an war ich freie Mitarbeiterin. Ein paar Monate später gab ich zu meinem 18. Geburtstag in der Redaktion einen aus. Da guckten einige natürlich schon – »Aber du warst doch neulich mit unserem Wagen in Bad Driburg …?«

Du wusstest, was du wolltest.

Ja, immer: Ich wollte fotografieren. Es reizte mich auch, das Handwerkliche daran zu beherrschen. Aber ich hatte noch eine andere Liebe. Also studierte ich in Göttingen Literaturwissenschaften, Philosophie und Publizistik. Welt als die Uni – die Diskussionen in Germanistik darüber ob das Haar golden, gülden oder einfach nur blond ist. Ich glaube, auch das hat mich letztlich in meinen Beruf als Fotografin getrieben. Ich kam abends aus diesen sehr langen Uni-Seminaren raus und habe nur gedacht: Was für eine Laberei! Obwohl mich im Philosophiestudium die Logik und Klarheit von Denkern wie Kant oder Wittgenstein sehr beeindruckt hat.

George W. Bush und der Thanksgiving-Truthahn: Ein berühmtes Bild von Anja Niedringhaus:

Du hast mal gesagt, dass du dich eigentlich gar nicht als Kriegsfotografin siehst.

Es ist nicht so, dass ich morgens aufwache und denke: »Wo kann’s denn jetzt mal rundgehen? Ich habe schon seit zwei Monaten keinen Krieg mehr fotografiert.« In erster Linie bin ich Fotografin. Ich fotografiere, was in der Welt passiert. Ich arbeite ja nicht nur in Kriegs- und Krisengebieten, sondern auch viel im Sport, am liebsten Leichtathletik und Tennis. Im Juni werde ich zum 16. Mal hintereinander in Wimbledon fotografieren. Wenn man länger im Irak oder in Afghanistan arbeitet, ist es wichtig, auch mal Abstand zu gewinnen, einen anderen Blick. Aber der Kontrast ist manchmal schon hart. Beim letzten Wimbledon-Turnier kam ich direkt von einer Reportage mit den amerikanischen MedEvac-Einheiten in Afghanistan. Da habe ich lange dran rumgeknaspert. Eben noch im Hubschrauber die Toten und Verletzten aus den Kampfgebieten ausfliegen, morgens um sechs in die Maschine nach London, nachmittags auf dem Center Court. Da habe ich gedacht: »Sticht mich mal einer!« Und dann sitzt man neben Fotografen, die nur Tennis fotografieren und fragen: »Warst du eigentlich in Paris dabei, Roland Garros?« »Nee, ich komme grad aus Afghanistan.« »Hä? Spielen die da Tennis?« Durch die Sportfotografie habe ich viel für die Kriegsberichterstattung gelernt. Ich kann ja nicht lange rumstehen und überlegen, jetzt mache ich dies, jetzt mache ich das. Da zählen Bruchteile von Sekunden. Bei der Leichtathletik stehe ich als eine von lediglich sechs Agenturfotografen auf dem wichtigsten Platz an der Ziellinie. Wenn ich den Weltrekord von Usain Boit verpasse, kann ich nicht sagen: »Mensch Junge, läufst du noch mal zurück? Das ging mir jetzt gerade zu schnell.«

Was zeichnet einen guten Kriegsfotografen aus?

Man braucht Talent und die richtige Reaktion. Die Besten sind eigentlich ganz ruhig. Sie bleiben eher im Hintergrund und beobachten. Als ich in Sarajewo war, habe ich auch noch gedacht, ich muss genau an der Frontlinie stehen. Doch inzwischen denke ich: Das wirklich gute Foto entsteht eher 50 Meter dahinter. Es gibt viele Fotografen, die sich mal im Kriegsgebiet ausprobiert haben und hinterher sagten, sie können das nicht – vor denen habe ich eine hohe Achtung. Weil sie gesehen haben, sie reagieren falsch – geschockt, hysterisch.

Ist das vielleicht auch eine Frage der Erfahrung?

Ich mache heute direktere Fotos als früher, weil ich die Situationen meistens besser einschätzen kann. Ich habe immer auch sehr viel Zeit in den jeweiligen Ländern verbracht, in Jugoslawien, im Irak oder Afghanistan, und dabei  viel über die politischen und kulturellen Hintergründe gelernt. Dazu kommt, dass ich in einer Zeit Fotografieren gelernt habe, als wir noch mit Film und Dunkelkammer gearbeitet haben. Das erforderte einen ganz anderen Aufwand als die Arbeit mit der Digitalkamera. Von daher fotografiere ich vielleicht noch immer etwas bewusster. Einige Kollegen fotografieren heute wie wild drauflos, da frage ich mich manchmal, nach welchem Bild genau die eigentlich suchen. Erfahrung ist auch wichtig, um möglichen Gefahren aus dem Weg gehen zu können. Ich suche mir für die Arbeit in Kriegsgebieten immer eine Person aus der Gegend, die wir Fixer nennen und die für mich eigentlich die Hälfte jedes Fotos ausmacht. Ich komme da neu an, ich kenne das Gebiet nicht, ich spreche die Sprache nicht. Ich weiß eigentlich gar nichts. Ich bin auf meine Fixer angewiesen. Und wenn ich merke, ich kann gut mit denen zusammenarbeiten und habe Vertrauen, und wenn der sagt: »Wir müssen abhauen«, dann gehe ich.

Wie ist das mit der Konkurrenz unter den Fotografen?

Die Konkurrenz nimmt eigentlich ab, je gefährlicher es wird. Und da sieht man eigentlich immer die gleichen Leute. Da sind echte Freundschaften entstanden. Man trifft sich auf Hochzeiten, bei Taufen. Ich finde es wichtig, dass man sich nicht nur in Extremsituationen erlebt. Man tauscht sich auch aus, egal, ob der andere bei der Konkurrenz arbeitet. Journalisten helfen sich eigentlich immer mit Tipps, wenn sie okay sind: »Das ist die beste Unterkunft, hier kann ich dir noch einen guten Fixer nennen …« Arbeit ist immer ein bisschen wie nach Hause kommen. Ein sehr, sehr guter Freund und Kollege von mir ist in Sierra Leone getötet worden. Ich war auf seiner Beerdigung. Danach trägt die Gemeinschaft einen. Man tröstet sich gegenseitig, was sehr wichtig ist.

Du hast viele gefährliche Situationen überstehen müssen. Erinnerst du dich an eine besonders schlimme?

Fallujah 2004 war haarig. Wir mussten zu Fuß rein, weil die Panzer nicht in den engen Straßen manövrieren konnten. Es gab Scharfschützen, Haus-zu-Haus-Kämpfe, Angriffe aus den Moscheen heraus. Die Marines waren selbst überrascht, was da abging. Uns ging die Munition aus, das Essen. Der Nachschub kam nicht durch. Man hat ja gedacht, das ist so ein kleiner Ort, der ist in drei Tagen eingenommen. Das dauerte Wochen (Abb. Seite 180/181). 60 Prozent meiner Einheit, bei der ich embedded war, sind gestorben. Hätte ich vorher gewusst, was ich in den zwei Wochen sehen würde, hätte ich es nicht gemacht, nein. Schon in der ersten Nacht sind drei Soldaten gestorben. Ich wusste gar nicht, ob ich da wieder rauskomme. AP hatte am Abend vorher noch versucht mich zu stoppen. Die hatten einen Warnanruf vom Pentagon bekommen. Wir waren bei der ersten Angriffswelle mit dabei, ganz wenige Journalisten nur. Aber als mich AP am Satellitentelefon erwischte, war es im Grunde schon zu spät. Wir standen direkt vor dem Angriff. Ich sagte: »Ich bin jetzt seit zwei Wochen mit dieser Einheit zusammen. Wir bleiben doch hier jetzt nicht allein zurück. Gerade das ist gefährlich. Wollt ihr uns da rausbeamen, oder wie stellt ihr euch das vor?«

Die vergangenen Jahre hast du vor allem in Afghanistan gearbeitet.

Ich habe mich ein bisschen in das Land verliebt. Das sind wunderbare Menschen dort, diese Gastfreundschaft, diese Ehrlichkeit. Natürlich gibt es nicht nur das, aber ich habe so oft erlebt, wie diejenigen, die ganz wenig haben, trotzdem ganz viel geben. Es geht mir bei meiner Arbeit darum, die Geschichten der Menschen zu erzählen, die in Konfliktzonen wie in Afghanistan ihren Alltag meistern müssen. Ihre Stimmen werden oft vergessen oder ignoriert. Wenn man über sie berichtet, dann häufig nur in Beziehung zum Westen, ohne sie als diejenigen wahrzunehmen, die sie sind. Mit meinen Bildern möchte ich dazu beitragen, dass wir ihr Leben und ihre Kultur besser verstehen lernen – und zwar nicht nur im Sinne von »gut« oder »böse«. Ich arbeite dort vor allem mit Kathy Gannon zusammen, unserer Afghanistan/Pakistan-Korrespondentin, die sich hervorragend auskennt, und von der ich viel über das Land und die Kultur gelernt habe. Sie stammt aus Kanada, lebt aber seit über 25 Jahren in der Region und ist mit einem Pakistani verheiratet. Wir haben 2011 zusammen das erste Embed bei einer afghanischen Armeeeinheit gemacht, das westlichen Journalisten gestattet wurde. Kathy wird bald 60, die kann einen wahnsinnig machen mit ihrer Energie. In diesem Jahr werden wir mehrere Monate zusammen in Afghanistan verbringen. Wir haben uns irgendwie gesucht und gefunden.

US-Soldaten, die von Ihrem Einsatz im Irak nach Hause zurückkehren:

Hat sich durch deine Arbeit deine Einstellung gegenüber Soldaten verändert?

Ich war immer sehr gegen das Militär, aber sehe das durch meine Erfahrungen beispielsweise mit der U. S. Army heute anders. Die wenigsten sagen: »Wir wollen hier die Freiheit Amerikas verteidigen!« So etwas höre ich vielleicht am ersten Tag und danach nicht mehr. Viele haben Angst und sagen: »Ich möchte am liebsten morgen abhauen.« Aber die machen das, weil sie Geld fürs Studium verdienen wollen oder es sind Puerto-Ricaner, denen man eine Green Card versprochen hat. Die erzählen einem Fotografen viel mehr, weil sie sehen, ich schreib’s nicht auf. Tausende Soldaten kommen aus diesen Kriegen mit posttraumatischem Belastungssyndrom zurück. Auch in der Bundeswehr, wo wir noch gar nicht richtig darauf vorbereitet sind. Bei den Kanadiern gibt es ein Gesetz, dass über Verletzte nicht berichtet werden darf. Ich habe Triple-Amputierte gesehen – beide Beine ab, ein Arm – die tauchen in keiner Statistik auf und es gibt auch keine Bilder von ihnen. Ich finde das tragisch: Irgendwann scheiden die aus der Armee aus, kriegen ein bisschen Geld und das war es. Da nur die Gefallenen genannt werden, bleibt von den schwer Verwundeten nicht mal eine Zahl. 2011 habe ich in Afghanistan ein Embed bei einer amerikanischen MedEvac-Einheit gemacht. Die landen in Kampfeinsatzgebieten, wo gerade jemand verwundet wurde. Getreu der Genfer Konvention tragen die keine Waffen an Bord. Das wissen die Taliban natürlich. Und wenn so ein Taliban einen schönen großen Hubschrauber abschießen kann, dann ist das für den doch wie Weihnachten und Ostern zusammen. Wir sind oft beschossen worden. Es war schwierig, weil ich nicht meinen eigenen Instinkten folgen konnte. Wenn ich da mit den Sanitätern raus bin, haben die ganz klar gesagt: »Wenn du nicht direkt mit uns wieder drin bist – eine Minute und wir heben ab.« Das ist ein sehr schnelles, konzentriertes Arbeiten. Durch den aufgewirbelten Staub der Hubschrauber ist erst mal überall schlechte Sicht. Und dann sieht man die Toten und Verletzten und denkt: Hoffentlich wird mir jetzt nicht schlecht. Aber die Kamera schafft für mich immer auch eine Distanz zwischen mir und dem Geschehen. Wenn ich die Soldaten fotografiert habe, hatte ich eigentlich immer eine Unterschrift von ihnen, dass sie mit der Veröffentlichung des Fotos einverstanden sind. Es gab Momente, da war das nicht möglich, da habe ich fotografiert und die Unterschrift später im Krankenhaus eingeholt, wenn die Männer wieder ansprechbar waren. Sonst hätte ich die Bilder nicht veröffentlichen wollen. Für eine Einwilligung bin ich bis nach Redmond, Virgina, in die USA geflogen, um mit dem verletzten Soldaten zu sprechen. Das Bild von ihm war mir sehr wichtig, weil es mehr zeigte als den Überlebenskampf eines verletzten Soldaten. Etwas zutiefst Menschliches lag in diesem Foto. Einige sagen: »Sorry, aber das sind Soldaten, keine Privatleute. Ich zeige doch nur die Wahrheit, wenn ich sie fotografiere, dafür möchte ich keine Genehmigungen einholen müssen.« Ich finde es arrogant, so etwas zu sagen – »Ich zeige doch nur die Wahrheit«? Es gibt ein Recht am Bild. Es gibt immer eine rote Linie. Man sollte nie vergessen, dass wir als Journalisten auch Menschen sind. Wer sind wir denn? Ich hätte doch überhaupt kein Verlangen zu fotografieren, wenn ich nicht irgendwie noch, wenigstens mit den Augen oder so, einen Kontakt zu der Person haben könnte, um sie zu fragen: »Ist das okay für dich?«

Viele deiner Kollegen haben sich über die Zensur beklagt, sprechen von einem geschönten Bild des Krieges.

Aber die vielen grauenhaften Fotos aus dem Irak oder aus Afghanistan haben doch alle ihren Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Ich teile auch nicht den Gedanken, der dahintersteht: »Ich muss ein ganz grauenhaftes Foto machen, um zu zeigen, was in einem Krieg los ist.« Ich kann die Schrecken des Krieges mit einem weichen Foto viel besser zeigen. Wenn ich einen Korpus zeige, an dem keine Arme und keine Beine mehr dran sind, wendet sich jeder ab. Ich finde es auch verachtend gegenüber dem Menschen, der da gerade gestorben ist. Und gegenüber seiner Familie, die zurückbleibt. Natürlich habe ich ein Problem mit der Armee, wenn sie sagt, wir beschneiden eure Rechte. Aber in all meinen Embeds hat niemals ein Presseoffizier rübergeguckt, wenn ich Bilder gesendet habe. Ich bin einmal rausgeflogen, als ich fotografierte, wie Marines irakischen Gefangenen Säcke über den Kopf stülpten. Das war absolut verboten. Nach eineinhalb Tagen bin ich wieder reingekommen, weil ich mit den Marines gesprochen habe: »Aber das habt ihr doch gemacht! Dann fotografiere ich das auch.« Ich habe mit offenen Karten gespielt.

Du hast das Foto des Soldaten aus dem MedEvac-Hubschrauber eben kurz angesprochen. Die Geschichte hat dich sehr bewegt.

Sein Name ist Burness Britt. Ich habe ihn nur einige Minuten lang im Helikopter erlebt, nachdem wir ihn schwer verletzt aus einem Weizenfeld im Südwesten Afghanistans geborgen hatten. Ein 22-Jähriger, der einen Trupp von zehn Marines befehligte. Er war sehr ruhig, eine beeindruckende Erscheinung, und er lächelte, als er hineingetragen wurde, so als ob er uns sagen wollte, das wird schon wieder. Dann schaute er an sich herunter, um zu sehen, ob seine Beine noch da sind. Als er sie sah, lächelte er noch einmal. Burness war von Granatsplittern getroffen worden und blutete stark. Für die erste Notbehandlung hatten ihm die Sanitäter das Hemd hochgeschoben. Darin hatte sich ein Weizenstängel aus dem Feld verfangen. Ich nahm es an mich und steckte es ein. Mit der einen Hand fotografierte ich, mit der anderen umfasste ich seine. Er hielt sie ganz fest, bevor er ohnmächtig wurde. Ich hatte noch im Hubschrauber das Gefühl, ich würde ihn einmal wiedersehen, und behielt den Weizen, um ihn ihm irgendwann zurückzugeben. Der Flug zu seinem Camp dauerte nur wenige Minuten, und ich hatte auch seinen Namen nicht richtig verstanden. So recherchierte ich ein halbes Jahr, bis ich ihn endlich aufgetrieben hatte. Burness hatte einen Monat lang im Koma gelegen und zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen müssen. Als ich schließlich mit ihm telefonierte, lud er mich in die Klinik ein. Er hatte sein Lächeln nicht verloren, als er mich begrüßte, und er schaute sich alle Fotos, die ich im Hubschrauber von ihm gemacht hatte, genau an. »Du hast mir ein Stück meines Lebens zurückgegeben «, sagte er schließlich. Ich zeigte ihm ein Bild, auf dem das Getreide auf seinem Hemd zu sehen war. Dass ich das Büschel die ganzen Monate lang aufgehoben hatte, konnte er kaum glauben. »Das wird mein Glücksbringer«, sagte er.

Wenn man all das Leid des Krieges sieht und die Gefahren ja auch am eigenen Leib erlebt – sind das nicht Momente, in denen man ins Grübeln kommt und sich fragt: Was mache ich hier eigentlich?

Ja klar. Ganz klar. Aber es geht nicht um mich. Es geht überhaupt nicht um mich. Erst mal sind für mich die Helden, wenn es da überhaupt Helden geben sollte, die Fixer. Die für’n Appel und ’n Ei das machen, die abends nach Hause gehen, eine Familie haben, die vielleicht noch spät einen Generator reparieren müssen und die – während wir im Hotel sitzen, mit den ganzen Annehmlichkeiten wie warmes Wasser oder Satellitentelefon – in ihren abgewrackten Häusern sitzen. Und die jeden Morgen wieder dastehen, um uns zu helfen. Ich will nicht sagen, uns Journalisten geht es immer super. Aber ich kann mich in der Zeit nur auf meine Arbeit konzentrieren. Ich muss nicht ständig überlegen, wo bringe ich mein Kind unter? Soll meine Familie flüchten? Gibt es eine Zukunft für mein Land?

Aber es gibt einen Preis, den man zahlen muss. Du bist nicht verheiratet, hast keine Kinder.

Man zahlt für alles im Leben einen Preis, aber ich kriege auch so viel zurück. Ich würde mich als sehr glücklich bezeichnen. Das Kinderthema habe ich für mich selbst entschieden. Zusammen mit meiner Schwester und ihrer Familie haben wir uns dieses ehemalige Forstamt hier in Oberkaufungen gekauft und ausgebaut. Es ist für mich sehr wichtig, einen solchen Ort zu haben, wo ich Ruhe finden und ein ganz normales Leben führen kann. Wenn man häufig in Kriegs- und Krisengebieten fotografiert, hält man am Ende das für normal und verliert den Blick für den Unterschied zu dem Leben, das wir hier führen dürfen. Wir haben drei Kinder im Haus. Ich war bei allen drei Geburten dabei. Und ein Mann? Der müsste das ja alles mitmachen. Man wird ja auch eine stärkere Persönlichkeit in diesem Job. Viele Männer haben davor Angst. Man hat natürlich auch eine sensible, labile Seite, aber das sehen die gar nicht. Die fragen eher: »Wie kann ich da mithalten?« Mit einem Kollegen von Reuters war ich zehn Jahre zusammen, auch in Sarajewo, da haben wir sogar zusammen gearbeitet. Wir sind immer noch sehr gute Freunde. Aber wenn ich arbeite, will ich den Kopf nur dafür frei haben. Und es ist einfach auch wunderbar, zwischendurch mal ganz alleine zu sein.

Wie siehst du die Zukunft deiner Branche?

Ich bekomme Geld für eine Arbeit, die mich noch immer fasziniert. Meine Kollegen fragen mich manchmal. »Was nimmst du eigentlich jeden Tag?« Aber meinen Nichten und Neffen würde ich nicht mehr zu dem Beruf raten. Wir sind in einer ganz schlimmen Phase. Alles muss schnell gehen. Es wird kein Geld mehr ausgegeben. Wir lassen uns kaum noch Zeit für längere Recherchen. Ich habe ganz große Angst, dass es meinen Beruf, so wie er ist, in zehn Jahren nicht mehr gibt. Man kann viele Themen eben nicht in drei Tagen machen. Die Generation jetzt tut mir leid. Viele werden als billige Arbeitskraft missbraucht, nicht mehr richtig ausgebildet und schlecht auf die Gefahren vorbereitet. Dass wir für AP noch immer 365 Tage im Jahr aus Afghanistan berichten und ein kostspieliges Büro unterhalten, ist eigentlich ein totales Verlustgeschäft. Das Geld wird heute mit Sport und Entertainment verdient. Nicht mit Krieg. Sicher hat sich vieles durch das Internet verschlimmert. Viele denken jetzt, die Fotos gibt es einfach so umsonst. Aber auf der anderen Seite hat sich auch etwas verbessert. Das Visuelle hat heute einen viel höheren Stellenwert. Die Menschen werden durch das Foto in die Geschichte gezogen. Bei AP geht kaum noch eine Geschichte raus, wenn es keine Bilder dazu gibt. Selbst die FAZ zeigt jetzt ein Foto auf ihrer Seite 1. Mit dem Internet gibt es auch ein Forum für lange Bildstrecken – New York Times, Denver Post, zum Beispiel, die machen wunderbare Sachen. Und ich sehe Fotos von Kollegen aus allen Teilen der Welt, das finde ich toll.

Gibt es ein Bild, das du lieber nicht gemacht hättest?

Ich bedauere nicht ein einziges Bild. Was ich bedauere ist, dass ich manche nicht besser gemacht habe. In Sarajewo war ich so jung. Ich habe die ganze Geschichte erst gar nicht verstanden. Und wenn ich die Fotos, die einige ältere Fotografen gemacht haben, jetzt sehe und sie mit meiner Arbeit vergleiche … Don McCullin ist jetzt mit 77 Jahren nach Syrien gegangen. Der hat eine bestimmte Art von Bildern vermisst: das tägliche Leben in der Zeit des Bürgerkriegs, den Alltag der Familien, die nicht geflohen sind oder fliehen konnten. Das kann ich gut nachvollziehen. Wenn ich mir die jungen Fotografen ansehe, so um die 25, das ist ein anderer Stil. Die riskieren viel, sind immer an der Frontlinie. Das ist wichtig und einige machen auch sehr starke Bilder, aber sie zeigen eben immer nur eine Seite solcher Konflikte. Ich wünsche mir Fotos, die die ganze Geschichte zeigen. Ich glaube, in diesem Beruf ist man nie zu alt. Ich bin nicht sarkastisch geworden in diesen ganzen Jahren, auch nicht ironisch. Schwarzer Humor, das schon. Eigentlich bin ich jetzt erst in den besten Jahren.

Wir danken dem Ankerherz-Verlag für die freundliche Genehmigung. Das komplette Interview stammt aus:

 Bilderkrieger_Coverj

BILDERKRIEGER
Von jenen, die ausziehen, uns die Augen zu öffnen. Kriegsfotografen erzählen
 
Autor: Michael Kamber

Übersetzung und Bearbeitung: Fred Grimm mit einem Vorwort von Takis Würger
Deutsche Erstausgabe: Juni 2013

 288 Seiten mit zahlreichen Fotografien

Hardcover mit Schutzumschlag

Leineneinband

Lesebändchen, 
fadengebunden
ISBN13: 978-3-940138-44-6
29,90 EUR € (A) 30,70 / CHF 45,00
 

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