Malmö: Von Massenschlägerei zu Mordversuch

Ein Schwerverletzter und ein wegen Mordversuchs gesuchter Haupttäter, der sich der Verhaftung entzogen hat und auf Facebook die Ermittlungen kommentiert – so sieht das vorläufige Fazit zur Messerattacke von Malmö aus. Polizei und Teile der schwedischen Medien machen dabei keine allzu gute Figur.

Von Nicole Selmer

Rund zwei Wochen liegen die Angriffe in Malmö jetzt zurück. Am Abend des 8. März wurden vier Personen im Anschluss an eine Demonstration zum Frauentag von Neonazis mit Messern attackiert. Einer von ihnen, Showan Shattak, wurde dabei so schwer verletzt, dass er tagelang im Koma lag. Showan ist Fan des Fußballklubs Malmö FF, federführend in der schwedischen Kampagne „Fußballfans gegen Homophobie“ und den lokalen Rechtsradikalen schon lange ein Dorn im Auge, wie Einträge auf einer Neonazi-Website belegen. Bereits kurz nach dem Vorfall gab es Spontandemos gegen rechte Gewalt, von Fußballfans und anderen Gruppen in Schweden und der ganzen Welt wurden Solidaritätsbekundungen nach Malmö geschickt.

Die schwedische Kampagne "Fußballfans gegen Homophobie"
Die schwedische Kampagne „Fußballfans gegen Homophobie“

In den schwedischen Mainstreammedien jedoch kursierte in den ersten Tagen eine andere Version der Ereignisse. Aus vier Verletzten und drei in Gewahrsam genommenen Personen mit Verbindungen zur lokalen Neonaziszene wurde zunächst eine „Auseinandersetzung zwischen extremen Gruppen“, als „Massenschlägerei“.

Verteidigung mit Messern?
Diese Darstellung der Ereignisse geht zurück auf die Angaben der Polizei in einer ersten Pressekonferenz und wurde in den ersten zwei Tagen danach zunächst breit rezipiert, unter anderem in der Hauptnachrichtensendung „Rapport“. Der lokale Ableger der zweitgrößten Abendzeitung Expressen legte mit Informationen „unabhängiger Quellen“ aus den Ermittlungen nach, denen zufolge der „Messerstreit“ von den Linksextremisten begonnen worden sei. Zwei Dutzend Linke hätten unter anderem mit Flaschen- und Steinwürfen Jagd auf die Neonazis gemacht, die sich dann mit Messerstichen gewehrt hätten. Eine Version, die nicht allzu weit von der Deutung der „Svenskarnas Parti“ entfernt war, die diese bereits am 9. März lanciert hatte: „25 Linksextremen überfielen Nationalisten in Malmö“.

Am 11. März begann „Researchgruppen“, ein Netzwerk von JournalistInnen und AktivistInnen, das bereits umfangreich zur schwedischen Neonaziszene recherchiert und publiziert hat, eigene Erkenntnisse über den Ablauf der Ereignisse via Twitter zu veröffentlichen. Aus Gesprächen mit den Verletzten und weiteren vor Ort Anwesenden leitet Researchgruppen ein Bild ab, das der ersten Deutung der Polizei und der Darstellung deutlich widerspricht und deren Fehler erklärt. Die Erkenntnisse des Netzwerks werden später in Zusammenarbeit mit der Zeitung Aftonbladet veröffentlicht. Mathias Wåg von Researchgruppen fasst zusammen: „Nachdem die vier durch Messerstiche verletzt worden waren, kam eine größere Gruppe Demoteilnehmerinnen dazu, um die Nazis zu vertreiben. Erst in diesem Moment, als die Angreifer vertrieben wurden, kam auch die Polizei dazu. Die erste Version der Polizei in einer Pressekonferenz beschrieb das Ganze daher als Schlägerei zwischen ‚extremen Gruppen‘. Das entspricht nicht unserer Recherche und dem Ablauf der Ereignisse, den wir rekonstruiert haben.“

Das, was als Massenschlägerei beschrieben wurde, war nach Erkenntnissen von Researchgruppen also lediglich das Nachspiel. Bei der Messerstecherei selbst trugen die Verletzten zudem teilweise Wunden im Rücken davon, was gleichfalls nicht dafür spricht, dass es die Neonazis waren, die sich lediglich gegen Angriffe verteidigt haben.

Neonazi auf der Flucht
An einem Samstagabend nach einer Demonstration und während eines zudem stattfindenden Festes waren auf den Straßen des links-alternativen Stadtteils Möllan viele Menschen unterwegs. Daten der zahlreichen Zeugen, die Researchgruppen befragt hat, liegen auch der Polizei vor, wie Wåg sagt: „Es gab sehr viele Zeugen vor Ort, die der Polizei zur Verfügung standen, sie haben Daten von etwa 20 Personen aufgenommen. Da diese jedoch ebenso wie die Verletzten von der Demo kamen, wurden sie von der Polizei nicht als ‚unabhängige Zeugen‘ eingestuft.“

Mittlerweile ist Shattak aus dem Koma erwacht, und die mutmaßlichen Täter sind in Untersuchungshaft, zumindest zwei von ihnen. Denn der Mann, der nach Aussage eines der Verletzten der Haupttäter ist, befindet sich auf freiem Fuß – und möglicherweise nicht mehr in Schweden. Gegen ihn wurde vor einer Woche in Abwesenheit ein Haftbefehl wegen Mordversuchs ausgestellt, das schwedische Pendant zu „Aktenzeichen XY“, die Sendung „Efterlyst“, berichtete über den Fall und veröffentlichte ein Bild des 30-jährigen Andreas Carlsson.

Wie er aussieht, muss man vielen Menschen in Malmö allerdings gar nicht mehr erklären, denn Carlsson gehört zu den bekanntesten Neonazis in Südschweden, ist eine führende Figur in der „Svenskarnas Parti“ (ehemals „Nationalsocialistisk Front“, zu der auch die weiteren mutmaßlichen Tatbeteiligten gehören, und kandidierte bereits für Kommunalwahlen. Carlsson gehörte zu jenen schwedischen Rechtsradikalen, die im Februar ihre politischen Kameraden auf dem Maidan in Kiew als „Ukraine-Freiwillige“ unterstützten. Er berichtete darüber auf der Website der „Svenskarnas Parti“ unter der Überschrift „Deswegen müssen wir die Nationalisten in der Ukraine unterstützen“ und posierte für ein Foto auf dem Maidan. Andreas Carlsson ist so bekannt, dass er auch schon in der Nacht des 8. März wiedererkannt, allerdings nicht in Gewahrsam genommen wurde. Mathias Wåg sagt:

 „Verschiedene Personen haben angegeben, dass die Polizei die sechs Nazis ein paar Straßen weiter angehalten und drei von ihnen in Gewahrsam genommen hat, während Andreas Carlsson auf freiem Fuß blieb. Einige Leute haben mit der Polizei darüber diskutiert, warum er laufen gelassen wird. Die Polizei hat erst hinterher ihren Fehler erkannt, da war er dann weg. Die Adresse, die er angegeben hat und wo die Polizei ihn am nächsten Tag aufsuchen wollte, war ein abgerissenes Gebäude.“

Screenshot Facebook
Screenshot Facebook

Auf seiner Facebook-Seite postete Andreas Carlsson ein Bild, das eine Dose Paulaner, ein volles Bierglas, eine Deutschland-Fahne im Hintergrund und einen Zettel mit der Botschaft „Die Wahrheit wird siegen“ zeigt. Im Text behauptet Carlsson, sich im „gelobten Land des Bieres“ aufzuhalten. Nach Wågs Ansicht ist die Ukraine allerdings ein wahrscheinlicherer Aufenthaltsort des Flüchtigen. Bier wird auch dort gebraut.

Update: In einer früheren Version des Textes stand, dass die Verletzten alle an der Demo zum Frauentag teilgenommen hatten, was nicht zutreffend war. Danke für den Hinweis an Jonas Füllner, der bei Spiegel Online über die Geschehnisse in Malmö berichtet und mit einem der Verletzten gesprochen hat.

Siehe auch: Linker Ultra nach Naziangriff im KomaDie Unsterblichen werden zu den OdödligaMalmö: Polizei fasst mutmaßlichen HeckenschützenSchwedische Neonazis in neuem Gewand

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