Für mehr Anarchie und Esel in den Stadien

Die Situation in deutschen Stadien ist verglichen mit Italien bei allen Problemen idyllisch: Die Kurven sind voll, bunt und laut, deutsche Ultràs machen jede Menge richtig. Aber fehlt manchmal der Spaß, das Anarchische, das Spontane? Ein alter Sack fordert mehr Anarchie, Esel und Spaß in den Stadien.

Von Kai Tippmann, Altravita.com

Ein kleiner, schöner Moment in den letzten Jahren, die ich durch viele deutsche Kurven der ersten bis achten Liga gereist bin, trug sich in Darmstadt zu. Oft genug verstecken sich Denkanstöße, Wahrheiten und wichtige Themen in winzigen, unbedeutenden Anekdoten und unterstreichen das einzig wichtige Konzept, wenn man eine Sache richtig verstehen will: man muss hinschauen und hinhören. Die Darmstädter stehen in ihrer Ecke der Hauptttribüne und supporten, wie sich das für Ultràs gehört. Der Spielstand von 3:0 befeuert die Ränge und die Stimmung ist ausgelassen.

Kurz vor Ende der zweiten Halbzeit erhebt sich Kutten-Kalli – ein Faktotum, das im Böllenfalltor verwurzelt ist wie niedliche Katzenbilder im Internet -, geht vor an „sein“ Geländer, die Ultràs verstummen und Kalli stimmt seine zwei Sprechchöre an, auf die seine Hälfte der Haupttribüne antwortet: 60-jährige im Sitzen, 16-jährige im Stehen. Mit einem Lächeln setzt er sich wieder hin und die Lilien-Ultras nehmen den Tifo wieder auf. Vermutlich hat Kalli das schon immer so gemacht und dass er einen Platz bekommt für „sein“ Ritual fand ich so herzerwärmend, dass er mich zu einem Versuch einer Kurzgeschichte animierte. Mach ich ja sonst nie.

„Wir kopieren zuviel“

Mir fiel diese kleine Episode am Samstag wieder ein, inmitten eines langen, schönen Gesprächs über die Situation deutscher Kurven, das ich – Bier in der Hand – in Leverkusen führen durfte. Es hätte aber wohl auch in jeder anderen Szene stattfinden können, so oft ist das Thema schon aufgetaucht. Stichworte? „Uns ist der Spaß verloren gegangen“, „Wir kopieren zuviel“, „Image ist viel zu wichtig“. Um gleich allen Mißverständnissen vorzubeugen, sage ich erst einmal deutlich, dass das Folgende einfach nur meine persönliche Meinung ist, geboren aus den Erfahrungen von jemandem, der in den 80er Jahren fußballerisch sozialisiert wurde und der niemals in Erwägung ziehen würde, bewerten zu wollen, wie Ultràs oder Kurvenfans ihre 90 Minuten Stadion feiern.

Mithin: Macht, was ihr wollt! Geht ab! Feiert! Und hört nicht auf den misogynen 42-jährigen. Die Situation in deutschen Stadien ist verglichen mit Italien bei allen Problemen idyllisch, die Kurven sind voll, bunt und laut, deutsche Ultràs machen – meiner Meinung nach – jede Menge richtig.

Aber mir fehlt manchmal der Spaß, das Anarchische, das Spontane. Mir fehlt der Witzbold, den es früher in jeder Kurve gab und dessen Aufgabe nur war, jede Spielszene und Schiedsrichterentscheidung mit einem blöden Spruch zu kommentieren. Mir fehlen die Typen mit der ewigen braunen Bierflasche in der Hand, die nie was sagten. Mir fehlen die spontanen Gesänge, die live gedichtet wurden, um auf ein Mißgeschick des gegnerischen Stürmers zu antworten, auf dessen Frisur oder Schuhwerk. Mir fehlt die komplette Albernheit, die nur in Stadionkurven gedeihen kann, das Dumme, das Anarchische, der Punkrock.

Esel bei einem Fußballspiel in Italien in den 1970er Jahren.
Esel bei einem Fußballspiel in Italien in den 1970er Jahren.

In Italien wurde die Ironie mit dem Knüppel der Repression aus den Kurven vertrieben. Italien, wo früher Schweine, Hühner und Esel mit ins Stadion gebracht wurden, Mopeds und Fahrräder, wo Parma einen Heißluftballon ans Geländer des San Siro knüpfte, der dann für 90 Minuten unterm Dach baumelte. Italien, wo die „Acquatici“ von Hellas ihren Auswärtsbus in Badehose, Schnorchel und Tauchermaske entern, lange Ruder aus dem Fenster stecken, einen Trommler neben den Fahrer stellen und die Autobahn als Galeere entlangrudern. Warum? Weil sie Bock drauf hatten. Weil sie darüber lachen konnten. Weil irgendein Bekloppter die Idee hatte.

Unperfekte Banner

Fußballer sind mittlerweile zu Fußballbeamten geworden, die Interviews sind wie von der PR-Abteilung fertiggebügelt und strotzen nur so von „Ärmel hochkrempeln“ und „das war natürlich ein tolles Gefühl“. Verschwunden sind die Gattusos und Materazzis, die Effenbergs und Baslers, die Kahns, Cantonas, George Bests und Paul Cascoignes, bei denen man nie genau wusste, was sie ins Mikrofon sagen würden. Einzig Ibra trägt die Fahne des Fußballers, der Emotionen schürt, der polarisiert, einsam weiter. Auf den Rängen sind die Maximalausdrücke proletarischen Humors verschwunden, von „Giuglietta è na Zoccola“ (Julia ist ne Schlampe) bis „Semo tutti parucchieri“ (Wir sind alles Frisöre). Verschwunden sind die herrlich unperfekten selbstgemachten Banner der früheren Jahrzehnte, die mittlerweile am PC designten, grafisch millimeterperfekten professionell hergestellten Produkten gewichen sind. Verschwunden sind selbstgestrickte Schals, furchtbar schlecht gezeichnete Aufkleber und schlechte Witze.

Gediehen ist hingegen die Bereitschaft deutscher Ultràgruppen, sich anhand von Kategorien wie Boxkampf-Fähigkeiten zu klassifizieren oder einem „Image“ nachzulaufen. „Meine“ Curva Sud zum Beispiel machte die BRN und die Fossa unsterblich, weil sie in ganz Europa für ihre Choreografien respektiert wurde, Meisterwerke der Stadionkunst: Auch Fossa und BRN wussten, dass eine Auswärtsfahrt im Zweifel kein Spaziergang ist und wenn man in Bergamo falsch abbiegt, dann kann es zu dem kommen, das gern „scheppern“ genannt wird. Aber bekannt, geachtet und respektiert waren sie für ihre Fähigkeit, das San Siro in einen atemberaubenden Tempel des Fußballs zu verwandeln: für Choreos, Gesänge, Pyrotechnik. Hauen konnten sie sich auch, aber ich hatte in Italien immer das Gefühl, das „gehört einfach dazu, sonst kriegt man das gegnerische Banner ja nicht.“ Auch dass man sich in der Curva Sud bemüht hätte, irgendeinem Image zu entsprechen, hatte ich so nicht wahrgenommen. Wir gingen in die Kurve, machten wozu wir gerade Spaß hatten und lachten über die komischen Käuze in unserer Mitte.

Immer perfekt organisiert?

Und vermutlich deshalb hat sich mir die kleine Anekdote in Darmstadt ins Gedächtnis gebrannt: eine kleine Ecke für etwas eigenes, für etwas, das „schon immer so war“, für etwas deutsche Tradition, die nicht von Youtube entlehnt ist. Normalität eben, ohne Nachdenken darüber, wie so etwas wohl „ankommt“, ohne Youtube, ohne Northface, ohne Facebook. Dafür lustig, menschlich und entspannt. Ich, ganz allein und ganz persönlich, empirisch nicht untermauert und wissenschaftlich auf tönernen Füßen stehend, würde mir wünschen, dass ihr in der Kurve wieder lachen lernt.

Kurven sind ein Ort um frei zu sein, spontan. Zwei Bier oben rein und abgehen. Dumme Sprüche hauen, Spielern „live“ Gesänge dichten, nackten Hintern an die Plexiglasscheibe drücken und nicht drüber diskutieren. Korrekt, perfekt, abgewogen, organisiert können wir alle in den anderen 6 Wochentagen lang genug sein. Ihr müsst mich nicht fragen, „wie ihr wart“, ich finde ausnahmslos jede deutsche Kurve toll. Aber vor allem ist meine Antwort zwischen den Zeilen immer: „Hattet ihr Spaß? Ja? Na dann ist doch alles knorke.“ Druck gibt es von Außen mehr als genug, macht euch keinen eigenen Stress. Spaß ist, mitzumachen, nicht die Bilder auf der Facebook-Seite. Ich wünsche mir also mehr Punkrock im Stadion und weniger Glam. Und vor allem: Macht doch was ihr wollt und lasst euch von dem alten Sack nicht reinreden. Der wollte nur auch mal was sagen. Peace.

Kai Tippmann lebt seit 1999 in Italien und betreibt seit dem Tod von Gabriele Sandri im Jahr 2007 den Blog Altravita. Dort berichtet er über Fanthemen. Außerdem übersetzte er die Ultra-Bücher “Tifare Contro”, “Cani sciolti – streunende Köter” und “Il Teppista – der Rowdy”.

Siehe auch: Ultras for Homeless, Das Jägerlatein des Roten Sheriffs

10 thoughts on “Für mehr Anarchie und Esel in den Stadien

  1. „Auch Fossa und BRN wussten, dass eine Auswärtsfahrt im Zweifel kein Spaziergang ist und wenn man in Bergamo falsch abbiegt, dann kann es zu dem kommen, das gern “scheppern” genannt wird“
    Naja ist die Frage ob falsch nicht richtig war …
    Ich bin keine Freund von diesen früher war alles besser.
    Derletzt wurde gesagt, „wenn jetzt die bösen Onkelz wieder auftreten wirft das die Ultraszene um Jahre zurück“. Dann habe ich gesagt.
    „Ist doch gut früher war sowieso alles besser!“ Wirklich?
    Früher war nicht alles besser. Genauso wie es heute nicht völlig an Kreativität und Witz fehlt. Schade ist, dass solche Typen wie Kalli immer mehr von der Bildfläche verschwinden. Die können einfach nicht noch einmal erfunden werden …

  2. Lieber Gallendieter, ich habe den Text eigentlich gerade nicht unter dem Motto „früher war alles besser geschrieben“, tut mir leid, wenn du das so liest. Ich bin noch nie der Meinung gewesen, dass früher alles besser war, finde aber dass man darauf hinweisen kann, wenn manches früher besser war. Die von dir erwähnten Verabsolutierungen kann ich auch bei nochmaligem Lesen im Text nicht finden. Das soll nun aber auch kein Problem sein, denn ich schreibe ja auch zweimal, dass es um meine eigene unfundierte Meinung geht und ich allerhöchstens zur Diskussion einladen möchte. Und wie das überwältigende Feedback mir zeigt, stehe ich mit dieser meienr Meinung zumindest nicht ganz allein dar. Ist doch schön, wenn die Leute über ihre Stimmung reden.

  3. Danke, du sprichst mir aus der Seele. Wegen der von dir angesprochenen Spontanität war ich jahrelang Dauerkarteninhaber auf St. Pauli. Das halbprofessionelle auf allen Ebenen war herrlich. Reingeschmuggeltes Dosenbier, brüchige Tribünen, St.Pauli-Willi, Bierdusche, ohne, dass es Sanktionen vom DFB gab (war normal), keine Ordner im Block, die Fluchtwege freihalten, Meckerecke, manuelle Anzeigetafel und nicht zuletzt die Punx aus der Nordkurve, so war dat. Stimmungstechnisch wars oft mies, zugegeben (Ende der 90er, 2. Liga…), aber wenn, dann krachte es wunderbar anarchisch. Keine vorgefertigten Gesänge aus der Dose oder vom Zaun-ultra mit Megafon.
    Das spontan von irgendeinem Mensch aus der Kurve gesungene „Uli Maslo, hast du das gesehn?“ (bei 3:1 (?) gegen Fortuna Düsseldorf…wann war dat nur?, was sich über 90 Minuten durch Rund zog werde ich mein Lebtag mehr vergessen.

    Irgendwann wars vorbei, langsam, schleichend. Aber als aus den Passanten die Ultras wurden, das Stadion umgebaut wurde, St. Pauli-Willi starb, die Punx mehr und mehr wegblieben und alles bis zum letzten kommerzialisiert wurde, war klar, dass etwas zuende gegangen ist.
    Seit irgendwann 2005 vielleicht war es endgültig vorbei, die Choreos und Stimmung prächtig, aber gleichermaßen austauschbar mit denen der anderen Clubs.

  4. Hallo Kai
    das habe nicht aus dem Text nicht gelesen …
    Ich bin, so glaube ich, viel mehr irgendwie in der Vergangenheit unterwegs. Ich bin doch einer der immer wieder die alten Texte aus den super tifo ausgräbt oder deren Übersetzung arrangiert.
    In meinem Kommentar habe ich es ja auch geschrieben:
    “Auch Fossa und BRN wussten, dass eine Auswärtsfahrt im Zweifel kein Spaziergang ist und wenn man in Bergamo falsch abbiegt, dann kann es zu dem kommen, das gern “scheppern” genannt wird”
    Naja ist die Frage ob falsch nicht richtig war …
    Damit meine ich, dass früher die BRN und Fossa (gibt es ja leider nicht mehr) das keineswegs als falsch empfunden hätten wenn es ordentlich mit den Bergamasci gescheppert hat. Die Freude war damals sicherlich auf beiden Seiten groß …
    Solcher Nostalgie wie ich es betreibe bist du doch gänzlich unverdächtig.
    Ich wurde auch durch Artikel oder Kommentare von dir oder aus deinem blog zu einer kritischen Betrachtung der oftmals zu sehr idelisierten Zustände von früher inspiriert.
    Ich begrüße daher speziell, dass diesmal auch von einer anderen Seite dies angegangen wird …
    Grüße

  5. Was soll denn der Scheiß mit Mysogin als Selbstbezeichnung? Sicher, bestimmt irgendwie ironisch, augenzwinkernd gemeint, mal locker machen, spießige Verkrampfung oder so.. Ne, derbe uncool, mit sowas kokettieren.

  6. Passivsportler die sich untereinander Prügeln, wenn das die Gesellschaft voranbringen soll, dann sage ich Gute Nacht.

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