Nach Neonazi-Überfall: Angst, Wut und politischer Flurschaden

Sechs Tage nach dem brutalen Überfall von knapp 20 Neonazis im thüringischen Ballstädt hat die Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen den 38-jährigen Neonazi Thomas Wagner erlassen. Er ist Frontmann der Rechtsrockband SKD („Sonderkommando Dirlewanger“) und einer der drei Eigentümer des braunen Hauses in dem Dorf mit 700 Einwohnern. 

Von Kai Budler

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Das „gelbe Haus“ der Neonazis in Ballstädt, Photo: Kai Budler

Der Festnahme waren zehn Durchsuchungen in Thüringen voraus gegangen, vier Männer und eine Frau im Alter zwischen 24 und 38 Jahren wurden festgesetzt, vier davon kamen wieder auf freien Fuß. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen schwerer Körperverletzung, Landfriedensbruch und Raubes, das LKA geht aufgrund der bisherigen Erkenntnisse mittlerweile von 13 Angreifern aus.

Der Umgang mit Neonazis ist kein neues Thema in Ballstädt im Landkreis Gotha. Bereits im September 2013 ging es im Gemeindesaal des Ortes im Thüringer Becken um die extreme Rechte: damals hatte sich dort spontan die Ballstädter Allianz gegen Rechts gegründet, nachdem bekannt geworden war, dass Neonazis aus dem Umfeld der Rechtsrockband „Sonderkommando Dirlewanger“ (SKD) für 165.000 Euro die alte Bäckerei im Dorf gekauft hatten.

Nach andauernden Protesten an ihrem Domizil im etwa 30km entfernten Crawinkel wollte die selbst ernannte „Hausgemeinschaft Jonastal“ offenbar ihren Sitz wechseln. Einen ersten Eindruck der neuen Nachbarn hatte das Landeskriminalamt (LKA) Thüringen bei einer Durchsuchung der Häuser in Crawinkel und Ballstädt geliefert. Auf der Liste der dabei sichergestellten Gegenstände standen unter anderem Sturmgewehre mit gefüllten Magazinen, zwei Maschinenpistolen und ein Colt. Auf einer Protestkundgebung in dem Ort mit 700 Einwohnern hatte Bürgermeisterin Erika Reisser vor 350 Teilnehmern erklärt, man werde die Neonazis weder akzeptieren noch willkommen heißen. Zwar kenne man die Neubürger noch nicht, „aber wir werden sie noch kennen lernen“, so Reiser im September 2013. Fünf Monate später haben sich ihre Worte auf traurige Art und Weise bewahrheitet, die Bürgermeisterin ist erschüttert. Zehn Verletzte hat der Überfall von Neonazis auf eine geschlossene Feier im Gemeindehaus gekostet, das Mobiliar ist zum Teil komplett demoliert.

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Spuren des Neonazi-Überfalls im Gemeindesaal, Photo: Kai Budler

Als die Räume nach dem Überfall wieder geöffnet werden, bietet sich den Besuchern ein Bild der Zerstörung, auf dem Boden sind noch die Blutflecke der Opfer zu sehen. Rund 250 Personen sind gekommen, um drei Tage nach der Tat an einer Mahnwache teilzunehmen, vor dem Eingang zum kleinen Saal des Gemeindehauses stehen sie Schlange. Ihre Fragen fasst ein großes Schild zusammen: „Was muss noch passieren?“. Reisser hofft auf einen neuen Anfang trotz der großen Verunsicherung im Ort, viele Bürger trauten sich nicht neue Veranstaltungen in Angriff zu nehmen. Nun müssten die Behörden handeln statt wie bisher nur reden, sagt die parteilose Bürgermeisterin.

Angst im Dorf, Behörden unter Druck

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Spuren des Neonazi-Überfalls im Gemeindesaal, Photo: Kai Budler

Am Tag nach dem Überfall war in vielen Medien noch von einer „Kirmesschlägerei“ die Rede gewesen – die Polizei soll es den Journalisten in die Feder diktiert haben, kritisieren viele Ballstädter. Erst nachdem das örtliche Bürgerbündnis die Sicht der Betroffenen öffentlich gemacht hatte, war von Neonazis als Täter die Rede. „Vorher hat uns keiner geglaubt“, sagt eine Sprecherin des Bündnisses am Rand der Mahnwache und fügt hinzu: „das war ein Schlag ins Gesicht der Opfer“. Ihre Worte sind nicht die einzige Kritik nach dem brutalen Überfall. Opfer des Angriffs bemängeln, die zuerst am Tatort eingetroffenen Beamten hätten erst auf Verstärkung gewartet statt gleich die Verfolgung aufzunehmen. Den Festbesuchern seien Blutproben entnommen worden, ihren Aussagen sei aber kein Glauben geschenkt worden. Dabei sei während des Überfalls ein mutmaßlicher Täter erkannt worden, er gehört zu der Neonazi-Gruppierung rund um das „Gelbe Haus“ knapp 100 Meter entfernt vom Gemeindezentrum.

Bereits im vergangenen Jahr hätten Beamte den Bürgern geraten, die neuen Einwohner nicht zu „diskriminieren“, erzählen Einwohner von Ballstädt. Der Landesverband der „Gewerkschaft der Polizei“ (GdP) spricht hingegen von einem „Riesenerfolg“: Wenn wirklich innerhalb von zwei Stunden 31 Polizisten in Ballstädt gewesen sein sollen, sei das „absolut gelungen“, sagt der GdP-Landeschef Marko Grosa. Vor Ort stehen Polizei und Behörden unter Druck und in der Kritik. Zwei Stunden vor der Mahnwache treffen Vertreter von Landeskriminalamt, Staats- und Verfassungsschutzes zu einem Gespräch mit Anwohnern ein. Dazu eingeladen hatte der CDU-Landtagsabgeordnete Jörg Kellner und obwohl der Termin vorher medienwirksam angekündigt worden war, muss die Öffentlichkeit draußen bleiben, auch Landtagsabgeordnete anderer Fraktionen haben keinen Zutritt zum Bürgermeisteramt. Das Bürgerbündnis habe dies so gewollt, sagt Kellner später. Das Bündnis aber entgegnet, es habe auf die Teilnehmerrunde keinen Einfluss gehabt und auch niemanden ausschließen wollen.

„Ein wichtiges Signal der Solidarität“

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Teilnehmerin der Demonstration im September 2013 in Ballstädt, Photo: Kai Budler

Dabei sind die braunen Häuser und ihre Bewohner und Nutzer in Thüringen schon lange ein Problem. Für die Mobile Beratung in Thüringen erläutert Stefan Heerdegen, „An Orten mit Neonaziimmobilien ist immer mit Einschüchterungen, Bedrohungen und Übergriffen zu rechnen. Brutalität ist immer wieder das Mittel der Auseinandersetzung für Neonazis“. Das gilt auch für das ehemalige Domizil der Neonazis in Crawinkel. In der Zeit zwischen dem Erwerb der Immobilie und dem Auszug zählte MOBIT 19 Konzerte, Veranstaltungen und Aktivitäten der „Hausgemeinschaft Jonastal“.

Wie in Ballstädt hatte sich auch in Crawinkel rasch ein Bürgerbündnis gegen Rechts gebildet und den braunen Nachbarn gezeigt, dass sie im Dorf nicht willkommen sind. Doch Freude über den Erfolg will sich bei dem ehemaligen Bürgermeister von Crawinkel, Onno Eckert, angesichts der aktuellen Vorfälle nicht einstellen. Schon am Tag nach dem Überfall war er nach Ballstädt gefahren, am Rand der Mahnwache spricht er mit einem Kloß im Hals von „ganz großer Betroffenheit“. Gleichzeitig weist er vehement die Lesart zurück, der Überfall sei die Konsequenz zivilgesellschaftlichen Engagements. Einen Raum weiter erinnern sich zwei junge Männer an den Übergriff. Gerade noch habe man den ersten Angreifer aus dem Raum heraus gedrängt, da seien schon die restlichen Vermummten aufgetaucht und auf den Saal zugelaufen. Nur zwei Minuten dauerte der Überfall, eine unvermummte Frau unter den Angreifern soll die Zeit gestoppt haben, anschließend verließen die Angreifer geordnet das Gemeindezentrum. Zurück blieben die Opfer: ein Mann hat am Hals einen 10cm langen Schnitt, einem anderen wurde das Ohr teilweise abgerissen, auch auf einen Schlafenden hatten die Angreifer brutal eingeschlagen. All das berichten die jungen Männer den Besuchern der Mahnwache, zu denen auch mehrere Bürger aus Crawinkel zählen.

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Spendensammlung nach dem Neonazi-Überfall, Photo: Kai Budler

Eckert kennt die Angstsituation aus Erfahrung sehr genau und schon deshalb ist es ihm ein Bedürfnis, die Ballstädter genauso zu unterstützen, wie das Bündnis in Crawinkel von der Unterstützung eines anderen Bündnisses profitiert hatte, der ehemalige Bürgermeister sieht darin ein wichtiges Signal der Solidarität. Fünf Tage nach dem Überfall räumen die Bürger in Ballstädt im Gemeindezentrum auf und beseitigen das Chaos. Bei der Mahnwache stehen Spendendosen bereit, um die Kirmesgesellschaft mit dem entstandenen Schaden nicht allein zu lassen.

Der jedoch wird leichter zu beseitigen  sein als die Angst und der politische Flurschaden nach dem Überfall. Dennoch ist das Bürgerbündnis in Ballstädt entschlossen seine Arbeit gegen die Neonazis weiter zu führen, erklärt die Sprecherin und sagt: „Auch wenn die Angst einen vielleicht lähmt, man kann nicht zuhause sitzen und nichts machen, dann frisst einen die Angst wirklich auf. Also gehen wir nach draußen, also machen wir was“.

Siehe auch: Brutaler Neonazi-Überfall in Thüringen

2 thoughts on “Nach Neonazi-Überfall: Angst, Wut und politischer Flurschaden

  1. @mar52: Auf den ersten Blick eine super Idee, doch auf den zweiten: Gibt es keine Linken dort.

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