Biodeutsch mit Migrationshintergrund

Die Stadt Hamburg fragt ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach deren „Wurzeln“. Man wolle feststellen, wie viele „Menschen mit Migrationshintergrund“ bei der Stadt arbeiten. Sicherlich gut gemeint – doch diese Kategorisierung ist weitestgehend wertlos, wie ein prominentes Beispiel zeigt.

Von Patrick Gensing

Früher hießen die Menschen, die nach Deutschland kamen, „Ausländer“. Dabei war es für den Volksmund weitestgehend egal, ob die jeweilige Person hier geboren wurde, seit 30 Jahren in Deutschland lebt oder als Flüchtling ein besseres Leben sucht.

Seit der rassistischen Gewaltwelle Anfang der 1990er Jahre bekam der Begriff eine zu offensichtliche negative Färbung. Ausländer – das klingt nach „Ich habe nix gegen Ausländer, aber…“ oder einem Mob vor brennenden Flüchtlingsheimen.

"Ausländer rauß!" - Ausländerfreindliche Parole an einem Geschäft von Nicht-Deutschen in Mecklenburg-Vorpommern.
Unmodern: „Ausländer rauß!“ – Parole an einem Geschäft in Mecklenburg-Vorpommern.

Und so setzte sich nach und nach das Begriffsungeheuer „Menschen mit Migrationshintergrund“ durch. Für Propheten des Untergangs ein Glücksfall, hat sich diese Konstruktion mittlerweile als viel geeigneter erwiesen, um zwischen echten und nicht-echten Deutschen (gerne als Pass- oder Plastedeutschen bezeichnet) zu unterscheiden. Einen Migrationshintergrund haben alle die, die irgendwie undeutsche Namen tragen oder eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Damit fallen nicht nur Ausländer in diese Gruppe, sondern alle, die irgendwas mit Ausländern familiär zu tun haben.

„In Deutschland als Deutsche geborene“

Diese Einteilung ist auch offiziell festgeschrieben: Laut Definition beim Mikrozensus 2005 gehören „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“ zu dieser Gruppe. Beim Zensus 2011 wurde dann eine leicht veränderte Definition des Migrationshintergrundes zugrunde gelegt. Hier wurde nicht die Zuwanderung nach 1949, sondern nach 1955 abgefragt.

Und so wurden Bundesbürger zu „Ausländern“ – auch wenn sie so nicht genannt werden. Einer von ihnen ist Sandro Matiolli. Er schrieb anlässlich des erwähnten Mikrozensus‘ einen lesenswerten Beitrag, in dem es hieß:

Man muss Vordergrund und Hintergrund sauber auseinander halten, sonst weiß man nicht, wo man steht. Doch jetzt drängt der Migrationshintergrund in den Vordergrund. Früher hielt ich mich für einen Schwaben, für einen aus meinem Dorf. Ich wurde gehänselt wegen meines Namens, Sandra, Ravioli, Mafiosi. Erst spät habe ich verstanden, was Namen eigentlich sind: Bilder. Ein Tisch ist ein Tisch und ein Mehmet immer ein Mehmet. Und wenn Mehmet sich am Telefon meldet, weiß sein Gegenüber, mit wem er es zu tun hat. Oder er glaubt es zumindest zu wissen.

Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund steigt übrigens. Und das ist kein Wunder, denn heiratet eine Deutsche, deren Familie seit 300 Jahren in Hessen gelebt hat, einen „Menschen mit Migrationshintergrund“, also beispielsweise jemanden, der als kleines Kind vor dem Balkankrieg in Sicherheit gebracht werden musste und seitdem hier lebt, so werden auch deren Kinder einen Migrationshintergrund haben, obgleich sie möglicherweise Müller heißen und nicht einmal die Bundesrepublik verlassen haben.

Das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik in NRW vermeldete 2005: Jeder vierte Bürger in NRW habe einen Migrationshintergrund.
Das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik in NRW vermeldete 2005: Jeder vierte Bürger in NRW habe einen Migrationshintergrund.

Sogar das urdeutsche Blutsrecht sticht die Konstruktion „Menschen mit Migrationshintergrund“ aus: Auch Menschen, die als Deutsche nach Deutschland zugewandert sind (vor allem Spätaussiedler) gelten als „Menschen mit Migrationshintergrund“.

BA will stärker nachfragen

Obwohl die Bestimmung der „Menschen mit Migrationshintergrund“ also maximal unspezifisch ist, scheint sich das Hantieren mit dem Begriff noch auszuweiten. So will die Bundesagentur für Arbeit laut Medienberichten künftig intensiver nach dem Migrationshintergrund ihrer „Kunden“ fragen.

Dazu erklärte Volker Beck, innenpolitischer Sprecher der Grünen: „Was da auf den ersten Blick als Empowerment für Migranten  daher kommt, ist höchst problematisch. Es gibt gute Gründe  dafür, dass in Deutschland keine Behörde mehr Daten über den Stammbaum und dessen Zusammensetzung oder ohne Grund beispielsweise über die Religionszugehörigkeit oder sexuelle Orientierung erfassen darf.“ Datenerhebungen dürften nur vorgenommen werden, wenn sie zur Verfolgung gesetzlich geregelter Ziele und Zwecke erforderlich seien.

Hamburger „Kulturkreise“

Auch in Hamburg meint man es nur gut. Die Stadt fragt ihre Mitarbeiter noch bis zum 21. Februar, wie viele von ihnen einen Migrationshintergrund hätten. Die Erhebung sei anonym und freiwillig, wird in dem Schreiben, das Publikative.org vorliegt, zwar betont, doch sei es wichtig, dass möglichst viele Personen sich daran beteiligten. Um zu dokumentieren, wie bedeutsam die Sache sei, wird im Briefkopf der „Erste Bürgermeister“ aufgefahren.

Ziel sei es, „die kulturelle Vielfalt unserer Stadt unter unseren Beschäftigten widerzuspiegeln“. Es solle Personal bereitgestellt werden, das beispielsweise über „Erfahrungen aus anderen Kulturkreisen“ verfüge.

Die Stadt Hamburg möchte wissen, wie viele Mitarbeiter einen "Migrationshintergrund" haben.
Die Stadt Hamburg möchte wissen, wie viele Mitarbeiter einen „Migrationshintergrund“ haben.

„Kulturkreis“ – da schwingt christliches Abendland und islamischer Orient mit. Wikipedia weiß dazu:

Die Kulturkreislehre wurde vor allem von der Wiener Schule der Völkerkunde Anfang des 20. Jahrhunderts aufgegriffen, von Pater Wilhelm Schmidt und Pater Wilhelm Koppers. Sie erfanden den Begriff „Urkulturkreis“, der von Anfang an monotheistischmonogam und patriarchalisch gelebt habe und daher völkerkundlich der wertvollste sei. Die Lehre wurde so zu einer Rassentheorie.

Was einen Kulturkreis ausmacht, ist nicht leicht zu definieren, wissenschaftlich umstritten und wohl auch nicht Gegenstand der Erhebung. Daher kann hier eigentlich nur der Umkehrschluss gezogen werden: Gemeint ist wohl alles, was irgendwie nicht-Deutsch ist (wobei auch hier wieder ungeklärt bleibt, was das Deutschsein definiert).

Zugleich ist unklar, was für interkulturelle Kompetenzen jemand mitbringen soll, dessen Vater in den 1950er Jahren nach Deutschland eingewandert ist – außer, dass er möglicherweise selbst Erfahrungen mit Diskriminierung sammeln musste – siehe oben das Beispiel Matiolli.

Der Journalist ergänzte in seinem erwähnten Artikel:

mit der Tatsache, dass fünfzehn Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund haben, kann man hervorragend argumentieren – je nach politischer Ausrichtung. Man kann sagen: Seht, wir sind doch längst ein Einwanderungsland! Oder man kann vor dem Untergang des Deutschtums warnen. So lässt sich das Wort leicht missbrauchen.

In der Tat: Die Stadt Hamburg kann sich auf die Schulter klopfen und betonen, wie viele „Kulturkreise“ in ihren Behörden wirken. Thilo Sarrazin kann seine Statistiken über das sterbende Deutschland mit Zahlen anfüttern, wonach ein Drittel der hier geborenen Kinder einen Migrationshintergrund hätten.

Ministerin mit Migrationshintergrund

Ursula von der Leyen im Jahr 2012 (Quelle: CSU/CSU-Fraktion)
Ursula von der Leyen im Jahr 2012 (Quelle: CSU/CSU-Fraktion)

Die Migrationshintergrund-Erhebungsverordnung der Bundesagentur für Arbeit verleiht sogar Bundesbürgern einen Migrationshintergrund, wenn sie im Ausland geboren wurden.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist die Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen Ernst Albrecht und dessen Ehefrau Heidi Adele – und sie hat demnach einen Migrationshintergrund. Von der Leyen wurde nämlich 1958 in Brüssel geboren. Damit hat sie sich möglicherweise besonders für das Amt der Verteidigungsministerin qualifiziert, kann sie doch mit ihrer interkulturellen Kompetenz viel eher nachvollziehen, wie die Taliban ticken…

Von der Leyen ist aber in guter Gesellschaft, denn im Jahr 2006 gab es in Deutschland 7,9 Millionen Menschen, die einen Migrationshintergrund sowie die deutsche Staatsangehörigkeit hätten. Das entspricht fast 10 Prozent der Bevölkerung in Deutschland bzw. 53 % der Menschen mit Migrationshintergrund. Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund sind also Deutsche; bei vielen Lesern und Fernsehzuschauern dürfte als Botschaft aber „Ausländer“ ankommen.

Deutsche zweiter Klasse

Und was sagen die Leute dazu, die in Deutschland durch offizielle Kriterien plötzlich selbst zu einem „Menschen mit Migrationshintergrund“ gemacht werden? Sie dürften sich oft als Bürger zweiter Klasse fühlen. Sie gehören irgendwie nicht richtig dazu oder verursachen Probleme, da die Debatten über Migration eher selten positiv besetzt sind. Es ist von Deutsch-Türken die Rede, wenn Deutsche gemeint sind; von Deutsch-Schweden liest man übrigens eher selten.

In Hamburg wird auch abgefragt, in welchen Ländern die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre „Wurzeln“ hätten. Gleichzeitig sollen die Befragten auch angeben, in welcher Behörde, Schule oder welchem Bezirksamt sie tätig sind, seit wann sie für die Stadt arbeiten und in welcher Laufbahngruppe sie sich derzeit befinden.

Alles anonym, aber recht detailliert: Befragung in Hamburg.
Alles anonym, aber recht detailliert: Befragung in Hamburg.

Wie erwähnt: Die Erhebung soll freiwillig sein, doch angesichts dieser Fragen erscheinen Rückschlüsse darauf, wer sich nicht beteiligt hat, zumindest denkbar. Ein Mitarbeiter der Stadt fühlt sich auf jeden Fall zum einen unter Druck gesetzt – zum anderen versteht er nicht, warum er plötzlich einen Migrationshintergrund haben sollte.

Weitestgehend unbrauchbar

Der Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ verschleiert mehr, als er erklärt. Er ist euphemistisch, weil er oft „Ausländer“ meint. Auch und gerade im journalistischen Bereich ist die Kategorisierung somit weitestgehend unbrauchbar, weil sie kaum dazu beiträgt, Realität zu beschreiben.

Siehe auch:  Diskriminierung an Schulen und Unis weit verbreitetUNO attestiert Sarrazin Rassismus,  Es gibt keinen Rassismus mit Herz!Keine Ansichtsache – Racial Profiling als institutionalisierter RassismusDemografie als Mittel der sozialpolitischen Demagogie

20 thoughts on “Biodeutsch mit Migrationshintergrund

  1. Interessanter Artikel/Interessantes Thema. Frage mich auch was das soll. Fremdsprachenkenntnisse werden bei der Bewerbung erfragt. NSU-Morde wurden nicht aufgeklärt, weil nicht ergebnisoffen ermittelt wurde, geschludert und möglicherweise gedeckt wurde, meiner Meinung nach.

    Vermutlich möchte Hamburg eine Imagekampagne fahren und ein möglichst positives Ergebnis präsentieren. Oder warum sonst diese Definition, die offen ist, bis zur völligen Zweckbefreiung?

    Andere lassen die für eine Statistik wichtigen Informationen dann weg und machen damit Politik.

    „Mehrsprachigkeit als interkulturelle Kompetenz“, „Anderer kultureller Background“… Zielführender wäre doch die Fragestellung, ob überhaupt ein kultureller Background vorhanden ist…

    Hier die Bundesdeutsche Definition auf die sich auch die Hamburger beziehen(falls das nicht schon geschrieben wurde und ich es übersehe):

    „Zu den Menschen mit Migrationshintergrund (im weiteren Sinn) zählen „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“.

    Quelle: Statistisches Bundesamt: Fachserie 1, Reihe 2.2 Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Bevölkerung mit Migrationshintergrund, Wiesbaden 2010, Textteil: Methodische Bemerkungen mit Übersicht über die Ergebnisse.“

    Link: http://www.bamf.de/DE/Service/Left/Glossary/_function/glossar.html?lv2=1364186&lv3=3198544

  2. @Patrick:

    Finde gerade Österreich nun nicht gerade ein, äh positives Beispiel (oder was sollte damit gesagt werden?), denn nach allem was ich weiß, höre und lese, ist das nun ein deutschsprachiges Land mit einem noch krasseren Diskriminierungsproblem als Deutschland. Am Begriff liegt es da wohl eher nicht (und hier natürlich auch nicht).

    Du sagst halt, „ich kenne einige Leute, die keine Lust haben, sich vom Staat oder Arbeitgeber einen Migrationshintergrund andichten zu lassen.“ Dem könnte ich entgegnen, dass ich einige Leute kenne, die keine Lust haben, sich vom Staat oder Arbeitgeber oder gutmeinenden Mitmenschen derart „integrieren“, bzw. „eindeutschen“ zu lassen, dass sie ihr wie auch immer gearteter „anderer“ Background dabei sprachlich, kulturell, sozial, kurz: gesellschaftlich nochmal durchgestrichen, als bedeutungslos markiert, ergo zum Verschwinden gebracht wird. So nach dem Motto: „Aber Du bist doch ein/e ganz normale/r Deutsche/r.“ Worauf auch ziemlich viele sehr zu Recht ziemlich allergisch reagieren.

    Ich wäre mir da nicht so sicher, ob Du und Volker Beck da richtig liegen, gerade im Hinblick auf die Selbstwahrnehmung „der“ Migranten. Zumal die Behauptung:

    „Und was sagen die Leute dazu, die in Deutschland durch offizielle Kriterien plötzlich selbst zu einem ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘ gemacht werden? Sie dürften sich oft als Bürger zweiter Klasse fühlen.“

    halt reichlich spekulativ ist. Ich zum Beispiel finde, wenn über den Begriff „bei gleicher Qualifikation Menschen mit Migrationshintergrund bevorzugt eingestellt“ werden, in Hamburger Behörden, weil die Umfrage ergeben hat, dass die viel zu wenig diversifiziert sind – und deshalb auch die Probleme ihrer diversifizierten Bevölkerung schlechter lösen können – dann ist da erstmal nicht so viel verkehrt dran, an diesem „Empowerment“. Und ich glaube nicht, dass viele deutsche Diplomatenkinder mit einem „von der Leyen“ im Namen sich darauf berufen werden.

    @Quarktasche:
    Ich glaube, die Ermittlungen wären anders verlaufen, wenn Menschen mit „türkischem Migrationshintergrund“, die in Teilen ein völlig anderes Aufwachsen in der Bundesrepublik erlebt hätten – nämlich eines, in dem immer klar war, dass Nazis einen umbringen können und wollen – daran beteiligt gewesen wären. Um „Fremdsprachenkenntnisse“ allein ging es dabei nicht. Siehe:

  3. Auch meine Großeltern stammen aus Gebieten, die heute in Polen liegen und ich habe mich schon ernsthaft gefragt, ob das als Migrationshintergrund ausreicht… Manche „Deutsch-Türken“ sind ja auch schon in der 3., 4. Generation hier.

    Und überhaupt, wer ist dieser „Deutschland“?

  4. Und das kommt von DEM Hamburg, das ich als wortwörtlich die weltoffenste Stadt kennengelernt habe? Ich lese den Artikel (noch mal…) und dann eure Kommentare, um mir ein genaueres Bild auszumalen, aber als Mensch bin ich irgendwie…puzzled, nach wie vor.
    „Interkluturelle Erfahrung“?
    „Fremdsprachenkenntnisse“?…das will man tatsächlich (als Behörde) feststellen?
    Ich meine, wenn sie so eine empfindliche Umfrage unter eigenen Leuten durchführen wollten, hätten sie sich eine schlauere Ausrede einfallen lassen sollen.
    Das hier ist eher erbärmlich.

  5. Was ist die Alternative zu „mit Migrationshintergrund“?
    Man kann die Definition ggf. enger fassen, z.b. statt im Ausland geboren die Grundschulzeit im Ausland als eine weitere Bedingung einführen, etc. So oder so, ist nicht einfach, eine klare Definition zu finden, die dem Ansinnen entspricht.
    An Berliner Schulen wird die Herkunftssprache erfasst, also es wird gezielt nach der Sprache (den Sprachen) gefragt, die hauptsächlich zu Hause gesprochen werden. Schülerstatistik richtet sich da nicht nach Migrationshintergrund, sondern nach Muttersprache. Was dem Anliegen ja auch eher entspricht.
    Gar nichts erfassen, ist jedoch auch nicht sinnvoll, weil vieles an Ungleichbehandlung und Diskriminierung sonst nicht sichtbar gemacht werden könnte. Immerhin sind der Geburtsort einer Person und ihrer Eltern objektiv erfassbare Daten. Nachnamen oder gar Aussehen sind es definitv nicht. Obwohl zugleich das ja entscheidende Punkte sind, wenn Alltagsrassismus untersucht werden muss.
    Und warum „Migrationshintergrund andichten“? Wenn ein Elternteil eingewandert ist, ist der Migrationshintergrund doch da. Wie intensiv das eine Rolle in der Familie spielte, darüber saagt das nichts aus. Auch wie man sich fühlt, identifiziert, wo man zugehört, das sind Fragen, die mit statistischen Kategorien sowieso nicht erfasst werden können. Warum die Kategorie „mit Migrationshintegrund“ nicht einfach als neutrale statistische Kategorie begreifen. Die Zuschreiben, die Sarrazin und andere machen, denen muss widersprochen werden, aber die würden diese Zuschreibungen machen, egal, welche Kategorie man benutzt, und wie man das nun betiteln und definieren würde.

  6. Mal ein paar Randinformationen:

    Die Stadt Hamburg betreibt zur Zeit tatsächlich eine Initiative „kulturelle Vielfalt in der hamburgischen Verwaltung“ siehe auch http://www.hamburg.de/bist-du-dabei .
    Fraglich, was das genaue Ziel der Kampagne werden soll =>
    Durch „Multi-Kulti-Verwaltung“ eine bessere Akzeptanz der Verwaltungsarbeit in der Bevölkerung erreichen?
    Im Zuge des demografischen Wandels neue Personalreservoirs anzapfen?
    … ?

    Zum Thema „Migrationshintergrund“ ist es vielleicht noch interessant etwas juristischen Hintergrund zu kennen. Zum Beispiel das verdrehte Staatsangehörigkeitsgesetz „StAG“ (http://www.gesetze-im-internet.de/rustag/BJNR005830913.html), auf das im Art. 116 Grundgesetz für die Regelung der deutschen Staatsangehörigkeit verwiesen wird.
    Das StAG basiert wesentlich auf dem Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913, das mit Wirkung vom 1. Januar 2000 (!!!) in Staatsangehörigkeitsgesetz umbenannt und um ein paar Regelungen aus dem sog. „Ausländerrecht“ angereichert wurde (s. hierzu auch Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Staatsangeh%C3%B6rigkeit)

    Dieses Gesetz sagt z.B. folgendes

    㤠30 StAG
    (1) Das Bestehen oder Nichtbestehen der deutschen Staatsangehörigkeit wird auf Antrag von der Staatsangehörigkeitsbehörde festgestellt. Die Feststellung ist in allen Angelegenheiten verbindlich, für die das Bestehen oder Nichtbestehen der deutschen Staatsangehörigkeit rechtserheblich ist. Bei Vorliegen eines öffentlichen Interesses kann die Feststellung auch von Amts wegen erfolgen.
    (2) Für die Feststellung des Bestehens der deutschen Staatsangehörigkeit ist es erforderlich, aber auch ausreichend, wenn durch Urkunden, Auszüge aus den Melderegistern oder andere schriftliche Beweismittel mit hinreichender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen ist, dass die deutsche Staatsangehörigkeit erworben worden und danach nicht wieder verloren gegangen ist. § 3 Abs. 2 bleibt unberührt.
    (3) Wird das Bestehen der deutschen Staatsangehörigkeit auf Antrag festgestellt, stellt die Staatsangehörigkeitsbehörde einen Staatsangehörigkeitsausweis aus. Auf Antrag stellt die Staatsangehörigkeitsbehörde eine Bescheinigung über das Nichtbestehen der deutschen Staatsangehörigkeit aus.“

    und ergänzend:

    㤠3 StAG
    (1) Die Staatsangehörigkeit wird erworben

    1.
    durch Geburt (§ 4),
    2.
    durch Erklärung nach § 5,
    3.
    durch Annahme als Kind (§ 6),
    4.
    durch Ausstellung der Bescheinigung gemäß § 15 Abs. 1 oder 2 des Bundesvertriebenengesetzes (§ 7),
    4a.
    durch Überleitung als Deutscher ohne deutsche Staatsangehörigkeit im Sinne des Artikels 116 Abs. 1 des Grundgesetzes (§ 40a),
    5.
    für einen Ausländer durch Einbürgerung (§§ 8 bis 16, 40b und 40c).

    (2) Die Staatsangehörigkeit erwirbt auch, wer seit zwölf Jahren von deutschen Stellen als deutscher Staatsangehöriger behandelt worden ist und dies nicht zu vertreten hat. Als deutscher Staatsangehöriger wird insbesondere behandelt, wem ein Staatsangehörigkeitsausweis, Reisepass oder Personalausweis ausgestellt wurde. Der Erwerb der Staatsangehörigkeit wirkt auf den Zeitpunkt zurück, zu dem bei Behandlung als Staatsangehöriger der Erwerb der Staatsangehörigkeit angenommen wurde. Er erstreckt sich auf Abkömmlinge, die seither ihre Staatsangehörigkeit von dem nach Satz 1 Begünstigten ableiten.

    § 4 StAG
    (1) Durch die Geburt erwirbt ein Kind die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.[…]

    § 17 StAG
    (1) Die Staatsangehörigkeit geht verloren

    1.
    durch Entlassung (§§ 18 bis 24),
    2.
    durch den Erwerb einer ausländischen Staatsangehörigkeit (§ 25),
    3.
    durch Verzicht (§ 26),
    4.
    durch Annahme als Kind durch einen Ausländer (§ 27),
    5.
    durch Eintritt in die Streitkräfte oder einen vergleichbaren bewaffneten Verband eines ausländischen Staates (§ 28),
    6.
    durch Erklärung (§ 29) oder
    7.
    durch Rücknahme eines rechtswidrigen Verwaltungsaktes (§ 35).

    (2) Der Verlust nach Absatz 1 Nr. 7 berührt nicht die kraft Gesetzes erworbene deutsche Staatsangehörigkeit Dritter, sofern diese das fünfte Lebensjahr vollendet haben.
    (3) Absatz 2 gilt entsprechend bei Entscheidungen nach anderen Gesetzen, die den rückwirkenden Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit Dritter zur Folge hätten, insbesondere bei der Rücknahme der Niederlassungserlaubnis nach § 51 Abs. 1 Nr. 3 des Aufenthaltsgesetzes, bei der Rücknahme einer Bescheinigung nach § 15 des Bundesvertriebenengesetzes und bei der Feststellung des Nichtbestehens der Vaterschaft nach § 1599 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Satz 1 findet keine Anwendung bei Anfechtung der Vaterschaft nach § 1600 Abs. 1 Nr. 5 und Abs. 3 des Bürgerlichen Gesetzbuches.[…]“

    Im Endeffekt kann niemand, der als Staatsangehörigkeit „deutsch“ im Personalusweis stehen hat sicher sein, dass das so auch stimmt. Zumindest nicht, bis die Staatsangehörigkeitsbehörde (im Fall von Hamburg zum Beispiel die Einbürgerungsabteilung des Einwohner-Zentralamts der Landes-Behörde für Inneres und Sport) das ganze antragsgemäß im Feststellungsverfahren überprüft und per Verwaltungsakt abgesegnet hat.
    „Der Ariernachweis lässt grüßen.“, wie Karl spottete, ist also gar nicht so weit hergeholt.

    Und die Moral von der Geschicht?
    Ihr könnt euch nie sicher sein, deutsche/r zu sein.

  7. 1. Bei der deutschen Mehrheitsbevölkerung handelt es sich konsequenterweise um „Menschen mit Faschismushintergrund“.

    2. Mit der „Wiedervereinigung“ bekamen die Westdeutschen zusätzliche 19 Mio gefühlte „Bürger mit Migrationshintergrund ohne Ortswechsel“.

  8. Herzlichen Dank für diesen sehr guten Beitrag!
    Ich habe daraus sofort eine unmittelbare Schlussfolgerung gezogen:
    Ich werde versuchen, einen Status „mit Migrationshintergrund“zu beantragen.
    Ich bin zwar als Kind deutscher Eltern in Schleswig-Holstein geboren, bin aber im Ausland aufgewachsen und erst mit 18 Jahren nach Deutschland zurück gekommen. Darüber hinaus stammen die Vorfahren meines Vaters aus Polen (mein Nachname „Kroll“ stammt vom Wort „Krul“ ab, Polnisch, übersetzt „König“).
    Zu guter letzt: ich pflege eine große Vorliebe für Portugal.
    Das sollte wohl ausreichen, oder?!

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