Schuld abladen verboten!

Der Spiegel will sich offenbar der leidigen Schuldfrage für Weltkriege und Holocaust entledigen – und reanimiert dafür Ernst Nolte samt Historikerstreit. Vollkommen begriffslos hantiert Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit mit Geschichte: für ein unbelastetes Nationalbewusstsein.

Von Andreas Strippel

„Schuld abladen verboten“ nannte 1965 die Münchner Lach- und Schießgesellschaft ihr Kabarettprogramm. Ein passender Titel, diskutierte doch damals Westdeutschland öffentlich Schuldfragen und das gleich zu zwei Themen. In Folge des Eichmann- und Auschwitzprozesses zum Holocaust und durch die Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer zur Verantwortung für den Ersten Weltkrieg.

Diese Diskussionen waren auch bitter nötig, lebten doch viele Täter des Holocaust unbehelligt in Westdeutschland – und der Erste Weltkrieg war bisher hauptsächlich über sein Ende und die Versailler-Verträge diskutiert worden. Diese gesellschaftlichen Debatten waren Teil eines mühsamen Prozesses, die Nachkriegsrealitäten und damit auch die Grenzen – nicht nur zur DDR, sondern auch zu Polen und der damaligen Tschechoslowakei  – anzuerkennen.

Vergangenheitsensorgung im Spiegel
Vergangenheitsentsorgung im Spiegel

Beide „Schuld-Debatten“ trugen dazu bei, dass sich das nationale Selbstverständnis wandelte und sich langsam dem Standard der westlichen Zivilisation annäherte.

Eine ähnliche Funktion hatte der Historikerstreit in den 1980er Jahren. Dazu gehörte auch, die Zweistaatlichkeit Deutschlands als Realität hinzunehmen, sie sogar zu akzeptieren. Bekanntermaßen beendete der Zusammenbruch der Sowjetunion diese historische Konstellation und die DDR trat dem Geltungsbereich des westdeutschen Grundgesetzes bei.

Der Spiegel Autor Dirk Kurbjuweit meint nun, dass die Welt sich weiter gedreht habe und man jetzt die vermeintlich unterlegene Seite in der Fischer-Kontroverse sowie dem Historikerstreit ins Recht setzen müsse:

Die deutsche Gegenwart war […] für Jahrzehnte stark von diesem Schuldvorwurf geprägt. Inzwischen gibt es zu den Streitpunkten beider Debatten neue Erkenntnisse, die eher die unterlegene Seite unterstützen. Folgt daraus ein neues Selbstverständnis für die Deutschen?

Nein, meint Kurbjuweit und fordert daher eine Revision; jedoch weniger der Geschichte, sondern des deutschen Selbstverständnisses. Geschichte ist ihm nur Vehikel für einen neuen deutschen Nationalismus, als ob es diese Selbstverständigung ganz ohne Geschichtsrevision nicht schon seit 2006 gäbe.

Nolte und seine These vom „kausalen Nexus“ 

Ohne besonders viel Ahnung von seinem Gegenstand zu haben, steuert Kurbjuweit in die argumentative Katastrophe. Als Kronzeuge dient ihm dabei Ernst Nolte und seine These vom „kausalen Nexus“ der stalinistischen Verbrechen zum Holocaust. Denn Nolte gleich möchte er offenbar den Deutschen die Schuld austreiben; für den Holocaust, den Ersten Weltkrieg und – so kann ein unkommentiertes Zitat Noltes an der angeblichen Verantwortung Polens verstanden werden – schließlich auch noch am Zweiten Weltkrieg. Kurz gesagt: ein neues deutsches Selbstbewusstsein. Und dafür muss die Vergangenheit beerdigt werden, koste es auch Logik und Verstand.

Ausgangspunkt ist eine Spiegel-Serie zur Schuldfrage am Ersten Weltkrieg. Und wie alle konformistischen Rebellen baut Kurbjuweit erst mal einen Popanz auf, den er dann als mutiger Tabubrecher wieder einreißt. Er  behauptet einfach, Fritz Fischers Forschungen seien heute quasi die beispielhafte Erzählung der Geschichtswissenschaft zum Thema, da sie die deutsche Schuld festgestellt habe. Das Fischers Ergebnisse immer in Frage gestellt wurden, gibt eigentlich der Begriff der Fischer-Kontroverse schon her. Darüber hinaus stieß er mit seinen Thesen bei Freund und Feind weitere Forschung an, die das Wissen um den Kriegsausbruch deutlich vermehrt haben. Joachim Radkau fasste dies in der Zeit so zusammen:

Denn ohne große Entscheidungsschlacht hat sich in der Forschung bis heute ein Konsens auf einer „Fischer light“-Position eingependelt: dass die deutsche Reichsregierung in der Julikrise 1914 den Krieg ausgelöst habe, absichtsvoll, jedoch nicht von langer Hand geplant, im hektischen Hin und Her diplomatischer Schachzüge und hereinströmender Informationen.

Vertreter des „Schuldkomplexes“

Nachdem der Popanz also aufgebaut ist, bringt Spiegel-Autor Kurbjuweit das Buch von Christopher Clark „die Schlafwandler“ als Sicht der Dinge ins Spiel, die endlich Schluss mache, mit der vermeintlichen Vorherschaft derjenigen, die sich für die „größtmögliche Schuld“ aussprechen. Als zweiten Kronzeugen führt er Herfried Münkler an, der sich jedoch mit seinem Buch jenseits der Thesen von Hineinschlittern oder Hauptschuld Deutschlands positioniert, und den gesamten Krieg  als ein „Kompendium für alles das, was man falsch machen kann“ begreift.

Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Konferenz benutzt wurde.
Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Wannsee-Konferenz benutzt wurde.

Mit Hans-Ulrich Wehler lässt er zwar einen Vertreter der deutschen Hauptschuldthese zu Wort kommen, aber nur um ihn als Vertreter des Schuldkomplexes zu denunzieren. Wehlers Position dient offenkundig nicht der inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern nur als erzählerischer Kniff, um Ernst Nolte Relativierung des Holocausts  zu rehabilitieren.

Bevor Nolte seinen großen Auftritt bekommt, lässt Kurbjuweit jedoch noch den Osteuropahistoriker Jörg Baberowski zu Wort kommen, der  Nolte verteidigt. Baberowski argumentiert über die Massengewalt und die Lager der Stalinismus sowie die Personen Hitler und Stalin. Der Holocaust sei gar kein singuläres Ereignis wegen der ähnlichen Methoden und außerdem sei Stalin der grausamere Psychopath gewesen.

Und dann lässt Kurbjuweit mehrere Absätze lang Nolte zu Wort kommen. Der darf unwidersprochen den Holocaust ursächlich der Gewalt in der Sowjetunion zuschreiben. Nolte reduziert das Neue am Judenmord auf den technischen Vorgang des Vergasens und bemüht als Kronzeugen einen „Juden“ – eine beliebte rhetorische Figur, die in erster Linie dazu dient, sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus zu immunisieren. Darüber hinaus erklärt er den NSU zur unpolitischen Mordbande, erzählt persönliches und gibt England und Polen Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Daran ist so ziemlich alles falsch, was man sich vorstellen kann. Sicherlich hatte Hitler Informationen über die Grausamkeiten des Stalinismus. Analog  könnte man argumentieren, dass Hitler über die Brutalität des Kolonialismus informiert war. Für ihn sollte Osteuropa ja auch ein deutsches Indien werden. Aber Versuche von der Kolonialgewalt oder gar den kolonialen Genoziden eine gerade Linie nach Auschwitz zu ziehen, greifen ebenso zu kurz wie der phänomenologische Ansatz  der stalinistischen Massengewalt. Das Elemente beider als Praxisvorbild für die deutsche Besetzung Osteuropas gedient haben könnten, ist eine Überlegung wert. Beides ist jedoch völlig ungeeignet, die eigene und neue Qualität des nationalsozialistischen Mordprogramms hinreichend zu analysieren.

Zweckrationale Herrschaftstechniken

Der Holocaust ist ein präzendensloses Verbrechen, weil die Natur des Verbrechens eine andere ist, als die der Kolonialverbrechen oder der Verbrechen des Stalinismus. Stalinismus und Kolonialismus sind sehr unterschiedlich, jedoch kann man beide als zweckrationale Herrschaftstechniken begreifen, deren entfesselte Gewaltpotentiale in Massenmord und Genozid mündeten. Verkürzt gesagt: Der Kolonialismus funktioniert über rassistische Überlegenheitsvorstellungen als Alibi für die Unterdrückung, die Figur der Verräter an der Revolution als Rechtfertigung zum hemmungslosen Gewalteinsatz zur Herrschaftssicherung. Die Wahllosigkeit mit der Verräter bestimmt wurden, steht nebenbei im krassen Gegensatz zu der Sicherheit, die konformistische Deutsche im NS-Staat hatten, Juden jedoch niemals besaßen.

Die Leugnung der eigenen Qualität des Holocausts über den Begriff der Massengewalt funktioniert, weil kein Begriff von Antisemitismus vorhanden ist. Antisemitismus wird, sofern er überhaupt eine Rolle spielt, als eine austauschbare Form des Vorurteils oder des Sündenbocksyndroms betrachtet. Die Ermordung der europäischen Juden war jedoch nicht ein zweckrationales Herrschaftsmittel, sondern ein Erlösungsversprechen gegen die Krisen der Moderne, das nur eingelöst werden konnte, wenn alle Juden ermordet würden. Mit den Juden sollten die Verwerfungen der Moderne sterben. Dieser totale physische Vernichtungsanspruch ist ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zu stalinistischen aber auch kolonialen Verbrechen.

Applaus aus der extremen Rechten 

Gedenken in Dresden: CDU und NPD auf dem Heidefriedhof
Gedenken in Dresden: CDU und NPD 2009 auf dem Heidefriedhof

Das Ernst Nolte heute vor allem auch Applaus aus der extremen Rechten erhält, verwundert bei seinen Thesen kaum. Zuletzt gab Nolte dem extrem rechten Magazin „Hier & Jetzt“ ein langes Interview. Geführt wurde dieses vom NPD-Landtagsabgeordneten Arne Schimmer, der auch als Chefredakteur der Publikation agiert. Nach dem Vergleich von Auschwitz und der Bombardierung von Dresden befragt, bezeichnet Nolte dies als „Provokation“, aber zumindest als eine „unausgetragene Streitfrage“.

Baberowski schließt aus ähnlichen Methoden der Unterdrückung auf einen Zusammenhang und kommt dabei – gemessen an den Zitaten aus dem Artikel – komplett ohne politische Begriffe aus. Noltes Insistieren auf den Bolschewismus verweist zumindest darauf, dass er verstanden hat, dass neben dem Antisemitismus der Antimarxismus ein zentrales Element des Nationalsozialismus war, der im Verbund mit einen antislawischen Rassismus eine zentrale Triebfeder des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion aber auch gegen Polen war. Aber davon redet Nolte nicht.

Noch hinter Guido Knopp

Und Kurbjuweit? Dem geht es wohl nicht um solche Fragen, sondern halt um die Sache mit der Schuld. Historische Erkenntnis dient hier nur als ein Vehikel. Zu den den Holocaust-relativierenden Thesen steht nur ein verschwurbelter Alibisatz, dass die Logik Noltes „schon länger ein Argument von Judenhassern“ ist. Das soll vermutlich Distanz zu Leuten herstellen, mit denen er sein neues deutsches Nationalbewusstsein nicht kontaminieren will. Auch versteckt Kurbjuweit sich hinter der Proseminar-Weisheit, dass Geschichtsdeutungen immer im Wandel sind. Historische Verantwortung und Schuld verschwinden bei ihm einfach in einem indifferenten Jahrhundert der Gewalt, das alle Unterschiede einebnet und die Diskussion um Schuld selbst historisiert und entsorgt. Damit fällt er noch hinter Guido Knopp zurück, der zumindest Hitler als Schuldigen sah.

Das Problem mit dem Nationalismus ist jedoch, dass die Nation eine gleichsam überhistorische Erscheinung darstellt, die historisch begründet wird. In früheren Zeiten wurde mit dem Mittel der nationalen Meistererzählung eine gerade Line ins heute gezogen. Diese Technik der nationalen Selbsterbauung funktioniert angesichts der Faktenlage nicht mehr. Daher zieht er mit der Geschichtsdeutung gegen die Geschichte ins Felde. Frei von historischer Schuld soll sein Deutschland heute sein. Das Problem ist nur, dass es das nicht ist.

Siehe auch: Ernst Jünger und der Erste WeltkriegFolgenloses GedenkenNS-Neuordnungsphantasien und die Ermordung der JudenCarl Schmitt und die Machtübernahme der NazisDeutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele JudenPolen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”

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