Brutaler Neonazi-Überfall in Thüringen

Bei einem Überfall durch organisierte Neonazis im thüringischen Ballstädt sind am Wochenende neun Personen verletzt worden, zwei davon wurden mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Knapp 20 vermummte Neonazis hatten in der Nacht zu Sonntag die geschlossene Veranstaltung der dortigen Kirmesgesellschaft gestürmt und im Gemeindesaal auf die Besucher eingeschlagen. Ballstädts Bürgermeisterin Erika Reisser sagte gegenüber dem MDR, im Saal sei „alles blutverschmiert“ gewesen.

Von Kai Budler

In den Kommentaren werden diese zehn Männer als NSU-reloaded bezeichnet. (Screenshot Facebook)
In den Kommentaren werden diese zehn Männer als NSU-reloaded bezeichnet. (Screenshot Facebook)

Mindestens einer der Angreifer wurde bei der Aktion offenbar erkannt. Es handelt sich angeblich um einen 31-jährigen Neonazi aus einer Gruppierung aus dem Raum Gotha rund um die Rechtsrock-Band „SKD“ (Sonderkommando Dirlewanger).

Auf das Konto der Gruppe gehen unter anderem ein Schießtraining Ende 2012 unter dem Motto „NSU-reloaded“ und ein Kugelbomben-Angriff auf ein Hausprojekt in Gotha.

Ebenfalls aus der Kreisstadt stammen zwei Neonazis, die im Dezember 2011 eine alte Gaststätte in Crawinkel im Kreis Gotha erworben hatten und dort eingezogen waren. Schnell entwickelte sich das Haus zu einem überregionalen Treffpunkt und Veranstaltungsort der extrem rechten Szene.

Etwa 18 Monate später stießen Beamte bei Razzien auf Machinenpistolen und zahlreiche andere Waffen bei der selbst ernannte „Hausgemeinschaft Jonastal“, zeitgleich wurde bekannt, dass die Neonazis im nur etwa 30 Kilometer entfernten Ballstädt eine alte Bäckerei als neues Domizil gekauft hatten. Schon vor dem Einzug protestierte die schnell gegründete „Allianz gegen Rechts“ in dem Ort gegen das als neues Neonazi-Zentrum geltende „Gelbe Haus“.

Die in Ballstädt aktiven Neonazis haben Verbindungen zum so genannten „Objekt 21“ in Österreich, gegen dessen Mitglieder unter anderem wegen des Einsatzes von Waffen ermittelt wird. Einer der Bewohner der Bäckerei gilt außerdem als Organisator von Solidaritäts-Aktionen für den mutmaßlichen NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben, der sich momentan vor dem Münchner Landgericht verantworten muss.

Der aktuelle Überfall untermauert die These, dass Immobilien in der Hand von Neonazis der Vernetzung extrem rechter militanter Gruppen dienen. Eine Sonderkommission der Polizei hat die Ermittlungen unter anderem wegen Landfriedensbruchs aufgenommen, aus ermittlungstaktischen Angaben will die Polizei bislang keine Angaben machen.

Landesweit zählte die Bundesregierung in einem kürzlich veröffentlichten Papier 27 Objekte in Thüringen, die in der Hand von Neonazis sind oder regelmäßig von ihnen genutzt werden. Auf Antrag der Landtagsfraktion der Partei „Die Linke“ soll der Angriff der Neonazis in Ballstädt jetzt im Innenausschuss des Thüringer Landtages thematisiert werden.

Update vom 10.02.2014: Wir dokumentieren an dieser Stelle die Erklärung des Bürgerbündnisses gegen Rechts in Ballstädt

„Ich hatte Todesangst“-Brutaler Überfall auf Feiergesellschaft in Ballstädt durch Rechtsradikale Sirenen weckten die Ballstädter Bürger am frühen Sonntagmorgen. Ein Trümmerfeld und zahlreiche am Boden liegende Verletzte erwartete die Freiwillige Feuerwehr, die als erstes im Gemeindezentrum eintraf. Hier feierten Ehrenamtliche und Helfer eines Vereins ihr Abschlussfest, als in den frühen Morgenstunden mit Skimasken vermummte Unbekannte den Saal stürmten. Begleitet von dem Vorwurf, man hätte eine Scheibe im durch Rechtsextreme bewohnten „Gelben Haus“ zerstört, schlugen sie ohne weitere Ankündigung mit Schlagringen brutal auf die noch rund 15 Anwesenden ein. Selbst als die Opfer bereits am Boden lagen wurden weiter auf sie eingetreten. 10 Personen wurden dabei verletzt, zwei schwer. Sie befinden sich noch im Krankenhaus. Der Schock ist in dem kleinen Dorf im nördlichen Landkreis Gotha groß.

Blankes Chaos herrscht auf dem Gemeindesaal – es spiegelt die sinnlose Zerstörungswut der Angreifer wieder. Spiegelwände, Türen, Stühle und Tische wurden zerschlagen. Ein Feuerwehrmann handelte schnell und bedacht und brachte die weiblichen Gäste in der benachbarten Gaststätte in Sicherheit, bis die Retter eintrafen. „Wir hörten die Schreie unserer Männer, den Lärm fliegender Tische und Stühle und der berstenden Spiegel und hatten Todesangst!“, berichtete eine der Betroffenen. „Nie im Leben hab ich eine solche Angst verspürt, ich hab nur gehofft, dass sie uns nicht finden!“, erzählt eine weitere Zeugin.

Der Schock sitzt bei den Betroffenen tief – der gesamte Ort ist fassungslos. Der brutale Überfall kam überraschend und schien genau geplant – innerhalb weniger Minuten war das Horrorszenario vorüber und hinterließ einen Ort der Angst und der Zerstörung.

Dennoch oder gerade deswegen halten die Bürger zusammen. Angehörige und leichtverletzte Opfer, Bürgerbündnis, Gemeinderat, Bürgermeisterin und erschütterte Bürger trafen sich noch am Nachmittag, um über die Geschehnisse der vergangenen Nacht zu berichten, ihre Betroffenheit auszudrücken und den Opfern ihre Unterstützung zuzusagen. „Trotz der Fassungslosigkeit im Angesicht dieser Brutalität will hier keiner in Schockstarre verfallen, sondern in einer gemeinsamen Mahnwache zusammenrücken und informieren“, erklärt ein Sprecher des Bürgerbündnisses gegen Rechts. Dieses hatte sich nach dem Zuzug polizeibekannter und verfassungsfeindlicher Rechtsextremer in das als „Gelbes Haus“ bekannte alte Backhaus aus Vertretern von Gemeinde, Politik, Vereinen, Unternehmen und Bürgern gegründet und durch Plakate und Aktionen immer wieder auf die Gefährlichkeit der neuen Nachbarn aufmerksam gemacht.

Die Ballstädter fordern nun von Polizei, Politik und Staatsschutz eine schnellstmögliche Aufklärung der Tat: „ Wer das gemacht hat, muss zur Rechenschaft gezogen werden – dieses Dorf ist stolz auf seine Vielfalt, für rechtsextremistisches Gedankengut ist hier kein Platz.“

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