Ernst Jünger und der Erste Weltkrieg

Viele Texte des Schriftstellers Ernst Jünger (1895-1998) handeln davon, wie er als Soldat im Ersten Weltkrieg kämpfte. Aufgrund dieser Texte stieg Jünger während der Zeit der Weimarer Republik zu einem der führenden publizistischen Köpfe der antidemokratischen Rechten auf. Jüngers Schriften verdeutlichen exemplarisch, wie der damalige Rechtsextremismus den Krieg instrumentalisierte, um gegen Aufklärung, Demokratie und Menschenrechte agitieren zu können. 

Von Stefan Kubon

Ernst Jünger showing him in military dress, decorated with several medals.
Ernst Jünger showing him in military dress, decorated with several medals.

Ernst Jüngers bekannteste Schrift über den Ersten Weltkrieg ist zweifellos “In Stahlgewittern“. In diesem Buch erklärt Jünger, dass er den Krieg vor allem deshalb herbeisehnte, weil er sich von ihm ein aufregenderes Leben erhoffte. Jünger glaubt, für viele Kriegsfreiwillige seiner Generation zu sprechen, wenn er die Friedenszeit vor dem Krieg als materialistisch und defizitär beschreibt: “Aufgewachsen im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns allen die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach dem großen Erleben. (…) Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schönrer Tod ist auf der Welt …. Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen dürfen!

Bevor Jünger zum ersehnten Kriegseinsatz an die Front kommandiert wurde, absolvierte er zunächst eine militärische Grundausbildung in der Kaserne. Jünger schwärmt davon, wie sich bei dieser Ausbildung angeblich jegliche Individualität in einem Kollektiv auflöste: “Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zusammengeschmolzen zu einem großen, begeisterten Körper“. (In Stahlgewittern)

Kriegsverherrlichung und Sozialdarwinismus  

Das Kriegsgeschehen wird von Jünger immer wieder auf gewaltverherrlichende Weise beschrieben. Zum Beispiel glorifiziert der Autor in seinem Buch “Feuer und Blut“ den Krieg, indem er behauptet, beim Kämpfen an der Front könne man alle menschlichen Gefühle besonders intensiv erleben. Vom Gefühl der Liebe scheint Jünger noch nie etwas gehört zu haben, vermutlich feiert er deshalb den Krieg als “Sinnbild des Lebens“: “Und alles, was es an Gefühlen gibt, vom gräßlichsten körperlichen Schmerz bis zum höchsten Jubel des Sieges, wird dort zu einer brausenden Einheit, zu einem blitzartigen Sinnbild des Lebens selbst zusammengeballt. Singen, Beten und Jubeln, Fluchen und Weinen – was wollen wir mehr? Ja, was wollen wir mehr? Hier kann sich jede Kraft erschöpfen, hier kann jeder zeigen was in ihm steckt.

Jünger, der aus einem wohlhabenden bürgerlichen Elternhaus stammte, stieg schnell in die Offizierskaste auf. Im Rang eines Leutnants erlebte er den Großteil des Krieges. Er wurde mehrfach verwundet, erholte sich aber immer wieder. Jünger galt als sehr mutiger Soldat, seine zahlreichen Tapferkeitsmedaillen zeugen davon. Seinen Kampfeinsatz rechtfertigte er damit, dass er sich als Instrument einer übergeordneten Macht verstand.

Im Einklang mit den Kräften der Natur

Jünger vertrat die Ansicht, sein Handeln stehe im Einklang mit den Kräften der Natur. Die “Erde“ sei es, die ihm den Auftrag zum Töten gegeben habe: “Es geschieht für die Erde selbst, die den Kampfhaften liebt. Daher ist es auch sie, die uns die Kraft zum Kampfe verleiht. Und daher ist es auch sie, die uns wegwerfen wird wie ein schlechtes Werkzeug, wenn wir die große Probe nicht bestehen.“ (Feuer und Blut)

Ernst Jüngers Buch "Der Kampf als inneres Erlebnis"
Ernst Jüngers Buch „Der Kampf als inneres Erlebnis“

Den sozialdarwinistischen Charakter seines Denkens hat Jünger insbesondere in seinem Buch “Der Kampf als inneres Erlebnis“ thematisiert. Laut Jünger handelt es sich um ein “Urverhältnis“, wenn zwei Menschen versuchen, sich gegenseitig zu töten: “wenn zwei Menschen im Taumel des Kampfes aufeinanderprallen, so treffen sich zwei Wesen, von denen nur eins bestehen kann. Denn diese zwei Wesen haben sich zueinander in ein Urverhältnis gesetzt, in den Kampf ums Dasein in seiner nacktesten Form. In diesem Kampfe muß der Schwächere am Boden bleiben, während der Sieger, die Waffe fester in der Faust, über den Erschlagenen hinwegtritt, tiefer ins Leben, tiefer in den Kampf.

Der Mensch als triebgesteuertes Wesen 

Die Zeit des Friedens interpretiert Jünger als eine Zeit der Maskerade und der Entfremdung. Durch den Krieg habe der Mensch endlich wieder zu sich selbst gefunden. Der “wahre Mensch“ ist für Jünger kein Kulturwesen, sondern ein Raubtier:

Doch unter immer glänzender polierter Schale, unter allen Gewändern, mit denen wir uns wie Zauberkünstler behingen, blieben wir nackt und roh wie die Menschen des Waldes und der Steppe. Das zeigte sich, als der Krieg die Gemeinschaft Europas zerriß, als wir hinter Fahnen und Symbolen, über die mancher längst ungläubig gelächelt, uns gegenüberstellten zu uralter Entscheidung. Da entschädigte sich der wahre Mensch in rauschender Orgie für alles Versäumte. Da wurden seine Triebe, zu lange schon durch Gesellschaft und ihre Gesetze gedämmt, wieder das Einzige und Heilige und die letzte Vernunft.“ (Der Kampf als inneres Erlebnis)

Laut Jünger hat der Krieg bewiesen, dass der Vernunftbegriff der westlichen Zivilisation eine Chimäre ist. Weil die Vernunft im Krieg keine Rolle spielt, hat sie angeblich ihre Glaubwürdigkeit verloren. In seinem Buch “Das Wäldchen 125“ schildert Jünger eine Situation, in der die Abwesenheit der Vernunft im Krieg deutlich wird: Er sieht uns mit stieren Blicken an und brüllt plötzlich los, mit einer Stimme, die sich sonderbar überschlägt, und zwischen der und seinem Blute nicht der dünnste Schleier mehr ist: ‘Die Hunde!‘ Das wirkt wie ein Signal, wie ein ansteckender Wahnsinn, der den letzten Fetzen von Vernunft mit sich reißt.

Vom angeblichen Ende des Zeitalters der Aufklärung

Die Idee der Vernunft ist das Kernelement der Epoche der Aufklärung. Und Jünger glaubt, dass im Krieg das rationale Weltbild der Aufklärungsepoche vollständig zerstört wurde. Bei seiner Argumentation verweist der Schriftsteller erneut auf die Emotionalität des Menschen: “Die Zeiten der Aufklärung sind vorbei, der Krieg vollendet ihren Untergang, er wirft uns mit Notwendigkeit auf das Gefühl zurück.“ (Das Wäldchen 125)

Schließlich rückt Jünger den Liberalismus ins Fadenkreuz seiner Kritik. Überraschend ist das nicht, denn bekanntlich basiert diese politische Strömung vor allem auf den fortschrittlichen Ideen der Aufklärung. In seinem Aufsatz “Vom absolut Kühnen“ lobt Jünger den Krieg, weil durch ihn der Liberalismus überwunden worden sei: “Auch wenn dieser Krieg keinen anderen Sinn – und jeder, der in einem solchen Ereignis etwas Sinnloses sieht, kann nur ein glatter Bursche sein – auch wenn er keinen anderen Sinn gehabt hätte als den, die Völker Europas den Liberalismus in sich überwinden zu lassen und ein neues Lebensgefühl in ihnen zu erwecken, wäre keiner der Millionen Toten umsonst gefallen.

Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg
Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg

Bei Jüngers Propaganda gegen die Kraft der Vernunft darf der Kampf gegen den Marxismus nicht fehlen. So behauptet Jünger, dass im Krieg auch diese rationale politische Strömung zu Bruch gegangen sei. Im Artikel “Der Nationalismus“ schreibt er: “Das Leben ist nichts Zweckmäßiges. Jede Maschine ist zweckmäßiger. Wohl aber bemüht sich der ungebundene Geist, im Leben nur das Zweckmäßige zu sehen und es in die Gesetze einer zweckmäßigen Logik und einer zweckmäßigen Moral zu zwängen. Das Blut jedoch bricht diese Gesetze entzwei, wie es 1914 den Marxismus zerbrach und wie es sich immer und überall, wo es aufflutet, über jede verstandesmäßige Regelung hinwegsetzen wird.“

Ablehnung der Menschenrechte und der Demokratie

Da die Menschenrechte das zentrale politische Ergebnis der Aufklärungsepoche sind, versteht es sich fast von selbst, dass Jünger auch gegen diesen zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit agitieren muss. Im Essay “Das Sonderrecht des Nationalismus“ erläutert er die Unterschiede zwischen dem Denken des Nationalismus und der Idee der Menschenrechte:

Wir Nationalisten glauben an keine allgemeinen Wahrheiten. Wir glauben an keine allgemeine Moral. Wir glauben an keine Menschheit als an ein Kollektivensen (sic!) mit zentralem Gewissen und einheitlichem Recht. Wir glauben vielmehr an ein schärfstes Bedingtsein von Wahrheit, Recht und Moral durch Zeit, Raum und Blut. Wir glauben an den Wert des Besonderen. In dem Zeitraum von der Verkündung der Menschenrechte bis zum Weltkriege hat der Glaube an das Allgemeine seine Wucht erschöpft.

Jüngers Kampf gegen die Ideale der Aufklärung spiegelt sich auch in seinem Wunsch nach einer nationalen Diktatur wider. “Der Frontsoldat und die innere Politik“ heißt der Artikel, in dem Jünger davon träumt, wie er gemeinsam mit anderen Kriegsteilnehmern die Weimarer Republik zerstört: “Der Tag, an dem der parlamentarische Staat unter unserem Zugriff zusammenbricht und wir die nationale Diktatur ausrufen, wird unser höchster Festtag sein.

Obwohl der Krieg zu Ende war: Sein Kriegserlebnis blieb für Jünger während der Zeit der Weimarer Republik der Dreh- und Angelpunkt seines Denkens. Wie viele andere Kriegsteilnehmer hatte er die fixe Idee entwickelt, jede politische Ordnung müsse den autoritären Prinzipien des Militärs entsprechen. Jünger galt in den 1920er Jahren als besonders radikaler Vertreter der sogenannten “Konservativen Revolution“, einer intellektuellen Strömung der antidemokratischen Rechten. Doch auch in seiner radikalsten Phase ist er nie ein biologistischer Rassist im Sinne des Nationalsozialismus gewesen.

Jüngers Verhalten im “Dritten Reich“

Jüngers Buch "Auf den Marmorklippen"
Jüngers Buch „Auf den Marmorklippen“

Als der Nationalsozialismus in Deutschland die Macht übernahm, verstärkte Jünger seine Distanz zu dieser Variante des Rechtsextremismus. Ein Angebot der NSDAP, er könne für den Reichstag kandidieren, lehnte er ab. Bis heute wird darüber gestritten, was wirklich dazu führte, dass sich Jünger in den 1930er Jahren weltanschaulich immer weiter vom Nationalsozialismus entfernte. Tatsächlich integrierte Jünger während der Nazi-Herrschaft zunehmend humanitäre Aspekte in sein Denken. Sein Roman “Auf den Marmorklippen“ aus dem Jahr 1939 wurde vielfach als Akt des Widerstands gegen die Verbrechen der Nazis interpretiert. Und in der Tat bedarf es nicht viel Phantasie, um diese Schrift so zu verstehen.

Trotz seiner zunehmenden Ablehnung des Nationalsozialismus diente Jünger während des Zweiten Weltkriegs in der Wehrmacht. Er unterstützte also die Nazi-Herrschaft an der entscheidendsten Stelle. Im Herbst 1944 wurde Jünger jedoch unter einem Vorwand aus der Wehrmacht entlassen. Der wahre Grund der Entlassung: Die Nazis nahmen an, er habe mit dem Widerstand, insbesondere mit den Männern des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944, konspiriert. Beweisen konnten die Nazis ihre Vermutung nicht, dennoch lagen sie nicht ganz falsch: Jünger wusste aufgrund seiner vertraulichen Kontakte zu regimekritischen Soldaten relativ genau darüber Bescheid, dass Teile der Wehrmacht daran arbeiteten, Hitler zu beseitigen. Aktiv beteiligt am Widerstand des 20. Juli war Jünger aber nicht.

Jüngers Leben in der Bundesrepublik 

Obwohl Jünger als Publizist an der Zerstörung der Weimarer Republik beteiligt war, durfte er nach dem Zweiten Weltkrieg recht bald wieder als Schriftsteller arbeiten. Die vorherrschende Meinung war, dass sich Jünger während der Nazi-Herrschaft nicht wirklich mit Schuld beladen hatte. Es dauerte nicht lange, bis er erneut beachtliche publizistische Erfolge feiern konnte. Von den vielen Auszeichnungen, die Jünger seit den 1950er Jahren für sein literarisches Schaffen erhielt, ist sicherlich die Verleihung des Frankfurter Goethepreises im Jahr 1982 besonders erwähnenswert. Im Gegensatz zu den 1920er Jahren äußerte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch selten zu unmittelbar politischen Themen. Obgleich Jünger eher zurückgezogen lebte, suchten die Mächtigen des Öfteren seine Nähe. Beispielsweise wurde er von Helmut Kohl und Franҫois Mitterrand besucht.

Als Jünger am 17. Februar 1998 starb, hinterließ er ein vielfältiges Werk. Dank dieser Vielfalt können auch Menschen, denen rechte politische Ideen zuwider sind, seine Texte mitunter mit Gewinn lesen. Mit den Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution hat sich Jünger nie wirklich versöhnt. Tatsächlich tut man ihm nicht Unrecht, wenn man festhält, dass er zu keiner Zeit seines Lebens ein Demokrat gewesen ist.

Literatur:

Ernst Jünger, Feuer und Blut. Ein kleiner Ausschnitt aus einer großen Schlacht, Stahlhelm-Verlag, Magdeburg 1925.

Ders., Der Frontsoldat und die innere Politik, in: Ders.: Politische Publizistik. 1919-1933, Sven Olaf Berggötz (Hg.), Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2001, S. 146-152, (erstmals veröffentlicht: Die Standarte. Beiträge zur geistigen Vertiefung des Frontgedankens, 29. November 1925).

Ders., In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers, Selbstverlag des Verfassers, Hannover 1920.

 Ders., Der Kampf als inneres Erlebnis, E. S. Mittler und Sohn Verlag, Berlin 1922.

 Ders., Der Nationalismus, in: Ders.: Politische Publizistik. 1919-1933, Sven Olaf Berggötz (Hg.), Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2001, S. 186-190, (erstmals veröffentlicht: Standarte. Wochenschrift des neuen Nationalismus, 1. April 1926).

Ders., Das Sonderrecht des Nationalismus, in: Ders.: Politische Publizistik. 1919-1933, Sven Olaf Berggötz (Hg.), Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2001, S. 280-285, (erstmals veröffentlicht: Arminius. Kampfschrift für deutsche Nationalisten, 23. Januar 1927).

Ders., Vom absolut Kühnen, in: Ders.: Politische Publizistik. 1919-1933, Sven Olaf Berggötz (Hg.), Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2001, S. 236-240, (erstmals veröffentlicht: Standarte. Wochenschrift des neuen Nationalismus, 19. August 1926).

Ders., Das Wäldchen 125. Eine Chronik aus den Grabenkämpfen 1918, E. S. Mittler und Sohn Verlag, Berlin 1925.

 Paul Noack, Ernst Jünger. Eine Biographie, Alexander Fest Verlag, Berlin 1998.

 Kurt Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus zwischen 1918 und 1933, 4. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1994, (erstmals veröffentlicht: 1962).

Siehe auch: Ernst Jünger: “Gegenaufklärer auf dem Podest”, 25 Jahre Junge Freiheit: Gefangen im Trauma des Zweiten Weltkriegs, Die deutsche Rechte: Mit Carl Schmitt für Allah und Ahmadinedschad

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