Die „Anti-PC-Trickserie“: Deutsches Fleisch

Politisch unkorrekt ist zu einem alltäglichen Synonym für dumm und platt geworden. Als „Anti-PC“ stellt Spiegel Online die ZDFneo-Trickserie „Deutsches Fleisch“ vor, die sich auf den ersten Blick an großen Serien wie Simpsons und Family Guy orientiert, bislang aber vor allem einfach gängige Stereotypen und Ressentiments reproduziert.

Von Patrick Gensing

Satire darf alles. Aber muss sie auch? "Deutsches Fleisch"
Satire darf alles. Aber muss sie auch? „Deutsches Fleisch“

Die Falle, die Kämpfer wider der politischen Korrektheit aufstellen, sieht so aus: Man geriert sich als mutiger Tabubrecher, um möglichst platte, absolut gängige und vermeintlich mutige Stereotypen oder Ressentiments zu verbreiten. Wenn die Anti-PC-Kämpfer dann für diese Darstellungen kritisiert werden, können sie sagen: Sehr Ihr, da ist sie wieder, die PC-Keule.

So weit, so altbekannt.

Nichtsdestotrotz möchte ich die Serie „Deutsches Fleisch“ kritisieren, weil sie exakt das tut, was deutsche Comedy, Komödien und Serien so gerne tun: Sie reproduzieren einfach Vorurteile und Ressentiments – und verkaufen das als mutige Verrücktheit – oder noch schlimmer: als Sozialkritik.

So scheint auch „Deutsches Fleisch“ angelegt zu sein: Die Hauptpersonen sind ein gutmütiger Schwarzer, der gebrochen Deutsch spricht, offenbar ein riesiges Gemächt hat und mit dem Container nach Deutschland kam. Er will eine „dicke Weiße“ entführen, um sie zu heiraten und so an einen Pass zu kommen. Hinzu kommen: ein Ex-DDR-Pornosternchen namens „Gitti Kommsomachsmir“; ein „Baron“, der fiese Machenschaften gegen kleine Leute plant; außerdem eine Art Hipster, sowie ein verstrahlter Öko-Trottel. Da lacht das deutsche Herz: Witze mit und über Schwarze, dickbusige Blondinen, Großstadtnerds und bebrillte Looser.

Die Hitlas

Und nun kommt der Gipfel der Verrücktheit der Autoren, die sich im Tagesspiegel als große Fans von Mario Barth bezeichnen: Die deutsche Durchschnittsfamilie heißt, nein, nicht Hitler, sondern: Hitlas. Und alle haben einen kleinen Führerbart.

Sozialkritik geht in „Deutsches Fleisch“ beispielsweise so: Der ehemalige Kindersoldat aus Afrika geht zum Arbeitsamt, wo ihm entgegnet wird: Hier gibt es keine Schwarzarbeit.

 

Spiegel Online schreibt über „Deutsches Fleisch“: „Erfolgsserien wie „South Park“ und „Family Guy“ [mussten] bisher aus den USA importiert werden. Deren Humor zielt aber logischerweise fast ausschließlich auf US-amerikanische Phänomene ab.“

Nun ja. Die Doppelmoral der Kleinstadt, die selbstmitleidige Weinerlichkeit der Tresenbesatzung, provinzielle Intellektuellenfeindlichkeit, dümmliches Fernsehprogramm, der Wahnsinn des alltäglichen Lebens in der Kleinfamilie: ausschließlich amerikanische Phänomene? Der Erfolg der Simpsons beruht doch darauf, dass sich auch viele Leute in Europa mit den Schwächen der Bevölkerung von Springfield identifizieren können. Die Charaktere sind widersprüchlich und fast alle liebenswert. Bei „Deutsches Fleisch“ scheinen die Charaktere mit dem Beil gehauen.

Was meint Ihr?

Der Journalist Hagai Shamis kommentiert auf Facebook zu der Serie:

Masturbation, Fäkal(platte)witze, dumme Klischees (Schwarzer gelangt logischerweise per Schiffscontainer nach Deutschland, denn bekanntlich gelangen Afrikaner auf keinem anderen Weg nach Germany. Er entführt eine „FETTE deutsche Frau“, die er heiraten möchte „um deutschen Pass zu bekommen“. Als ihn sein deutscher Prenzlberg-Verschnitt-Kumpel darauf aufmerksam macht, dass man sowas nicht macht, erwidert er es sei „Tradition in Sierra Leone“ wo er herkommt.) und misslungene pseudo-gesellschaftskritische Schenkelklopfer gerade noch so über Stammtischniveau wie diese Szene: Der Afrikaner kommt zum Arbeitsamt und wird begrüsst mit „Wenn sie Schwarzarbeit suchen, sind sie hier falsch!“ (weil er ja SCHWARZ ist… haha… verstehste?) und das alles in den ersten fünf Minuten. Das soll die deutsche Antwort auf Family GuyThe Simpsons und South Park sein. Von intelligentem und subtilen Witz wie es in diesen Klassikern der Fall ist, keine Spur. Es geht dort zu wie in guter alter Hassknecht-Manier: wer am lautesten schreit ist der witzigste. Deutscher Humor eben.

Seth MacFarlane, Matt Groening, Trey Parker und Matt Stone würden sich im Grab drehen, wenn sie tot wären.

Dem kann ich mich anschließen. Und Ihr so?

Siehe auch: “Minderheitenquartett”: Muss man darüber lachen?Deutscher Humor: ohne Rassismus kein WitzDie Statistik von den traurigen WitzenRassismus ohne KonsequenzenKeine Angst: wir sprechen Deutsch!Alltagsrassismus: Alles nur Theater?Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht

17 thoughts on “Die „Anti-PC-Trickserie“: Deutsches Fleisch

  1. Das Problem mit den Deutschen ist, die haben kein Humor. Zumindest nichts was in Richtung „einfach mal lustig sein“ zu tun hat.

    Sozialkritik können die – allerdings nur ernsthafte, unfreiwillig komische. Die Serie ist da nur das jüngste Beispiel das alles andere zum scheitern verurteilt ist.

    Und wenn die Autoren sich als Fan von den Brüllaffen Mario Barth outen, wer hat da Niveau erwartet? Ganz ehrlich … man geht ja auch nicht zum Friseur und bestellt Brötchen.

  2. Das ist der Musikantenstadl-Effekt: Man sitzt da, mit offenem Mund, halb angewidert, halb fasziniert und fragt sich: Gibt’s die wirklich, passiert das echt?

  3. Ich muss sagen die Kritik an dieser „Anti-PC“ Serie ist berechtigt.
    Aber ich sehe definitiv nicht das sich Family Guy oder auch die Simpsons nicht ähnlicher Ressentiments bedienen! Ohne sie wirklich ad absurdum zu führen.

    Gerade von Seth McFarlane ist mir eher das Gegenteil aufgefallen.

  4. „Das Problem mit den Deutschen ist, die haben kein Humor.“

    …na das würde ich so nicht sagen. Max Goldt, Helge Schneider, Loriot und andere haben einen sehr feinen Blick auf die Deutschen Realitäten entwickelt. Aber sie gehen halt nicht auf Schwache los, sondern treffen genau in die Mitte. Diesen Unterschied sehe ich. Es gibt auch viele Comiczeichner, bei denen sich eine Umsetzung als Animation sicher lohnen würde.

    Ein „Herz und eine Seele“ – handwerklich großartig, von den Öffentlichen produziert, genau wie aktueller: Tatortreiniger oder Ijon Tichy(!).

    Das Problem der besprochenen Serie ist: sie ist ein reines Retortenprodukt. Von Werbern gut verkauft. Denn die Autoren sind Werbetexter. Kein Vergleich mit einem Matt Groening, der an seinem Humor lange vor den Simpsons gearbeitet hat.

    Diese Werber haben ihr Produkt mit dem Label „Anti-PC“ hervorragend verkauft. Gastauftritt von Sido, daraus resultierender Voting-Aufruf auf allen Hip-Hop-Plattformen… Win-Win, man klopft sich auf die Schulter, so funktioniert das heute. Nur das Produkt, die Serie, ist einfach schlecht. Hier haben sich Macher und Produzenten gegenseitig „Bullshit“ verkauft. Das steht fest.

    …und was soll dieser „Anti-PC-Hype“? Aus welcher Ecke das kommt ist klar und wer diesen Unsinn noch propagiert muss sich die Frage gefallen lassen, ob er in diese Ecke gehören will. „PC“ ist in Teilen eine abwertende Feindbeschreibung für ein humanistisches Weltbild. Das kann man gerne diskutieren aber ich glaube, da ist was dran…

  5. Also ich habe es gestern gesehen. Ich erkennen keinen Unterschied zu Southpark bei der Reproduktion von Klischees. Ressentiments würde ich es gar nicht nennen in dem Zusammenhang.

    Gerade in der letzten Folge werden doch auch viele deutsche Klischees genau so überzogen und pointiert dargestellt.

    In der Phase 2 Ausgabe 39 gab es einen Artikel über den „kritischen Gehalt von South Park“

    Vielleicht gibt es ja auch bald einen Artikel über den kritischen Charakter von deutsches Fleisch
    In der Beschreibung zur gestrigen Sendung steht:
    „Diese haben in ihrer Verzweiflung mittlerweile das Komitee Revolutionärer Ausländischer Schlagersänger (K.R.A.S.S.) gegründet, deren Revolution darin besteht, den Deutschen alles Deutsche zu nehmen.“

Comments are closed.