NS-Neuordnungsphantasien und die Ermordung der Juden

An dem präzedenzlosen Verbrechen des Holocaust waren ca. 500.000 Menschen als Täter direkt beteiligt. Aber deutlich mehr Menschen in verschiedenen Ländern wussten von dem Morden, viele tolerierten es stillschweigend und profitierten auf verschiedene Weise davon. Hilfe für die Juden oder gar Aufbegehren gegen die rassistische Politik der Verfolgung und Ermordung gab es weitaus seltener.

Von Andreas Strippel

Bereits unmittelbar nach dem Ende des Polen-Feldzugs verkündete Hitler im Reichstag am 6. Oktober 1939 eine ethnische Neuordnung der besetzten Gebiete, mit deren Durchführung Heinrich Himmler beauftragt wurde. Die so genannte Volkstumspolitik bildete die Matrix, auf der die Siedlungs-,  Vertreibungs-, und letztlich Mordpolitik konzipiert und durchgeführt wurden. In Hitlers „Erlass zur Festigung deutschen Volkstums“ vom 7. Oktober wurden Himmler und damit SS und Polizei nicht nur ermächtigt die „Gestaltung neuer deutscher Siedlungsgebiete durch Umsiedlung“ zu übernehmen, sondern auch mit der „Ausschaltung des schädigenden Einflusses von solch volksfremden Bevölkerungsteilen, die eine Gefahr für das Reich und die deutsche Volksgemeinschaft bedeuteten“ betraut.

Umsiedlung und Rassenpolitik

Ausstellung "Planung und Aufbau im Osten". Konrad Meyer mit NS-Größen (20.3.41)
Himmler und andere  NS-Größen in der Ausstellung „Planung und Aufbau im Osten“  am 20. März 1941 (Bundesarchiv, Bild 183-B01718 / CC-BY-SA)

Die Umsiedlung von Deutschen aus Osteuropa war ein Resultat des Hitler-Stalin-Paktes. In der sowjetischen Einflusssphäre lebten ca. eine halbe Million Deutsche, die im annektierten Westpolen angesiedelt werden sollten. Als die ersten Umsiedler im Oktober 1939 dort eintrafen, kam es zunächst zu wilden Vertreibungen von Polen, beziehungsweise polnischen Juden. In der Folge wurde daraus die systematische Vertreibung der einheimischen Bevölkerung durch den von der SS kontrollierten Umsiedlungsapparat. Jedoch scheiterte das Ziel die Deutschen Osteuropas direkt anzusiedeln, so dass die SS einen Lager-Kosmos errichtete, der ca. 1500 Lager im Reich und den besetzten Gebieten umfasste.

In diesen Lagern unterzog die SS die Menschen einer rassenpolitischen Selektion, um nur die sogenannten „rassisch Hochwertigen“ als Siedlerelite im Osten anzusiedeln. Das Personal in diesen Lagern bestand zum Teil bereits aus SS-Angehörigen, die später die Selektionen im Holocaust durchführten – der bekannteste Name ist Josef Mengele.

Das rassistische und antisemitische Weltbild der Nationalsozialisten beruhte vor allem auf der Konstruktion der Juden als Gegenrasse zum „Arier“, der Herrenrasse. Die Juden stellten dabei eben nicht nur einen vermeintlichen minderwertigen Konkurrenten dar, den es mit Gewalt und Mord zu verdrängen galt, sondern waren vielmehr Symbol aller Probleme der modernen Welt. Sich der Juden entledigen zu wollen war nicht nur Überlegenheitsfantasie, sondern der Wunsch die moderne Welt von ihren Widersprüchen und Problemen zu reinigen. Daher sieht der antisemitische Denker auch Juden überall dort, wo es Probleme gib oder zu geben scheint. Umstandslos werden so Kapitalismus, Liberalismus aber auch Marxismus als „jüdisch“ denunziert.

Antisemitismus ist damit nicht nur ein bloßes Vorurteil oder ein rassistisches Ordnungsmodel. Er fungiert als Welterklärungssystem, in dem die nationalsozialistische Weltanschauung den anzustrebenden Gegenentwurf stellt.

So verwundert es auch nicht, dass für die Täter antisemitische Praxis und Umsetzung von megalomanen Vorstellungen einer rassereinen Siedlungsgesellschaft zusammengehörten. Genau deswegen forderte das Reichssicherheitshauptamt von Himmler im Juni 1941 den Vertreibungskommandos im besetzen Polen eine Auszeichnung für „Volkspflege“ zu verleihen. Es schrieb:

„Muß doch die Befreiung des deutschen Volkskörpers von Juden und anderen lästigen Elementen als ein ebenso wichtiger Akt der deutschen Volkspflege angesehen werden, wie die Rückführung Volksdeutscher aus dem Auslande.“

Auch die Mörder der Einsatzgruppen legitimierten ihre Taten auf diese Weise. In einem Bericht der Einsatzgruppe D wird über die „bisherige Aufbauarbeit des Einsatzkommandos“ referiert. Unter Punkt 1) „Schutz der Volksdeutschen“ ist unter d) „Evakuierung von Juden und Kommunisten“ angeführt.

Die Tätersprache des Holocaust ist daher nicht bloß Tarnung, sondern auch ein Verweis auf die Entstehung des Verbrechens.

Polen als Experimentierfeld nationalsozialistischer Rassenpolitik

Krieg und Okkupation wirkten sich in erheblichem Maße radikalisierend und brutalisierend auf die antisemitische und rassistische Politik aus. Das besetzte Polen wurde von 1939 an zum Versuchslabor der NS-Rassenpolitik. Mit der Besatzung begann sowohl die gesetzlich-systematische als auch die willkürliche

Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)
Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)

Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung. Die antisemitischen Aktionen reichten von öffentlicher Erniedrigung über Zwangsarbeit, Plünderungen und anderen Gewalttaten bis hin zu Vergewaltigungen und Morden. Die Deutschen nahmen den Juden ihre bürgerlichen Rechte und schlossen sie aus dem Wirtschaftsleben aus. Sie unterlagen dem Arbeitszwang, ihre Betriebe wurden enteignet, deutsche „Treuhänder“ übernahmen die Leitung.

Neben SS und Zivilverwaltung war von Anfang an auch die Wehrmacht an der Verfolgung der Juden beteiligt. Sie führte die zwangsweise Kennzeichnung jüdischer Geschäfte ein und war teilweise für die Zwangsrekrutierung jüdischer Arbeitskräfte verantwortlich. Zentral für die Verfolgung aber waren die Kommandeure bzw. Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, die zusammen mit den Bataillonen der Ordnungspolizei die Besatzungspolitik gewaltsam durchsetzten.

Zivilverwaltung, Polizei und SS formalisierten vor allem die Rassenhierarchie, an deren Spitze die deutschen Besatzer standen, während die Juden das entgegengesetzte Ende der Skala bildeten. Letztlich war das Ziel

Die Zentrale der Einwandererzentralstelle in Łódź (1939)
Die Zentrale der Einwandererzentralstelle der Sicherheitspolizei und des SD in Łódź (1939) (Bundesarchiv, R 49 Bild-0107 / CC-BY-SA)

alle so genannten „rassisch Unerwünschten“ aus den annektierten Gebieten zu entfernen. Die dafür nötigen Umsiedlungen führten auch zu umfangreichen Planungen innerhalb der SS. Eingebettet in Repressionen, wie die Erschießung der polnischen Intelligenz, war es Ziel der Germanisierung, die Strukturen des polnischen Staates bzw. der polnischen Gesellschaft zu zerstören. Das Amt III B im RSHA legte im November 1939 einen „Fernplan“ vor, der eine volkstumspolitische Neuordnung der Ostgebiete vorsah. Dieser Plan beschäftigte sich sowohl mit der Ansiedlung von Deutschen als auch mit der Deportation, Umsiedlung und Tötung von unerwünschten Menschen, wozu neben Juden und Polen auch Behinderte zählten. Die Verantwortung dafür lag sowohl bei Himmlers Umsiedlungsapparat als auch bei Adolf Eichmann im Reichssicherheitshauptamt. Die Vertreibung der Polen in das Generalgouvernement scheiterte in seiner Gesamtplanung an wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Jedoch wurden nach einer Statistik des Reichssicherheitshauptamtes bis zum Juni 1941 336.346 Polen und 72.179 Juden für die Ansiedlung von Deutschen aus dem annektierten Westpolen vertrieben.

Mit der Besatzung begann auch der Prozess der Ghettoisierung der Juden sowie ihire inhaftierung und Verschleppung in Arbeits- und Konzentrationslager. Die von den Besatzern erst herbeigeführten schlechten Lebensverhältnisse und die notorische Unterernährung führten dann zu Überlegungen, wie man dieses „Problem“, das man selbst geschaffen hatte, lösen könne. Der Leiter der Umwandererzentralstelle Posen, einer SS-Dienststelle, die für die Deportationen von Juden und Polen zuständig war, schrieb in einem Aktenvermerk für Adolf Eichmann:

„Es besteht in diesem Winter die Gefahr, dass die Juden nicht mehr sämtlich ernährt werden können. Es ist ernsthaft zu erwägen, ob es nicht die humanste Lösung ist, die Juden, soweit sie nicht arbeitseinsatzfähig sind, durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen. Auf jeden Fall wäre dies angenehmer, als sie verhungern zu lassen.“

Terror und Mord, Ghettoisierung und Zwangsarbeit einhergehend mit einer ständigen Unterversorgung der jüdischen Bevölkerung führten dazu, dass bereits vor dem deutschen Angriff der Sowjetunion ein „unsystematischer Massenmord“, so der Historiker Dieter Pohl, im Gange war.

Am Vorabend des Überfalls auf die Sowjetunion begannen in Himmlers Umsieldungsimperium die Planungen für die Besiedlung des neu zu erobernden Lebensraums. Die Planungskomplexe, die unter dem Begriff Generalplan Ost zusammengefasst werden, zeichnen sich dadurch aus, dass die Juden der Sowjetunion schon gar nicht mehr vor kamen. Ihre Ermordung war so zusagend die Geschäftsgrundlage der bevölkerungspolitischen Vorstellungen der SS.

Beginn der systematischen Morde

Mit dem Angriff auf die Sowjetunion begann die systematische Ermordung der europäischen Juden. Sie fand an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Mitteln statt. In dem seit 1939 sowjetisch besetzten Teil

Der Höhere SS und Polizeiführer Friedrich Jeckeln meldet Mordzahlen nach Berlin (29. August 1941)
Zeugnis der Mordtaten. Der Höhere SS und Polizeiführer Friedrich Jeckeln meldet Mordzahlen nach Berlin (29. August 1941)

Polens, im Baltikum und der Sowjetunion zogen mit der Wehrmacht die Einsatzgruppen ein, diesmal mit einem noch sehr viel weitergehenden Auftrag als 1939: Sie sollten die Juden im sowjetischen Machtbereich töten. Wenn die Einsatzgruppen im Schatten der Wehrmacht weiter nach Osten zogen, übernahmen lokale SS- und Polizeieinheiten die Aufgabe des Judenmords. Insgesamt ermordeten Einsatzgruppen und Polizeibataillone mehr als zwei Millionen Menschen.

In Westpolen, dem sogenannten Warthegau, begannen im Spätsommer 1941 ebenfalls Massenerschießungen. Ende 1941 richteten die Deutschen das Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) ein. Dort gingen Besatzer daran, Juden aber auch in Sinti und Roma mit Hilfe von Gaswagen zu ermorden. Diese Tötungstechnik war zuvor bei der Ermordung geistig Behinderter in Deutschland erprobt worden. Zur Durchführung zog man daher auch Mitarbeiter der so genannten T4-Aktion heran, die die Ermordung geistig Behinderter organisiert hatten.

Das Morden war bereits im vollen Gange als sich Vertreter der deutschen Bürokratie im Januar 1942 zur Wannsee Konferenz trafen. Auf dieser Konferenz wurde die Ermordung der europäischen Juden organisiert.

Massenhafte Ermordung durch Giftgas

Mit der so genannten „Aktion Reinhardt“ begann im Frühjahr 1942 die erste konzertierte massenhafte Ermordung durch Giftgas. In den Vernichtungslagern Bełżec und Sobibór im Distrikt Lublin sowie im Lager Treblinka im Distrikt Warschau ermordet die SS vom März 1942 bis zum Spätsommer 1943 ca. zwei Millionen Juden sowie rund 50.000 Roma. In diesem Mordprozess, der auch einige Massenerschießungen umfasst, gab es praktisch keine Selektion arbeitsfähiger Menschen. Dem entsprechend gab sehr wenig Überlebende. Sobibór überlebten 47 Menschen, aus Bełżec sind nur drei Überlebende bekannt. Treblinka überlebten etwas mehr als 60 Menschen.

EInfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz 1945
EInfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz 1945 (Foto: Stanislaw Mucha, Deutsches Bundesarchiv, Commons:Bundesarchiv).

In Auschwitz begann der industrielle Massenmord bereits Ende 1941 mit der Vergasung von sowjetischen Kriegsgefangenen. Mitte 1942, mit der Errichtung und Inbetriebnahme des Lagerteils Auschwitz II Birkenau mit zunächst zwei, später vier eigens gebauten Gaskammern, wurde Auschwitz-Birkenau zu einem Zentrum des Holocausts. Von Ende 1943 an war Auschwitz-Birkenau das einzig verbliebene Vernichtungslager. Im Gegensatz zu den Tötungsstätten der Aktion Rheinhardt war Auschwitz kein reines Vernichtungslager. Zum Komplex Auschwitz gehören ca. 40 Außenlager, in den die Häftlinge arbeiten mussten.

Auch in Auschwitz wurden Sinti und Roma ermordet. Die ersten Deportationen nach Auschwitz fanden im September 1942 statt. Im Dezember 1942 begann auf Anordnung Himmlers die Errichtung des sogenannten Zigeunerlagers in Auschwitz. Von den ca. 22.600 Insassen des Familienlagers starben mindestens 19.300, mehr als Zweidrittel davon an den menschenunwürdigen Zuständen des Lagers.

Widerstand im Lager

Trotz der barbarischen Umstände gab es in den Lagern immer wieder Versuche von Sabotage und Widerstand. In Treblinka konnten nach einem von langer Hand geplanten Aufstand am 2. August 1943 nach heftigen Kämpfen ca. 250 Häftlinge fliehen, von denen allerdings nur wenige letztlich entkamen. Am 14. Oktober 1943 erhoben sich in Sobibór ungefähr 600 Häftlinge gegen ihre Mörder. Die SS verfolgte die Geflohen, von denen nur Wenige überlebten. Aber ohne die Aufstände hätte es vermutlich gar keine Überlebenden dieser Lager gegeben. Denn die Konsequenz der Aufstände in Treblinka und in Sobibór war, dass die Lager bald darauf geschlossen wurden. Die SS zerstörte sie und versuchte die Spuren ihrer Taten zu verwischen.

Im Oktober 1944 lehnten sich Teile der Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau auf und sprengten dabei Krematorium Nr.4. Die Geflüchteten wurden allerdings fast vollständig aufgespürt und ermordet. Die Insassen des Zigeunerlagers in Auschwitz leisteten ebenfalls Widerstand.

Der Massenmord, den die Deutschen verübten, fand maßgeblich auf polnischem Territorium statt – fast zwei Drittel der europäischen Juden fielen ihm zum Opfer. Historiker gehen heute von zwischen 5,5 und 6 Millionen Menschen Ermordeten aus. Die größte Opfergruppe waren die polnischen Juden. Von den ca. 3,4 Millionen Juden, die im Vorkriegspolen gelebt hatten, wurden ca. 2,7 Millionen ermordet. 2,1 Millionen ermordeten Juden stammten aus der damaligen Sowjetunion. Damit hatten die Deutschen die osteuropäische jüdische Kultur weitgehend zerstört. Das Morden endete erst als die Rote Armee und die Westalliierten die Deutschen Pläne von der Neuordnung Europas stoppten.

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