Buchvorstellung bei der NPD im Plattenbauviertel

Vor den Kommunal, Europa- und Landtagswahlen in Thüringen will sich die NPD in Erfurt mit einem Bürgerbüro als „Kümmerer“ profilieren. Zur Eröffnung in einem Plattenbauviertel der Landeshauptstadt erwartet sie hohen Besuch: der frisch gewählte NPD-Spitzenkandidat für die Europawahl, Udo Voigt, will sein Buch vorstellen.

Von Kai Budler

Lange Zeit konnten Erfurts Einwohner ohne ein Bürgerbüro der NPD auskommen. Die letzte Einrichtung dieser Art war 2007 vom Vorsitzenden der NPD Erfurt, Kai-Uwe Trinkaus, angemietet worden, der zeitweise auch als V-Mann für den Verfassungsschutz in Thüringen gearbeitet hatte. Doch im Vorfeld der Wahlen im laufenden Jahr will die NPD im Südosten der Landeshauptstadt offenbar verstärkt auf die soziale Frage setzen. Ähnlich wie in anderen Bundesländern wollen sich die Neonazis als freundliche Helfer auf Stimmenfang begeben und Hilfe zur Daseinsbewältigung anbieten. Der Standort für das angekündigte Bürgerbüro ist indes kein neuer Anlaufpunkt der Szene in Erfurt.

Neuer Neonazitreffpunkt im Erfurter Plattenbauviertel

Enrico Biczysko im September 2013 in Weimar, Foto: Kai Budler.
Enrico Biczysko im September 2013 in Weimar, Foto: Kai Budler.

Seitdem die Pächterin Gabi V. Die „Kammwegklause“ in dem Plattenbaugebiet übernommen hat, hat sich die Gaststätte als fester Veranstaltungsort für Neonazis etabliert. Die Wirtin hat einschlägige Erfahrungen, sie hatte schon vorher in einer Kneipe gearbeitet, die von der rechten Szene genutzt wurde. Die wegen Volksverhetzung verurteilte Gabi V. kennt ihr Klientel, sie entstammt den extrem rechten „Freien Kräften Erfurt“, die in der NPD und der inzwischen aufgelösten Gruppierung „Pro Erfurt“ aufgegangen sind. Nun strömen regelmäßig mehr als 50 Neonazis zu Konzerten und Partys in die „Kammwegklause“. Zum Jahreswechsel gab es bereits ein extrem rechtes Musik-Event mit verschiedenen einschlägigen Musikern. Wenige Tage später fand in der Gaststätte der „Neujahrsempfang“ des Thüringer NPD-Landesverbandes statt. Insgesamt wird das mobilisierbare Potenzial der Szene in Erfurt auf 200 Personen geschätzt, die angekündigte Einrichtung eines „Bürgerbüros“ könnte zu einer Verfestigung der extrem rechten Strukturen führen. Einer von ihnen ist der langjährig aktive Neonazi Enrico Biczysko, der auch das Silvester-Konzert beworben hatte. Unter derselben Adresse wie die Kammwegklause betreibt er nach eigenen Angaben ein Ladengeschäft und den Versand „Patriot“ für Neonazi-Bekleidung. Auf der Wand neben dem Hintereingang zum Gebäude prangt der Schriftzug des Labels vor einem Zahnkranz, das schon die „Deutsche Arbeitsfront“ als größte Organisation im NS-Staat auf ihrem Zeichen genutzt hatte. Seit 2006 tritt der Neonazi mit Wurzeln in der rechten Hooliganszene in der Öffentlichkeit auf. Unter anderem griff er mit anderen Hooligans alternativ aussehende Personen an, bei dem Angriff wurden mehrere Menschen teils schwer verletzt. Später gehörte Biczysko zum rechten Verein „Pro Erfurt e.V.“ und gibt sich nun als angeblich seriöser „kommunaler Volksvertreter für die NPD in Erfurt“ aus. Dem Neonazi, der sich im Internet inzwischen im Anzug präsentiert, wird die Eröffnung des „Bürgerbüros“ zugutekommen, denn der zu erwartende Zustrom wird sich auch auf die Kasse seines „Ladengeschäfts“ positiv auswirken.

Udo Voigt als Eröffnungsgast im „Bürgerbüro“

Holger Apfel und Udo Voigt am 1. Mai 2013 in Berlin, Foto: Publikative.org
Holger Apfel und Udo Voigt am 1. Mai 2013 in Berlin, Foto: Publikative.org

Dies gilt auch für die am 25.1.2014 angekündigte Buchvorstellung mit dem ehemaligen NPD-Parteichef Udo Voigt in der „Kammwegklause“. Seit Ende des vergangenen Jahres tourt der 61-jährige mit seinem Buch „Der Deutschen Zwietracht mitten ins Herz“ durch Deutschland, erschienen ist das 400-seitige Machwerk im „Nordland Verlag“ des langjährigen Neonazis und NPD-Funktionärs Thorsten Heise. 2011 unterlag Voigt bei der Wahl des Bundesvorsitzenden seinem Konkurrenten Holger Apfel, nun zieht es ihn zurück auf Spitzenplätze in der NPD. Seine Chancen stehen gut, denn mit Apfels Rücktritt und dem neuen Bundeschef Udo Pastörs steht in der NPD eine Abkehr vom Image der „Kümmererpartei“ und Apfels Strategie der „seriösen Radikalität“ an. Der wegen Verleumdung von NS-Opfern und Volksverhetzung vorbestrafte Pastörs steht für eine Politiklinie der harten Hand und hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Trotz interner Streitigkeiten aus den vergangenen Jahren dürfte Pastörs Kurs für Voigt passender sein als der des gerade abgetretenen Parteichefs und so wird aus seiner Lesereise auch eine PR-Tour in eigener Sache. Beim Bundesparteitag der NPD machte Voigt erst am Samstag, d. 18. Januar, als frisch gewählter NPD-Spitzenkandidat für die Europawahl von sich Reden. Dass der ehemalige Vorsitzende auch in Erfurt Halt macht, überrascht wenig. Aus seiner Zeit an der Spitze der Partei kennt er seit Jahren den Wahlthüringer Frank Schwerdt, den stellvertretenden Parteivorsitzende im Bundesvorstand und NPD-Vertreter im Erfurter Stadtrat. Ob Voigt aber die „Kammwegklause“ mit ihrem Charme der späten DDR passend für sein Comeback hält, bleibt wohl das Geheimnis des Diplom-Politologen.

2 thoughts on “Buchvorstellung bei der NPD im Plattenbauviertel

  1. Falls es wen interessiert:
    am Samstag, den 25.01. wird es im Anschluss an eine Anti-Abschiebungskundgebung (am HBF) eine angemeldete Demonstration gegen die Kammwegklause in Erfurt geben.

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