AfD: Mit Geschichtsrevisionismus ins EU-Parlament?

Am Wochenende will die AfD ihre Kandidaten für die Europawahl bestimmen. Auf der Bewerberliste findet sich auch Menno Aden. Der Rechtswissenschaftler ist Vorsitzender der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft (SWG) – und behauptete, die Wehrmacht habe einen Beitrag geleistet, um kolonisierte Völker von fremder Herrschaft zu befreien. Auch zur Zahl der Holocaust-Opfer verbreitete das AfD-Mitglied steile Thesen.  

Von Felix Krebs

Das Logo der neuen Partei
Das Logo der neuen Partei

Am 25. Januar will die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland ihren Wahlparteitag in Aschaffenburg abhalten und dort ihre Kandidaten für die Wahl zum Europäischen Parlament bestimmen. Zur Wahl steht mit Prof. Menno Aden auch der Vorsitzende der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft e.V. (SWG), der seit Jahren ein revisionistisches Geschichtsbild propagiert. Auf der SWG-eigenen Homepage erklärt er, dass er schon 2013 der „Alternative für Deutschland“ beigetreten sei und aktuell „auf den 4. Platz der Empfehlungsliste für die Kandidatenaufstellung für das Europaparlament auf der Bundesdelegiertenversammlung in Aschaffenburg“ gesetzt worden sei.

Der 1942 geboborene Rechtswissenschaftler Menno Aden wirbt gerne damit, dass er Präsident des Oberkirchenrates in Schwerin war, in der Bewerbung bei der AfD heißt es, er sei „Chef von 6000 Mitarbeitern“. Allerdings wurde gegen Aden bereits in den 1990er Jahre ein Verfahren wegen „nicht gedeihlichen Wirkens“ eingeleitet und aufgrund von Problemen bei der Zusammenarbeit mit allen Leitungsorganen der Landeskirche hat Aden seine Dienste dort seit 1996 nicht mehr wahrgenommen.

Erst 2009 hatte der Kirchenmann in einem Aufsatz Adolf Hitler als einen „Verkünder des Evangeliums vom Recht aller Nationen“ bezeichnet. Auf den Seiten der SWG veröffentlichte er zahlreiche bemerkenswerte Texte.

In einem Aufsatz aus dem Jahr 2008 über den NS-Justizminister Franz Schlegelberger verteidigte Aden diesen. Dabei wurde Schlegelberger als ranghöchster Angeklagter im Nürnberger Juristenprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Der SWG-Vorsitzende behauptet in dieser Verteidigungsschrift gar, „dass es im Dritten Reich kein Gesetz gab, welches vom Wortlaut her im Sinne des damaligen Verfassungs- oder humanitären Völkerrechts rechtswidrig war“.

„Strafbar geringe Zahl“ von Holocaust-Opfern

Zum Auschwitz-Gedenktag 2011 veröffentlichte Aden dann in seiner regelmäßigen Kolumne „In diesen Tagen“  auf der SWG-eigenen Homepage, in der er die Zahl der sechs Millionen ermordeten Juden indirekt anzweifelte. „Seriöse Historiker nennen heute ganz andere Zahlen, man traut sich nur nicht, sie entgegenzuhalten … denn sie sind geradezu strafbar gering“, schwadronierte Aden hier ganz im NPD-Jargon.

Wenige Monate später schrieb Aden auf den SWG-Seiten: „[…] kein Deutscher wird sich zu sagen oder auch nur zu erwägen trauen, was eigentlich jeder, auch fast jeder Russe denkt: Der deutsche Angriff war Notwehr, ein Präventivschlag gegen die angriffsbereite UdSSR!“ Die AfD-Parole „Mut zur Wahrheit“ könnte für Aden offenkundig nicht passender sein.

Leserbrief von AfD-Kandidat M. Aden
Leserbrief von AfD-Kandidat M. Aden

Ebenfalls 2011 veröffentlichte er auf den Seiten der SWG einen Leserbrief an die FAZ, der nicht gedruckt worden sei. Darin heißt es:

„Wenn wir Deutschen aus politischer  Korrektheit uns nicht zu sagen trauen, dass deutsche Soldaten für Volk und Vaterland kämpften und starben, dann dürfen wir Deutschen wenigstens daran erinnern, dass der Einsatz unserer Landsleute die Freiheit der kolonisierten Völker von britischer und französischer Herrschaft einleitete.“ 

Und erst im November 2013  schilderte er dann in einen apologetischen Beitrag den so genannten  „Marsch auf die Feldherrnhalle“, den Hitler 1923 anführte. Hitlers Kameraden, so seine Behauptung, seien unbewaffnet gewesen, die Niederschlagung des Putsches, so mutmaßt Aden, könnte rechtswidrig gewesen sein. Der Beitrag endete mit einem Zitat aus der englischen Ausgabe von „Mein Kampf“, welches der Herr Professor unkommentiert so stehen lässt. „Der Hitler-Putsch war der berechtigte Versuch, die bedrohte Reichseinheit zu retten.“

Hitler Putsch (8.-9.11.1923). - Stoßtrupp Hitlers verhaftet sozialistische Stadträte
Hitler Putsch (8.-9.11.1923). – Stoßtrupp Hitlers verhaftet sozialistische Stadträte

Das revisionistische Geschichtsbild spiegelt sich auch verklausuliert in Adens Vorstellung auf der Kandidatenseite der AfD wider. „Aus Feigheit und falsch angebrachter historischer Demut lassen wir uns zu oft ‚die Butter vom Brot’ nehmen und ducken weg“, bemängelt er.

Adens „Bildungsgesellschaft“ SWG wurde 1962 von ehemaligen Aktivisten des Dritten Reiches gegründet und hat regelmäßig Veranstaltungen für ein Spektrum vom rechten Rand der CDU bis hin zum Neofaschismus organisiert. Im Laufe der Vereinsgeschichte referierten und engagierten sich hier ehemalige Angehörige von NSDAP, SA und SS, Vertriebenenpolitiker, Vordenker der „Neuen Rechten“ und Personen die von den Inlandsgeheimdiensten als rechtsextremistisch eingeordnet werden, aber auch Funktionäre und Mitglieder aus den Unionsparteien und dem konservativen Establishment. Thematische Schwerpunkte sind u. a. die Leugnung der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg, die „Ehrenrettung“ von Wehrmacht und Waffen-SS, die Rückgewinnung der ehemaligen deutschen Ostgebiete und die Relativierung der NS-Verbrechen.

„Scharnier zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus“

Der Hamburger Rechtsextremismus-Experte Prof. Wolfgang Gessenharter spricht von der SWG als einem „wichtigen Scharnier zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus“. An der Verflechtung mit neofaschistischen Kreisen  hat sich bis heute offenbar wenig geändert. So sollte im März 2011 die NPD-Anwältin Gisa Pahl bei der SWG referieren, nach antifaschistischen Protesten wurde die Veranstaltung allerdings geändert. Ebenfalls 2011 nahm ein damaliger NPD-Bürgerschaftskandidat an einer SWG-Veranstaltung teil und ließ sich mit einem  SWG-Funktionär ablichten. Die SWG ist einer der wenigen Orte, wo sich Konservative, Neue Rechte und Neofaschisten in Hamburg weitgehend ungestört treffen können – denn der Verfassungsschutz schweigt seit Jahren zu dem Treiben.

Mal wieder von nichts gewusst?

Hat die AfD mal wieder von allem nichts gewusst? Dies wird die rechtspopulistische Partei jetzt sicherlich geltend machen. Eine Schutzbehauptung, wie angesichts des bisherigen Verhältnisses zur SWG deutlich wird. Schon im August 2013 wurde in diesem Blog auf die Nähe der Hamburger Eurokritiker zur SWG hingewiesen. Viele von Adens Aufsätzen und Leserbriefe sind zudem bis heute öffentlich.

Die AfD-Essen freut sich über den Bewerber Aden. (Screenshot)
Die AfD-Essen freut sich über den Bewerber Aden. (Screenshot)

Außerdem sollte ebenfalls im August 2013 auch der Hamburger AfD-Kandidat Kay Gottschalck bei der SWG zum Thema „Was ist die Alternative für Deutschland?“ referieren. Auf Nachfrage eines Journalisten leugnete Landesvorstandsmitglied Gottschalck erst die beabsichtigte Teilnahme, auf Vorhaltung der Einladung berief er sich auf Unwissenheit bezüglich der SWG und sagte dann doch lieber ab –  schließlich war gerade Bundestagswahlkampf.

Siehe auch: AfD: Mut zum EinzelfallAfD-Gemischtwarenladen: Mut zum Chaos, AfD: Betrugsvorwürfe und “entartete Demokratie”, Mitten in der AfDAfD – Die makellosen DeutschenNeonazi-Problem bei der Göttinger AfD?AfD: Zwischen Gründung und Selbstzerfleischung AfD: Alternativelose Alternative, AfD: Ideologie der Anti-Ideologen

25 thoughts on “AfD: Mit Geschichtsrevisionismus ins EU-Parlament?

  1. Da dreht sich einem ja der Magen um: Sich den Anliegen „radikalerer Wähler der NPD“ widmen? Geht’s noch? So möchten Sie also diese Wähler „aus der Isolation“ holen und „gesamtgesellschaftlich“ integrieren.

    Einen größeren Stuss habe ich ja noch nie gehört von jemanden, der zwanghaft sich um Kopf und Kragen redet, warum er kein Revisionist und Fremdenfeind ist – oder die eigene Partei kein Sammelbecken für genannte darstelle.

    Und was hat Verantwortung mit Opferzahlen zu tun? Wird so die Verantwortung kleiner oder größer?
    Schönen etwa böse Briten die Opferzahlen unschuldiger Deutscher…verdächtig, allerdings…das riecht ja nach Verschwörung, was? ;)(Vorsicht – Ironie)

    Herrlich finde ich es dagegen, dass solche Kommentare hier zu lesen sind. So kann sich jeder von Geisteshaltung und Geisteszustand durchschnittlicher(?!?) AfD’ler ein Bild machen.

    Integration – ach was: Inklusion von rechten Doofköppen?
    Herrlich!
    „Gesamtgesellschaftlich“ nicht zu vergessen…

  2. @ Na also
    und täglich grüßt das Distanzierungstier …
    http://mittelfranken.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++eab182e0-850e-11e3-adc9-525400438ccf
    Wenn es so schwierig ist alle „Geschichtsverdreher“ rauszuschmeißen würde ich eben selbst austreten …
    Ihre Partei will nichts anderes als, das was in Ungarn momentan die politische Mehrheit praktiziert.
    Unterstützt übrigens auch von der CSU sowie anderen.
    Wenn das eine bittere Wahrheit ist und sie es jetzt erst erkennen,
    dann ziehen sie die Konsequenzen.
    Wenn sie dies gut finden tun sie sich und uns allen den gefallen und lassen einfach diese blöden Ausreden.
    Ach ja und wenn es gut läuft sind die irgendwann nicht mehr nötig.
    Einfach Orban fragen.
    http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/1385283/Agitation-gegen-die-Urbanen?from=suche.intern.portal
    Oder im pesterlloyd mal nachlesen was das dann alles für Blüten treiben wird. Sie sind momentan dabei so etwas zu unterstützen.
    Es ist Zeit sich das ein zu gestehen …

  3. Moin, die Debatte über Opferzahlen im 2. Weltkrieg wird hier nicht weiter geführt. Danke!

  4. Gut das Ihr wachsam seit.

    Aber geht davon aus, daß bei über 15.000 Mitgliedern genügend da sind, die genauso wachsam sind. Im Ruhrgebiet gibt es noch versprengte Gestrige.

    Aber sowohl im Landesverband (alle rausgeworfen) als auch im Bund bekommt keiner ! einen Listenplatz oder ähnliches.

    Bewerben darf sich jeder (und fühlt sich dann auch gleich ganz wichtig). Gewählt werden nur die klaren Köpfe. Menno Aden hat es nicht unter die 28 Kandidaten geschafft. Solche Gesellen müssen wir aushalten und halten sie auch aus. Nach einer gewissen Zeit wenn Ihnen keiner zuhört, gehen die von selber.

    Es gibt also keinen Grund den Untergang des Abendlandes zu prognostizieren.

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