„Trauermarsch“ in Magdeburg: Same procedure as every year?

Neben Dresden findet am 18. Januar der größte Neonazistische „Trauermarsch“ Deutschlands statt. In diesem Jahr erwartet die Polizei mit 900 Neonazis wieder steigende Teilnehmerzahlen. Doch auch der Widerstand gegen die Nazidemonstration am 18. Januar 2014 wächst weiter.

Von Danny Frank, Hardy Krüger & Lea Paulowitsch, zuerst veröffentlicht beim Störungsmelder

Im letzten Jahr reisten rund 800 Neonazis nach MD, Foto: Publikative.org
Im letzten Jahr reisten rund 800 Neonazis nach MD, Foto: Publikative.org

Es ist das typische Mobilisierungsthema des neonazistischen Milieus seit Ende der 1990er Jahre: das vermeintliche „Verbrechen“ der Alliierten am deutschen Volk. Nach der Schaffung des Holocaust-Gedenktages im Jahr 1996, Nahum Goldmanns „Tätervolk“-Buch, Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ und der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ sehen sich Neonazis im Zugzwang und versuchen durch Gegenkampagnen im Gespräch zu bleiben. Zunächst ging es vor allem gegen die Wehrmachtsausstellung, dann – auch durch die gesellschaftliche Debatte um Jörg Friedrichs „Feuersturm“ – um die Bombenangriffe der Alliierten auf deutsche Städte während des zweiten Weltkrieges. Die Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) spricht in diesem Zusammenhang gern vom „Bombenholocaust“ und setzt ihre Funktionäre an die Spitze der Bewegung.

Erst in Dresden (Sachsen), dann aber auch in Dessau (Sachsen-Anhalt), Cottbus (Brandenburg) und eben insbesondere auch in der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt Magdeburg finden seither größere „Gedenkmärsche“ statt, deren Intention die Relativierung der Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes ist. In Magdeburg hat sich hierfür eigens eine so genannte Initiative gegen das Vergessen gegründet, die inzwischen eng mit der NPD und ihrer Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) verwoben ist. Am deutlichsten wird dies am Beispiel des Mitinitiators der Initiative, Andy Knape.

Andy Knape 2012 beim "Trauermarsch" in Bad Nenndorf, Foto: Publikative.org
Andy Knape 2012 beim „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf, Foto: Publikative.org

Andy Knape


Andy Knape, Jahrgang 1986, kommt ursprünglich aus dem Magdeburger Kameradschaftsspektrum und ist spätestens seit Mitte der 2000er Jahre auch im rechtsextremen Parteimilieu aktiv. Seit 2008 ist er Landesvorsitzender der JN in Sachsen-Anhalt, seit 2011 Beisitzer im Bundesvorstand der NPD und seit 2012 Bundesvorsitzender der JN. Knape gibt sich gern dynamisch, jung, redegewandt und bürgernah. Erst im Juni letzten Jahres zeigte sich der Neonazi solidarisch im Hochwasser-Einsatz an der Elbe: Sandsäcke stapeln für die „Festungsstadt Magdeburg“ lautete ihre Devise. Via Facebook und Twitter feierten sich die Nazis und propagierten eine “nationale Solidarität”: „Rechte Kerle packen an – JN im Hochwassereinsatz“ und „Wir reden nicht, wir packen an“, hieß es da. Worum es Knape und seinen JN-Jünglingen eigentlich ging, liest sich dann so: „Wo bleibt die Spendenfreudigkeit der fremden Länder für ein von Naturkatastrophe gebeuteltes Land?“. Des Weiteren führte Knape jahrelang die JN-Ortsgruppe, kandidierte für die Stadtverordnetenversammlung, schwingt gerne Reden bei öffentlichen Veranstaltungen und läuft seit Jahren auch als Kopf des „Gedenkmarsches“ Anfang Januar mit.

The same procedure as every year? – Not at all!

In diesem Jahr soll der braune Aufmarsch verhindert werden, Foto: Publikative.org
In diesem Jahr soll der braune Aufmarsch verhindert werden, Foto: Publikative.org

Im Januar jährt sich die Bombardierung Magedburgs zum 69. Mal. Die Stadt tut sich schwer im Umgang mit dem neonazistischen „Gedenken“: Der extrem rechte „Gedenkmarsch“ wurde jahrelang ignoriert, bis er nicht mehr zu ignorieren war. Seit 1998 veranstaltet man nun parallel eine „Meile der Demokratie“, bei der Vereine und Initiativen gern ein weltoffenes Magdeburg präsentieren. Initiativen wie „Magdeburg Nazifrei“ bezweifeln jedoch die alleinige Wirksamkeit dieser Aktion und sehen eher im zivilen Ungehorsam, mittels Massenblockaden wie in Dresden, ein effektiveres Vorgehen gegen Neonazis. Und das Beispiel Dresden, wo lange Zeit Europas größter Neonaziaufmarsch stattfand, gibt ihnen recht: Seit 2010 gelang es mehreren tausend Gegendemonstranten, Neonazis nicht durch Dresdens Straßen ziehen zu lassen. Ähnliche Beispiele sind auch aus Berlin und Brandenburg zu vernehmen.

„Magdeburg Nazifrei“


Im Jahr 2012 hat sich das Bündnis „Magdeburg Nazifrei“ gegründet. Ziel war und ist es, Bündnisse, Einzelpersonen und Initiativen mit in die Mobilisierung zu Massenblockaden von Menschenblockaden einzubinden. „Magdeburg Nazifrei“ will auch in diesem Jahr an diesem (Teil)-erfolg von 2012 anknüpfen. Anders als im letzten Jahr hat sich das bürgerliche Blockadebündnis dazu entschlossen, aktiver an der Verhinderung des Aufmarsches mitzuwirken. Mit einer Protestmeile in der Innenstadt, weiteren Anmeldungen von Kundgebungen an S-Bahnhöfen und anderen Orten werden diesjährig mehr Anlaufpunkte für mögliche Blockaden geschaffen und somit der Erfolg auf eine Verhinderung des Aufmarsches erhöht. Das Bündnis betont dabei: „Wir leisten zivilen Ungehorsam gegen den Naziaufmarsch. Unsere Massenblockaden sind Menschenblockaden. Von uns geht dabei keine Eskalation aus.“

Nie mehr ungestört „gedenken“!


Unter dem Motto „Staat und Nazis – Hand in Hand! Or­ga­ni­siert den Wi­der­stand!“ wird es wie bereits im Vorjahr am Vorabend, dem 17. Januar 2014, eine antifaschistische Demonstration geben. Sie will eigene Akzente setzen und Stellung zu Polizeimaßnahmen gegen Antifa-Mitglieder beziehen. Start ist um 18:00 Uhr am Hauptbahnhof in Magdeburg.

Am 18. Januar 2014 selbst werden bisher folgende Termine beworben (nach Uhrzeit sortiert):

10:00 – 15:00 Uhr: „Alternative Formen des Umgangs mit Gewalt: Kampfkünste stellen sich vor“ in der Judohalle des Fermersleber Sportvereins am Platz der Freundschaft

10:00 – 18:00 Uhr: Ausstellung „Hass vernichtet“ in der Otto-von-Guericke-Universität

11:00 – 13:00 Uhr: Straßenbahnsonderfahrt mit dem Historiker Gert Sommerfeldt an der Haltestelle Fermersleber Weg

12:00 Uhr: Auftaktkundgebung der auf dem Willy-Brandt-Platz

12:00 – 18:00 Uhr: „6. Meile der Demokratie“ auf dem Breiten Weg mit rund  160 Vereinen, Bands und Kultureinrichtungen

14:00 – 15:00 Uhr: Gedenkzeit für die Opfer rechter Gewalt in der St. Sebastian Kathedralkirche

16:30 – 18:00 Uhr: Laternenumzug gegen Intoleranz und nationalsozialistisches Gedankengut ab Breiter Weg/Ecke Danzstraße

20:00 Uhr – 24:00 Uhr: Konzert „Bunt statt Braun: Den Nazis entgegentreten“ im Veranstaltungszentrum Factory in der Karl-Schmidt-Straße

Die rechtsextreme „Initiative gegen das Vergessen“ bewirbt bislang ihren Anlaufpunkt zu 12:00 Uhr am Bahnhof Magdeburg-Neustadt.

19 thoughts on “„Trauermarsch“ in Magdeburg: Same procedure as every year?

  1. Das Magdeburg NICHT mit weißen Fahnen behängt war, lässt sich genau so wenig leugnen. Oder wurde es nicht bis zum lätzten Kind Heimatfront aufgebaut?

  2. @Wessi:

    In Pforzheim findet seit Jahren ein erfolgreiches nazistisches Rumgeopfere am Tag der Bombardierung statt…

  3. @anonymo Vereinfacht gesagt: Krieg ist Krieg und immer eine widerwärtige, menschenverachtende, ganz große Scheiße. Ich glaube nicht dass sich damals irgend eine Nation mit großem Ruhm becklert hat – klar ist aber dass es ohne die NSDAP und ihr Regime niemals soweit gekommen wäre. Natürlich haben viele deutsche Staatsangehörige deswegen nicht weniger gelitten und ich halte es per se für richtig auch ihnen zu gedenken. Es aber auf eine so vereinfachende, einseitige und populistische Weise zu machen, allein auf Schuldzuweisungen und Glorifizierung des Deutschen Bürgertums abzielend, das beweist dass sich diese Leute niemals nur einen Deut weiterentwickelt haben. Irgendwann muss ja auch mal gut sein, ich glaube viele von uns haben Angehörige denen es damals ziemlich beschissen ergangen ist – aber muss man deshalb diese ewigen Ressentiments bedienen, nein. Ich denke es reicht wenn jeder von uns in sich geht und sich klar macht dass Gewalt niemals etwas anderes ernten wird als Gewalt.

  4. @PF: Ja, zu dem kommen zwischen 100 und 200 Nazis, stehen zwei Stunden rum und fahren wieder. Kein Vergleich zu den 6000+ Nazis, die es z.B. 2009 nach Dresden verschlagen hat, die einen ganzen Tag lang die Innenstadt – mit Duldung der Polizei – zur „national befreiten Zone“ machen konnten und wo sie nur konnten Migrant_innen und Linke bedrohten und verprügelten.

    Ich behaupte nicht, dass Neonazis ein ostdeutsches Problem sind, dazu hab ich zu lange auf dem westdeutschen Land gelebt, aber ich frage mich, warum dieser Bombardierungs-Opferkult gerade in ostdeutschen Städten so verfängt. Weil die großteils erst gegen Kriegsende bombardiert wurden? Weil die Stadtverwaltungen unsensibler mit dem Thema umgehen? Weil sich die Hetze gegen „amerikanische Terrorbomber“ in eine Kontinuität mit der DDR-Propaganda stellen lässt?

  5. @Wessi
    „Weil sich die Hetze gegen “amerikanische Terrorbomber” in eine Kontinuität mit der DDR-Propaganda stellen lässt?“

    Da kann ich dich, als gelernter DDR-Bürger, beruhigen. So wurde das (70er -80er) nicht vermittelt. Damit wurde erstaunlich neutral umgegangen und nicht die Böseramiterrorpropagandakeule geschwungen.

    Ich musste feststellen, daß die Kinder der rotesten Socken am empfänglichsten für braune Soße waren. Das wird einerseits der Opposition den Eltern gegenüber entsprungen sein und andererseits „züchtet“ sowas aber anscheinend etwas, was sich mit diktatorischen Strukturen durchaus anfreunden kann.

    Das verstärkte Auftreten dieser Veranstaltungen wird wohl am ehesten den herzlichen Willkommensgesten der dortigen Politik und Polizei zu danken sein.

    Eine Ost-West-Differenzierung ist an der Stelle, wie meist, wenig zielführend.

  6. Nachschlach:

    Sieh mal hier: http://www.sueddeutsche.de/politik/akademikerball-in-wien-vermummungsverbot-sperrzonen-und-polizisten-1.1871376 so läuft das.
    Wurden die auch ostisch indoktriniert? Das kann wohl ausgeschlossen werden.
    Ebenso töricht wäre es aber auch, deshalb jeden Ösi mit Herrn Hitler in Sippenhaft zu nehmen oder auch nur darüber nachzudenken, warum das nun grad in Wien sei.

    Was diese Menschen sicher eint ist grenzenlose (sic!) Blödheit. Blödheit scheint aber, trotz aller Gefahr, ein Menschenrecht zu sein.
    Vielleicht mag ja mal ein Nazi im Wissenschaftlerkittel herausfinden, welches Gen da bei seinesgleichen „versaut“ ist. ;p

Comments are closed.