NPD – Die Partei der langen Messer

Einen jungen „Kameraden“ soll er belästigt haben: Dieser Vorwurf hat den bisherigen Vorsitzenden Holger Apfel kurz vor Weihnachten das Amt sowie die Mitgliedschaft in der NPD gekostet. Bewiesen ist bislang nichts – und Indizien weisen auf eine Intrige hin.

Von Patrick Gensing und Felix M. Steiner

Holger Apfel als Redner beim "Trauermarsch" in Dresden
Holger Apfel als Redner beim „Trauermarsch“ in Dresden

Homosexuelle Neigungen und dann noch ein angeblicher Übergriff in den eigenen Reihen: Ein schlimmeres Vergehen lässt sich in der extrem schwulenfeindlichen Neonazi-Szene kaum erdenken. Bewiesen ist allerdings gar nichts. Selbst hochrangige NPD-Funktionäre müssen einräumen, dass es sich bislang lediglich um Gerüchte handelt. Eine öffentliche Aussage des mutmaßlichen Apfel-Opfers Daniel S. liegt nicht vor, die angeblich existierende eidesstattliche Erklärung ist bisher nirgends aufgetaucht.

Wenig überraschend, dass Apfel in seiner internen Austrittserklärung das Vorgehen des Parteipräsidiums, das kurzerhand Udo Pastörs zum kommissarischen Nachfolger benannte, scharf kritisiert. Man habe von ihm weder eine schriftliche Stellungnahme angefordert noch versucht, ihn während der Sitzung des Präsidiums telefonisch zu kontaktieren, schreibt Apfel. Zudem sei ihm die eidesstattliche Versicherung von Daniel S. nicht vorgelegt worden, kritisiert der Geschasste weiter. Er selbst könne die Vorwürfe gegen sich nicht entkräften, da er an den Abend des ihm zur Last gelegten Vorfalls keine Erinnerung mehr hat:

Tatsache ist, daß es nach einem anstrengenden Aktionstag eine geselliger Abend war, an dem viel getrunken wurde; Fakt ist auch, daß ich von Beginn an eingeräumt habe, kein Erinnerungsvermögen an diesen Abend zu haben.

Eine gute Gelegenheit also für Apfels Gegner, den ungeliebten Parteichef loszuwerden? Der NPD-Funktionär Thorsten Crämer merkte auf Facebook an, er habe Apfel bereits vor Jahren gesagt, dass „das manchmal übermäßige „Tanken“ einmal zum Problem werden könnte, wenn falsche „Freunde“ es ausnutzen wollen“.

Hochrangiger Funktionär entlastet Apfel

Ein Beier, ein Apfel, ein Faust, ein Voigt und ein Pühse flanieren zu einem "Sozialkongress" in Bremen der NPD unter der Hochbrücke. Motto: Sehen und nicht gesehen werden, denn die Bremer wollten von den Nazis nichts wissen. (Foto: Kai Budler)
Beier, Apfel, Faust, Voigt und Pühse in Bremen (Foto: Kai Budler)

Ist Apfel also Opfer einer Intrige geworden? Mehr als Gerüchte sind bis heute auf jeden Fall nicht aufgetaucht, was den angeblichen Übergriff angeht. Auffällig auch, über wie viele Kanäle die Gerüchte plötzlich auftauchten.

Der NPD-Funktionär Matthias Faust, der Apfel und Daniel S. bei der betreffenden Wahlkampftour im Herbst begleitet hatte, bestätigte gegenüber Publikative.org, er habe keinen Übergriff bemerkt. Zudem habe sich Daniel S. überhaupt nicht so verhalten, als sei etwas vorgefallen. Vielmehr habe sich S. auch nach dem betreffenden Abend mehrmals der Gruppe um Apfel angeschlossen, um den Feierabend gemeinsam zu verbringen. Faust habe dem Parteipräsidium einen detaillierten Bericht des Abends zukommen lassen, doch die Unschuldsvermutung ließ die NPD für ihren bisherigen Vorsitzenden offenbar nicht gelten.

Unklar auch, warum die Gerüchte erst jetzt gegen Apfel eingesetzt wurden; Spekulationen über angebliche Verfehlungen sind schon länger im Umlauf, dennoch raunte die NPD-Parteispitze kurz vor Weihnachten plötzlich von schweren Vorwürfen, wollte diese aber nicht benennen, sondern versprach – wie üblich in solchen Fällen – größtmögliche Aufklärung. Dabei blieb es bislang.

Apfels Erklärung auf der Seite der Deutschen Stimme verschwand nach einem Tag wieder.
Apfels Erklärung auf der Seite der Deutschen Stimme verschwand nach einem Tag wieder.

Klar ist zudem, dass Apfel vor seinem Rückzug unter Druck gesetzt wurde, aus gut informierten Kreisen war von einer Frist die Rede. In einer öffentlichen Erklärung schrieb Apfel schließlich von “zunehmend ehrverletzenden Verleumdungen in diesen Tagen”. Diese Vorwürfe seien “zwar haltlos, aber mir ist bewußt, daß ich den damit verbundenen Makel nicht losbekommen werde”, so der mehrfache Familienvater Apfel.

Die Konsequenz war der Rücktritt von all seinen Ämtern. Doch dies scheint einigen noch nicht gereicht zu haben: „Da selbst das meine Gegner nicht ruhen läßt, erkläre ich nach 24-jähriger Mitgliedschaft meinen Austritt aus der NPD“, so Apfel in seiner internen Austrittserklärung weiter.

Die berühmte „Kameradschaft“

Die zahlreichen internen Gegner Apfels jubilierten, kaum ein Weggefährte von Apfel sprang dem Parteichef zur Seite. Der Sächsische Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel reagierte nicht auf eine Anfrage. Der Fraktionssprecher gab sich wortkarg, während er bei Facebook eifrig kommentierte. Nur wenige stellten das Vorgehen der Parteispitze öffentlich in Frage, wie beispielsweise der Hamburger Neonazi Thorsten de Vries.

Der NPD-Fraktionschef in Mecklenburg-Vorpommern und Parteivize Udo Pastörs nannte den Rücktritt hingegen umgehend einen “konsequenten Schritt”. Er habe schon länger von einer “Erkrankung” Apfels gewusst. Ob er damit Apfels angebliche homosexuelle Neigungen meinte, blieb unklar. Ein Wort des Bedauerns kam Pastörs, der im Jahr 2011 Apfels Kandidatur gegen Voigt unterstützt hatte, auf jeden Fall nicht über die Lippen. Die NPD brauche, betonte er vielmehr, nun eine starke Führung. Und die hat kommissarisch und möglicherweise auch längerfristig Pastörs selbst übernommen.

Zunehmende Verteilungskämpfe

Wer hinter der mutmaßlichen Intrige gegen den langjährigen Parteifunktionär Apfel stecken könnte, lässt sich noch nicht abschließend benennen. Nach unseren Recherchen spielen unter anderem die Machtkämpfe in der NPD-Sachsen eine entscheidende Rolle. Der Niedergang der Partei sorgt dafür, dass die Posten und das zu verteilende Geld knapper, die Verteilungskämpfe dadurch heftiger werden. Dazu steht in Sachsen der Wahlkampf an, für den die NPD die Unterstützung der Kameradschaftsszene dringend benötigt. Doch die steht Apfel mehrheitlich ablehnend gegenüber. Dass das vermeintliche Apfel-Opfer Daniel S. ein Gefolgsmann des NPD-Funktionärs ist, der als wichtigster Verbindungsmann zu den Freien Netzen und Kameradschaften fungiert, passt da nur ins Bild.

Offene Angriffe und Empfehlung zum Selbstmord

Der stellvertretende Parteivorsitzende Karl Richter, Bild: Publikative.org.
Karl Richter gehört den Apfel-Gegnern, Bild: Publikative.org.

Bereits im Oktober letzten Jahres war der Konflikt an der Parteispitze öffentlich eskaliert. Auf unergründlichen Wegen war eine interne Mail des bayrischen Landesvorsitzenden Karl Richter an die Öffentlichkeit geraten. In der Mail, die offenbar an andere Parteifunktionäre adressiert war, sprach Richter dem Vorsitzenden die Führungskompetenz ab. Richter schrieb in seiner Mail:

Ich sage es ungern, habe aber diese Auseinandersetzung nicht vom Zaun gebrochen: Schon ein Parteivorsitzender mit Sprachfehler ist an sich ein Unding; man übersieht es aus Höflichkeit, muß aber darüber sprechen, wenn der bedauernswerte Betroffene unversehens um sich schlägt. Ist ein Parteivorsitzender wirklich ein so gutes Aushängeschild für uns, der während  unserer Auftritte bei der Deutschlandfahrt demonstrativ abseits steht und fortwährend mit pummeligen Fingerchen auf seinem Mobiltelefon herumtippt?

Das Karl Richter auch einen Beitrag, in dem ein NPD-Funktionär Apfel Selbstmord nahelegte, bei Facebook gefällt und die Äußerung weiter verteidigt, passt ebenfalls ins Gesamtbild, genau wie die öffentliche Kritik an Apfel einer RNF-Funktionärin.

Schlägt Apfel zurück?

Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis der NPD-Führung ihr Verhalten in der Causa Apfel um die Ohren fliegt. Bei Facebook existiert bereits eine Gruppe „Solidarität mit Holger Apfel“, viele Mitglieder fordern zudem eine Erklärung, warum der langjährige Funktionär praktisch über Nacht aus der Partei verschwinden musste.

Christian Worch von der Partei „Die Rechte“ merkte in einem Forum treffend an, dass nicht nur Apfel „Leichen im Keller“ habe:

Und dann könnten ein paar Dinge zutage kommen, die der NPD mitnichten förderlich sind. Ich habe eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was ein Mann wie Apfel alles auf den Tisch packen kann, wenn er sich zum Gegenschlag gedrängt fühlt.

Die NPD bleibt die Partei der langen Messer.

Siehe auch: NPD-Kandidat legt Apfel Selbstmord naheWilde Spekulationen über Apfels RückzugNPD-Chef Apfel legt Ämter niederV-Mann-Gerüchte: NPD-Chef Apfels letztes Gefecht?,