Das Protokoll: Ein Jahr NSU-Prozess

Das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ hat ein Jahr lang alles, was im NSU-Prozess vor Gericht gesagt wird, wörtlich protokolliert. Nun erscheinen die gekürzten gesammelten Protokolle in einer monothematischen Ausgabe des Magazins. Darüber hinaus hat das „SZ-Magazin“ die gesammelten Protokolle von vier Schauspieler/Innen nachsprechen lassen und verfilmt. Das Ergebnis ist atemberaubend und bedrückend zugleich.

Von Andrej Reisin

Am 14. November 2013 sagt vor dem sechsten Strafsenat des Oberlandesgerichts München der Zeuge Martin F. aus, der einst mit der mutmaßlichen NSU-Terroristin Beate Zschäpe in Zwickau im selben Haus gewohnt hatte. Bei der Befragung geht es unter anderem darum, ob Zschäpe von „Ausländerpack“ gesprochen habe, wie der Zeuge bei der Polizei ausgesagt hat. Und ob es wahr sei, dass sein Bruder sich nicht mehr getraut habe, seine vietnamesische Frau bei Besuchen mitzubringen, weil bekannt gewesen sei, dass Frau Zschäpe Ausländer nicht leiden könne. Der Zeuge antwortet: „Mir ist das vollkommen Rille, ob das Vietnamesen, Türken oder Griechen sind, für mich sehen die alle gleich aus.

Es sind Sätze wie dieser, die einen sprachlos machen, wenn man sie erneut hört – auch wenn man sie schon einmal irgendwo gelesen hat. Wohlgemerkt: Hier spricht ein zufälliger Zeuge, kein mitangeklagter Neonazi. Dennoch äußert er – mitten im Gerichtssaal, in dem auch Angehörige der Opfer sitzen – Sätze, aus denen sich eigentlich nur eines ableiten lässt: Menschen wie Du und ich sind diese „Vietnamesen, Türken oder Griechen“ offenbar nicht, sondern eben „die“ – „vollkommen Rille„.

Für diesen Schlag ins Gesicht der Opfer ist der Zeuge im Saal allem Anschein nach nicht einmal gerügt worden, auch den meisten Medien war er keine große Erwähnung wert. Dabei zeigt er, dass es keiner Figur wie Beate Zschäpe bedarf, um Vokabeln wie „Ausländerpack“ zu benutzen. Wer es als Zeuge vor Gericht derart normal findet, einfach zu äußern, es sei ihm „vollkommen Rille„, welche „Art“ von „Ausländer“ man da gerade vor sich habe, von dem ließe sich auch problemlos vorstellen, dass aus „Rille“ im privaten Rahmen und nach dem dritten Bier ein „Pack“ wird.

Die gesellschaftliche Dimension bleibt unverhandelt

Immer wieder wird aus den Protokollen deutlich, dass die gesellschaftliche Dimension der Mordserie vor Gericht eben nicht zur Verhandlung – und damit auch nicht zur Debatte – steht. Genau das aber macht das Beklemmende des Verfahrens aus, denn genau darum geht es den Nebenklägern, den Angehörigen der Opfer, den zerstörten Familien. Sie können zu Recht nicht begreifen, was ihnen geschehen ist, und warum der so gründlich und „akribisch“ (wie es ein Münchner Kommissar vor Gericht formuliert) arbeitende deutsche Staat nicht in der Lage war, die Täter zu stoppen. Derselbe Münchner Kommissar liefert die Erklärung im Gerichtssaal allerdings ungewollt gleich dazu: „Jetzt wollen wir mal bitte nicht so tun, als ob es keine türkische Drogenmafia gibt„, sagt der von den Anwält/Innen der Nebenklage in die Enge getriebene Beamte zur Verteidigung seiner damaligen Ermittlungen. Nie gewinnt man den Eindruck, die Ermittler/Innen, die jahrelang die Falschen verdächtigten und zusätzlich traumatisierten, würden ihr Handeln nun bereuen. Wer mag angesichts solcher Aussagen daran glauben, beim nächsten Mal liefen die Ermittlungen anders?

Sicher nicht die Opfer dieser Ermittlungen. Für sie steht stellvertretend Wolfgang F., der Geschäftspartner des einzigen Ermordeten griechischer Nationalität, Theodoros Boulgarides. Er schildert auf bedrückende Weise, wie die Ermittlungen der Polizei sein Leben veränderten, um es milde auszudrücken: Immer wieder sei er vorgeladen worden, auch seine Mitarbeiter seien befragt worden. Die Polizei habe ihn und seinen toten Partner „in den Dreck ziehen“ wollen. Schließlich habe er viel Geld verloren, Kunden, das Geschäft, auch seine langjährige Beziehung sei schließlich in die Brüche gegangen. Auf die Frage nach den Folgen für die Familie Boulgarides antwortet der Zeuge: „Es war es die totale Zerstörung – und nicht nur für die Angehörigen.“ Die Familie sei nach dem Mord auseinander gebrochen, Mutter und Bruder nach Thessaloniki zurückgekehrt, der Rest der Familie zerstreut.

Fassungslos macht angesichts dessen die Empathielosigkeit, die sich wie ein grauer Schleier durchs Verfahren zieht: Nicht nur bei den Angeklagten, sondern auch bei zahlreichen Zeugen – bis hin zu den Eltern der toten männlichen Täter – zeigt sich kaum eine ernsthafte Betroffenheit darüber, welche Wunden geschlagen wurden, was der Verlust so vieler Menschenleben bedeutet. Mag man dafür bei den Eltern der Täter, die ja trotz allem auch ihre Kinder verloren haben, noch in gewissem Maße Verständnis haben, so spricht aus dem ehemaligen Kripo-Beamten, der im Zusammenhang mit grausamen Tatort-Bildern mehrmals darauf hinweist, dass „der Türke“ seine Wohnung nicht aufgeräumt habe, nichts als exakt derselbe schamlose Mangel an Mitgefühl, der auch den eingangs zitierte Zschäpe-Nachbar kennzeichnet.

Ein mutiges Projekt der Aufarbeitung

Ausschnitt aus "Der NSU-Prozess: Das Protokoll als Film" (Copyright: SZ Magazin/Süddeutsche Zeitung)
Ausschnitt aus „Der NSU-Prozess: Das Protokoll als Film“ (Copyright: SZ Magazin/Süddeutsche Zeitung)

Es ist ein großes Verdienst der akribischen Arbeit – von der man in diesem Fall sehr zu Recht sprechen kann – der Autor/Innen Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz und Rainer Stadler, sowie des Redakteurs Wolfgang Luef, dieses Verfahren auf 500 Seiten mitprotokolliert und dann entsprechend verdichtet zu haben. Noch beeindruckender ist allerdings die filmische Umsetzung, die in Kooperation mit der Filmakademie Baden-Württemberg, der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg und der UFA Fiction entstandes ist: Zwei Stunden Kammerspiel, in denen Regisseurin Soleen Yusef von nur vier Schauspieler/Innen (Franziska Benz, Judith Schlink, Johannes May und Thomas Zerck) in Schwarz-Weiß das Protokoll mit verteilten Rollen verlesen lässt.

Denkt man zu Beginn, dass dieses Experiment trotz der dichten Atmosphäre scheitern muss, so wird man schnell eines Besseren belehrt: Man wird wütend auf einzelne Zeug/Innen, auf die Arroganz der Angeklagten, man leidet mit den Opfern, man beginnt zu verstehen, was dieser Prozess für die Geschichte der Bundesrepublik einst bedeuten wird. Selbst als Hörspiel (wenn das Video-Bild nach einiger Zeit einem anderen Browser-Fenster weicht) entfalten die Gerichtssaal-Dialoge eine atemberaubende Wirkung, die weit, weit, weit über die zahlreichen Gerichtsreportagen hinausgeht.

Zu wünschen wäre lediglich, dass man im zweiten Schritt – neben Text und Ton und Bild – eine Online-Umsetzung findet, die ein Navigieren nach einzelnen Prozesstagen oder Zeugen ermöglicht. Sollte das Projekt über die den gesamten Prozess fortgeführt werden, entstünde so eine moderne zeitgeschichtliche Quelle. So oder so handelt es sich um wichtiges mediales Signal, das deutlich macht: Viele haben versagt – Behörden, Polizei, Medien, Politik und Gesellschaft. Den Prozess so gut wie möglich dokumentieren zu wollen, ist daher auch ein Zeichen des Bedauerns und eine Botschaft: Die Opfer sind nicht vergessen.

Am Freitag, den 3. Januar erscheint das SZ-Magazin mit dem gedruckten Protokoll. Der zweistündige Film wird ab Donnerstag im Netz auf süddeutsche.de und auf YouTube zu sehen sein.

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10 thoughts on “Das Protokoll: Ein Jahr NSU-Prozess

  1. „Zu wünschen wäre lediglich, dass man im zweiten Schritt – neben Text und Ton und Bild – eine Online-Umsetzung findet, die ein Navigieren nach einzelnen Prozesstagen oder Zeugen ermöglicht. Sollte das Projekt über die den gesamten Prozess fortgeführt werden, entstünde so eine moderne zeitgeschichtliche Quelle.“

    Haben Sie diesen Vorschlag denn gemacht? Ich würde eine solche Aufbereitung der Geschehnisse und des Prozesses sehr begrüßen und ich denke dass auch die Beteiligten am aktuellen Filmprojekt dem positiv gegenüber stehen würden! Ansonsten guter Artikel und ich bin schon sehr gespannt, was man alles aus den Protokollen erfährt! Das ist Journalismus, der es verdient hat unterstützt zu werden!

  2. Einen Hinweis auf ein mögliches rassistisches Motiv lieferte im Mai 2006 die OFA Bayern mit der sogenannten Einzeltäterhypothese. Für das Versagen der Ermittler wird gerne Kompetenzgerangel bemüht, dieses beschränkt sich aber auf das Bekanntmachen von Waffendetails in der Presse. Die OFA-Analyse sah so aus :“ Täterprofil: Polizeiliche Vorerkenntnisse aus Staatsschutz rechts, Waffen-/Sprengstoffdelikte…Zugehörigkeit zur rechten Szene vor der 1. Tat, danach Rückzug wahrscheinlich „(S.560)
    Und wurde sogleich von der OFA selbst mit ihrer Medienstrategie zurechtgestutzt. Verbindungen in die rechte Szene werden ersetzt durch die „Trennung vom Lebenspartner“ und den „Verlust eines Arbeitsplatzes…oder auch finanzielle Schwierigkeiten“, verbunden damit „dass dieses Ereignis im Zusammenhang mit einem negativen Erlebnis mit türkischen Staatsangehörigen steht und zur Entwicklung dieser fremdenfeindlichen Einstellung geführt hat“(S.569). Wenn der Täter was gegen Türken hat dann werden sie ihm wohl die Frau oder den Arbeitsplatz weggenommen haben. Trotzdem war diese Kartoffel dem BKA und IM Beckstein noch zu heiss, und sie mussten ihren kühlenden Senf dazu beitsteuern. Das „finanzielle Schwierigkeiten“ als Motiv nicht in Frage kommen war ausserdem klar, denn von den Tatorten wurde nie etwas entwendet. Hier hat ein einzelner Profiler von allen Seiten gekriegt.
    Das BKA ignoriert die OFA-„Kaffesatzleserei“(S.836), die BAO lässt sich eine „Liste Rechtsextremisten“ vom LfV zuschicken, filtert 160 Personen aus dem Grossraum Nürnerg heraus, und 200-250 Spuren werden abgearbeitet. Der Zeuge Geier erklärte dazu : „Wer hat sich zur tatrelevanten Zeit in einer Tatortstadt aufgehalten? Das war nicht der Fall.“(S.585) Bei neun Morden und 160 Personen ergibt das 1440 Alibis. 480 davon entfallen auf die Morde in Nürnberg, da müssten die Neonazis die Stadt also an den jeweiligen Tagen verlassen haben wie Ratten das sinkende Schiff.
    Schon 2004 waren bei der Suche nach Käufern von PMC-Munition „türkische Staatsangehörige“ „von besonderem Interesse“(S.505), und auch bei den Käufern von CZ83’s war ein „besonderer Hinweis auf türkische Abnehmer“ gewünscht(S.506). Hätte man beide Anfragen miteinander statt mit Türken verknüpft wäre schon 2004 der Zwischenhändler Schläfli in eine nähere Auswahl gefallen(S.506).
    Man sieht aber das türkischstämmige Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit auch durch das Raster gefallen wären. Hielten die Ermittler die deutsche Staatszugehörigkeit für ein Allheilmittel, hofften sie gar insgeheim den EU-Beitritt der Türkei anregen zu können ?
    Das BKA stellte dann 2008 fest das die Eindruckspuren, die die Tatwaffe auf den Hülsenböden hinterliess, ein Gruppenmerkmal der CZ83 mit aufschraubbarem Schalldämpfer ist, welche nur in der Schweiz erhältlich waren(S.618). Und damit das demnach Anton G., dem so eine Waffe von Schläfli geliefert wurde, einer der acht potentiellen letzten legalen Besitzer der Tatwaffe sein sollte. Zwar konnte G. keine vernünftigen Angaben zu dem Verbleib der Waffe machen, aber der Schweizer Bürger als solcher gilt den Ermittlern als unbescholten(S.507). Das BKA hat dann 2010 in einem XY-ungelöst-Auftritt das mit der Schweiz gesagt. Obwohl die BAO beschlossen hatte das durch die Übereinstimmung der Rillen „keine erhöhte Wahrscheinlichkeit“ besteht(S.599). Infolge des anschliessenden Gerangels trennte sich das BKA von der BAO.
    Eines muss aber klar sein, weggesehen wurde keinesfalls. Auch nicht 2004, als der Hinweis, einer der um Mehmet Turgut Trauernden habe die SMS „Ich habe einen Türken getötet und du bist dran!“ erhalten, nicht bearbeitet wurde.(S.594)
    Wer weiss, vielleicht hätte die Schweiz in dem Jahr weitere Morde verhindern können, wenn sie sich um einen EU-Beitritt bemüht hätte ?

    „Es gebe auch keine Hinweise darauf, dass Behörden dabei generell auf dem rechten Auge blind seien, so Binninger gegenüber der Deutschen Welle“
    http://www.clemens-binninger.de/aktuell/meldungen/59-2013/572-untersuchungsausschuss-stellt-abschlussbericht-vor

    „Spekulationen, wonach die Behörden einen ausländerfeindlichen Hintergrund der Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) absichtlich ignorierten, wies Edathy hingegen zurück“
    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-08/nsu-abschlussbericht-verfassungsschutz

    ( sonstige Quelle : NSU-UA-Abschlussbericht )

  3. Sehr gerne lese ich dieses Blog, mit diesem Artikel bin ich als Theatermacherin allerdings nicht einverstanden:

    So spannend, aufschlussreich und auch bedrückend es ist, die Protokolle des NSU-Prozess‘ zu lesen – die Einschätzung der filmischen Umsetzung kann ich nicht teilen. Durch die schlichte Form suggeriert sie eine gewisse Neutralität, ist aber natürlich präzise inszeniert. Betonungen, Kameraführung und nicht zuletzt sie unauffällig dramatisierende (und nach einer Weile unglaublich nervige) Musik schaffen eine Stimmung, bewerten und ordnen ein. Das ist okay, meines Erachtens sollte man damit aber offensiver umgehen.
    Viel schlimmer finde ich allerdings die Wirkung des Films, wie auch im Artikel beschrieben: „Man wird wütend auf einzelne Zeug/Innen, auf die Arroganz der Angeklagten, man leidet mit den Opfern, (…)“. Der Film erzeugt eine Betroffenheit, die es den Zuschauern zu einfach macht. In Ruhe kann man sich zurücklehnen, traurig und wütend, melancholisch werden, kurz: sich distanzieren. Über nichts gruseln sich Deutsche so gern, wie über ihre eigene Geschichte – schon „Der Untergang“ ermöglicht letztlich nur die entlastenden Horrorschauer, „wie krank man da sein muss“, etc.
    Leicht vorstellbar, dass diese Protokolle in den nächsten 5 Jahren auf den Spielplänen zahlreicher Kinder- und Jugendtheater auftauchen, bis eine ganze Schülergeneration es nicht mehr hören kann. Eine künstlerisch produktive Bearbeitung des Stoffes sieht anders aus, bringt die Menschen in Kontakt mit ihren eigenen Vorurteilen, Unachtsamkeiten, Ängsten. So spannend ich die Protokolle finde – mit der Verfilmung geht der Umgang mit dem NSU-Prozess in eine fatale Richtung.

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