Kavaliershools: Frauen und Kinder zuerst!

Immer wieder sind Auseinandersetzungen zwischen Fußballfans und Polizei oder Ordnerpersonal ein Thema. Und immer wieder heißt es dann auch, „sogar Frauen und Kinder“ seien betroffen. Warum eigentlich? Eine kleine Begriffsklärung von der Seenotrettung bis zum Acker.

Von Nicole Selmer

Es war eine Partie der dritten Liga mit Nachwirkungen. Die Stuttgarter Kickers spielten am 7. Dezember beim aktuellen Tabellenzweiten RB Leipzig. Neben der 1:2-Niederlage blieben den Gästefans vor allem negative Vorfälle im Fanblock in Erinnerung. In der Halbzeitpause kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Kickers-Anhängern und den Ordnern des Heimvereins. Die Stuttgarter Kickers veröffentlichten nach dem Spiel eine Stellungnahme und kritisierten den „unverhältnismäßigen Ordnereinsatz“. Auslöser soll eine Sachbeschädigung in den Stadiontoiletten durch einen Kickers-Fan gewesen sein. Der Versuch der Ordner, seine Personalien festzustellen, führte, so heißt es, zur Solidarisierung anderer Fans und dann zur Eskalation, nämlich dem brutalen Vorgehen der Ordner, das der Verein so beschreibt: „Laut Zeugenaussagen offizieller Kickers-Mitarbeiter und Fanbetreuer sollen die Ordnungskräfte des Gastgebers mit unverhältnismäßiger Härte gegen die Kickers-Fans vorgegangen sein, wobei auch Frauen und Kinder in dem Block anwesend waren. Nach Auswertung der ersten Videoaufzeichnungen wurden Kickers-Fans brutal mit Fäusten niedergestreckt, ins Gesicht geschlagen und an den Hals gegriffen.“ Nun lassen sich hier viele Fragen stellen, beispielsweise die, ob RB Leipzig nach früheren Vorwürfen gegen den Ordnerdienst wirklich die richtigen Konsequenzen gezogen hat. Oder welche Rolle Steffen Kubald, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Lok Leipzig, als für den Gästeblock zuständiger Mitarbeiter der beauftragten Securityfirma bei den Vorfällen spielt. Der Aufruf der Kickers an Augenzeugen, sich zu melden, kann hoffentlich weiter aufklärend wirken. Eine Stellungnahme von RB Leipzig steht derzeit noch aus. Um diese Fragen im Vordergrund soll es hier allerdings gar nicht gehen, sondern um ein vermeintliches Randthema: die Frauen und Kinder.

Frauen unter den Opfern
Deren Anwesenheit im Block wird in der Stellungnahme der Stuttgarter Kickers hervorgehoben, so als wäre sie nicht selbstverständlich und Frauen und Kinder in der Gruppe der „Fans“ nicht ohnehin vertreten. Es ist ein fast beiläufiger Hinweis, der sich schnell überlesen lässt. In genau dieser Beiläufigkeit ist er allerdings sehr verbreitet. Nur einige beliebig ausgewählte Beispiele aus den vergangenen Wochen:

„Von Vereinsseite ist dagegen zu hören, es seien Hunderte friedliche Unioner grundlos über den Bahnhof gejagt worden, darunter auch Frauen und Kinder.“

„der scharfe Polizeieinsatz, bei dem eine Hundertschaft plötzlich die Nordkurve stürmte, Pfefferspray und Tränengas einsetzte und in brutaler Weise die dort stehenden Fans (und wenn man Augenzeugenberichten glauben darf sogar gegen Frauen und Kinder) attackierte.“ 

„Augenzeugenberichte schilden den Einsatz als unverhältnismäßig (es wurden zwei Böller gezündet). Weiterhin stellt sich die Frage, warum Frauen und Kinder als Opfer in Kauf genommen wurden und man den verletzten anschließend die sanitäre Versorgung verwehrte.“

Die rhetorische Funktion dieser Hinweise ist klar: Sie sind ein zusätzlicher Beleg für die Brutalität des Ordnerpersonals bzw. der Polizei und werden als solcher von Vereinen, JournalistInnen und Fangruppen gleichermaßen eingesetzt. Dahinter steht zum einen vermutlich die generelle Idee der größeren Verwundbarkeit und Schwäche von Frauen und Kindern, zum anderen die fußballspezifische Vorstellung, bei ihnen müsse es sich um Unbeteiligte handeln, um Personen, deren Anwesenheit im Fanblock nicht nur einer Erklärung, sondern auch besonderer Rücksichtnahme bedarf. Für Kinder – und zwar tatsächlich Kinder und nicht einfach Personen unter 18 Jahren – mag beides zutreffen. Warum jedoch sollte Pfefferspray in den Augen eines 25-jährigen Mannes mehr Schaden verursachen und mehr Empörung auslösen als Pfefferspray in den Augen einer 25-jährigen Frau? Sicher, statistisch geht Gewalt – im Fußball wie im Rest der Gesellschaft, zu der auch Polizei und Sicherheitsfirmen gehören – mehrheitlich von Männern aus und betrifft auch mehrheitlich Männer. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, Frauen seien bei gewalttätigen Auseinandersetzungen genauso automatisch Unbeteiligte wie Männer automatisch Beteiligte sind, das ist genau die Pauschalisierung, die in den vergangenen Jahren nicht zuletzt von Fans zu Recht immer wieder kritisiert worden ist. Es ist, nebenbei, auch genau jene Logik die beispielsweise den türkischen Fußballverband dazu veranlasst hat, Zuschauerausschlüsse als Strafe gegen Vereine in geschlechtsspezifische Geisterspiele abzuwandeln, bei denen Männer ausgesperrt, Frauen und Kinder jedoch zugelassen sind.

Wreck of the Birkenhead, Gemälde von Thomas M Hemy, 1892 Quelle: Wikimedia
Wreck of the Birkenhead, Gemälde von Thomas M Hemy, 1892
Quelle: Wikimedia

Unfairer Kampf
Ebenso wie dem Angriff auf Frauen und Kindern etwas besonders Erschreckendes anhaftet, scheint ihr Schutz mit besonderer Ehrenhaftigkeit verbunden. Symbolisch dafür steht der Ruf „Frauen und Kinder zuerst!“ – in die Rettungsboote nämlich. Die aus der literarischen Fiktion stammende Prämisse hat offenbar zumindest zeitweise tatsächlich in die Lebenspraxis der Seenotrettung gefunden, der Sinn der Umsetzung hält allerdings einer genaueren Betrachtung kaum stand. Ein solcher Ehrenkodex war auch im 19. Jahrhundert nur die vermeintliche Lichtseite einer rigiden Geschlechterdichotomie, in der selbstständiges Handeln, Stärke und die Fähigkeit, zu retten statt gerettet zu werden, allein Männern vorbehalten war. Im historischen Rettungsboot Fußball wiederum hat einiges davon überlebt.

Hier sind es aber nicht nur Polizei und Ordner, die sich dem Vorwurf „sogar gegen Frauen und Kinder“ vorzugehen, ausgesetzt sehen, sondern genauso auch Fans: „Beim DFB-Pokalspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern stürmten zirka 300 Hooligans den Block der Lauterer, der Mob machte wahllos auf alles und jeden Jagd – auch auf Frauen und Kinder.“ Das Muster ist das gleiche: Die Tatsache, dass sie selbst vor Angriffen auf Frauen und Kindern nicht zurückschrecken, macht das Verhalten der Hooligans, die per Definition weder Frau noch Kind sein können, noch empörender. Im Übrigen auch gemäß der landläufigen Idee eines fairen Kampfes unter Hooligans. Und genau der folgt auch die Anprangerung von Angriffen gegen Frauen und Kinder durch Ordner oder Polizei.

Hinter dem, was wie eine charmant-altmodische Kavaliersgeste aussieht und sich auch so anfühlen mag, steht das weniger charmante, aber ebenso altmodische „Mann gegen Mann“ als ein Fairplay, das in Hooligan-Auseinandersetzungen genauso seinen Platz findet wie in Repressionsdebatten. Ob diese Idee für Auseinandersetzungen auf Feld, Wiese und Acker in Theorie und Praxis tatsächlich funktioniert – keine Ahnung. Als Baustein einer kritischen Auseinandersetzung mit Repression im Fußball taugt sie mit Sicherheit nicht. Denn es geht eben nicht darum, gewalttätige Übergriffe von Ordnern, unverhältnismäßige Polizeieinsätze, die Anwendung von Schlagstock und Pfefferspray danach zu beurteilen, ob hier ebenbürtige Gegner aufeinandergetroffen sind. Genau das kann ohnehin nie der Fall sein, wenn die eine Seite über das staatliche Gewaltmonopol bzw. das vereinseigene Hausrecht mit Befugnissen, Waffen – und entsprechender Verantwortung – ausgestattet ist und es sich bei der anderen um Besucherinnen und Besucher eines Fußballspiels handelt. Da spielt es auch keine Rolle, ob hinter Ganzkörperschutzanzug und Helm ein Frauen- oder Männerkörper steckt. Und sollte diese Person durch, sagen wir, einen Steinwurf verletzt werden, ist es strafrechtlich genauso wenig von Belang, ob der Stein von einer Frauen- oder einer Männerhand geworfen wurde. Als rhetorisches Mittel mag es funktionieren, aber um sich über den von den Stuttgarter Kickers beschriebenen Ordnereinsatz zu empören, braucht es keine Sondererwähnung der Frauen im Fanblock. Für Kavaliershooliganismus sollte in dieser Debatte kein Platz sein.

Alle Artikel aus der Rubrik Fußball.

5 thoughts on “Kavaliershools: Frauen und Kinder zuerst!

  1. Geschlechterdichotomie ist ein Begriff mit dem die wenigsten Kavalierhools etwas anfangen können.

    Zur Ergänzung: Das ist ein internationales Phänomen. Beispiele gibt es genügend nicht nur der türkische Verband.

    http://angelahaggerty.com/disproportionate-police-presence-and-batons-used-on-marchers-at-glasgows-green-brigade-football-fan-march/
    „Stunned witnesses reported watching women and children being struck with police batons simply for standing in the wrong place.“

    Oder hier die große Solidarität für die 63 jährige Mrs Musgrove:
    http://www.dailymail.co.uk/news/article-2007575/Gran-Margaret-Musgrove-banned-A-YEAR-trying-greet-Leeds-United-players.html

    Ergänzend noch gesagt, dass die Kavalierhools auch besonders an einem Bild hängen: Die stolzen Väter mit ihren Kindern ins Stadion gehen
    http://www.ultras-tifo.net/galleries/41-pics/1803-father-to-son-photos.html
    Wenn es ernst wird aber immer Frauen und Kinder getroffen werden.

    Einer der besten Fußballartikel des Jahres!

    Vielen Dank

  2. Interessanter ist warum ihr davon ausgeht das es nur Ordner waren und keine Ordnerinnen? Repression ist schon lange mehrgeschlechtlich.

  3. Danke, gallendieter, für die ergänzenden Hinweise. Ja, das ist sicher kein deutsches Phänomen, das denke ich auch.
    Nicht von Relevanz: Ich gehe nicht unbedingt von was aus, es geht ja eher darum, wie das theamtisiert wird. Aber in der sache hast du sicehr recht, deswegen ja auch „Da spielt es auch keine Rolle, ob hinter Ganzkörperschutzanzug und Helm ein Frauen- oder Männerkörper steckt.“

Comments are closed.