Akademisches Karussell: Liberalismus – Konservatismus – Sozialismus

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um eine systematisierende Einführung in die Geschichte politischer Theorien.

Von Samuel Salzborn

Im Handgemenge postmoderner Willkür verliert sich das Feingefühl für eine historische Wirklichkeit bisweilen in einem subjektivistischen Dickicht konstruierter Konstruktionen. Um gegenwärtige soziale und politische Konflikte aber kontextualisieren und damit verstehbar machen zu können, auch und gerade in ihrer wechselhaften Dynamik, ist das erkenntnistheoretische Potenzial der Ideen- und Theoriengeschichte unverzichtbar – und zwar mindestens in einem doppelten Sinn: Einerseits, weil politische und soziale Konflikte der Gegenwart Agenden besetzen, deren Referenzrahmen gesellschafts- und politiktheoretische Überlegungen der Vergangenheit sind, andererseits, weil in diesen Konflikten der Gegenwart die sozialen Erfahrungen der Vergangenheit ebenso aufgehoben sind, wie historisch-theoretische Reflexionen in ihnen wieder zum Vorschein kommen, also umgekehrt, nicht nur rekonstruktiv, sondern zugleich auch prospektiv – freilich reaktualisiert und modifiziert – Eingang in den Streit um Macht- und Herrschaftsverhältnisse finden.

Um sich einen fundierten, faktenreichen und kontextsensiblen Einblick in die Potenziale der Ideen- und Theoriengeschichte zu verschaffen, bieten die drei neuen Bände von Klaus von Beyme eine ausgezeichnete Grundlage. Bei der Lektüre wird man allerdings nicht nur fündig, wenn man sich neu mit dem Feld der Geschichte politischen Denkens befasst, sondern auch für Kennerinnen und Kenner der Materie finden sich zahlreiche Kleinode, auf die man noch nie – oder: lange nicht mehr – gestoßen ist.

Beymes Theorien-Trilogie ist eine erweiterte und aktualisierte Auskopplung aus einem früheren Werk und rückt jeweils eine der drei klassischen Strömungen der politischen Theorie in den Mittelpunkt: Liberalismus – Konservatismus – Sozialismus. Jeder Band kann auch für sich gelesen werden, allerdings versteckt sich das Gesamtresümee, in dem Beyme die drei großen Theorien-Bewegungen in Beziehung zur Entwicklung der Parteien und sozialen Bewegungen setzt, historisch folgerichtig im Sozialismus-Band. Deshalb folgerichtig, weil den Ausgangspunkt ideengeschichtlich der Liberalismus bildet, auf den – so die gängige Lesart – Konservatismus und Sozialismus „reagieren“; der Konservatismus, weil seine Trägerschichten, die durch die bürgerlichen Revolutionen und das liberale Rechtsgleichheitspostulat entmachtet bzw. sozial desorientiert wurden, nach einer Wiederherstellung vormaliger Macht- und Herrschaftsverhältnisse trachten oder zumindest die Folgen von Aufklärung und bürgerlichen Revolutionen abmildern wollen, der Sozialismus, weil ihm die rechtliche Gleichheit nicht hinreichend genug war, da sie soziale Ungleichheitsverhältnisse situiert hat. Der liberalen Freiheit von Zwang, die der Konservatismus rückgängig machen will, steht die liberale Freiheit von Sicherheit entgegen, die der Sozialismus in der Gleichheit aufheben möchte.

Besonders hervorgehoben werden müssen drei Generallinien in Beymes Bänden:

  • Erstens die sehr gute Ausgewogenheit der Darstellung unter Einbezug von sowohl „klassischen“ Autorinnen und Autoren der jeweiligen Denkrichtungen in Verbindung mit weniger prominenten Ansätzen, die in ihrer Breite den oft vergessenen Theorienpluralismus innerhalb der drei klassischen Strömungen der politischen Theorie zeigen und damit auch die Frage nach Alternativoptionen und Handlungsspielräumen im historischen Kontext diskutierbar machen, zugleich aber auch kenntlich werden lassen, dass „die Theorie“ stets nur im Plural zu denken ist, dass also eine breite Sammlung von Stimmen und teils gegensätzlichen Ansätzen erst die Rechtfertigung bilden, um eine politischen Strömung in ihren Charakteristika zu erfassen.
  • Zweitens ist besonders lobenswert, dass Beyme auch marginalisierte Denkrichtungen eigenständig würdigt, die historisch vor allem deshalb zunehmend weniger Beachtung finden, weil sie in den sozialen Konflikten des 18. und 19. Jahrhunderts letztlich die Verlierer waren, was besonders für den Radikalismus und den Anarchismus gilt – die beide, gerade vor der Folie gegenwärtiger politischer Bewegungen im Bereich der Globalisierungskritik, offensichtlich neue Adaptionen erfahren.
  • Und schließlich drittens die von Beyme als Selbstverständlichkeit vorgenommene Thematisierung der Bereiche der politischen Theorie, die man in Anlehnung an das Star Wars Epos als „dunkle Seite“ der Theoriengeschichte bezeichnen könnte, insbesondere den Sowjetmarxismus, den konservativen Messianismus und die Konservative Revolution. Deren Thematisierung zeigt eindringlich, dass die Geschichte der politischen Theorien immer auch die Geschichte politischer und sozialer Kämpfe war und ist, als deren Reflektionen Theorien formuliert werden, auf die zugleich theoretische Reflexionen aber auch mobilisierend oder demobilisierend einwirken.

Klaus von Beyme: Liberalismus. Theorien des Liberalismus und Radikalismus im Zeitalter der Ideologien 1789–1945, Wiesbaden: Springer VS 2013, 328 Seiten.

Klaus von Beyme: Konservatismus. Theorien des Konservatismus und Rechtsextremismus im Zeitalter der Ideologien 1789–1945, Wiesbaden: Springer VS 2013, 277 Seiten.

Klaus von Beyme: Sozialismus. Theorien des Sozialismus, Anarchismus und Kommunismus im Zeitalter der Ideologien 1789–1945, Wiesbaden: Springer VS 2013, 359 Seiten.

Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)
Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)

Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen und Autor des Buches „Sozialwissenschaften zur Einführung“ (Junius Verlag 2013) 

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