Don’t call me white, Markus!

Warum es schlicht und ergreifend ein unwürdiges Spektakel ist, wenn „Wetten dass ..?“ das Augsburger Fernsehpublikum dazu aufruft, sich als „Jim Knopf“ zu verkleiden  und zwar „schwarz geschminkt“, mit „Schuhcreme, Kohle, was auch immer“.

Von Andrej Reisin

Moderator Markus Lanz (Foto: Udo Grimberg, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Moderator Markus Lanz (Foto: Udo Grimberg, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Manche Sachen kann man ja so oft erklären, wie man will, die Kritisierten wollen es einfach nicht begreifen. Paradebeispiel: Wieso ist die Praxis, sich als hellhäutiger Mensch dunkle Schminke ins Gesicht zu schmieren, um einen „Schwarzen“ zu spielen („Blackface“) rassistisch? Da andere das schon besser erklärt haben, sei hier der Sprachwissenschaftler Prof. Anatol Stefanowitsch zitiert:

Jedes Mal, wenn ein schwarzgeschminkter Weißer irgendwo auftritt, sagt das: Schwarze können das nicht. Schwarze kennen wir nicht. Schwarze gibt es in unserer Mitte nicht. Was Schwarze von dieser Rolle halten würden, wenn es sie in unserer Mitte gäbe, interessiert uns nicht.

Eigentlich ganz einfach: Diese Gesellschaft besteht schon längst nicht mehr nur aus solchen „Deutschen“, deren Deutschsein vor allem ein Deutschtum ist, das sich auf Abstammung, Hautfarbe  und eine vage Vorstellung von „Kultur“ beruft. Es mag den Sarrazins der Republik nicht passen, auf den Wecker gehen, sie die Wände ihrer historizistischen 19. Jahrhundert Pseudofachwerk-Stadtvillen im Hänsel-und-Gretel-Stil hochtreiben, aber die Stadt ist nicht ihre Stadt und das Land ist nicht ihr Land.

Daher kann man als Gameshow im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk gefälligst auch mal drüber nachdenken, ob die Annahme, alle Augsburger/innen müssten sich schwarz schminken, wenn sie als Nicht-Weiße durchgehen wollen, denn wohl richtig sein kann – oder schlicht und ergreifend die Vielfalt der Menschen in diesem Land negiert. Stattdessen aber bleibt das verhunzikerte Lanz-Land in der Vorstellung des ZDF offenbar zumindest vorerst weiß – und deutsch bleibt bio-deutsch wie in Ius sanguinis. Vielleicht fällt dem Mainzer Sender ja nochmal was anderes ein, als beispielsweise halbe Ausgaben des Sportstudios damit zu verbringen, sich mit den Deutschkenntnissen von Fußballprofis zu beschäftigen – vielleicht aber auch nicht:

Offenbar muss so etwas jeder Bundesligaspieler über sich ergehen lassen, vom dem sich mit Gewissheit sagen lässt, dass er nicht in der Lage ist, Heidegger im Original zu lesen. Wird das jemals aufhören? Man müsste einmal untersuchen, ob deutsche Fußballer, die gerade ihren Arbeitsplatz ins Ausland verlegt haben, in dortigen TV-Sendungen auch über den Stand ihrer Sprachkenntnisse Bericht erstatten müssen. Sehr wahrscheinlich nicht.

„Und woher kommst Du? – Neukölln. – Und Deine Eltern …?!?“

Aufgewachsen in einer Zeit, als Berlin noch nicht wie Brooklyn sein wollte (was es übrigens auch heute nicht ist), weiß ich dagegen noch, was Haftbefehl meint, wenn er als Höhepunkt von unerträglich hingerotzten zwei Minuten fragt: „Hast du auch schwarze Haare? Welcome to Alemania …“ Dafür muss man nämlich kein Offenbacher Gangstarrapper sein, es reicht, die Frage „Und woher kommst Du?“ schon in Kindheit und Jugend so oft gestellt bekommen zu haben, dass man jederzeit jedem Fragesteller und jeder Fragestellerin unaufgefordert vor die Füße kotzen könnte.

Denn schließlich: Arier-Nachweis war vor-vor-vor-vor-vor-vor-vor…gestern – und ja, ich habe immer (ja: immer) das Gefühl, dass das und nichts anderes gemeint ist. Sorry, aber das ist keine unschuldige Frage an jemanden, dessen Großeltern väterlicherseits plus gesamter Familie schon auf der Todesliste des Rechtsvorgängers des aktuellen Staatswesens und seiner damaligen Gesellschaft standen.

Ahnungslos dagegen deutsche „Medienmagazine“ wie DWDL auf Twitter:

Es wäre auch zu viel verlangt, wenn man von „Medienmagazinen“ in Deutschland eine kritische Auseinandersetzung mit medialer Inszenierung und Performanz erwarten würde. Oder auch nur das Lesen von ein paar Hintergrundtexten. Stattdessen wird der Verweis auf Wikipedia geradezu putzig vom Tisch gefegt:

Jeder blamiert sich halt, so gut es geht, Falltüren im Niveaukeller sind schnell gefunden. Dabei war der Hinweis genau umgekehrt gemeint: Guckt doch wenigstens mal auf Wikipedia nach, wenn ihr schon nicht in der Lage seid, längere Texte zu lesen, weil ihr so viel Fernsehen gucken müsst:

Im Jahre 2012 haben gut 18 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einen multiethnischen Vordergrund. Rund acht Millionen von ihnen sind Deutsche, weitere sieben Millionen besitzen zwar nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, prägen, gestalten und definieren aber durch ihren permanenten Aufenthalt hier die deutsche Kultur genauso mit. All diese Menschen werden zukünftig immer weniger bereit sein, sich damit zufrieden zu geben, dass ihre Gleichberechtigung gegenüber weißen Deutschen zwar auf dem Papier garantiert, aber in der Realität ein frommer Wunsch ist. Sie werden es nicht mehr hinnehmen, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft ihnen vorzuschreiben versucht, wann sie sich diskriminiert fühlen dürfen und wann nicht. Und dass diese Gesellschaft die Definitionshoheit darüber beansprucht, was Rassismus ist, wie ein Deutscher aussieht und wer die deutsche Kultur auf deutschen Bühnen mit seinem Gesicht zu vertreten hat.

Der humanistisch gebildete, Menschen verschiedenster Herkunft zu seinem Freundeskreis zählende und in Political Correctness ebenso wie in Fremdsprachen bewanderte deutsche Durchschnittsbürger unterliegt immer wieder dem grausamen Irrtum, Rassismus sei ein Phänomen, das sich ausschließlich im Denken und Handeln Keulen schwingender Neonazis und rechtsextremer NPD-Volksverhetzer offenbart. Dieser Glaube ist genauso falsch wie fatal; da sich kein zivilisierter Mensch den oben genannten Gruppen zuordnen würde, schon gar nicht als Kunstschaffender mit bildungspolitischem Auftrag, können alle folgerichtig niemals Rassisten sein. Dem zugrunde liegt der unerschütterliche Glaube, um rassistisch zu denken und zu handeln bedürfe es eines bösartigen und vor allem bewusst gefassten Entschlusses. Dem ist nicht so.

Tatsächlich sind rassistisch motivierte, verbale und handgreifliche Gewalttaten, im Vergleich zum tagtäglich praktizierten, ihre Wirkung auf allen Ebenen unserer Gesellschaft entfaltenden, strukturellen und institutionellen Rassismus, die Ausnahme. Man muss kein Neonazi sein, um rassistisch zu handeln, genauso wie man kein Frauenhasser sein muss, um Frauen zu diskriminieren. Rassistische Strukturen werden von denen, die sie geschaffen haben, als normal empfunden, genauso wie die ungleiche Behandlung von Frauen lange Zeit gesellschaftlich sanktioniert war. Das, und nur das, ist der Grund, warum struktureller und institutioneller Rassismus in diesem Land nicht auch konsequent als solcher benannt wird: weil er Normalität ist.

Oder noch prägnanter, für die ganz hektischen Alpha-Recherchierer/innen:

Sich schlau machen –  oder die Klappe halten

Dazu aufzufordern, man möge bitte mit Schuhcreme oder Kohle beschmiert im Studio erscheinen, um „Jim Knopf“ darzustellen, ist eine gedankenlose Schwachsinnsidee, direkt aus der Unterhaltungsbranche der Fünfziger Jahre. Das Re-Enactment, die ritualisierte Wiederaufführung einer diskriminierenden Praxis, sorgt bis heute dafür, dass nicht-weiße Kinder sich in der Schule von „witzigen“ Mitschüler/innen fragen lassen müssen, ob sie Dreck oder Schuhcreme im Gesicht haben. Wer einen Funken Empathie für diese Kinder und ihre Eltern hat, schmiert sich keine Schuhcreme ins Gesicht, um damit „Schwarze“ zu imitieren. Das ist keine Frage von Rassismusdefinitionen, sondern eine Frage von Respekt, Mitmenschlichkeit – whatchumicallit – Anstand?

Als jemand, der also keine andere Sprache so gut beherrscht (sic!) wie diese hier, der hier lebt und aufgewachsen ist, der keine andere Staatsbürgerschaft besitzt und der sich dennoch mehr als 20 Jahre lang von jedem zweiten Dorftrottel unaufgefordert hat fragen lassen müssen, wo er denn wohl herkomme (das hört dann irgendwann auf, wenn man grauer wird, Auto fährt und Anzug trägt, zumindest wenn man „nur“ schwarze Haare hat – und nicht gleich die „passende“ Hautfarbe), kann ich nur sagen: Ich bin es leid, diese Diskussionen zu führen. Wer es nicht kapieren will, will es eben nicht kapieren. Dann kann man aber bitte auch einfach die Klappe halten, wenn es darum geht, was Rassismus ist. Ich kontrolliere im Gegenzug auch keine Arier-Ausweise. Versprochen.

Alle Beiträge auf Publikative.org zum Thema „Blackface“:  http://www.publikative.org/?s=blackface&x=-1104&y=-191

One thought on “Don’t call me white, Markus!

  1. Mein Vorschlag für die kommende Sendung in Karlsruhe als Stadtwette:
    Gesucht werden Heidegger vorlesende Fußballer. Alternativ kann die AfD kickende Sloterdijk Vorleser auftreiben. Als prominenter Wettpate halte ich Winnie Schäfer geeignet, der ist schließlich blond und blauäugig.

    Im anschließenden Sportstudio berichtet Rudi Gutendorf dann wie oft er nach seinen Sprachkenntnissen gefragt wurde.

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