Die konformistische Rebellion

Bei der Bundestagswahl kratzt die AfD an der Fünf-Prozent-Hürde. In Berlin-Hellersdorf sahnt die NPD mit Hetze gegen Flüchtlinge mehr als zehn Prozent ab. Thilo Sarrazin ist salonfähig – und während Politik und Medien vor neuen »Flüchtlingswellen« warnen, füllen Frei.Wild mit bierseligem Identitätsrock die großen Hallen. Alles nur isolierte Phänomene – oder Zeichen eines oft beschworenen Rechtsrucks der Gesellschaft?

Von Patrick Gensing, zuerst erschienen im Spex No. 349

Berlin-Mitte, 22. September 2013: Wenige Sekunden nach 18.00 Uhr bricht Jubel aus. „Jetzt geht‘s los, jetzt geht‘s los“, skandieren Männer in Anzügen und Frauen in Abendgarderobe.  Auf der Wahlparty der Alternative für Deutschland im Maritim Hotel herrscht allerdings eher trotzige als triumphale Stimmung. Immerhin hatte die AfD-Spitze ein Ergebnis von sieben bis acht Prozent ausgegeben, manche träumten von einem zweistelligen Resultat.

AfD-Wahlplakat in Hamburg (Foto: Patrick Gensing)
AfD-Wahlplakat in Hamburg (Foto: Patrick Gensing)

Richtig laut wird es erst wieder, als Bernd Lucke das Mikrofon ergreift. Der 51-jährige Parteichef und Ökonomie-Professor geht in die Vollen: “Meine Damen und Herren, wir haben so viel an Entartungen von Demokratie und Parlamentarismus in den letzten vier Jahren erlebt!“ Eine AfD-Anhängerin erklärt in eine der vielen Fernsehkameras, sie sei froh, dass „so viele Deutsche erwacht sind“.

Deutsche, die erwachen? „Entarteter“ Parlamentarismus? Der Begriff Entartung ist zwar auch aus der Physik oder Medizin bekannt, Lucke benutzt ihn aber eindeutig im politischen Kontext. Und in diesem Zusammenhang ist der Begriff vor allem aus der NS-Zeit bekannt. Lucke dürfte das wissen, er ist ein hochgebildeter Mann.

Auf Nazi-Veranstaltungen im Bierkeller würde man solche Sprüche sicher erwarten, doch im Maritim Hotel? Lucke scheint ein Weltbild zu pflegen, das von keiner Gesellschaft aus Individuen ausgeht, sondern diese als einen Organismus ansieht. In einer ARD-Talkshow bestätigt er wenige Tage später diesen Eindruck, als er die „Entartungen“ der Demokratie mit einem Krebsgeschwür vergleicht.

Biedermänner – selten war der Begriff passender als bei der  AfD. Lucke personifiziert die konformistische Rebellion: Familienväter, die seriös und harmlos auftreten, sich aber gleichzeitig als mutige Tabubrecher inszenieren. Lucke präsentiert sich den Anhängern als Querdenker, der „Mut zur Wahrheit“ habe.

Sein Lebenslauf ist hingegen wenig rebellisch: Mehr als 30 Jahre war Lucke Mitglied der CDU, sein Studium wurde durch Stipendien großer Stiftungen gefördert, er schrieb in der FAZ. Aber eine Rebellion in Deutschland kann wohl nur dann erfolgreich sein, wenn sie ordentlich angezogen und manierlich daherkommt. Radikale Inhalte, bürgerliche Verpackung. Wenn AfD-Anhänger dann im Netz agieren, fällt allerdings oft auch die verbindliche Verpackung. Übrig bleiben Ressentiments und Pöbeleien.

Elite für die Elite

Im Juni 2013 geht es beim „Verein Berliner Kaufleute und Industrieller“ gesitteter zu. Der Verein selbst beschreibt sich „ALS NETZWERK, ALS SCHRITTMACHER, ALS DENKFABRIK UND ALS FORUM“. Die Diskussion zum Thema „Euro gerettet, Deutschland ruiniert“ wird von Sarrazin moderiert, als Gast ist AfD-Chef Lucke dabei. Das passt, denn die AfD ist der Partei gewordene Sarrazin-Kult. Ein Kult, der in Deutschland nicht nur salonfähig ist, sondern hier zu Hause ist.  Die Elite für die Elite. Nur durch Parolen, die an nationalistische Gefühle appellieren, ist es möglich, das Programm auch Wählern zu verkaufen, die sonst mit marktradikalen Ideen so gar nichts am Hut haben.


Neben dem Euro sind bei der AfD Einwanderung und Islam prägende Themen. Die Helden dieser Bewegung verwahren sich empört dagegen, irgendwelche Ressentiments zu bedienen; sie stünden in der Mitte, betonen sie immer wieder. Das stimmt, sie bewegen sich in der Mitte der Gesellschaft – erhalten dafür aber auffällig viel Beifall von ganz Rechts. Sie wettern gegen etablierten Parteien und mediale Meinungskartelle, viele AfD- Anhänger sprechen in Anlehnung an die DDR von Blockparteien, öffentlich-rechtliche Sender werden als „zwangsfinanzierter Staatsfunk“ bezeichnet, die EU gerne EUdSSR genannt. „Linksfaschisten“ und „Gutmensch“ sind gängige Begriffe – ein AfD-Kandidat fordert auf einem Wahlplakat, „die Antifa“ verbieten zu lassen.

Termini und Parolen, die man bislang nur aus rechtsradikalen Publikationen kannte, werden in den Mainstream getragen. Die AfD klingt wie ein parteigewordenes Internet-Forum. Hier dominiert die digitale die reale Welt.

Schicksalsfragen

AfD-Anhänger schimpfen auf die Etablierten – und ignorieren, dass ihre Partei genau von dieser Klientel geführt wird: Rechtsanwälte, Selbstständige, Professoren. Sie verpacken ihre marktradikalen Ideen in nationaler Rhetorik und schüren gezielt Ängste: Es gehe um Deutschlands „Schicksalsfragen“, Deutschland dürfe nicht weiter für die Südländer bezahlen, der Euro ruiniere „uns“ alle. Dazu geht die AfD mit dem Thema Einwanderung, die nicht „in Hartz IV“ stattfinden dürfe, auf Stimmenfang. Ein typischer Mix bei Rechtspopulisten.

Konrad Adam (links), Frauke Petry und Bernd Lucke bei der Verkündung des Wahlergebnisses der Sprecherwahl beim Gründungsparteitag der Alternative für Deutschland (AfD) am 14. April 2013 in Berlin (Foto: Mathesar)
Konrad Adam (links), Frauke Petry und Bernd Lucke bei der Verkündung des Wahlergebnisses der Sprecherwahl beim Gründungsparteitag der Alternative für Deutschland (AfD) am 14. April 2013 in Berlin (Foto: Mathesar)

Auch andere Rechte präsentieren sich gerne als Opfer der „linken Gesinnungspolizei“ in den Medien. Das Gefühl, gegängelt und mundtot gemacht zu werden, obwohl man sich permanent in einer großen Öffentlichkeit äußert, scheint tief in den Köpfen verankert zu sein und ein bestimmtes Gefühl anzusprechen – irgendwo zwischen Selbstmitleid, Selbstüberschätzung und Lust auf Verschwörungslegenden. Das gilt für Sarrazin, aber auch Günter Grass bemühte dieses Motiv, als er lustvoll über Israel als größte Gefahr für den Weltfrieden dichtete und sich nicht entblödete, die heutige Medienlandschaft mit der Zensur in der Nazi-Zeit in Verbindung zu bringen.

„Heut gibt es den Stempel, keinen Stern mehr“

Frei.Wild nach Echo Ausladung, Foto: Jesko Wrede.
Frei.Wild nach Echo Ausladung, Foto: Jesko Wrede.

Durch die großen Hallen Deutschlands hallen ähnliche Parolen: „Nichts als Richter, nichts als Henker – Keine Gnade und im Zweifel nicht für dich – Heut gibt es den Stempel, keinen Stern mehr“, grölen Tausende Frei.Wild-Fans bei den Konzerten. Die Band behauptet, sie seien überhaupt nicht rechts, eigentlich unpolitisch.

Ihre Texte erzählen eine andere Geschichte: Ein dumpfes Wir-Gefühl wird transportiert, Frei.Wild bieten nicht nur einfache Erklärung für komplexe Probleme, sondern schweißt die Fans zu einer Gemeinschaft zusammen – „Feinde deiner Feinde“ haben sie ihre jüngste CD getauft.  Bei den Gigs recken wütende junge Männer trotzig ihre Fäuste in die Luft und schwören, nie aufzugeben. Schuld an der eigenen Misere sind auch hier linke Gutmenschen, etablierte Politiker sowie „die“ Medien. Von denen fühlt sich auch die Band schlecht behandelt – und rief daher eine eigene Webseite ins Leben: „Die Macht der Medien“. Hier werden Presseberichte in gut und schlecht eingeteilt – so wie der ganze Frei.Wild-Kosmos von einem klaren Freund-Feind-Denken geprägt ist.

Übrigens haben auch AfD-Anhänger eine eigene Webseite aufgesetzt, um gegen die „mediale Hetze“ vorzugehen. Sogar eine Art Internet-Pranger für Journalisten gibt es hier; die Parteispitze distanzierte sich zwar, doch auf der eigenen Facebook-Seite bewirbt man die Seite bis heute.

Tragischer Held

Die Figur des tragischen Helden, der gegen übermächtige und hinterlistige Feinde aufrecht für die eigene Sache kämpft, ist ein zentrales Leitbild der Rechten. Frei.Wild sind einerseits die anständigen Schwiegermütter-Typen, andererseits entwerfen sie das Selbstbild des Rebellen, was exakt dem transportierten Selbstbild vieler AfDler entspricht. Frei.Wild stilisiert sich sogar zu Juden von heute, so wie die Textzeile vom Stempel statt Stern zeigt – eine offene Anspielung auf den Judenstern in der NS-Zeit. Dass die Band damit die Judenverfolgung in Nazi-Deutschland offenkundig gnadenlos relativiert, spielt keine Rolle, passt aber ins Bild, wenn die Band textet, es gebe „Tabus“ und „gewisse Themen“ seien verboten. Frei.Wild propagieren zudem offen eine Blut-und-Boden-Ideologie:

Wo soll das hinführen, wie weit mit uns gehen, selbst ein Baum ohne Wurzeln kann nicht bestehen. Wann hört ihr auf, eure Heimat zu hassen, wenn ihr euch Ihrer schämt, dann könnt ihr sie doch verlassen.

Wer seine Heimat nicht liebt, soll verschwinden. Kritik wird nicht akzeptiert, weil sie den „Volkstod“ verursachen kann. Parolen, wie man sie von Neonazis wie den „Unsterblichen“ oder der NPD kennt – aber nicht aus den deutschen Charts.

„Antifa-Huren“

Mönchengladbach, Gästekurve des Borussiaparks im September 2013: Hier müssen sich Ultras aus Braunschweig ähnliches anhören. Sie hatten öffentlich gemacht, dass bei der Eintracht rechtsradikale Fans in der Kurve aktiv sind. Damit machten sie sich weder bei Funktionären noch in Teilen der eigenen Szene sonderlich beliebt. Beim Auswärtsspiel in Mönchgladbach trauen sich die antirassistischen Ultras dann wieder in die Eintracht-Kurve. Dort werden sie als „Antifa-Huren“ oder „Judenfotzen“ beschimpft, bespuckt und getreten. Eine Meute von mehreren Dutzend Schlägern will sie aus dem Stadion prügeln. Polizei und Ordnungsdienst müssen die Gruppe schützen.

Transparent der Kölner Ultras Coloniacs. (Foto: www.coloniacs.com/)
Klare Worte der Kölner Ultras Coloniacs an Aachen, 2011 (Foto: www.coloniacs.com/)

Schließlich verlassen die antirassistischen Ultras ganz im Sinne von Frei.Wilds Text die „Heimat“, die eigene Kurve, und suchen Zuflucht auf der Tribüne, auf der Gladbacher Zuschauer sitzen.  Die Eintracht versichert immer wieder, man nehme dieses Problem ernst. Um das Engagement glaubwürdiger zu machen, belegte man NPD-Chef Holger Apfel mit einem Stadionverbot, nachdem er zuvor jahrelang Gast bei der Eintracht war. Viele Beobachter werteten dies als Alibiaktion – und sie sollten Recht behalten. Denn nach dem Eklat von Gladbach verkündet der Verein, “Null Toleranz bei Gewalt, Rassismus und Rechtsextremismus” zeigen zu wollen – und untersagt ausgerechnet der sich selbst als anti-rassistisch verstehenden Ultragruppe, die beim Auswärtsspiel angegriffen wurde, ins Stadion von Braunschweig zu gehen.

Auch in Aachen und Dortmund sorgten rechtsradikale Schläger für Schlagzeilen, als sie linke Fans jagten und verletzten. Doch im Gegensatz zu früheren Jahren zeigen diese Konflikte, dass in den meisten Kurven längst keine rechte Dominanz mehr möglich ist, viele Fanszenen positionieren sich klar antirassistisch. Die bundesweite Protestaktion 12:12, bei der der „12. Mann“ die ersten 12 Minuten der Spiele schwieg, zerbrach unter anderem daran, dass linke Fangruppen nicht mit rechtsoffenen Szenen an einem Tisch sitzen wollten.

„Braunes Pack aus den Kurven prügeln“

Dass Rechtsradikale in vielen Kurven nicht mehr oder nur noch weniger zu melden haben, ist vor allem ein Verdienst der oft kritisierten Ultra-Bewegung. Der Präsident von Eintracht Frankfurt, wo in früheren Jahrzehnten braune Banden berühmt-berüchtigt waren, brachte die Entwicklung in einem Interview mit den „11 Freunden“ auf den Punkt:

„Das braune Pack sollte jede anständige Kurve selbstständig aus dem Block prügeln. Das haben wir früher so gemacht, das wird in Frankfurt heute noch so gemacht. Und da bin ich stolz drauf. Deswegen haben wir eine so große und bunte Szene.“

Erfurt, August 2013: Rund 25 Neonazis verlieren sich beim Auftakt des NPD-Bundestagswahlkampfs in Thüringen. Mehr als 300 Personen demonstrieren gegen das braune Häuflein. Die NPD setzt gerade auf das Thema Muslimfeindlichkeit, ihre Kundgebung findet unweit einer Moschee statt, auch mehrere Geschäfte von Migranten liegen nur wenige Gehminuten entfernt. Mit dem Motto „Aus Liebe zum Tier“ will sich die NPD als Tierschutzpartei präsentieren, um gegen nach religiösen Regeln (“Halal”) verarbeitete Produkte zu hetzen. Als Wahlkampfgeschenk bieten die Neonazis Bratwürste aus Schweinefleisch an. Parallelen zur Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ drängen sich geradezu auf. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe kommen ebenfalls aus Thüringen – und Neonazis feiern ihre Taten mit Parolen wie „Killer-Döner nach Thüringer Art“.

Doch die NPD steht bei ihren Veranstaltungen und Aufmärschen fast immer einer Vielzahl von Gegendemonstranten entgegen. Auch und gerade in Ostdeutschland können Neonazis längst nicht mehr so selbstverständlich agieren wie in den 1990er Jahren. Nicht nur Antifa-Gruppen mobilisieren gegen die braunen Subkulturen, sondern auch Kommunalpolitiker und Bürger haben vielerorts erkannt, dass Neonazis ein Problem darstellen, das durch Ignorieren nicht verschwindet. Erfolgreich sind die Neonazis dort, wo sie den Schulterschluss mit Teilen der Bevölkerung erreichen, beispielsweise wenn es um die „Todesstrafe für Kinderschänder“ geht – oder gegen ungeliebte Minderheiten.

NPD nimmt Friedrichs Vorlage auf

In den Monaten vor der Bundestagswahl thematisiert Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich immer wieder die Zahl der Asylbewerber, spricht von „alarmierenden Zahlen“ und warnt regelmäßig  vor „wirtschaftlichen“ Belastungen für Deutschland. In der „Bild“-Zeitung droht er „Wirtschaftsflüchtlingen“, ihnen werde das Bargeld gekürzt. Er zeichnet dabei ein Bild von Flüchtlingen, die nur nach Deutschland kommen, um an „unser“ Geld zu kommen. Die NPD springt gerne auch auf diesen Zug auf, hetzt im Wahlkampf gegen “kriminelle Zigeuner” und fordert auf Plakaten, kein Geld für Roma zu zahlen.

Gespentische Szenen in Schneeberg: Die NPD mobilisierte gegen Flüchtlinge, Hunderte Menschen folgten dem Aufruf. (Foto: Marcus Fischer)
Gespentische Szenen in Schneeberg: Die NPD mobilisierte gegen Flüchtlinge, Hunderte Menschen folgten dem Aufruf. (Foto: Marcus Fischer)

Der Zentralrat der Sinti und Roma fordert daher die Regierung zum Handeln gegen die Hetze auf. Es könne über 60 Jahre nach dem Holocaust nicht mehr zugelasssen werden, dass Angehörige einer Minderheit aufgrund ihrer bloßen Abstammung gesellschaftlich ausgegrenzt werden, schreibt der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, an die Bundesregierung. Bundesweit würden Sinti und Roma Tausendfach mit Plakaten und Flugblättern bedroht und diffamiert („Geld für die Oma statt für Sinti und Roma“, „Zigeunerflut stoppen!“ mit der Abbildung von Waffen, wie Pistole und Messer).  Der Zentralrat habe innerhalb weniger Tage Hunderte von Anrufen besorgter Sinti- und Roma-Familien aus ganz Deutschland erhalten, die wegen der entsprechenden NPD-Plakate, die auf den Schulwegen ihrer Kinder gerade in den kleineren Orten massiv plakatiert sind, emotional aufgebracht und unmittelbar betroffen seien, betont Rosi. Diese öffentliche Aufhetzung durch die NPD  löse bei den älteren Menschen, die den Holocaust überlebt haben, wieder massive Ängste aus, erklärte der Zentralratsvorsitzende. Sein Appell zum Handeln verhallt folgenlos.

Frisches Geld vom System

21. September 2013: Bei der Bundestagswahl holt die NPD gerade einmal 1,3 Prozent der gültigen abgegebenen Stimmen. Ihr Wahlziel erreicht sie aber: Die Neonazis kassieren Hunderttausende Euro aus der Wahlkamfkostenerstattung. Die AfD, die im Wahlkampf auf Parolen gegen den Euro und gegen „ungeordnete Einwanderung“ setzte, zieht fast in den Bundestag ein, kommt auf 4,7 Prozent. In Berlin-Hellersdorf triumphiert die NPD, gewinnt in einigen Wahllokalen bis zu zehn Prozent. Die Hetze gegen Flüchtlinge hat sich gelohnt.

Neonazi-Glatzen beim Aufmarsch der Partei "Die Rechte" in Berlin-Lichtenberg. (Foto: Oliver Feldhaus)
Neonazi-Glatzen beim Aufmarsch der Partei „Die Rechte“ in Berlin-Lichtenberg. (Foto: Oliver Feldhaus)

Jürgen Trittin von den Grünen vergleicht die Situation in Hellersdorf mit der in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda Anfang der 1990er Jahre: „Da ist ein von Rechtsradikalen aufgehetzter Mob, der gegen die Anwesenheit der Flüchtlinge demonstriert.“ Was Trittin ausblendet: Der Mob wurde in den 1990er Jahren vor allem auch von Politik und Medien aufgehetzt: Aggressive Rhetorik gegen Flüchtlinge heizten die gesellschaftliche Atmosphäre aus Nationalismus und Rassismus weiter auf. Aus Schlagworten wurden Brandsätze. Eine ganze Generation von jungen Neonazis lernte damals: Mit Gewalt lässt sich einiges erreichen, mit Mollies lassen sich Flüchtlinge vertreiben – und viele Bürger finden das eigentlich gut.

Zu dieser Generation Hoyerswerda gehören auch Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Der NSU interpretiert sich, das zeigt das Bekennervideo, als Vollstrecker des geheimen Volkswillens. Die NSU-Terroristen gingen offenkundig davon aus, eines Tages für ihre Taten gefeiert zu werden.

„Kriminelle Flüchtlinge“

Doch Lichtenhagen und Hoyerswerda sind nicht Hellersdorf. Hier engagieren sich Bürger und Antifas gegen die Neonazis. Dennoch sind die Ressentiments gegen Asylbewerber weiter weit verbreitet – bundesweit: So ergab eine Umfrage von Infratest dimap, dass 35 Prozent aller Bürger „große oder sehr große Probleme“ damit hätten, wenn in ihrer Nachbarschaft ein Asylbewerberheim entstehen würde. 44 Prozent der Befragten, die sich ablehnend äußerten, befürchten demnach bei der Einrichtung eines Asylbewerberheims erhöhte Kriminalität.

Als sich die Öffentlichkeit aber zunehmend für die Not der Menschen in Syrien interessiert, lenkt die Bundesregierung kurz vor der Wahl ein und sagt zu, 5000 Syrer aufzunehmen. Nun lässt es sich Innenminister Friedrich nicht nehmen, auf dem Flughafen Hannover aufzutreten, um öffentlichkeitswirksam die erste Gruppe der Menschen aus Syrien zu begrüßen. Dankbar schütteln Männer mit kleinen Kindern auf dem Arm dem Minister die Hand. Deutschland ist ein zivilisiertes und hilfsbereites Land – so die Botschaft.

Distanzierungsorgien

Zum Selbstbild der Berliner Republik gehört vor allem eins: Deutschland habe seine Lektion aus der Vergangenheit gelernt, braunes Gedankengut habe hier nichts zu suchen. Ob AfD, Frei.Wild oder ausländerfeindliche Bürgerinitiativen – alle distanzieren sich ständig davon, etwas mit Rechtsextremismus zu tun zu haben.

Neonazistisch ist zum Synonym für Rassismus und Chauvinismus geworden, solche Einstellungen lassen sich so einfach und bequem bei den braunen Schmuddelkindern entsorgen, gutbürgerliche Rechtspopulisten können sich leicht als Biedermänner inszenieren: Sie grenzen sich von Neonazis ab, die als Bösewichte, eine solche Distanzierung reicht zumeist, um selbst unverdächtig harte Ressentiments verbreiten zu können.  Auch nach dem NSU-Skandal wird so getan, als gebe es Rassismus nur bei der NPD – dabei waren es Politik, Polizei und Medien, die sich nicht um die Opfer kümmerten, sondern sie verdächtigten.

Da lacht das Herz des rechten Wutbürgers: Sarrazin, Herrman, Scholl-Latour
Da lacht das Herz des rechten Wutbürgers: Sarrazin, Herrman, Scholl-Latour

AfD, Frei.Wild und Sarrazin füllen Säle und Hallen, sie verbreiten ihre Ressentiments in der großen Öffentlichkeit. Es ist normal geworden, zu fordern, dass das eigene Land seine Interessen kompromisslos durchsetzen müsse. Auf Kosten von Minderheiten lässt sich viel Geld verdienen. Begriffe wie Rasse wird man hier vergeblich suchen, die Zeit für dumpfe NS-Menschenkunde ist vorbei. Es gehört zum Grundkonsens der Berliner Republik, den Nationalsozialismus zu verdammen. Daher schrumpft die NPD, auf ihren Veranstaltungen tummelt sich zumeist ein trauriges Häufchen von gescheiterten Existenzen. Im Gegensatz zu den 1990er Jahren ist der militante Rechtsextremismus gesellschaftlich geächtet. „Gegen Nazis“ zu sein, ist heute schon fast Volkssport.

Ressentiments als mutige Wahrheit

Doch während damals die Floskel Standard war „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…“, werden nun Ressentiments und Vorurteile heute erfolgreich als mutige Wahrheiten verkauft – und zwar auch in der Mittel- und Oberschicht: „Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass…!“ Dieser Satz fasst die Strategien der Rechtspopulisten und Rechtsradikalen zusammen: Mutig stemme man sich gegen angebliche Tabus und spreche doch nur die Wahrheit aus. Die AfD hat diese Strategie fast in den Bundestag gebracht. 2014 tritt sie zur Europawahl an – und wird wahrscheinlich ins Parlament einziehen, da keine Fünf-Prozent-Hürde gilt.


Hamburg, September 2013: Bei einer Diskussionsveranstaltung zum NSU erzählt mir der Filmemacher Ayhan Salar, die größte Ablehnung und die meisten Vorurteile habe er in gutbürgerlichen Kreisen erlebt. So lange Türken, Griechen und andere Migranten einfache Arbeiter waren, habe man nichts gegen sie gehabt. Doch Salars Generation, in den 1960er und 1970er Jahren geboren, hat längst den Marsch durch die Institutionen angetreten, sie sind Anwälte, Medienmacher oder Politiker. Das mache dem deutschen Bürgertum Angst, meint Salar. Besonders viele Deutsch-Türken haben schlicht keine Lust mehr, sich mit kleingeistigen Diskussionen über Integration abzukämpfen. Sie verlassen Deutschland.

Die neue deutsche Härte

Gibt es also einen Rechtsruck? Ja und Nein.  In früheren Jahrzehnten waren es militante Neonazis, die „Ausländer“ aus ihren Dörfern prügelten. Heute geht das subtiler. Mit offenem Neonazismus ist in Deutschland kein Blumentopf zu gewinnen, doch mit Chauvinismus und offene Vorurteilen gegen Türken, Muslime und andere Minderheiten lässt sich viel Geld verdienen – Bücher, CDs, Wahlerfolge.

Welche Konsequenzen die neue deutsche Härte des Bürgertums haben kann, lässt sich nur erahnen. Der Rechtsterrorist Anders Breivik hat gezeigt, was ein radikalisierter Einzeltäter anrichten kann, wenn er meint, als Verteidiger der eigenen Kultur und Nation zu den Waffen greifen zu müssen.  Es ist die Geschichte von Biedermännern und Brandstiftern, die sich zu wiederholen droht. Der rechte Rand in der Bundesrepublik ist bürgerlicher geworden. Eine gute Nachricht ist das nicht.

Dieser Text erschien in der Spex No. 349. Die neue Spex erscheint am 15. Dezember 2013.

42 thoughts on “Die konformistische Rebellion

  1. Lieber David,

    du hattest es doch eigentlich „schön“ zusammengefasst:

    „Unterschiedlicher Meinung sind wir in folgendem:
    Ich meine, Worte unserer Sprache haben Bedeutungen, die wir uns nicht durch Nazis oder eifrige “linksgrüne” Sprachdeuter (die neuerdings sogar alte Kinderbücher attackieren) zerstören lassen sollten.
    Es ist die Sprache unseres Volkes und die Basis unserer Kultur!“

    Du stellst Nazis und „Linksgrüne“ auf eine Stufe. Das ist natürlich mehr als unsachlich. Startest einen persönlichen Angriff nach dem anderen: „…oder beten sie nur dem Autor nach?“

    Missionieren willst du offensichtlich nicht. Das ist ja schon mal angenehm. Ich denke auch du wirst für dein Verständnis von Volk und deine Art der Kultur, so wie du sie in deinen Kommentaren darbietest, hier keine Anhänger finden. Eher bestätigst du uns nur.

    Vielleicht muss man auch überflüssigerweise nochmal betonen: das Interesse an der AfD ist eher theoretischer, gesamtgesellschaftlicher oder historischer, als persönlicher Natur. Die Anfeindungen der AfD in der Öffentlichkeit, gegen alles was nicht bei 3 auf den Bäumen ist, reichen allemal aus. Niemand ist verpflichtet sich damit noch die eigenen Kommentarspalten zuzukleistern.

    Für mich gilt auch: einig sind wir uns nur, daß wir uns uneinig sind. Ein Interesse das zu ändern besteht meinerseits nicht. Also können wir das gern beenden, wie schon zuvor gesagt worden ist.

    Grüße

Comments are closed.