Der Fall Andreas T.

Auch nach der erneuten Befragung des ehemaligen Verfassungsschützers Andreas T. beim NSU-Prozess bleiben viele Fragen offen. Angehörige der Opfer sind erbost, dass Ermittlungsakten zu T. nicht für den Prozess freigegeben werden. Aus Dokumenten soll zudem hervorgehen, dass auch im Büro des Geheimdienstmitarbeiters Nazi-Literatur gefunden wurde. Doch Beweise für eine Mitwisserschaft fehlen weiterhin.

Von Patrick Gensing

Screenshot aus dem NSU-Bekennervideo (Publikative.org)
Screenshot aus dem NSU-Bekennervideo (Publikative.org)

Seit Monaten wird immer wieder über den ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Andreas T. berichtet. Hintergrund ist, dass T. in dem Internet-Café war, als der 21-jährige Halit Yozgat am 6. April 2006 in Kassel erschossen wurde. Weitere Besonderheit: Nach diesem Mord tötete der NSU nicht mehr Migranten, sondern verübte angeblich noch den Anschlag auf die Polizisten Marc Arnold und Michelle Kiesewetter, bei dem die Polizistin getötet wurde. Ihr Kollege überlebte schwer verletzt.

Warum der NSU seine Anschlagsziele veränderte, ist ungeklärt. Man könnte spekulieren, dass beim Mord in Kassel etwas schief gelaufen sei. Doch selbstverständlich sind auch andere Motive denkbar, beispielsweise eine interne Diskussion, wonach man nun „das System“ und seine Repräsentanten direkt angreifen sollte.

Weitere Besonderheit: Bei keinem anderen Mordanschlag war nach bisherigen Erkenntnissen ein Mitarbeiter des Geheimdienstes am Tatort. Andreas T. will in dem Internet-Cafè auf der Flirt-Plattform iLove.de gechattet haben. Wildman70 aus Kassel beschrieb sich dort selbst als Single, der sich unter anderem für Literatur, Internet und Kochen interessiere. Der Verfassungsschützer gab sich als Selbstständiger mit abgeschlossenem Studium aus.

"Wildman70" bei iLove / Foto: Publikative.org
„Wildman70“ bei iLove / Foto: Publikative.org

Offenbar war T. tatsächlich des Öfteren zu Gast in dem Internet-Café, um zu chatten. Ob das für oder gegen ihn spricht, was eine angebliche Mitwisserschaft angeht, sei dahingestellt. Klar ist lediglich, dass bislang kein einziger Beweis gegen T. bekannt ist – obwohl gegen ihn ausführlich ermittelt wurde.

Er galt als Tatverdächtiger, doch zunächst musste die Polizei ihn ausfindig machen, denn T. meldete sich erst einmal nicht als Zeuge – wie man es von einem Mann, der die Verfassung schützen soll, erwarten dürfte. Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig, da der Verfassungsschutz diese verschleppte und behinderte, wie unter anderem im NSU-Ausschuss durch die Aussagen ehemaliger Geheimdienstler aus Hessen sowie durch den ehemaligen Innenminister Volker Bouffier erschreckend deutlich wurde.

Der Neonazi Benjamin G., der Informationen an den Geheimdienst verkaufte, durfte gar nicht direkt von der Polizei befragt werden. Einige Ermittler zweifeln bis heute an der Unschuld von T., Beweise für eine Mitschuld oder Mitwisserschaft konnten aber auch sie nicht erbringen.

Nazi-Literatur

Die Spekulationen über T. halten sich unter anderem so hartnäckig, weil bei Durchsuchungen bei T. nicht nur in seinem Elternhaus Hinweise auf Nazi-Gedankengut gefunden wurde, sondern laut mehreren Medien auch in dessen Büro:

„In T.s Büro fanden sich Bücher wie „Lehrplan für die weltanschauliche Erziehung der SS“, ein Lehrplan des SS-Hauptamts oder „Judas Schuldbuch“. In dem 1923 erschienen Buch verknüpfte der damalige Staatssekretär Paul Bang Ereignisse wie den Ersten Weltkrieg, die deutsche Novemberrevolution 1918 und Wirtschaftskrisen mit Ereignissen, die von Juden verschwörerisch ausgeheckt und gesteuert worden seien. Das Pamphlet wurde 30 000 mal gedruckt. Kaum vorstellbar, dass Quellenführer T. dieses Buch brauchte, um einen Spitzel in der rechtsextremen Szene abzuschöpfen.“

Diese Information ist bislang nicht gesichert, doch selbst wenn sie sich bestätigen sollte, beweist dies ebenfalls mitnichten eine Mittäter- oder Mitwisserschaft – es macht den Fall nur noch etwas dubioser. T.s Frau versicherte hingegen bei Panorama, ihr Mann sei auf keinen Fall „rechts eingestellt“.

Kontakte zu B&H

Auch die Kontakte von Benjamin G., der Quelle von T., in die lokale Neonazi-Szene lässt aufhorchen. So war dessen Stiefbruder nach G.s Aussage Anführer der Kameradschaft Kassel. Dieser hatte zudem Kontakte ins Blood & Honour-Netzwerk, das als wichtiger Teil des Unterstützernetzwerks der NSU-Terroristen gilt.

Bei einem Konzert 2006 in Kassel, über das G. berichtete, aber bei dem er nicht anwesend gewesen sein will, sollen Neonazis aus NRW, aus deren Umfeld der Brieffreund von Beate Zschäpe kommt, sowie laut einer Zeugenaussage auch Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vor Ort gewesen sein.

G. arbeitete seit 2001 für den Verfassungsschutz Hessen; er berichtete über die Neonazi-Szene, sein Hauptansprechpartner war Andreas T. Ausgerechnet am 6. April 2006 rief mutmaßlich T. von einem Anschluss beim Verfassungsschutz knapp eine Stunde vor dem Mord an Halit Yozgat auf der Mobilfunknummer von G. an. Das Gespräch dauerte laut internen Akten exakt 688 Sekunden, also mehr als elf Minuten, was laut V-Mann G. sehr ungewöhnlich gewesen sei, da am Telefon sonst nur kurz Treffpunkte und Zeiten verabredet worden seien. Worum es in dem Gespräch ging, konnte er aber nicht erinnern.

Wenig später machte sich T. auf den Weg zum Internet-Café, wo dann der Mord verübt wurde.

Observationsbeamter

T., ein ausgebildeter Observationsbeamter, will weder den Schuss gehört, noch die Leiche hinter dem Tresen gesehen haben. Auch sonst habe er nichts wahrgenommen, kein Geruch, keine Geräusche – nichts. Eine Aussage, die auch beim Prozess in München für Ungläubigkeit sorgte.

Benjamin G. sagte mehrmals aus, er habe Andreas T. etwa drei Wochen nach der Tat getroffen und auf den Mord angesprochen. Dieser habe sehr nervös gewirkt, begann zu stottern. So habe er den Verfassungsschutzmann noch nie erlebt. In einem Fernsehinterview, bei seinen Aussagen vor dem NSU-Ausschuss und nun vor Gericht, erscheint Andreas T. deutlich weniger nervös. Er ließ sich weder von den bohrenden Nachfragen der Ausschussmitglieder noch von dem Richter aus der Ruhe bringen, seine umständlichen Formulierungen und Erinnerungslücken wurden zur echten Geduldsprobe.

Geheimdienst bezahlt Anwalt für Benjamin G.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Verfassungsschutz in Hessen und Benjamin G. endete im Jahr 2007. Im Jahr 2012 nahm der Geheimdienst jedoch wieder Kontakt auf und erteilte dem ehemaligen V-Mann eine Aussagegenehmigung für einen begrenzten Zeitraum seiner Tätigkeit, die sich auf T. bezieht. Zudem empfahl der Verfassungsschutz für die Befragung beim Generalbundesanwalt einen Rechtsanwalt, der G. begleiten sollte. Auch beim NSU-Prozess war der Anwalt dabei. Die Kosten übernahm der Geheimdienst.

Nachvollziehbar – kann man aus der Sicht des Geheimdienstes argumentieren, da G. keine Fragen beantworten soll, die er nicht beantworten muss. Aus der Perspektive der Nebenkläger dürfte es nur schwer zu verstehen sein, warum der Verfassungsschutz zunächst die Ermittlungen behinderte und nun einen Anwalt stellt, der die Aussage eines Neonazi-V-Manns möglicherweise ausbremst.

Ein Zwischenfazit

Also: Ein Verfassungsschützer war beim Mord an Halit Yozgat am Tatort, er meldet sich nicht als Zeuge, er will nichts gesehen haben, keinen Schwerverletzten, keine Blutspritzer – nichts. Er macht widersprüchliche Angaben. Seine Quelle, die Kontakte ins B&H-Netzwerk hatte, rief er kurz vor der Tat an. Aus diesem Stoff werden Verschwörungslegenden gestrickt – angesichts der geschilderten Vorgänge, die längst nicht vollständig sind, kein wirkliches Wunder.

Aber: Einen handfesten Beweis gegen T. gibt es weiterhin nicht. Möglich, dass er den Mord sehr wohl beobachtet hat, aber seine Anwesenheit verheimlichen wollte. Nicht ausgeschlossen, dass alles Zufall ist. Für viele Beobachter, auch für mich, erscheinen es etwas viele Zufälle, was aber lediglich Zweifel legitimiert, keine mediale Verurteilung.

Heute sollen Andreas T. und Benjamin G. beim NSU-Prozess in München weiter befragt werden.

Siehe auch:  VS-Observationsbeamter Andreas T.: Zur falschen Zeit am falschen Ort?Zwei Jahre NSU-Komplex: Viele Fragen noch offenMundlos-Vater: NSU wäre leicht zu finden gewesen

5 thoughts on “Der Fall Andreas T.

  1. Wenn Frau Zschäpe sich so verdächtig gemacht hätte, wie Andreas T., dann würde sie dafür wohl verurteilt werden, sicher medial.

    Die Kasseler Kriminalpolizei sagt, dass es niemals Interesse des Geheimdienstes zur Kooperation gab; Andreas T. wird auch heute mit aller Macht geschützt, Akten nicht freigegeben, alles als „Zufall“ abgetan. Dabei wäre die Identitäten seiner islamistischen Informanten von großem Interesse! Warum sind die Namen „Staatsgeheimnisse“ und werden medial nicht thematisiert?

    Der neueste „Zufall“ ist Kartenmaterial aus Kassel, welches in der Zwickauer “NSU-Wohnung” gefunden wurde. Es stammt vom Täterkreis, dort sind mögliche Anschlagsziele etwa mit “Ali” vermerkt.

    “Der Nebenkläger-Anwalt Kienzle hat herausgefunden, dass alle Markierungen, bis auf eine, auf den täglichen Fahrtrouten von T. zu finden sind. T. nämlich hatte in zwei Vernehmungen 2006 mitgeteilt, welche Strecken er üblicherweise täglich abfährt.

    “Von neun auf dem Kartenmaterial markierten möglichen Tatorten liegen fünf unmittelbar an der Fahrtstrecke zwischen Wohnort und Arbeitsstelle”, sagt Kienzle.” (welt)

    Was ist mit dem Zeugen, der Andreas T. mit einer Tüte das Cafe von Halit Yozgat betreten sah? “Ein schwerer Gegenstand” darin drückte sie durch. Er sagt weiter aus, dass erst nachdem T. nach 10-15 Minuten seinen Computer-Platz verließ, er ein “dumpfes Geräusch” hörte. Genau 10-15 Minuten später wurde tatsächlich Yozgat mit einer Ceska-Schusswaffe erschossen, bei der eine übergestülpte Plastiktüte leere Patronen auffing. Gerade dieser Zeuge erscheint, trotz dreier gerichtlicher Vorladungen, nicht beim NSU-Prozess. http://friedensblick.de/8372/nsu-prozess-wichtiger-zeuge-taucht-unter/

  2. Hallo Friedensblick,

    die Vorwürfe mit dem Kartenmaterial kenne ich, allerdings wurden diese teilweise auch wieder relativiert, weil die Pfeile nicht eindeutig zuzuordnen sind, bzw. ein mutmaßliches Ziel offenbar falsch markiert wurde auf der Karte. Dennoch ist das so ein weiterer „Zufall“ (im NSU-Komplex der zweitwichtigste Begriff neben „Panne“ 😉 )

    Die Nebenkläger versuchen selbstverständlich, jede Gelegenheit zu nutzen, um Druck in der Sache aufzubauen. Das ist nachvollziehbar und vollkommen richtig. Mir sind das auch viel zu viele Zufälle in den Geschichten von T., aber ich habe keine belastbare Theorie, was passiert ist.

    Ich kann natürlich eine fertige Theorie entwickeln, und alles, was passt, da einfügen – und anderes weglassen. Damit ist aber auch niemandem geholfen, außer mir selbst.

    Gruß
    Patrick Gensing

  3. @Friedensblick:
    Was sollten die Identitäten der islamistischen V-Leute zur Aufklärung des Falles beitragen können?

    Außerdem sind doch die damaligen Ermittlungsakten nur nicht zum Prozess zugelassen worden, können aber bei der Bundesanwaltschaft durch die Nebenklägervertreter vollumfänglich eingesehen werden, oder irre ich mich?

    Und das Wichtigste, was meiner Meinung nach gegen die Verschwörungstheorie spricht:
    Wenn T. tatsächlich verwickelt gewesen wäre, warum sollte er das Risiko eingehen, genau zu der Zeit des Mordes am Tatort zu sein? Er war ja bereits seit mehreren Monaten regelmäßig dort, um im Internet zu surfen. Somit fällt die Theorie, T. habe den Laden für den „NSU“ ausgekundschaftet, weg, denn das ginge auch mit einem oder zwei Besuchen vor der eigentlichen Tat.
    T.’s eigene Aussage, dass er sich aus reinem „Privatvergnügen“ in Online-Singlebörsen rumtrieb, während zu Hause seine schwangere Frau saß, passt allerdings zu diesen Besuchen.
    Wer weiß, vielleicht verließ T. das Internetcafe bereits vor dem Mord und konnte deshalb keine Leiche hinter dem Tresen sehen? Die Aussagen der anderen Zeugen helfen ja leider auch nicht weiter.

  4. @Patrick Gensing : Können sie nähere Angaben zu dem Kartenmaterial machen, sind alle Markierungen falsch, einige, oder stehen da mehrere Ziele zur Auswahl ? Bezieht sich das Relativieren eindeutig auf Ladenbesitzer in dem Zeitraum in dem die Auswahl getroffen wurde ?
    Kennen sie diese Angaben aus dem stern, wissen sie ob die mal relativiert wurden ? :
    “ Für den fünften Mord in Rostock, den siebten Mord in München und den achten Mord in Dortmund, können ebenfalls keine Alibis festgestellt werden…Darüber hinaus soll der Verfassungsschützer auch an exakt jenen Tagen mit seinem rechten V-Mann telefoniert haben, als in München Theodorus B. und in Nürnberg Ismail Y. ermordet wurden. “
    http://mobil.stern.de/panorama/zwickauer-neonazi-zelle-neues-von-klein-adolf-1813158.html
    “ Vier Tage nach der Tat hatte T. tatsächlich aus Wiesbaden die Order bekommen, mit der Staatsschutzabteilung der Kasseler Polizei über den Fall Yozgat zu sprechen. “
    http://www.stern.de/politik/deutschland/2-nsu-prozess-so-nah-wie-moeglich-an-der-wahrheit-2061859.html
    Einige Details werden nur ein einziges mal erwähnt, und allgemein ignoriert, da ist es nicht wirklich möglich die einzuordnen…sowas wie ein Wiki zumindest zu den Morden in Kassel, Heilbronn, dem Anschlag in der Keupstrasse, wäre nicht schlecht, wo einzelne Details einen Status erhalten.
    @? : Ich denke bei den Islamismus-Quellen wäre interessant ob die was mit der Sauerlandgruppe zu tun hatten, und bei Kiesewetters Einheit auch. Zu der geplanten VP-Anwerbung an dem Mordtag in Heilbronn hiess es einerseits es sei der Bereich Islamismus, und inoffiziell dann es sei um einen Rechtsextremen gegangen, ausserdem soll die potentielle VP aus Ulm gekommen sein, so wie die Sauerlandgruppe.
    Zu T., er soll den Chat nach dem Mord beendet haben, der Tatzeitpunkt wird durch eine Zeugenaussage eingegrenzt. T. will einmal vor dem Laden gestanden haben, da muss er aber auch den Knall gehört haben. Die Frage ist eigentlich bloss ob er den Täter nicht gesehen haben kann, ich denke das wird ziemlich knapp.

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