VS-Observationsbeamter Andreas T.: Zur falschen Zeit am falschen Ort?

Im NSU-Prozess sagt in dieser Woche erneut der ehemalige hessische Geheimdienstmitarbeiter Andreas T. aus. Auch die von ihm geführte Quelle, der Neonazi Benjamin G., wird vor dem OLG befragt. Andreas T. hatte bereits vor dem Untersuchungsausschuss viele Fragen nicht plausibel beantworten können.

Von Patrick Gensing

Im September 2012 wurde Andreas T. vom NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags befragt. Der zu diesem Zeitpunkt 45-jährige Ex-Verfassungsschützer drückte in einer Erklärung zunächst sein Mitgefühl für die Opfer und deren Angehörigen aus. Er bekräftigte seine Aussage, wonach er am 6. April 2006 einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sei, nämlich am Tatort, von dem Mord an Halit Yogzat selbst habe er nichts mitbekommen.

Screenshot aus dem Bekennervideo

Screenshot aus dem Bekennervideo

T. arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits seit vielen Jahren beim Inlandsgeheimdienst, der ehemalige Postbeamte erhielt eine spezielle Ausbildung als Observationsbeamter, was bei den Ausschussmitgliedern die Frage aufwarf, warum ausgerechnet ein derart qualifizierter Mitarbeiter nichts von einem Mord oder zumindest von den möglichen Tätern im Laden oder auf der Straße mitbekommen haben will. Schussgeräusche, Pulverdampf, Blutspritzer – irgendetwas? Doch der Geheimdienstler will nichts gehört, gerochen oder gesehen haben. T. betonte immer wieder, er stelle sich auch seit Jahren die Frage, warum dies so sei.

Zwei Gespräche am Tattag

T. war seit 2003 bei der VS-Hauptstelle Kassel und führte dort insgesamt sechs Quellen: fünf im Bereich „Ausländerextremismus“ und eine rechtsextreme.  Ausgerechnet am 6. April 2006 hatte T. nach eigenen Angaben zwei Mal Kontakt zu seiner rechtsextremen Quelle. Bislang war nur von einem Gespräch die Rede, T. führte aber aus, er habe mittags einen Anruf der Quelle erhalten und diese am Nachmittag zurückgerufen.  Die Abgeordneten wollten wissen, warum sich T. bei einer  Vernehmungen gar nicht an diesen Kontakt erinnern konnte und nun sogar über den Inhalt (die Quelle wollte angeblich Geld) berichten könne. Im März 2012 hatte T. bei der Vernehmung durch die Bundesanwaltschaft angegeben, er habe „keine Erinnerung an ein derartiges Telefonat“ –  trotz mehrfacher Vorhaltung der Ermittler. T. führte nun vor dem Ausschuss aus, er habe dies mittlerweile durch Aufzeichnungen in seinem Kalender rekonstruiert.

Auch T.s Lebenslauf spielte eine Rolle: Warum hatte er als Jugendlicher Nazi-Literatur? T. bezeichnete dies als Verirrung, er habe sich von diesem Gedankengut längst distanziert. Der Grünen-Politiker Wolfgang Wieland wollte wissen, welchen Sport T. ausübe, ob auch Baseball dabei sei, da bei dem Verfassungsschützer eine Baseballkeule gefunden wurde. Er habe nie Baseball gespielt, die Keule habe er geschenkt bekommen. Die Sachen habe er nicht bewusst aufbewahrt, sondern sie hätten sich in Kartons im Elternhaus befunden.

Treffen an der Autobahnraststätte

Warum T. sich nach dem Mord nicht bei der Polizei als Zeuge meldete, konnte er weiterhin nicht erklären, sprach von einem Fehler. Warum habe sich T. im Juni 2006 mit seiner Vorgesetzten getroffen – und zwar an einem Ort, der nicht von der Polizei abgehört werde, wie man zuvor in einem Telefongespräch besprochen hatte, wie aus Abhörprotokollen hervorging? T. schlug seiner Vorgesetzten P. eine Autobahnraststätte bei Kassel vor, man habe dort lediglich „menschliche Dinge“ besprochen. Auch bei drei Terminen beim  Verfassungsschutz in Wiesbaden nach dem Mord sei es nur um dienstliche Dinge gegangen, über eine Strategie gegenüber der Polizei sei nie die Rede gewesen.

Später wurde die ehemalige von Quelle von T. doch noch befragt, dabei führte diese aus, sie habe sich im April 2006 noch einmal mit T. getroffen, dieser sei dabei ungewöhnlich nervös gewesen. Der Rechtsextreme habe T. zu dem Mord befragt, weil er dachte, der Geheimdienstler wüsste vielleicht etwas darüber. Daraufhin habe T. zu stottern begonnen, so die Quelle weiter. Zu der Schießerei habe er nur rumgedruckst. Was sagte T. dazu, fragten die Ausschussmitglieder. Der Zeuge entgegnete, er sei zu dieser Zeit in einer schlechten Verfassung gewesen.

Quelle war bei Demo des Thüringer Heimatschutz 

Mitglieder des Thüringer Heimatschutzes am 19. August 2006 beim Rudolf Hess Marsch in Jena - angemeldet von der NPD. (Foto: Marek Peters)

Mitglieder des Thüringer Heimatschutzes am 19. August 2006 beim Rudolf Hess Marsch in Jena – angemeldet von der NPD. (Foto: Marek Peters)

T. klagte über eine „Pressekampagne“ gegen seine Person. Er erklärte, die rechtsextreme Quelle, die er geführt hatte, sei nicht sonderlich ergiebig gewesen. Dies sorgte ebenfalls für weitere Nachfragen, immerhin wurde die Vernehmung der Quelle im Jahr 2006 vom Innenministerium verhindert, da die Sicherheit Hessens in Gefahr sei. Wie passe das zusammen, wollten die Abgeordneten wissen? „Darüber entscheide ich nicht“, so T.. Hätte man die Quelle, die im Jahr 2001 bei einer Demonstration des „Thüringer Heimatschutzes“ festgenommen wurde, nicht vernehmen können, wenn er nicht bedeutend ist? „Um diese Entscheidung zu treffen, bin ich zu klein“, antwortete T.

Habe die Quelle Kontakt zu Blood & Honour gehabt? Das erinnerte T. nicht mehr, aber „eher nicht“. T. sei auch nicht aufgefallen, dass die Quelle einen Aufkleber der Kameradschaft Gera auf dem Portemonnaie gehabt habe.  Die Quelle wurde übrigens wenige Monate nach dem Mord in Kassel abgeschaltet, das sei T. aber nicht bekannt gewesen.

Die Vertreter der Nebenkläger dürften am Oberlandesgericht also noch viele Nachfragen zu T.s Angaben haben. Der ehemalige Verfassungsschützer hat 1,5 Verhandlungstage Zeiteingeräumt bekommen, um alle Zweifel zu beseitigen.

Siehe auch: Zwei Jahre NSU-Komplex: Viele Fragen noch offen, Mundlos-Vater: NSU wäre leicht zu finden gewesen,

5 thoughts on “VS-Observationsbeamter Andreas T.: Zur falschen Zeit am falschen Ort?

  1. Bisher hat man Andreas T. ein 40-Sekunden-Zeitfenster zugestanden, in der Zeit soll sich T. draussen nach Halit Yozgat umgesehen haben, währenddessen könnte der Mord verübt worden sein. Dieses Zeitfenster basierte auf T.’s Angaben er sei zu seinem eigenen Auto gegangen um Yozgat dort zu suchen, dieses habe in ca 1 Minute Entfernung gestanden. Nun sagte T. aber folgendes vor Gericht aus :
    „Er habe auf der Straße nur nach rechts und links geschaut, dann sei er wieder reingegangen.“
    http://www.nsu-watch.info/2013/10/protokoll-41-verhandlungstag-1-oktober-2013/
    Das wars denn mit dem Zeitfenster.

    Und da gibt es noch ein Detail wo es schön gewesen wäre wenn noch ein anderer Journalist da nachgehakt hätte :
    „Vier Tage nach der Tat hatte T. tatsächlich aus Wiesbaden die Order bekommen, mit der Staatsschutzabteilung der Kasseler Polizei über den Fall Yozgat zu sprechen. Das LfV war zu diesem Zeitpunkt bereits darüber informiert, dass dies die bundesweite Ceska-Mordserie war.“
    http://www.stern.de/politik/deutschland/2-nsu-prozess-so-nah-wie-moeglich-an-der-wahrheit-2061859.html

  2. Werter Herr Gensing, vorgestern war in der „Welt“ ein mir bislang unbekanntes, aber auf jeden Fall erwähnenswertes Detail zu lesen, das die mittlerweile ritualisierte und leider auch von der Bundesanwaltschaft bediente Standard-Ausflucht „Zufall“ doch eher als Beleidigung des gesunden Menschenverstandes erscheinen lässt.

    Demnach hat ein Nebenklägeranwalt (Kienzle oder so ähnlich) in akribischer vergleichender Aktenstudie herausgefunden, dass im Schutt der Brandruine in der Frühlingsstr. ein Stadtplan von Kassel gefunden wurde, auf dem (inkl. des Kasseler Internetcafes) zehn potenzielle Ziele markiert waren. Temme wiederum hat wohl während seiner Vernehmungen in den Jahren 2006 und 2007 von dienstlichen Routen gesprochen, die er regelmäßig abfuhr. Der Nebenklägeranwalt hat nun diese Routen mit den Markierungen auf dem Stadtplan aus der Frühlingsstr. verglichen. Nun rate man, was das Ergebnis war: Sage und schreibe neun der Markierungen lagen auf diesen von Temme fast täglich abgefahrenen Routen. Fünf davon übrigens auf dem unmittelbaren Weg zwischen seinem Wohnort und seiner Dienststelle.

    Nun dachte ich zwar zunächst, dass es sich hierbei wieder um eine der zahlreichen medialen „Enten“ handeln könne, die seit dem Auffliegen des NSU in unregelmäßigen Intervallen „gesichtet“ werden konnten, aber diese Geschichte wurde doch tatsächlich von der Generalbundesanwaltschaft bestätigt – und im nächsten Atemzug als Zufall abgetan.

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