Die Novemberpogrome 1938

Zwischen dem 7. und 11. November 1938 zerstörten die Nationalsozialisten in Deutschland und Österreich mehr als 1.500 Synagogen und Betstuben, rund 7.500 Geschäfte jüdischer Inhaber, tausende Wohnungen jüdischer Mieter sowie Dutzende Gemeindehäuser und Friedhofskapellen. Etwa 400 Menschen wurden direkt ermordet, 900 bis 1.100 weitere starben infolge der erlittenen Misshandlungen. Die Pogrome markieren einen Wendepunkt in der antisemitischen Politik des Dritten Reiches. Gestapo und SS übernahmen zunehmend die systematische Verfolgung der Juden, der „Krawallantisemitismus“ von Partei und SA trat immer mehr in den Hintergrund.

Von Andreas Strippel und Marco Kühnert

Es begann in Kurhessen: Am 7. November 1938 zündeten Nationalsozialisten in Kassel die Synagoge an und zerstörten die Geschäfte jüdischer Ladenbesitzer. Noch in derselben Nacht folgten in umliegenden Gemeinden und in Magdeburg-Anhalt Angriffe auf Geschäfte und Wohnungen von Juden sowie auf Synagogen. Am 8. November weiteten sich die Pogrome aus, und in der Nacht vom 9. auf den 10. November erreichte der Terror gegen die Juden in Deutschland – ab dem 10. November auch in Österreich – einen neuen Höhepunkt.

Brennende Synagoge in Siegen (9. November 1938)
Brennende Synagoge in Siegen (9. November 1938)

Als Vorwand dienten die Schüsse Herschel Grynszpans auf den Legationssekretär an der Deutschen Botschaft in Paris, Ernst Eduard vom Rath, am 7. November. Dessen Ableben am 9. November nahm die NS-Führung endgültig zum Anlass, eine Verschärfung ihrer antijüdischen Politik durch gesteuerte Pogrome einzuleiten. In den Morgenstunden des 10. November, mit dem Ausklingen der Zerstörungswellen, begannen die Verhaftungen von mindestens 27.000 jüdischen Männern im Alter von 16 bis 60 Jahren, die in die Konzentrationslager Dachau (11.000), Buchenwald (10.000) und Sachsenhausen (6.000) eingeliefert wurden.

 1938: Expansion und Verschärfung des Antisemitismus

Bereits seit der Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich – von vielen Österreichern als „Anschluss“ bejubelt – hatte sich die antisemitische Politik deutlich verschärft. Direkt in Verbindung mit dem Einmarsch deutscher Wehrmachts-, SS- und Polizeitruppen am 12. März 1938 plünderten österreichische Nazis Geschäfte und Wohnungen von Juden: der so genannte „Anschlusspogrom“, den Carl Zuckmayer 1966 als „Alptraumgemälde des Hieronymus Bosch“ erinnerte:

„Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen: die einen in Angst, die andren in Lüge, die andren in wildem, hasserfülltem Triumph. […] Ich erlebte die ersten Tage der Naziherrschaft in Berlin. Nichts davon war mit diesen Tagen in Wien zu vergleichen.“

Im gesamten Reich wurde den jüdischen Gemeinden der Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts entzogen, ihren Gebäuden stand danach kein staatlicher Schutz mehr zu. Im Juni 1938 wurde das Reichsbürgergesetz mittels einer neuen Verordnung verschärft: Geschäfte, deren Inhaber als jüdisch definiert waren, wurden fortan öffentlich gekennzeichnet. Ab Juli hatten Juden Kennkarten bei sich zu tragen. Mit der Einführung der so genannten Judenkartei im Oktober 1938 durch die Gestapo mussten jüdische Männer den Zweitnamen „Israel“ und Frauen den Zweitnamen „Sara“ annehmen; verbunden mit der Kennzeichnung des Passes durch ein rotes „J“.

1938: Erste Deportationen und „Polenaktion“

1938 wollte das deutsche Regime erstmals die Möglichkeiten kollektiver Vertreibung austesten, nachdem immer mehr Länder beschlossen hatten, keine – oftmals durch die antisemitische NS-Politik in die Verarmung getriebenen – Juden aus Deutschland mehr aufzunehmen (Konferenz von Evian/Frankreich, im Juli). Joseph Goebbels hatte bereits am 6. Januar in seinem Tagebuch notiert: „Die Juden wollen an allen Grenzen emigrieren. Aber niemand will sie hereinlassen. Wohin mit dem Dreck?“

Anfang Februar 1938 wiesen die Polizeibehörden auf Anordnung Heinrich Himmlers 500 sowjetische Juden förmlich aus. Dieser erste „Testballon“ platzte jedoch bzw. scheiterte an der Umsetzung. Es gab keine gemeinsame Grenze mit der Sowjetunion, und Polen weigerte sich, die Durchreise ohne sowjetischen Stempel im Pass zu gestatten. Im Mai 1938 wurden daraufhin diese „Nicht-Abschiebbaren“ in Konzentrationslager eingewiesen.

Zerstörtes Geschäft deutscher Juden
Zerstörtes Geschäft deutscher Juden am 10. November

Mittelfristig erfolgreicher verlief die zweite Kollektivvertreibung der 3.000 im Burgenland lebenden Juden durch die dortige Gestapo.

In beiden Fällen erwarb die Gestapo Erfahrungen über eventuelle geographische und diplomatische Hindernisse, welche sie sich für weitere Pläne, Juden aus Deutschland zu vertreiben, zu Nutze machen konnte.

Die Entwicklung wurde weiter vorangetrieben. Am 11. Mai 1938 ordnete Himmler die striktere Kontrolle des Aufenthalts rumänischer Juden an. Gleichzeitig begannen die Pläne für eine groß angelegte „Aktion“ gegen die polnischen Juden, da seit April 1938 der polnische Staat begonnen hatte, im Ausland lebende Juden in wachsender Zahl auszubürgern. Viele von ihnen lebten nun staatenlos in Deutschland. Hintergrund war der Gesetzesbeschluss des Sejm, des polnischen Parlamentes, vom 31. März 1938, welcher die Möglichkeit vorsah, mehr als fünf Jahre ununterbrochen im Ausland lebenden polnischen Staatsbürgern die Staatsangehörigkeit zu entziehen. Die meisten der von dieser Neuregelung Betroffenen waren Juden.

Mit dem Münchener Abkommen und der „friedlichen“ Annexion des Sudetenlandes am 1. Oktober 1938 kamen weitere 27.000 Juden in den nazi-deutschen Herrschaftsbereich. Von diesen wurden binnen weniger Monate etwa 90 Prozent mit Einschüchterung und nackter Gewalt, vornehmlich durch die Gestapo, zur Ausreise gezwungen, sprich: vertrieben.

Da sich das Regime nun darauf vorbereitete, bis zum Frühjahr 1939 den tschechischen Staat mit Waffengewalt zu zerschlagen, sollte binnen fünf Monaten die Mehrheit der Juden aus dem eigenen Herrschaftsgebiet vertrieben werden: das Schließen der Grenzen im anstehenden Kriegsfalle würde jeder Emigration ein Ende bereiten.

Als die polnische Regierung eine Passüberprüfung ihrer Bürger im Ausland zum 30. Oktober 1938 avisierte – eine Anordnung, die sich primär gegen die im Deutschen Reich lebenden polnischen Juden richtete -, nutzte das NS-Regime dies als Vorwand für eine weitere, diesmal groß angelegte Kollektivvertreibung: die „Polenaktion“.

Im Benehmen mit dem Auswärtigen Amt beauftragte der Chef der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, die Landesbehörden am 26. Oktober 1938, polnischen Juden Aufenthaltsverbote zuzustellen – mit Wirkung vier Tage später, zum 30. Oktober. Am 27. Oktober erging die Anordnung durch Werner Best, Heydrichs Stellvertreter beim Sicherheitsdienst der SS, diese polnischen Juden „in Abschiebungshaft zu nehmen und unverzüglich nach der polnischen Grenze in Sammeltransporten abzuschieben.“

Am 28./29. Oktober wurden daraufhin reichsweit ca. 17.000 bis 18.000 Juden polnischer Herkunft ins polnische Grenzgebiet deportiert, in die Orte Zbąszyń (Bentschen), Chojnice (Konitz) und Bytom (Beuthen) – in eine dramatische Situation ohne Obdach und Versorgung. In diese gerieten auch die Eltern von Herschel Grynszpan.

Nachdem Tausende zunächst die Grenze passiert hatten, weigerte sich die polnische Regierung strikt, alle von Deutschland ausgewiesenen Juden aufzunehmen. Die „Aktion“ musste letztlich am 30. Oktober 1938 gestoppt werden.

Das Schicksal der Deportierten hing letztlich von verschiedenen Faktoren ab:

  • Die noch im Niemandsland Ausharrenden wurden in ihre deutschen Heimatorte zurückgebracht. Die Kosten der „Aktion“ wurden ihnen auferlegt.
  • Die Menschen auf der polnischen Seite in Zbąszyń wurden interniert. Die polnische Polizei riegelte die Ortschaft ab, die Vertriebenen wurden in Baracken und Ställen einer stillgelegten Kaserne interniert. Viele mussten dort bis Sommer 1939 unter elenden Bedingungen verbleiben.
  • Wer Familie in Polen hatte und eine Einladung nachweisen konnte, wurde aus dem Internierungslager entlassen und durfte zur Familie ziehen.

Die meisten der von der „Polenaktion“ Betroffenen eint jedoch: der Tod. Die Mehrzahl der im Oktober 1938 Vertriebenen entkam letztlich der Ermordung durch Nazi-Deutschland nicht. Bei Vielen verliert sich die Spur ab 1941 in den Ghettos und den Vernichtungslagern.

Am 8. November 1938 schrieb der Völkische Beobachter völlig offen: „Die Schüsse in der deutschen Botschaft in Paris werden nicht nur den Beginn einer neuen deutschen Haltung in der Judenfrage bedeuten, sondern hoffentlich auch ein Signal für diejenigen Ausländer sein, die bisher nicht erkannten, dass zwischen der Verständigung der Völker letztlich nur der internationale Jude steht.“

Aufruf zum Pogrom

Am Abend des 9. November trafen sich führende Nationalsozialisten in München, um des Hitler-Ludendorff-Putsches vom 9. November 1923 zu gedenken. Während in der Forschung umstritten ist, ob die Pogrome in Kurhessen auf Initiative lokaler Nazis, des Gauleiters oder Goebbels‘ zurückgehen, gibt es keinen Zweifel, dass Goebbels am 9. November die anwesenden Parteigrößen aufrief, in ihren Regionen Pogrome anzuzetteln. Goebbels selbst setzte über sein Ministerium andere Behörden und Parteidienststellen in Kenntnis, die diese Befehle an die Mannschaften weiterleiteten. Darin heißt es:

„Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. […] Die Presse ist heranzuziehen. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. […] Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen.“

Juden werden nach der Progromnacht öffentlich vorgeführt
Juden werden nach der Progromnacht öffentlich vorgeführt

Gleichzeitig bereiteten SS und Polizei die anstehenden Massenverhaftungen vor. In der Nacht telegraphierte SiPo-Chef Reinhard Heydrich an die Gestapo, es seien „in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Es sind zunächst nur gesunde, männliche Juden nicht zu hohen Alters festzunehmen.“ Darüber hinaus war der SS wichtig, dass nur Eigentum von deutschen Juden zerstört würde; ausländische Juden sollten nicht angegriffen werden. Der Befehl ermahnte Polizei- und SS-Angehörige außerdem ausdrücklich, darauf zu achten, dass kein Eigentum von Volksgenossen beschädigt werde.

Reaktionen auf die Tat

Das Brennen und Morden stieß in Deutschland nicht auf ungeteilte Zustimmung. Jedoch richtete sich die Kritik vornehmlich gegen die Störung von Ruhe und Ordnung sowie die Vernichtung von Werten. Mitgefühl mit den ruinierten oder gar ermordeten Juden fand sich hingegen kaum. Auch innerhalb der NS-Führung gab es Kritik. Hermann Göring etwa beklagte die Zerstörung von „Sachwerten“. Der Ausgang der Diskussion stellte dabei eine beispielhafte Entwicklung dar. Wenn es Streitfragen in der antisemtischen Politik gab, war der „Kompromiss“ im Regelfall mit einer Radikalisierung verbunden. Die NS-Führung nahm sich des Arguments der zerstörten Sachwerte an und erlegte den Opfern der Gewalt eine „Buße“ auf.

Die Reaktionen im Ausland stellten für das Reich ein diplomatisches Desaster dar. Über hundert Protestnoten trafen ein. Am schärfsten reagierte Washington. Die USA riefen ihren Botschafter zur Berichterstattung zurück. Die Appeasement-Politik des britischen Premiers Neville Chamberlain geriet massiv in die Kritik. Dieser Wandel der öffentlichen Stimmung in Großbritannien stärkte die Bereitschaft, die deutsche Politik notfalls auch militärisch aufzuhalten.

Die Folgen

Für die jüdische Bevölkerung verschärfte sich sie Situation dramatisch. Mitte November 1938 wurden jüdische Schüler von den Schulen verwiesen. Den Juden wurde die Teilnahme am kulturellen Leben verboten; sie durften nicht mehr ins Theater, Kino, Tanzvarieté, Kabarett und dergleichen gehen.

Juden auf dem Appellplatz in Buchenwald
Verhaftet Juden auf dem Appellplatz im KZ Buchenwald

Mindestens 27.000 jüdische Männer wurden in Konzentrationslagern inhaftiert. Mehrere hundert dieser Verhafteten starben: In Buchenwald fanden über 200 Juden, in Dachau ca. 180 den Tod; die Zahl der Toten in Sachsenhausen ist unbekannt. Die jüdischen Gemeinden zahlten als „Sühneabgabe“ die absurd hohe Summe von einer Milliarde Reichsmark. Dies war auch deshalb möglich, weil bereits seit Beginn des Jahres 1938 die Vermögen von Juden erfasst wurden. Daher war es problemlos machbar, die Summe einzutreiben. Versicherungsleistungen für die zerstörten Werte wurden ebenfalls beschlagnahmt. Rentenansprüche von Juden fielen dem Reich zu. Darüber hinaus wurde die Arisierung – also die Enteignung der Vermögen der Juden in Deutschland – vorangetrieben. Wirtschaftliche Betätigung wurde immer massiver eingeschränkt: Am 3. Dezember legte die „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“ fest, dass Juden Gewerbebetriebe und Grundbesitz verkaufen mussten.

Die Pogrome waren Vorwand und Auftakt zur endgültigen Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung aus dem wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben.

Siehe auch: “Besprechung mit anschließendem Frühstück”, Freude über den Hass, Die Protokolle des Weisen von Oslo, “Eine U-Bahn von Lemberg bis nach Auschwitz”, Im Zweifel gegen Israel, Die Erinnerung bleibt, Jahrestag der Pogromnacht: Linke wollen “Antisemitismus-Falle” erklären, Erstmals Holocaust-Konferenz in Marokko, Beschneidung der Vernunft, Albert Göring – ein Leben im Schatten des Bruders,