Akademisches Karussell: Die Verstörung ertragen

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute dokumentieren wir die Ansprache, die bei der Veranstaltung der Fraktionen der Bremischen Bürgerschaft anlässlich des 75. Jahrestages der Pogromnacht am Platz vor dem Mahnmal in Bremen gehalten wurde.

Von Samuel Salzborn*

Der Anlass unserer Zusammenkunft ist verstörend. Viele Gefühle mischen sich in der Erinnerung an die Verstorbenen und Ermordeten, an die Opfer des Nationalsozialismus: Trauer und Wut, Verzweiflung und Schmerz, Angst und Einsamkeit. Was unsere Gefühle von denen unterscheidet, die wir so oder ähnlich auch aus anderen Situationen kennen, ist die Verstörung, die tiefe, leere Verstörung. Eine Verstörung, die der „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) des Nationalsozialismus ausgelöst hat durch seine kalte, leere, zugleich kitschige, brutale und barbarische Wirklichkeit der antisemitischen Vernichtung.

Einer Vernichtung, die nicht erst in den Konzentrationslagern oder im Vernichtungskrieg von Wehrmacht und SS anfing, sondern die sich bereits mit dem Aufkommen der NS-Bewegung in den 1920er Jahren und mit der von der politischen Mitte goutierten Machtübernahme Hitlers abzeichnete und mit der ersten politischen Maßnahme des NS-Regimes begann, von der man am 9. November 1938 schon lange wissen konnte, ja wissen musste, wie zeitgenössische Studien wie die von Ernst Fraenkel oder Tagebuchaufzeichnungen wie die von Victor Klemperer belegen. Ja: gewusst hat – aber im Rückblick nicht mehr gewusst zu haben ertragen kann.

Die Verstörung ist eine, die als leise Spur die Geschichte der Bundesrepublik durchzieht, vielen Debatten unterliegt, auch wenn diese vordergründig ganz andere Themen zu haben scheinen – politische, soziale, ökonomische, aber auch kulturelle. Und: die Verstörung ist allgegenwärtig; gerade dann, wenn sie am meisten geleugnet, verdrängt, verneint wird, ist sie am präsentesten.

Der Soziologie Theodor W. Adorno hat einmal gesagt, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch. Ich finde, er hat bis heute recht damit, weil das Schöngeistige, dem so manch ein Literat in diesem Land sich vorgibt, verschrieben zu haben, gerade heute immer wieder ins Barbarische umschlägt. Nicht, weil das immer so sein müsste. Nein, sondern weil gerade diejenigen, die so laut riefen, man lasse sich nicht verbieten, ein Gedicht zu schreiben, heute ihre Federn nutzen, um ein Ressentiment wieder prominent in die Öffentlichkeit zu setzen, das nie aus der Welt war: Der Antisemitismus in Deutschland hat ein erschreckendes Ausmaß angenommen – im Hier und Jetzt.

Er wird heute wieder skandiert, nicht nur vom rechten Rand, sondern aus den Feuilletons großer Tageszeitungen, den Online-Plattformen von Nachrichtenmagazinen, ja auch und besonders von ihnen: den Literaten, die mit dem schamlosen Verweis, all dies, was sie produzierten, sei doch nur Kunst, die Freiheit für sich reklamieren, die sie den Menschen mit ihren Worten nehmen. Der verbale Angriff einiger Feuilleton-Schreiber/innen und der vordersten Front des deutschen Literaturbetriebs auf Jüdinnen und Juden hat längst begonnen. Nicht nur, was schon entsetzlich genug wäre, auf Jüdinnen und Juden in Israel – der Angriff gilt allen, die sich ihrem Paradigma der Schuldabwehr verweigern, er gilt allen Jüdinnen und Juden, auch in Deutschland.

Deshalb tut unsere Gesellschaft den Opfern auch ein weiteres Mal Gewalt an. Eine Gewalt der Erinnerungsverweigerung, eine Gewalt des Vergessens. Die neuen Antisemiten ertragen die Verstörung nicht, sie ertragen nicht, dass sich für sie nichts Positives, nichts Konstruktives aus Auschwitz ergibt, sondern dass sie das Erbe der Barbarei nur verarbeiten könnten, wenn sie zunächst einmal bereit wären, es zu ertragen. Das Sinnbild des Umgangs mit der Vergangenheit sind aber diejenigen, die rufen, ihr Opa sei doch kein Nazi gewesen – und diejenigen, die noch heute als honorige Nobelpreisträger gelten, obgleich sie als Waffen-SS-Mitglieder einer der brutalsten Gruppe des antisemitischen Weltanschauungskrieges angehörten.

Der ungarische Dichter Ödön von Horváth hat, auf eine Streichholzschachtel im Pariser Exil 1938 gekritzelt, bevor er dort vom herabfallenden Ast eines Baumes erschlagen worden ist, einen Gedanken hinterlassen, der zeigt, dass der deutsche Weg zu denken, nicht der einzige Weg sein muss, zu dichten. Horváth schrieb:

„Und die Leute werden sagen
In fernen blauen Tagen
Wird es einmal recht
Was falsch ist und was echt
Was falsch ist, wird verkommen
Obwohl es heut regiert.
Was echt ist, das soll kommen –
Obwohl es heut krepiert.“

Horváth war verzweifelt, zutiefst deprimiert, von der Verstörung des Nationalsozialismus zerrissen, ohne Hoffnung – und doch mit einem Schimmer daran, es werde eines Tages einmal wieder anders sein. Anders sein müssen. Aus dem Wissen heraus, dass die Anderen nicht recht haben, dass sie die Gewalt, die brutale und barbarische Gewalt ausüben, aber dass diese nicht von Dauer sein wird, weil sie falsch ist.

Kann man diese Verstörung, die aus Horváths Zeilen spricht und die für die, die den Nationalsozialismus nicht erleben und erleiden mussten, den Schmerz und das Leid in unerträglicher, und doch so literarisch leichter Weise erspürbar macht, eigentlich überhaupt ertragen? Kann man diesen Schmerz überhaupt aushalten? Erlauben Sie mir den Einwand: diese Fragen sind falsch gestellt. Es ist nicht an uns, unsere ungleich einfachere und immer letztlich doch erträgliche Hypothek der Erinnerung denen noch mit Schuldvorwürfen zu beladen, die die Barbarei erlebt – und vielfach nicht überlebt haben.

Erst dann, wenn man den Bann des Vergangenen durch „helles Bewusstsein“ breche, wie Adorno sagte, erst dann werde es möglich, dass Vergangene im Ernst zu verarbeiten. Nur: wir tappen bis heute im Dunkel. Im tiefsten Dunkel. Die allgegenwärtige Versicherung, man habe ja aus der Vergangenheit gelernt, beteuert nur eines: eben dies nicht getan zu haben. Nicht die Nachgeborenen können in selbstherrlicher Zufriedenheit stets aufs Neue beteuern, dass sie gelernt hätten und es deshalb nun einmal gut sein müsse. Diese unerträgliche Floskel schreit danach, die jeweils eigene Täterschaft, in der eigenen Familie, im eigenen Umfeld, ja auch in der eigenen Nation endlich einmal ehrlich zu befragen und zu ertragen, was dabei heraus kommen möge.

Das infantil-trotzige „Opa war kein Nazi“ (so das titelgebende Zitat eines berühmten Buches von Harald Welzer u.a.) ist eine Lüge – und das wissen die Kinder und Enkel, die es aussprechen auch, sie ahnen es unbewusst, sie fürchten die Antwort, weil sie ahnen, sie nicht ertragen zu können, die Verstörung der Wahrheit nicht aushalten zu können. Aber nur, wenn sie es wagen, nur dann gibt es die Chance, nicht die Verstörung zu beenden, aber sie tragbar zu machen. Denn während der Waffen-SS-Dichter nicht frei ist von Schuld, sind es die Kinder und Enkel schon – aber sie müssen die nahe, die unmittelbare Verstörung ertragen, dass es ihr Vater, ihr Opa, ihre Mutter, ihre Oma nicht sind.

Jetzt werden sie vielleicht denken: Was heißt denn hier Schuld? Möglicherweise ist es ja nicht die Schuld, selbst handreiflich an Verbrechen beteiligt gewesen zu sein – aber es ist, gerade an einem 9. November, die Schuld, weggesehen zu haben, die Schuld, die offensichtlichen Lügen der Nazis geglaubt zu haben, die Schuld, die Straßenseite gewechselt zu haben, wenn einem ein Jude entgegenkam, die Schuld, nicht in jüdischen Geschäften gekauft zu haben, die Schuld, Raubgut und enteignete Waren gekauft zu haben, die Schuld, von Raub und Plünderung der deutschen Soldaten profitiert zu haben, die Schuld, den so genannten Feindsender nicht gehört zu haben, die Schuld, von Hitler fasziniert gewesen zu sein, die Schuld, geglaubt zu haben, die Juden seien der Ursprung der eigenen Unzulänglichkeiten, die Schuld, die Nazis gewählt zu haben, die Schuld, in einer der unzähligen Situationen des Alltags geschwiegen zu haben. Die Schuld, die wir an der aus Inszenierung und Mob amalgamierten Geschichte des 9. November überall sehen, auch hier in Bremen.

Wer jetzt denkt, er möge doch aufhören mit der Aufzählung, der zeigt, wie richtig sie ist und, mehr noch: dass es die viel beschworene Aufarbeitung der Vergangenheit in der Mitte der deutschen Gesellschaft bis heute nicht wirklich gegeben hat. Hätte es sie gegeben, dann wäre das Schweigen nicht so unerträglich laut, wenn einer wie Augstein, einer wie Grass oder einer Walser sich wieder einmal als Tabubrecher aufschwingt, aber doch nur schnöden Antisemitismus von sich gibt.

Der Antisemitismus, der sich heute oft in einem Umweg nicht zuerst gegen die Juden in Deutschland richtet, sondern gegen Israel, ist der schmerzenste Ausdruck der Unwilligkeit und der Unfähigkeit, die eigene Vergangenheit als eine Vergangenheit der unerträglichen Verstörung aufzuarbeiten. Wenn heute wieder, wie hier in Bremen, vor Geschäften der antisemitische Boykott gefordert wird, verlogen kaschiert als Boykott israelischer Waren, dann ist es ganz nah: das Novemberpogrom des Nationalsozialismus. Nicht, dass ich sagen wollte, die Handvoll Verrückter, die einen solchen Boykott fordert und die mit den an NS-Schilder erinnernden Plakaten vor Geschäften hier in Bremen steht, hätten eine ernst zu nehmende Macht oder gar Einfluss.

Aber entbindet das davor, diese Form der Erinnerungsbarbarei ertragen zu müssen? Erlaubt es, sich vor ihnen weg zu ducken? Eine Demokratie ist nur so stark, wie es ihr gelingt, ihre Feinde auch zu bekämpfen – der Nationalsozialismus war auch eine kleine Bewegung, zunächst eine von den etablierten Kreisen belächelte Handvoll Verrückter, ohne Macht und Einfluss. Wo die Weimarer Demokratie noch versagte, hat die Bundesrepublik Möglichkeiten, haben Sie und wir alle Möglichkeiten, den ganz offenen, alltäglichen Antisemitismus, der die Maßnahmen, die zum 9. November führten, plagiiert, zu bekämpfen. Es geht hier nicht um ein trotziges „Wehret den Anfängen!“ – denn es hat nie aufgehört. Es geht um ein: „Fangt endlich an, wirklich dagegen zu sein!“ – und zu ertragen, dass zu diesem Dagegensein auch gehört, schmerzhafte eigene Erinnerungen ertragen zu müssen.

Man muss auch die eigene Verstörung ertragen lernen, um angemessen und adäquat neue Verstörungen wahrnehmen zu können. Wer nur um sich selbst kreist, ohne das Epizentrum seines Problems sehen zu wollen, wird immer weiter kreisen. Das Problem heißt, gestern wie heute, Antisemitismus. Und man kann aus dem Gestern nichts lernen, man kann es nur zulassen und ertragen, zulassen, wie den Gang in den eigenen dunklen Keller, in den zu gehen man sich fürchtet – wie in der Psychoanalyse das Verhältnis zum Unbewussten und Verdrängten veranschaulicht wird. Ohne den Keller steht das Haus nicht – ohne die Verstörung ist auch die Gegenwart nicht zu haben, wer nicht erinnert, wer nicht trauert, wer das Leid nicht auszuhalten bereit ist, wird es immer weiter ertragen müssen. Und, was noch schlimmer ist: er wird sich zum Mitwisser des gegenwärtigen Antisemitismus machen, vor dessen historischem Schuldeingeständnis er immerzu fortläuft.

In fernen blauen Tagen, sagt Horváth, wird es einmal recht, das, was echt ist. Die Hoffnung des Verzweifelten ist die Hoffnung des Unbenannten, die abstrakte Hoffnung auf ein Ende der Barbarei. Horváth hat es nicht erlebt, dieses Ende. Er hat ihn aber benannt, den Ort des Unmöglichen, in dem nur klar ist, was er nicht ist. Er ist ein Ort ohne Verstörung. Aber ohne Demut, ohne Schuldeingeständnis, ohne den Schmerz der Erinnerung wird er nicht zu haben sein, bleibt er negativ – aber zumindest ohne Konkretisierung auch gerade jenen verschlossen, die sich des echten Schmerzes verweigern.

Ein Gedenken wie das heutige wird oft verbunden mit positiven Appellen. Es kann ein Anfang sein, dies zu unterlassen – und bei der Verstörung zu verweilen, im Gedenken an die Menschen, die nicht die Verstörung, sondern die Barbarei erleiden mussten, an ihr zugrunde gegangen sind. Einmal kein: „Ja, aber“.

Samuel Salzborn

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen und Autor des Buches „Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne“ (Campus 2010).

Alle Beiträge aus der Kolumne „Das akademische Karussel

8 thoughts on “Akademisches Karussell: Die Verstörung ertragen

  1. Ich teile Adornos Auffassung zu Gedichten nicht, und Kritik am Staate Israel ist auch nicht automatisch Antisemitismus. Nichtsdestotrotz stehen in dieser Rede viele wichtige und gute Punkte drin.

  2. Das Israelkritik automatisch Antisemitismus bedeutet, steht im Artikel gar nicht.
    Wahr ist aber, dass „moderne“ Antisemiten ihre Gesinnung hinter Israelkritik verbergen, deshalb ist es gefährlich und unbedacht jedesmal inś „selbe Horn zu stossen“ ….

  3. Das Problem mit moderner Israelkritik ist mMn, ihr meist verkürzter Charakter. „Kauft keine israelischen Waren, weil die betreiben Landraub“, bitte gerne wenn im gleichen Atemzug auch „hört auf saudisches Öl zu Tanken, pakistanische Klamotten zu kaufen, brasilianisches Rindfleich zu essen und chinesische Iphones zu glorifizieren“ gebrüllt wird. Man kann nun unterstellen, dass die absolut notwendige Kritik an der israelischen eskalations Politik daher rührt, dass durch die politische Nähe zum Westen ein intervenieren Erfolgsversprechender ist als Beispielsweise bei China, muss sich dann aber auch die Frage nach der Rolle der „eigenen“ Regierung und den Bedingungen und verschiedenartigen Interessen in der Region stellen, was die simplifizierte Feindbildpolemik aber recht schnell diskreditiert.
    Also kritik schön und gut aber Dämonisierung bzw. Glorifizierung wie das doch all zu oft betrieben wird, wird der Sache einfach nicht gerecht (egal übrigens auf welche Seite man sich da schwingt)

  4. „Die allgegenwärtige Versicherung, man habe ja aus der Vergangenheit gelernt, beteuert nur eines: eben dies nicht getan zu haben.“

    sehr schön zusammengefasst!

  5. Als Generation der Täternachkommen und zugleich Nachkriegsprofiteure bleiben wir auch gegenüber Israel als erzwungenem Zufluchtsstaat zu Verantwortung und Demut verpflichtet; eine gerechtfertigte Kritik muß den Nicht-Verstrickten (Nationen) vorbehalten bleiben und ist von hier aus überhaupt nicht überzeugend zu erbringen; uns bleibt das Bewußtmachen und Anerkennen des hier und europaweit geschehenen
    NS-Unrechts und das Bessern dessen Folgen als Beitrag für zu erhoffenden Frieden, hier wie dort.

  6. Eine aktuelle, traurige Meldung (über haGalil):
    „Letzte Nacht, vom 9. auf 10. November 2013 zerstörten unbekannte Täter die Glastüren am Eingang zur Synagoge der Jüdischen Gemeinde Pinneberg. Die Zerstörung (die Glastüren wurden mit einem spitzen Gegenstand eingeschlagen) entdeckte ein Gemeindemitglied, das abends und morgens einen Kontrollgang um die Synagoge macht. Der Staatsschutz ermittelt…“

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