Akademisches Karussell: Völkische Neuordnungspolitik

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um den wichtigsten Vordenker der völkischen Bewegungen in Europa.

Von Samuel Salzborn*

Es gibt Bücher, die kann man lesen, solche, die sollte man gelesen haben und wieder andere, die zu lesen nicht schadet. Das von Ulrich Prehn über Max Hildebert Boehm gehört zu den Büchern, die man gelesen haben muss.

Ulrich Prehn über Max Hildebert Boehm: Radikales Ordnungsdenken vom Ersten Weltkrieg bis in die Bundesrepublik
Ulrich Prehn über Max Hildebert Boehm: Radikales Ordnungsdenken vom Ersten Weltkrieg bis in die Bundesrepublik

Prehn, Zeithistoriker an der Humboldt-Universität zu Berlin, schildert in seinem Band minutiös und mit einer brillanten Quellenkenntnis des Leben und Schaffen von Boehm – und beschreibt dabei, fast so, als ließe sich das nebenbei bewerkstelligen, auch noch die Geschichte der wesentlichen Organisationen, in denen Boehm wirkte.

Grundlage für rechtsextremes Denken

Jetzt werden Sie vielleicht denken: Wer war eigentlich Max Hildebert Boehm? Im Unterschied zu manch anderem Volkstums- und Ordnungsdenker der Zwischenkriegszeit ist ihm ungleich weniger Prominenz in der Öffentlichkeit zuteil geworden – bis hinein in die Rechtsextremismusforschung, die Boehm geradezu fahrlässig als einen der wesentlichen Stichwortgeber nicht nur für die intellektuelle Rechte, sondern für die Grundlage rechtsextremen Denkens überhaupt, immer wieder übersieht.

Denn ohne Boehms theoretische Konzeption wäre die Formulierung eines völkischen Menschen- und Gesellschaftsbildes faktisch undenkbar gewesen, Boehm ist der intellektuelle Dreh- und Angelpunkt aller völkischen Bewegungen, auch und gerade dann, wenn er nicht direkt rezipiert wird, ist sein Denkansatz vom „eigenständigen Volk“ omnipräsent.

Worum geht es genau? Eine Rückblende in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und den Kampf der nationalen Bewegungen gegen die Pariser Vorortverträge, im Deutschen Reich gegen den Versailler Vertrag, der in der deutschnationalen Bewegung einhellig abgelehnt wurde: Neben anderen Ansätzen, etwa dem explizit imperialistischen und expansionistischen Konzept der Alldeutschen, begann sich im intellektuelleren Teil dieser Bewegung eine völkische Strömung herauszubilden, die sich gegen die liberal-demokratischen Bestimmungen der Minderheitenschutzverträge wandte und eine explizit völkische Gegenkonzeption entwickeln wollte. Kern dieses Ansinnens war die Annahme vom „eigenständigen Volk”, wie Boehm es formuliert hat.

Abgrenzung des „Volkes“

Boehm versuchte systematisch „das Volk” von allen anderen politischen und sozialen Kategorien abzugrenzen. Zentral war ihm die Abgrenzung des „Volkes” von den Kategorien Staat/Nation und somit eine Lösung vom zivilisatorischen (westlichen) Nationsbegriff, der auch die Basis für die Minderheitenschutzverträge darstellte. So sollte vor allem die „Eigenständigkeit” des deutschen Volkes bestimmt und ihm zu einer Vormachtstellung in Europa verholfen werden.

Ausgangspunkt für dieses „‚europäisch‘ gewendete deutsche Sendungsbewußtsein” war, wie Prehn herausgearbeitet hat, der fortwährende Bezug auf die Aspekte des Volkstumskampfes und der Heimatpflege in den deutschen Grenzgebieten als „Parallelmotiv zu seiner massiven Kritik an der angeblichen ‚Verwestlichung‘ Mittel- und Osteuropas”, für die „insbesondere Frankreich, England und die Wilsonsche Völkerbund- und Minderheitenpolitik verantwortlich” zu machen seien. Boehms ethnopolitischen und volkstheoretischen Arbeiten lieferten, so Prehn, „‚magische Formeln‘ zur Stiftung einer deutschen Kollektividentität, die, wie das emotional besonders aufgeladene Projekt der zu verwirklichenden Volksgemeinschaft, darauf angelegt waren, die internationale Ordnung der Nationen und ‚Volksgruppen‘ in Europa nach Beendigung des Ersten Weltkriegs aufzusprengen.”

Auf der Theorie der Volkseigenständigkeit aufbauend, die zwar das deutsche Volk in den Mittelpunkt rückte, anderen „Völkern” ihre Eigenständigkeit jedoch keinesfalls absprach, gelangte man zur Theorie der „umstrittenen Grenzstriche”, wie Boehm es formulierte, zum „Europa Irredenta” – was sich wie die intellektuelle Vorwegnahme der neurechten Idee eines „Ethnopluralismus“ liest. Im Kampf gegen den Völkerbund und für den „Sturz der französischen Kontinentalherrschaft” sollte die „Loslösung der Volkstümer aus jahrhundertelanger staatlicher Umklammerung” durch Abbau der westlichen, d. h. demokratisch-republikanisch orientierten „Staatsallmacht” zum Anwachsen des „völkischen Freiheitsbereichs” führen, so Boehm.

Das Volk als Subjekt

Die politische Perspektive verlagerte sich mit der völkischen Politik in der Weimarer Republik hin zum (völkischen) Subjekt Volk und weg vom (bürgerlich-demokratischen) Subjekt Nation. In der Begriffsanwendung begann parallel zum Ersetzen des Wortes Nation im Allgemeinen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch durch „Volk” auch die Ergänzung des Begriffs der Nationalitäten durch den der Volksgruppen, was eine, so Martin Broszat, „innere Abwendung” vom „westlichen, durch die Französische Revolution geprägten demokratisch-liberalen Begriff ‚Nation‘” bekundete. Der Begriff Volksgruppe wurde zu Beginn der 1920er Jahre von den Kritikern des Minderheitenbegriffes „neugeschaffen“ (Boehm) und damit überhaupt erst als wirkungsmächtiger und inhaltsvoller Begriff in den Sprachkontext gesellschaftlich eingeführt.

Prehn skizziert nun den Lebensweg Boehms, beginnend bei seiner familiären, schulischen und akademischen Sozialisation, seine Politisierung im Ersten Weltkrieg und seinen Kampf gegen Weimar sowie sein Engagement für den Nationalsozialismus und zeigt dabei vor allem seine Wirkmächtigkeit im Bereich der völkischen Bewegungen der Zwischen- und der Nachkriegszeit, also von den irredentistischen Minderheiten, die gegen die demokratische Reorganisation des Kontinents kämpften, bis hin zu den Vertriebenenorganisationen, die mit Blick auf die völkischen Bewegungen das Pendant nach dem Zweiten Weltkrieg darstellten.

Auch wenn die unmittelbare Intention von Boehm nicht primär in dieses Spektrum zielte, kann man Versatzstücke seines Denkens, das ja um die Begründung eines völkischen Grundkonzepts kreiste, bis heute in weite Teile des Rechtsextremismus nachverfolgen, nicht nur im Bereich der so genannten Neuen Rechten.

Ulrich Prehn: Max Hildebert Boehm. Radikales Ordnungsdenken vom Ersten Weltkrieg bis in die Bundesrepublik, Wallstein Verlag: Göttingen 2013, 576 Seiten.

Samuel Salzborn

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen und Autor des Buches „Demokratie. Theorien — Formen — Entwicklungen“ (Nomos/UTB 2012).

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