Verbote in „Freiräumen“: Das Falsche im Falschen

Ist Publikative.org unreflektiert antifeministisch? Wird hier gar nicht mehr recherchiert? Wollen die „Internet-Hools“ nur gegen das AJZ Bielefeld schießen? Nein. Ich bin vielmehr der Meinung, identitäre Konzepte und restriktive Maßnahmen bringen keine „Freiräume“.

Von Patrick Gensing

Wie emanzipatorisch und fortschrittlich ist es, das Ausziehen von T-Shirts auf Punk-Konzerten zu verbieten? Die Mädchenmannschaft meint, es sei „hin und wieder“ solidarisch, „das T-Shirt einfach mal anzulassen“. Denn das Ausziehen des Shirts sei in dieser Gesellschaft „Typen“ vorbehalten, die mit Privilegien ausgestattet seien: „Eines davon ist, sich nach Lust und Laune und so gut wie immer und überall weitestgehend entkleiden zu können.“ Das Bild des von Lust und Laune gesteuerten Typen, der immer und überall blank zieht, wird hier gezeichnet.

Die Autorin der Mädchenmannschaft folgert daraus: „Auf Privilegien zu verzichten, solange sie nicht allen zuteil werden, ist ein solidarischer – und in diesem Falle antisexistischer – Akt.“ Die Überschrift passt damit allerdings nicht mehr zum Inhalt des Artikels, denn dieser Argumentation zufolge müssten Männer beispielsweise auch im Freibad einen Badeanzug tragen – und sollten auch sonst überall ihre Nippel verhüllen, da dies „weiblich kategorisierten Personen“ gesetzlich vorgeschrieben sei. Fortschrittlich und solidarisch soll es also sein, wenn Benachteiligungen für alle gelten.

Wo ist eigentlich die Arbeiterjugend?

Dass dieses Politikkonzept – wenig überraschend – ziemlich unattraktiv ist, haben die vergangenen 25 Jahre gezeigt: Eine weit verzweigte, heterogene linke Bewegung ist bis zur Nichtwahrnehmung zusammengeschrumpft, ihre Reste sind damit beschäftigt, verbliebene „Freiräume“ zu verwalten bzw. im Szenesprech: zu verteidigen. Freiräume, die sich Arbeiterjugendzentren nennen, von denen die Arbeiterjugend aber wenig wissen will – und auch viele Linken aus der Mittelschicht tauchen dort nur bei Konzerten auf. Selbstverständlich gibt es für diesen Niedergang viele Gründe – einer ist meiner Ansicht nach aber auch die Tendenz, immer neue Verhaltensregeln aufzustellen.

Die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit wird gerne mit der angeblichen Richtigkeit der eigenen Konzepte verwechselt, da das Desinteresse der großen Öffentlichkeit als hilflose Ignoranz interpretiert wird, die nur zeige, wie korrekt die eigenen Analysen seien. Ein typisches Merkmal für abgeschlossene Subkulturen und Politzirkel; Marxisten führen beispielsweise gerne an, der Gegenüber habe Marx nicht richtig verstanden; dass man schlicht anderer Meinung ist oder andere Prioritäten setzt, erscheint ausgeschlossen.

Gesellschaft als Zumutung

Dies sei auch eine „Folge postmoderner Zersplitterung“, wie Robert Pfaller in der Jungle World treffend feststellte, bei der „fast alle nur noch mit Gleichgesinnten und Gleichorientierten verkehren möchten“. Eine allgemeine Sprache zur Verständigung fehle. Übrig bleiben „lauter nestwarme »Communities«“. Statt Gesellschaft gestalten zu wollen, geht es nur noch darum, das Individuum vor ihr zu schützen.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Denn so berechtigt die Forderung nach einer angemessenen politischen und beruflichen Repräsentation aller gesellschaftlicher Gruppen auch ist, so schwierig gestaltet sich bisweilen eine politische Praxis, die sämtliche Diskriminierungen per Dekret aufheben will. Was bei der Frauenquote in Chefetagen sinnvoll ist, muss woanders nicht automatisch funktionieren. Regeln können keine Politik ersetzen – und das Hausrecht kennt nur Ja oder Nein. Gesellschaft ist aber weit komplexer.

Wer spricht von wo? Und was eigentlich?

Kritik an solchen Konzepten – wie im Fall des AJZ – wird auch deswegen so schwierig, weil die Pflichten und das Handeln des Individuums sowie dessen Privilegien in den Mittelpunkt gerückt werden – dadurch mutieren sachliche Debatten schnell zu einem Schlagabtausch auf persönlicher Ebene. Es geht vor allem darum, wer von wo spricht. Was wer spricht, ist hingegen fast nebensächlich geworden.

Und so bekommen auch Feine Sahne Fischfilet bei der Mädchenmannschaft noch ihr Fett weg. „Die Band hat zwar inzwischen auf Facebook ein Statement veröffentlicht, in der sie der Darstellungsweise des Indymediaartikels widerspricht – von Selbstkritik ist aber auch dort leider keine Spur zu erkennen.“

Auf unseren Konzerten haben wir kein Bock auf erbärmliches Rumgeprolle. Wer nen Harten schieben will und zuviel Testoteron inne hat, kann unserentwegen gerne mal nach Anklam fahren und dort die Muskeln spielen lassen. Das würden wir dann sogar hart abfeiern. Alles Andere empfinden wir nur als peinlich! (FSF auf FB)

Die Darstellungen auf Indymedia- und bei den Ruhrbaronen waren zuvor bereits auf Publikative.org korrigiert worden, was allerdings in den erbitterten Debatten und dem zugegeben sehr polemischen Tonfall meines Artikels unterging. Wie auch immer: FSF personifizieren offenbar die im Mädchenmannschaft-Artikel grob skizzierten „Typen“: weiß, privilegiert – und durch das Ausziehen des T-Shirts sexistisch. Dass sie sich klar positionieren, spielt keine Rolle.

Ich kann mit solchen identitären Politikkonzepten, die einer „alle sollen nichts haben“-Logik folgen, nichts anfangen. Und deswegen finde ich Regelungen, wonach Drummer ihr T-Shirt bei Konzerten nicht ausziehen dürfen, weiterhin vor allem: grotesk.

Siehe auch: Linguistik-Professor lockerer als Bielefelder Autonome?

32 thoughts on “Verbote in „Freiräumen“: Das Falsche im Falschen

  1. Also ganz ehrlich, wenn das sogenannte linke „Freiräume“ sind, bin ich doch ganz froh zur sexistisch/rassistischen Horror-Nazi-Mehrheitsgesellschaft zu gehören.

    Da lasse ich mir in der Disse oder in der Bar lieber nen paar dumme Sprüche an den Kopf werfen, bevor ich auch noch in meiner Freizeit von der Regulierungswut hysterischer Neurotiker belästigt werde.

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